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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nächtliches Intermezzo
Eingestellt am 14. 08. 2003 09:34


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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

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Nächtliches Intermezzo

Letzte Nacht haben wir wieder unser Lieblingsspiel gespielt. Meine Frau und ich, auf unseren Liegestühlen. Der Blick himmelwärts, und wer die meisten Satelliten bzw. Sternschnuppen als Erster sichtet, hat gewonnen.
Von unserem Hof aus können wir auf einige Fenster des gegenüberliegenden Mehrfamilienhauses sehen. Jetzt, in dieser Hitzezeit, öffnen die Menschen nachts die Fenster, und die schwarzen Löcher werden für uns Unbeteiligte, zu Augen und Ohren. Die Menschen hinter den schwarzen Löchern, schlafen schlecht oder gar nicht, und man wird zum Spion, zum Voyeur, dem Mitwissenden ihrer Existenz.
Oben links wohnt das nette junge Pärchen. Wir hatten immer den Eindruck, dass die Beiden gut zusammenpassen. Vor etwa einem Monat zog sie aus. Wir kamen gerade vom Einkaufen. Die junge Frau stand an ihrem alten, schäbigen Polo und stopfte ihre Habseligkeiten hinein. Ihr Blick, eine Mischung aus Trauer, Wut, Entschlossenheit. Vor einer Woche kam sie zurück. Wir waren irgendwie froh, immer noch im Eindruck schwelgend, dass die Zwei ein gutes Paar sind (Ist es nicht erstaunlich, welche Eindrücke man aus bloßen Augenscheinlichkeiten gewinnt).
Letzte Nacht nun, hörten wir sie weinen. Ein wortloses Weinen, voller Trauer und obwohl kein Wort das Weinen unterbrach, erzählte ihr Schluchzen eine Geschichte. Es erzählte von Einsamkeit, vom Wissen um der Liebe Tod und der Gewissheit, das Nichts-absolut Nichts diese Liebe wieder zum Leben erwecken kann. Nachts, hier auf dem Land, in dieser absoluten Stille, klingen Töne anders, tiefer-intensiver-lebendiger. Wir lagen da, und hörten die Geschichte des Abschieds, und selbst der Vollmond schien einen Augenblick innezuhalten, zu traurig war dieser eigentümliche Gesang.
Daneben, die zwei Fenster des alten Ehepaares. So um die siebzig, die Beiden. Immer lächelnd, immer gut drauf. Jenseits von Gut und Böse erleben sie ihre Rente. Nicht mehr so das Liebespaar, nein, eher gute Freunde im Alter, wissend, dass es für alles seine Zeit gibt.
Dachte ich! Gestern Nacht hörten wir sie zärtlich stöhnen, und ich wurde mir wieder einmal bewusst, dass mein Denken voller Vorurteile ist. Andererseits lächelte ich in die Nacht hinein, hoffnungsfroh, auch meines ewig frühlinghaften Wesens gewiss.
Oben rechts die Fenster des Stummen. Ein merkwürdiger Kerl um die vierzig. Ihn zu grüßen bedeutet höchstens ein Grummeln zur Antwort zu bekommen, ein Lächeln ist ihm unbekannt. Verhärtet sind seine Gesichtszüge, gezeichnet vom Leben. Niemand weiß etwas von ihm, Geselligkeit scheint ihm ein Fremdwort. Wir, seine Nachbarn, haben es mittlerweile aufgegeben, Kontakt mit ihm zu suchen. Jeden Abend sehen wir in seinem Fenster, dass Flimmern des Fernsehers. Morgens verlässt er das Haus, abends kehrt er heim, und sieht in die Ferne.
Letzte Nacht drang die Stille förmlich aus seinem Fenster. Fast körperlich floss die Einsamkeit aus dem Rahmen. Und nun, da seine Einsamkeit Platz zum Fliehen hatte, löste sich etwas in seinem Schlaf und er begann zu Schlafreden.
„Ich habe es nicht gewollt. Das Kind stand plötzlich auf der Straße. Auch ohne Alkohol hätte ich nicht ausweichen können. Lasst mich los, lass mich los. Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, lasst mich doch los ihr Geister.“
Heute werden wir die Menschen der Nacht mit anderen Augen sehen. Tiefer……Näher wird es uns Ihnen nicht bringen. Die Fenster werden wieder geschlossen sein, Augen und Ohren verschlossen.

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Haselblatt
Festzeitungsschreiber
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Gleichgültigkeit oder Betroffenheit?

Hallo Otto,

eine anscheinend mehrfach hohe Bewertung, aber bis jetzt keine einzige kommentierende Stimme? Das finde ich seltsam. Signalisiert das jetzt Gleichgültigkeit oder eher Betroffenheit?
Ich für meine Person spüre Betroffenheit, wenn auch nicht in dem Maße, dass ich dabei aus den Socken fahre. Was mich ein wenig stört, ist, dass du zwischendurch die Farbe fast eine Spur zu dick aufgeträgst, besonders ganz am Schluss. Insgesamt liest sich das Werk aber weich und geschmeidig, daher kommt eine der höheren Bewertungen von mir.

Ich versuche mich noch im Sinne konstruktiver Kritik:
Die Sprache könnte - für mein Empfinden - eine Nuance glatter sein. Ich finde, dass die Botschaft beim Leser noch besser ankäme, wenn die Wortwahl "trockener" wäre. z.B.:
"...Ihr Blick, eine Mischung aus Trauer, Wut, Entschlossenheit, gewürzt mit einer Träne Hilflosigkeit, die bei einem solchen Abschied immer mitfließt..."
Tränen als Gewürz? Da schwingt mir zu viel Pathos mit. -
Ich würde die würzigen Tränen weglassen: "...ihr Blick verriet hilflose Trauer, Wut und Entschlossenheit..."

Oder:
"...Andererseits lächelte ich in die Nacht hinein, hoffnungsfroh, auch meines ewig frühlinghaften Wesens gewiss..."
Die assoziative Nähe zwischen dem Sex eines alten Ehepaares und dem ewigen Frühling ist für meinen Geschmack wie der Verschnitt eines Tabu-Themas mit romantischem Schwärmen, was anno 1840 etwa folgenden Klang hatte: "...vom Jenseits, wo die Seele schwelgt, verklärt in ewigen Wonnen..." (Heinrich Heine)
Die Frage ist, ob dieselbe Romantik für 2003 im sprachlichen Ausdruck noch Gültigkeit besitzt.
__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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Traveller
???
Registriert: Jun 2003

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Voyeur

Ich war mit Yoyeur und finde Dein Hören und Sehen gut. Wer so hinhört und hinsieht begegnet dem Leben sehr offen und direkt.

Bei Otto Lenk, denk ich an den Bildhauer, den Bürgerschreck vom Bodensee ??
__________________
Einen wunderschönen Tag wünscht

Traveller Peter

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Otto Lenk
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Hallo Haselblatt,
ich danke dir sehr für deine konstruktive Kritik......Habe die zu dick aufgetragenen Tränen herausgenommen. Musste über deinen Heine-Romantik Einwurf lächeln. In diesem speziellen Fall muß diese Sprache Gültigkeit haben. Zumindest für mich.....Nochmals lieben Dank für deine Mühe!

Hallo Traveller,
ich freue mich sehr über deine Worte, habe allerdings keine Ahnung, wer der Bürgerschreck vom Bodensee ist. Ich bin lediglich der Bürgerschreck von Delkenheim....

Liebe Grüße Otto

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Traveller
???
Registriert: Jun 2003

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Peter statt Otto !!!

Delkenheim bei Wiesbaden ??

Oh pardon, ich verwechselte die Vornamen!
Also Peter Lenk macht die tollsten Objekte und Brunnen in der Bodenseeregion und in anderen Städten.

So hat er am Landungsplatz einen skurrilen Brunnen geschaffen, auf dem oben der Schriftsteller Martin Walser als "Reiter über den Bodensee" verewigt wurde. Der Kopf einer nackten Nymphe zeigt eine Stadträtin, die gegen die Aufstellung dieses Brunnes gekämpft hatte. Grins

Siehe Hier klicken

__________________
Einen wunderschönen Tag wünscht

Traveller Peter

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Otto Lenk
Routinierter Autor
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Hallo Traveller,
ja, Delkenheim bei Wiesbaden... Nabel des kulturellen Abendlandes. Dein Hinweis auf Peter Lenk ist überaus interessant. Ein bemerkenswerter Künstler.....Danke Otto

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