Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92233
Momentan online:
387 Gäste und 20 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nächtliche Überraschung
Eingestellt am 27. 03. 2012 23:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
HajoBe
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2012

Werke: 77
Kommentare: 197
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um HajoBe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Grauer Februarabend. Nieselregen. Lichtreflexe spiegelnd in ölschlierigen Pfützen. Leere Straßenbahnen poltern quietschend vorüber. Von einer Laterne baumelt wie gekapptes Segel der Rest einer zerfetzten Fasnachtsfahne, erzeugt schlabbernde Flattergeräusche. Bin - meine Hände tief in die Taschen meines Annorak vergraben - auf dem Weg zum Bahnhof. War keine besonderer Tag, müsste noch eine Überraschung bereit halten...

Bemerke sie aus einer Seitenstraße kommend. Highheels. Ihr Gang staksig auf dem buckeligen Pflaster, die schlanken Beine unsicher ballancierend. Der Rock kurz, der Kragen der Lederjacke lässig hochgeschlagen. Zigarettenrauch mischt sich mit herbem Parfümgeruch.
Beschleunige meine Schritte, folge ihr mit Abstand.
In ihrer rechten Hand eine beutelförmige Tasche, den Arm leicht abgespreizt, Gleichgewicht suchend. Wie alt mag sie sein? Müsste sie von vorne sehen...das Gesicht. Die Haare mittellang, blond. Ihr Gang erotisierend. In meiner Fantasie beginne ich sie auszuziehen. Die Pobacken tanzen aufreizend im Rhythmus ihrer Schritte. Ob sie einen mädchenhaften Busen hat oder silikongestylt? Sicher ist sie rasiert.....

Das geht mich doch garnichts an, verdammt noch mal....!
<Jetzt nimm dich mal zusammen!> rufe ich mich zur Ordnung.

Sie hat ihre Schritte verlangsamt, bleibt schließlich vor einer Auslage stehen, tritt die Zigarettenkippe aus. Soll ich sie überholen? Ein Schaufenster erregt meine Aufmerksamkeit, nimmt mir die Entscheidung ab.
Flüchtiger Blick zu ihr. Sie schaut kurz zurück, an mir vorbei wie mir scheint. Setzt ihren Weg fort.
Soll ich mich ihr weiter anschließen? Weit und breit kein Mensch auf der nächtlichen Gasse. Sie könnte denken, ich verfolge sie. Und wenn sie rascher läuft, um den Abstand zu vergrößern? Vielleicht fürchtet sie sich, fühlt sich bedrängt?
Aber: Ich will doch garnichts von ihr....

Es beginnt heftiger zu regnen. Drücke mich eng an den Hauswänden entlang. Tropfen von Dachüberständen pladdern in meinen Kragenausschnitt.
Sie scheint der Regen nicht zu stören. Zum Bahnhof ist es nicht mehr weit. In ihrer linken Hand trägt sie einen Schlüsselbund, schwenkt ihn...auffordernd...? Will sie mir etwas mitteilen? Versteckte Einladung? Sie ansprechen? Habe mal gehört, dass das mit den Schlüsseln ein Wink "bestimmter Damen" sei...

Es geht auf 23 Uhr zu. Mein Zug fährt in 10 Minuten. Bis in den Hauptbahnhof noch ein Fußgängerüberweg. Die Ampel rot. Stehen jetzt nebeneinander. Sie schaut geradeaus, schwenkt den Schlüsselbund. Von mir nimmt sie keine Notiz. Die Ampel schaltet auf grün. Sie eilt zügig über die Straße. Ich folge mit Abstand. Im Bahnhof steuert sie auf das Nachtcafe zu, lässt sich in einen Sessel fallen, schlägt die Beine übereinander, der Rocksaum verführerisch nach oben gerutscht. Muss mich entscheiden:
Die Tische neben ihr frei. Könnte mich setzen...oder doch ungeschickt fragen ob an ihrem Tisch noch Platz ist? Nein, zu plump...jedoch weiter zögern, ihr meine Unentschlossenheit zeigen? Muss etwas tun.....

"Möchten Sie sich zu mir setzen?" klingt es mir entgegen.
"Sind Nachtbummler?" fügt sie hinzu und lächelt mich einladend an.
Ich spüre Unsicherheit, sie bemerkt meine Verlegenheit.
"Verreisen Sie noch?" fragt sie mich.
Soll ich ihr gestehen, dass mein Zug in wenigen Minuten abfährt? Gerade jetzt?
"Ist noch Zeit...." erwidere ich ausweichend.
"Könnte einen späteren Zug nehmen...." füge ich daher
hinzu.
Der lustlos wirkende Ober fragt mit gespielter Höflichkeit nach unseren Wünschen.
"Für mich ein kleines Pils, bitte!"
"Und die Dame...?"
Sie blättert unentschlossen in der abgegriffenen Getränkekarte...
"Ich komme nochmal wieder...." meint der Kellner schließlich und verschwindet.
"Ach, ich nehme auch ein Pils..." wendet sie sich mir zu.
Der mürrische Ober erscheint mit meinem Bier.
"Das Gleiche für die Dame, bitte!"
"Bitte sehr....!" es klingt als wolle er bemerken: <Das hätten Sie mir auch gleich sagen können.>

"Rauchen darf man ja auf Bahnhöfen nicht mehr...."
Bedauern klingt aus ihrer Stimme. Schweigt. Holt einen Lippenstift und einen Spiegel aus dem Beutel. Streicht über die Lippen.
<Macht man das in Anwesenheit eines Herrn? Ist sie vielleicht doch eine von "diesen Damen"?>
Bemühe mich sie nicht abschätzend zu betrachten und so meine voyeuristische Fantasie erneut zu nähren.
Sie prostet mir zu.
Ich erwidere mit einem Nicken.
"Warten Sie auch auf die Abfahrt Ihres Zuges?"
"Ich fahre nicht mehr weg..." meint sie.
Ein wenig ratlos frage ich:
"Dann warten Sie auf Jemand...?"
Ihr unmerkliches Kopfnicken lässt vermuten sie wolle das Gespräch beenden. Hätte nicht so viel fragen sollen.
Sie wechselt den Beinüberschlag, zupft ein wenig an ihrem Rock. Meinen Blick muss sie bemerkt haben. Wenn sie mir etwas Bestimmtes zu verstehen geben will, wird sie sich aufreizender verhalten. Unsere Fußspitzen sind nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Sie könnte mich anstoßen. Wie auffordernd strecke ich meinen Fuß vor. Sie berührt mich kurz....
"Entschuldigung!" murmelt sie, wechselt ihre Beinstellung.
Mein Fantasiegebäude stürzt zusammen.

Sie fährt nicht weg, erwartet offenbar niemanden, scheint auch keine "bestimmten Absichten" Männern gegenüber zu verfolgen...Ich bin verunsichert, auch hinsichtlich der Fortsetzung unserer Unterhaltung.

"Ich komme fast jeden Abend hierher..." greift sie das Gespräch wieder auf.
Ich denke: <Also doch eine von denen....>, verwerfe den Gedanken sogleich wieder als sie erklärt:
"Ich warte auf meinen Freund. Er kommt nicht jeden Abend, ist selten pünktlich..."
Also doch ein Freund...meine Verdächtigungen zerstreut...obwohl?
<Eine so hübsche Frau hat selbstverständlich einen Freund....> erkläre ich mir. Vielleicht hat er Spätschicht, arbeitet bei der Bahn und sie holt ihn ab. Oder passt er auf sie auf...kontrolliert sie...kassiert ab...und sie ist doch...?
Ich nippe an meinem Bier. Muss langsam trinken.Sie ist es, die wartet, nicht ich. Werde mich ihrem Glas anpassen.
Sie lächelt mir zu, hat ihre Brille abgenommen. Ihre Augen dunkel und warm, umsäumt von Wimperntusche und Lidschatten.
Scheint jünger als ich.
"Wann geht denn nun Ihr Zug?...wendet sie sich an mich.
"Der letzte ist weg und der nächste...? Geh` mal auf den Fahrplan schauen..."
Eigentlich interessiert mich nur sie. Aber da ich das dringende Bedürfnis verspüre eine Toilette aufzusuchen, wäre es eine Ausrede um mich zu entfernen. Doch wenn sie weg ist bei meiner Rückkehr?
"Bin sofort wieder da...!" Versteckte Bitte auf mich zu warten. Wenn sie jetzt nichts sagt - wie zum Beispiel: "Tschüss" oder "Gute Fahrt, falls wir uns nicht mehr sehen...." - dann bleibt sie.

Da beginnt sich eine Beziehung zu entwickeln?
Sie gründet auf Beobachtungen und Fantasie.
Die Frau wirkt anziehend, ihre angenehm tiefe Stimme und weibliche Ausstrahlung sprechen mich an. Habe den Wunsch sie näher kennen zu lernen. Meine Fantasie spiegelt mir Bilder vor, für die ich mich allerdings schäme. Sie gedanklich zu entblößen? Nein! Bin kein Macho. Dass sie eine von "diesen Damen" ist, rede ich mir aus.

Bei meiner Rückkehr liest sie in einer Illustrierten, schaut nur flüchtig auf:
"Haben Sie Ihren Zug gefunden?"
"Ja"...lüge ich.
"Wie lange hat das Cafe offen?" frage ich sie. Sie verbringt immerhin fast jeden Abend hier.
"Die ganze Nacht".
Ob ich mir auch eine Zeitung nehmen soll? Sie scheint zu keiner Unterhaltung aufgelegt.
"Ich glaube er kommt..." Sie legt die Zeitschrift zur Seite.
Jetzt wird sich entscheiden um welche Art von Person bzw. Freund es sich handelt. Ich versuche meine gespannte Erwartung zu verbergen, schaue mich beiläufig um.
Außer dem gelangweilten Ober ist niemand zu sehen. In mir Enttäuschung. Sehe mich als Verlierer gleich wer kommt.
Sie wird sich verabschieden, eine "Gute Fahrt" wünschen und mit ihm verschwinden. Habe noch nicht einmal ihre Hand in der meinen gespürt....

"Na, da bist du ja endlich....!" Ihre Stimme klingt freudig aufmunternd.
In einiger Entfernung ein schwarz-weiß gefleckter Hund - Marke Promenadenmischung -, wedelt mit viel zu kurzem Schwanz. Ein Ohr steht, das andere schlapp. Sprichwörtlich treuer Hundeblick.
"Das also ist Ihr Freund ?" quetsche ich verdattert heraus. Versuche Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Alles bisher Gedachte und Vermutete hinfällig.
"Ja, das ist Nelly. Ich weiß nicht ob er so heißt. Nenne ihn so. Ist mir letztlich durch die halbe Stadt nachgelaufen ...bis zum Bahnhof. Musste wegfahren und er blieb zurück. Seither wartet er jeden Abend hier auf mich. Ist das nicht rührend?"...und streicht über sein struppiges Fell.

Sie erscheint mir wie gewandelt. Fantasien, Gelüste, Zweifel, Verdächtigungen...alles verflogen. Eine junge Frau mir gegenüber, die eines streunenden halb verhungerten Hundes wegen bei strömendem Regen und Kälte nachts zum Bahnhof läuft, um das Tier zu treffen, zu streicheln, ihm ein wenig Zuwendung zu zeigen. In meine Gefühle für sie mischt sich Hochachtung.
"Das ist bewundernswert"...fällt mir - etwas hilflos - als Einziges ein.
Nelly hat sich zu uns gesellt, liegt unter dem Tisch und nagt an einem "Knochen" aus Büffelleder.
"Ach, wissen Sie, armes Tier... Würde es mitnehmen, aber wie Sie sich vorstellen können: die Vermieter usw."
Ich nicke verständnisvoll. Fühle mich befreit, der Druck fällt von mir ab. Alles scheint geklärt.
"Ich heiße übrigens Walter...!"
"Und ich Olga...!"

Es ist nach Mitternacht, mein letzter Zug weg.
Werde mir ein Taxi nehmen.
"Darf ich Sie ein Stück mitnehmen in die Stadt?" Ist für mich zwar ein Umweg, aber....
"Danke, gerne...!"
"Sehen wir uns wieder?" wage ich zu ergänzen.
"Warum nicht? Sie wissen ja wo Sie mich finden."
"Nun, ich meine auch einmal ohne Hund..."
"Ja, auch ohne Hund. Ich gebe Ihnen meine Nummer."

Dieses Mal werden mir keine Zweifel mehr kommen, sie vertraut mir ihre Telefonnummer an...!
Nelly trottet zufrieden davon. Wir gehen zum Taxistand.
Ein paar Straßen weiter steigt sie aus. Flüchtiges Links-Rechts-Küsschen.
Lehne mich im Taxi zurück. Werde sie anrufen. Gemeinsam essen gehen, vielleicht Kino....?
Ach ja, die Visitenkarte... Im spärlichen Licht der Straßenbeleuchtung lese ich:
"Die schöne Olga - verführt Dich gerne. Ruf mich an! Tel.: o76....."
Ein bitterer Geschmack steigt in mir auf als ich der Karte nachschaue, die der Nachtwind davonträgt in die ölschlierigen Pfützen.....






















Version vom 27. 03. 2012 23:19
Version vom 29. 03. 2012 11:03
Version vom 29. 03. 2012 11:22
Version vom 29. 03. 2012 13:52

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!