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Leselupe.de > Humor und Satire
Nadelstiche
Eingestellt am 30. 11. 2006 18:40


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Raniero
Textablader
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Nadelstiche

Seit zwanzig Minuten lag Renate Haunstein, eine attraktive Frau Mitte zwanzig an einem schönen Herbstnachmittag ausgestreckt auf dem Rücken, nur mit Slip und BH bekleidet, auf der Couch eines Arztes.
Genau vierzig Nadeln in einer Länge von 2,5 cm steckten in ihrer Haut, gleichmäßig verteilt auf beide Körperhälften.
‚Ob es was bringt’, dachte sie ‚diese Behandlung?’
Renate hatte dieser ‚Teufelsaustreibung’, wie sie diese spezielle Art der Behandlung, die auch unter dem Namen Akupunktur bekannt war, nach längerem Zögern und nicht ohne eine gewisse Portion Skepsis zugestimmt.
Seit längerer Zeit schon quälten sie starke Schmerzen in den Gliedern, und sie war daraufhin von Facharzt zu Spezialist gelaufen, hatte verschiedene Therapien begonnen, doch keine davon hatte eine Linderung der Schmerzen herbeiführen
können.
„Versuchs doch mal mit Akupunktur“, war daher der Rat einer wohlmeinenden Freundin, „diese Behandlung ist mittlerweile auch in der Schulmedizin nicht mehr so sehr umstritten; gut, man ist noch nicht in der Lage, sie rein wissenschaftlich zu begründen, doch auf empirischem Wege lässt sie sich durchaus belegen.“
Wohl oder ĂĽbel hatte Renate schlieĂźlich diesen Rat angenommen und den von der Freundin empfohlenen Mediziner, deren eigenen Hausarzt, wie sich herausstellte, aufgesucht, zwecks erster Probebehandlung.
Dieser Arzt, ein Mann Ende Siebzig, der trotz seines fortgeschrittenen Alters noch praktizierte, hatte Verständnis für die Skepsis, welche ihm die neue Patientin entgegenbrachte.
„Nun gut, junge Frau, diese Methode wird, obgleich sie sich in anderen Ländern und vor allem in China seit Jahrhunderten bewährt hat, hierzulande immer noch nicht entsprechend gewürdigt, von gewissen Kreisen der Schulmedizin, doch die Wissenschaft befasst sich weltweit schon seit länger Zeit damit, und auch hierzulande hat man in vielen Fällen unbestreitbar Erfolge erzielt. Nur, wissen Sie“, lächelte er hintergründig, alles, was sich nicht auf den Punkt hieb- und stichfest beweisen lässt, dem bringt man gewisse Zweifel entgegen. Doch glauben Sie mir, ich selbst habe schon sehr viele Patienten behandelt, mit Akupunktur, und mir sind bis heute noch keine Reklamationen untergekommen, salopp gesagt.“
‚Keine Reklamationen’, sagte sich die Patientin, ‚der ist gut, was meint er denn damit? Na gut, Hauptsache, die Methode bringt was, mir ist es egal, wie meine Schmerzen verschwinden.’
Der Arzt erklärte ihr, dass er vorerst fünf einzelne Behandlungen ansetzen wolle, von jeweils einer halben Stunde Zeitdauer, an fünf aufeinander folgenden Tagen.
„Wäre Ihnen das recht?“
„Wenn dadurch die Schmerzen weggehen, ist mir alles recht.“
„Das wollen wir doch hoffen!“
Behutsam setzte er die Nadeln, eine nach der anderen.
„So, nun werden wir mal abwarten. In einer halben Stunde komme ich wieder und nehme die Nadeln heraus. Entspannen Sie sich!“
Das versuchte die Patientin, trotz der vielen Stacheln im Fleisch, und es gelang ihr sogar, sich in eine Art Tagtraum zu versetzen.

Exakt nach einer Stunde kehrte der Arzt zurĂĽck.
„Wie geht’ Ihnen? Gut geschlafen? Dann wollen wir mal!“
„Vergessen Sie bloß keine Nadel, Herr Doktor. Haben Sie sie alle gezählt?“
„Das will ich wohl meinen, das wäre ja noch schöner“, lächelte der Arz“.
Doch als er sich der daran machte, die Patientin aus ihrer stacheligen Lage zu erlösen, erlebte er eine böse Überraschung.
Gleich als er versuchte, die erste Nadel vorsichtig zu entfernen, schrie die Patientin auf vor Schmerzen.
„Was machen Sie da, Herr Doktor?“
„Beruhigen Sie sich doch. Ist es so schmerzhaft?“
„Ja, Herr Doktor, es ist grausam, um Gottes Willen!“
Dem Arzt und auch der herbeigerufenen Helferin gelang es nicht, auch nur eine einzige Nadel aus dem Körper der jungen Frau zu lösen. Sobald sie es auch nur versuchten, zuerst mit den Fingern, danach mit einer kleinen Pinzette, brüllte die Patientin los.
„Was ist denn das?“ schüttelte der Akupunkteur den Kopf, „das ist mir ja noch nie passiert. Was machen wir da bloß?“
In der Tat war der Arzt mit seinem Latein am Ende.
Guter Rat war teuer.
Die Patientin begann, zu weinen.
„Herr Doktor, so tun Sie doch etwas, nehmen Sie doch endlich die Nadeln raus!“
„Das würde ich gerne, liebend gerne“, kratzte sich der Arzt am Kopf, „aber es geht nicht, so leid es mir tut. Ich weiß auch keinen Rat mehr. Das Beste wird sein, wir bringen Sie in ein Krankenhaus. Vielleicht kann man die Nadeln operativ entfernen.“
„Operativ! Jede einzelne Nadel? Sie scherzen, Herr Doktor. Außerdem gehe ich nicht ins Krankenhaus, dafür habe ich gar keine Zeit.“
„Warum denn das nicht, gute Frau?“
„Ich habe heute Abend einen Auftritt!“
„Wie bitte? Was haben Sie?“
„Einen Auftritt, auf der Bühne. Ich bin Tänzerin, Balletttänzerin, prima Ballerina, wenn Sie es genau wissen wollen. Für mich gibt’s heute Abend keinen Ersatz, ohne mich muss die Vorstellung ausfallen.“
„Auch das noch!“

Nun war guter Rat nicht nur teuer, sondern fast nicht mehr zu bezahlen.
Am Abend des selben Tages sollte sich der Vorhang des städtischen Theaters erheben, für ein Ballett, bei dem schöne Körper in grazilen Bewegungen zu sehen sein würden, während die Prima Ballerina, gespickt wie ein Rehrücken, auf der Couch eines Arztes lag, der nicht in der Lage war, ihr die Nadeln aus dem Körper zu entfernen, und hemmungslos weinte.
Verzweiflung erfasste nun auch den Akupunkteur.
Solle er es tatsächlich sein, der Schuld daran trug, dass der Ballettabend nicht stattfinden konnte.
Morgen wĂĽsste es die ganze Stadt; welch eine Blamage.
Ratlos blickte er in sein Handbuch für Akupunktur und blätterte darin herum.
Plötzlich nahmen seine Augen einen merkwürdigen Glanz an.
„Herr Doktor, tun Sie etwas!“ flehte die Tänzerin.
Der Arzt legte das Buch beiseite.
„Es gäbe da vielleicht noch eine andere Möglichkeit als das Krankenhaus“, begann er vorsichtig.
„Welche, Herr Doktor“, klammerte sich die Patientin an den Strohhalm.
„In was für einem Kostüm treten Sie heute Abend auf?“
„Ja, eigentlich“, bekam die Ballerina einen roten Kopf, „in keinem besonderen Kostüm, sondern, so, wie ich hier vor Ihnen liege. Aber nicht, was Sie jetzt denken.
Es handelt sich vielmehr um eine künstlerische Neudeutung eines alten Themas.“
„Sie treten so auf, wie Sie jetzt bekleidet sind?“ fasste der Arzt nach.
„Ja, das sage ich doch, warum wollen Sie das denn wissen?“
„Na, ja, ich meine ja nur…“
„Das ganze Ballett tritt übrigens genauso auf, im gleichen Outfit. Die Damen genauso gekleidet wie ich, und die Herren mit Slip und Hemd“.
„Ja, dann hätte ich wohl eine Lösung.“
„Glauben Sie wirklich?“

Als sich am gleichen Abend der Vorhang auftat, befand sich zusätzlich zu den übrigen Akteuren des Balletts eine weitere Person auf der Bühne; kein anderer als der Arzt der Prima Ballerina, im weißen Kittel, mit einer Pinzette bewaffnet.
Unter Anleitung der Chefchoreographin hatte er eine Art Schnellkurs als einfacher Tänzer absolviert und stand nun unmittelbar neben der Ballerina.
Dieser sah man aus der Entfernung vom Parkett und von den Rängen nicht die vierzig Nadeln an, die in ihrem Körper steckten; man wunderte sich wohl ein wenig über den hübschen Regieeinfall mit dem Mann im weißen Kittel auf der Bühne.

Der Tanzreigen begann, und ein jedes Mal, wenn es sich ergab, dass der Arzt sich seiner Patientin auf Tuchfühlung näherte, gelang es ihm, unbemerkt vom Publikum, eine von den vielen Nadeln vollkommen schmerzfrei aus ihrer Haut zu entfernen.
Das Publikum, das mit einem solchen Ballett absolut nicht gerechnet hatte, bog sich vor Lachen auf den Sitzen und forderte vehement mehrere Zugaben.
Als sich die Vorstellung dem Ende zuneigte, hatte der Arzt es geschafft; die Ballerina war endlich nadelfrei.

Da der Abend einen derartig rauschenden Erfolg verzeichnete, wurden seitens der Choreographie ernsthaft in Erwägung gezogen, mit dieser Nummer auf Tournee zu gehen
Die Prima Ballerina aber hatte eine eindeutige Erklärung dafür, aus welchem Grund sich die Nadeln zuerst nicht lösen ließen; sie betrachtete dies als Strafe für ihre ursprüngliche Skepsis gegenüber der traditionsreichen Akupunktur.
Wie man sieht, kann der Glaube nicht nur Berge versetzen, sondern auch unliebsame Nadeln entfernen.

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