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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nagelschere
Eingestellt am 30. 03. 2001 10:09


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Fasziniert beobachtete ich wie meine Mutter die Spitze der Nagelschere langsam in die zarte Haut ihres linken Handgelenks stach.
Es hatte vorher einen kurzen, harten Streit gegeben, als meine Mutter meiner Urgro├čmutter erkl├Ąrte, ich d├╝rfe ihr jetzt zusehen, wie sie sich die Pulsadern aufschneidet.
Ich war f├╝nf und ich wusste, dass meine Mutter sich ab und zu an den Pulsadern herumschnitt. Bisher kannte ich nur die Verb├Ąnde und Narben, darum f├╝hlte ich mich auch sehr erwachsen und wichtig, dabei zusehen zu d├╝rfen.
Meine Urgro├čmutter hatte sich allerdings schrecklich aufgeregt und wollte es verbieten. Sie standen sich beide in der Diele gegen├╝ber, ich stand ungeduldig zwischen ihnen w├Ąhrend sie sich anschrieen. Eigentlich gehorchte ich meiner Urgro├čmutter, aber die Aussicht auf so etwas Spannendes wollte ich mir auch nicht entgehen lassen. Ich h├Ârte dem Streit nicht genau zu, das Stakkato der S├Ątze wiederholte sich, ich versuchte es nicht in meinen Kopf dringen zu lassen. ÔÇ×Du verdirbst das KindÔÇť, h├Ârte ich die tiefe Stimme meiner Urgro├čmutter. ÔÇ×Sie kann es ruhig mal sehenÔÇť schrie meine Mutter, ihre weiche Stimme wurde zum Diskant. Mir tuschelte sie verschw├Ârerisch zu ÔÇ×wenn Du jetzt nicht mitkommst, zeige ich dir das nie wiederÔÇť. Ich zupfte am schwarzen Rock meiner Urgro├čmutter und bettelte unterw├╝rfig ÔÇ×Ach, bitte, nur das eine malÔÇť. Als sie zu mir herunter sah, hatte sie ein wutrotes Gesicht und sch├╝ttelte verst├Ąndnislos den Kopf. Ich wusste, dass sie sich fast mehr ├╝ber meine dem├╝tige Bettelei ├Ąrgerte, als ├╝ber meine Mutter. Dabei hatte mich ihre, vor Zorn zitternde Hand die ganze Zeit an der Schulter festgehalten. Inzwischen hatte meine Mutter mich an der Hand gefasst und zog mich sanft in Richtung ihres Zimmers. Die Hand l├Âste sich von meiner Schulter, und ich lie├č mich von meiner Mutter ziehen. Bevor wir die Zimmert├╝r schlossen, hatte mich meine Urgro├čmutter noch einmal zu sich gerufen. Ich wollte nicht zu ihr gehen, weil ich bef├╝rchtete, sie w├╝rde mich dann nicht mehr weglassen. Aber sie versprach mir, nur noch was mitteilen zu wollen. Schnell lief ich hin, sie beugte sich zu mir und fl├╝sterte ÔÇ×sag deiner Mutter, dass du es langweilig findestÔÇť. Rasch versprach ich das und rannte ins Zimmer meiner Mutter. Sie hatte an der T├╝r gewartet, lie├č mich herein und schloss zweimal ab.
Sie hatte sich feierlich an den Teetisch mit den japanischen Kacheln gesetzt und mir gesagt ich solle gegen├╝ber stehen bleiben.
Nachdem sie erst versucht hatte ihren engen Pullover├Ąrmel hochzuschieben, hatte sie sich doch entschlossen den Pullover auszuziehen. Jetzt sa├č sie in BH und Rock vor mir und nahm and├Ąchtig die Nagelschere in die rechte Hand. Ich hatte diese Schere noch nie gemocht, mit diesem Instrument wurden mir immer die N├Ągel geschnitten, so kurz, dass es manchmal weh tat. Es war wohl auch eher eine Hautschere, vorne sehr spitz, ganz anders als die kr├Ąftige Nagelschere meiner Urgro├čmutter, mit denen sie sich immer ihre unglaublich dicken Fu├čn├Ągel abschnitt.
Meine Mutter legte den linken Unterarm auf die Kacheln mit den Kimonodamen, die Hand zu einer lockeren Faust geschlossen. Weil der Tisch so niedrig war musste sie sich weit vorbeugen. Damit ich besser sehen konnte, hatte sie diese niedrige B├╝hne f├╝r ihre Darbietung gew├Ąhlt.
Die Schere war ge├Âffnet, meine Mutter musste kr├Ąftig dr├╝cken um durch ihre junge Haut zu dringen. Ich sah wie die linke Hand zuckte, als wolle sie vor diesen immer wiederkehrenden Qu├Ąlereien fliehen. Schnell bedeckte Blut das Narbenarmband an ihrem Handgelenk. Die Narben liefen quer, manche lagen ├╝ber alten Wei├čverblichenen, frisch und dunkelrosa. Da meine Mutter anschlie├čend immer ins Krankenhaus ging, um sich ihre Schnitte n├Ąhen zu lassen, gab es auch die kleinen Abzeichen der N├Ąhte, die wie Stacheldraht ihre Handgelenke verzierten.
Nachdem die Spitze der Schere eingedrungen war, versuchte sie die Bl├Ątter zu schlie├čen. Aber das war nicht so einfach zu vollbringen, das Fleisch widersetzte sich z├Ąh und sie musste immer wieder nachstochern.
Ich hatte noch nie Probleme Blut zu sehen, eine meiner fr├╝hesten Erinnerungen ist, wie ich in der K├╝che auf dem Topf sitze und mit den Innereinen eines Huhns spiele.
Mich hatte immer interessiert wie die Dinge von innen aussehen. Das galt f├╝r den Wecker, das Radio genauso wie f├╝r meinen Wellensittich, den ich nach seinem Tod auch aufgeschnitten hatte, ebenso die Fische, wenn sie tot im Aquarium schwammen, den hellen Bauch schutzlos nach oben,
W├Ąhrend meine Mutter weiter schnitt, trat ich einen kleinen Schritt von der Tischkante zur├╝ck, an die ich mich gelehnt hatte, um nichts zu verpassen. Jetzt wo das Blut heftiger zu flie├čen begann und sich die Fugen zwischen den Kacheln als Flusslauf den Weg in meine Richtung suchten, bekam ich Sorge um mein sch├Ânes Hemd.
Ich hatte gestern ein wei├čes Russenhemd bekommen. Meine Urgro├čmutter n├Ąhte sie mir selbst, aus feinem Leinen, mit bunt bestickten Bord├╝ren.
Ich beobachtete den sich ausbreitenden See, mir gefiel dieses intensive, dichte und gl├Ąnzende Rot. Da meine Mutter ihren Kopf tief ├╝ber ihr Werk gesenkt hatte und ich mich nicht beobachtet f├╝hlte, steckte ich schlechten Gewissens den Zeigefinger in das Blut. Ihr Blick traf mich in dem Augenblick, als ich an meinem Finger roch. Der Geruch war entt├Ąuschend, es roch v├Âllig anders, als die Farbe auf mich wirkte, schwach und matt.
Da meine Mutter malte, wenn sie eine ihrer wenigen Alkoholfreien Zeiten hatte, liebte ich den kr├Ąftigen Geruch von ├ľlfarbe und Terpentin. Schnell versteckte ich meine H├Ąnde hinter meinem R├╝cken, den blutigen Finger abgespreizt, und konzentrierte mich wieder auf ihre Wunde.
Sie hatte inzwischen weiter gearbeitet, obwohl es schwer war etwas in dem blutigen Fleisch zu erkennen, merkte ich doch, da├č es Probleme bei den Sehnen gab. Die lie├čen sich von einer Nagelschere weder durchtrennen, noch schien meine Mutter tiefer in die Wunde eindringen zu k├Ânnen. Ich hatte etwas spektakul├Ąreres erwartet, zumindest spritzendes Blut und vielleicht ihren Tod, aber ich f├╝hlte, das verbissenen Stochern w├╝rde einfach nur eine Weile weitergehen. Ich kannte das aus meiner eigenen Erfahrung, wenn ich versuchte eine T├╝te eingeschwei├čter N├╝sse zu ├Âffnen und erfolglos an der festen Packung riss, oder versuchte eine zu fest zugedrehte Flasche zu ├Âffnen. Entweder konnte ich etwas schnell ├Âffnen, oder ich musste einen Erwachsenen um Hilfe bitten. Meine Mutter konnte niemanden um Hilfe bitten.
Also konnte ich jetzt getrost das Versprechen einl├Âsen, was ich meiner Urgro├čmutter gegeben hatte. Ich trat wie ein Schauspieler, einige Schritte zur├╝ck um aus der Mitte des Raumes feierlich zu verk├╝nden ÔÇ×Ich finde das langweiligÔÇť. Dann ging ich erhobenen Hauptes zur T├╝r, schloss sie auf und verlie├č meine Mutter. Ihr ÔÇ×Geh jetzt nicht, bitte!ÔÇť ├╝berh├Ârte ich hochm├╝tig. F├╝r eine F├╝nfj├Ąhrige war das sicher ein starker Abgang, aber das theatralische wurde bei uns zu Hause sehr gepflegt. Ich war zufrieden, was ich sehen wollte hatte ich gesehen und meiner Urgro├čmutter trotzdem die Treue gehalten. Schnell lief ich zu ihr um ihr alles zu berichten, nat├╝rlich mit Betonung auf das Ende. Ich wurde verlege, als sie meinen roten Finger bemerkte. Aber sie schlo├č nur daraus, da├č meine verr├╝ckte Mutter mich gezwungen hat ihr Blut anzufassen. Ich wusste, diese eine Verr├╝cktheit mehr, w├╝rde nichts am Urteil meiner Urgro├čmutter ├Ąndern. Sie hatte sich innerlich damit abgefunden meine Mutter immer weiter entgleisen zu sehen. Sie hatte nur noch Sorge um mich, was w├╝rde aus mir wenn sie st├╝rbe? Manchmal weinte sie um meine Mutter, gab sich die Schuld an ihrem Untergang. Meine Mutter war schwach, verf├╝hrerisch und verf├╝hrbar ÔÇô meiner Urgro├čmutter waren diese Eigenschaften sehr fremd. Vor allem Schw├Ąche verachtete sie, musste sie doch in ihrem Leben immer stark sein und Verantwortung ├╝bernehmen. Sie hatte ohne fremde Hilfe zwei Generationen durch eine Revolution und zwei Weltkriege gef├╝hrt. Ich lie├č mir immer wieder die Geschichten der Vertreibungen erz├Ąhlen, von den ├╝bervollen Z├╝gen, den M├Ąnnern die auf den Wagond├Ąchern und Puffern fuhren, von den gef├Ąhrlichen russischen Waisenkinderbanden, die schlie├člich alle zusammengetrieben und erschossen wurden, von der Not, der Gefahr und den Lagern. Es waren f├╝r mich schaurige M├Ąrchen. Meine Mutter war in solchen Lagern aufgewachsen. Dort hatte sie, als junges M├Ądchen, ihre Wirkung auf M├Ąnner erprobt und ausn├╝tzen gelernt. Wenn meine Mutter mir ├╝ber die Fl├╝chtlingslager erz├Ąhlte, schienen sie ein wildes Fest gewesen zu sein. Mir waren die m├Ąrchenhaften Schilderungen von Not, Leid und unerwarteter Rettung lieber.


Meine Mutter hatte mir ihre Wunde gezeigt um mein Mitleid erwecken. Sie wollte dass ich ihre Todessucht sehe und sich an mein Kindeleben klammern, aber ich wollte diese blutige Umarmung nicht.
Ich hatte mich schon mindestens ein halbes Jahr vorher gegen sie entschieden.
Meine Mutter war ein St├╝ck Treibholz, bisweilen fr├Âhlich wie ein Kind auf den Wellen tanzend ÔÇô aber in den langen Zeiten der Ebbe morsch und ohne Substanz.
Nie konnte ich einsch├Ątzen wodurch diese Umschw├╝nge kamen, ich wusste nur sie trank dann sehr viel. Ihr Versprechen damit aufzuh├Âren hatte sie schon zu oft gebrochen, f├╝r mich war sie nur noch ein uneinsch├Ątzbares, drohendes Unheil.
Zu diesem Zeitpunkt h├Ątte vor meinen Augen sterben k├Ânnen, ich h├Ątte nicht versucht sie zu retten ÔÇô sie hatte nie verstanden wie konsequent Kinder sein k├Ânnen.
Meine gr├Â├čte Angst war mit ihr alleine weiterzuleben zu m├╝ssen, so betete ich jeden Abend, dass meine Urgrossmutter noch sehr lange leben m├Âge.

F├╝r mich war meine Mutter an einem sch├Ânen Sommernachmittag gestorben, ich bin kaum vier Jahre alt gewesen.
Dieser Tag fing so sch├Ân an, ich fuhr mit meiner Mutter auf meinem Kinderroller durch die Stadt, sie stand hinter mir und stie├č sich viel st├Ąrker ab, als ich es konnte ÔÇô ich liebte das Tempo. Wir rasten zwischen den Fu├čg├Ąngern dahin und ich war gl├╝cklich und stolz.
Wir waren, wie so oft, zum Leihhaus unterwegs. Sie wollte ihre Armbanduhr und
eine alte Kette mit orthodoxem Kreuz versetzten. Es war ein langer, wunderbarer Weg, an der Isar entlang, sp├Ąter auf breiten B├╝rgersteigen Richtung Bahnhof. Wenn wir das Geld erhielten, w├╝rde ich aus einem Automaten eine Packung Peez bekommen, vielleicht auch noch ein paar Pfennigkaugummis aus der B├Ąckerei.
Meine Mutter bekam das Geld, und wir rollten weiter durch das Bahnhofsviertel, leider gab es hier keine S├╝├čigkeitenautomaten. Hier wurde nur an die Bed├╝rfnisse von Erwachsenen gedacht, Zigaretten, Nylonstr├╝mpfe, der einzige Kaugummiautomat war aufgebrochen und leer. Etwas entt├Ąuscht war ich schon, aber diese Ausfl├╝ge mit meiner Mutter waren so sch├Ân. Sie war wie ein Kind, ├╝berm├╝tig und unvern├╝nftig, meine Freundin. Meine H├Ąnde innen am Lenker, von ihren lenkenden Armen umfangen, f├╝hlte ich sie dicht an meinem R├╝cken. Ich f├╝hlte mich geborgen.
Neugierig sah ich die auff├Ąllig herausgeputzten Frauen vor den dunklen, kleinen Lokalen an. Ich versuchte auch immer in das geheimnisvolle Innere zusehen, aber entweder war es drinnen so finster, da├č ich nichts erkennen konnte, oder Vorh├Ąnge aus rotem Samt oder bunten Perlen versperrten mir die Sicht. Meine Mutter hielt vor einem unscheinbaren Eingang. Ich brauchte nicht mal abzusteigen, sie schob mich mitsamt Roller in einen rauchigen, kleinen Raum. Hier gab es nur niedrige Tische mit dicken Sitzkissen davor auf denen fremd aussehende M├Ąnner sa├čen.
Afrikaner kannte ich, sie waren oft bei uns zu Besuch. Diese hier waren sahen anders aus, manche trugen bunte M├╝tzchen, viele waren ├Ąlter und hatten graue B├Ąrte, aber einige j├╝ngere M├Ąnner waren auch dazwischen. Sie hatten eine dunkle, sonnengebr├Ąunte Haut. Die Gesichter der alten M├Ąnner waren mit kleinen Runzeln und Falten ├╝bers├Ąht, nicht tief aber so dicht wie bei meinen Schildkr├Âten.
Die meisten sa├čen entspannt auf den Lederkissen und tranken aus kleinen Gl├Ąsern Tee und spielten Karten. Nur einer der jungen M├Ąnner hatte ein Bierglas vor sich. Alle wurden still als wir den Raum betraten. Meine Mutter gr├╝├čte unbefangen, lehnte den Roller neben die Toilettent├╝r und setzte sich neben den Mann mit dem Bier.
Mir war es unangenehm, dass keine andere Frau im Raum, ich hatte das Gef├╝hl, da├č wir st├Ârten. Es blieb eine ganze Weile ruhig und wir wurden von Allen unverhohlen angestarrt. Die Stimmung l├Âste sich etwas, als meine Mutter mit fr├Âhlichem Lachen auf das Bier deutete und fragte ob sie einen Schluck haben k├Ânnte. Der junge Mann bestellte ihr ein Bier und mir ein merkw├╝rdiges Getr├Ąnk. Es sprudelte nicht wie Limo und war schrecklich s├╝├č. Da ich aber Durst hatte, bedankte ich mich mit einem Knicks und trank es.
Die M├Ąnner die an anderen Tischen gesessen hatten r├╝ckten langsam n├Ąher an meine Mutter heran. Ich blieb ganz dicht neben ihr stehen, obwohl ich f├╝hlte, da├č ich ihnen im Weg stand. Meine Mutter trank so schnell sie konnte die vielen Biergl├Ąser leer, die immer wieder vor ihr standen, nicht weil sie es eilig hatte zu gehen, sie trank nur nicht gerne abgestandenes Bier.
Mir war langweilig und beklommen zugleich. Ich konnte den unbekannten Geruch der M├Ąnner riechen, einer versuchte mich unauff├Ąllig zur Seite zu schieben, aber ich hielt mich an meiner Mutter fest. Von meiner Seite besch├╝tzte ich sie so gut ich konnte, allerdings schien sie keinen gro├čen Wert darauf zu legen. Der junge Mann hatte bereits den Arm um ihre Schulter gelegt und als sie ├╝ber eine Bemerkung von ihm lachte, lie├č sie sich in seinen Arm ziehen. Bis auf einen alten Mann der stumm zusah und verst├Ąndnislos l├Ąchelte, sprachen sie alle ein schwer verst├Ąndliches Deutsch mit meiner Mutter. Wenn sie miteinander sprachen und anschlie├čend grinsend auf meine Mutter sahen, sprachen sie in einer fremden Sprache, aber ich f├╝hlte da├č ein Unheil immer enger zusammenzog. Diese M├Ąnner waren zu einem Gesch├Âpf verschmolzen, das meine Mutter verschlingen wollte.
Meine Mutter war inzwischen zu betrunken um die Gefahr zu merken. Immer wieder hatte ich an ihrem hochgerutschten Rock gezupft, sie leicht angesto├čen und gebettelt, da├č wir gehen sollten. Sie beachtete mich kaum und sagte nur immer wieder, sie wolle auch gleich gehen, nur noch f├╝nf Minuten soll ich ruhig sein und mich gedulden.
Ich hatte keine Vorstellung davon was passieren, k├Ânnte, aber etwas Schreckliches kam immer n├Ąher, das f├╝hlte ich. Eingezw├Ąngt zwischen den M├Ąnnern und dem Tischchen, machte ich den einzigen Befreiungsschlag den ich konnte. In meiner Hilflosigkeit und Angst fing an laut zu weinen. Ich hoffte das mich die Erwachsenen beachten w├╝rden. Als ich merkte, dass der erstickende Ring um uns sich lockerte, fing ich an laut zu br├╝llen. Die Wirkung war f├╝r mich erstaunlich, einer der M├Ąnner rannte zur T├╝r um nach draussen zu sehen, andere versuchten mich mit S├╝├čigkeiten zu beruhigen. Aber ich zerrte heulend an meiner Mutter, bis die M├Ąnner ihre protestierende und schwankende Gestalt samt mir und Roller auf den sonnigen B├╝rgersteig geschoben hatten.
Der R├╝ckweg war traurig, nachdem wir einmal umgekippt waren, gab meine Mutter schnell den Versuch auf, mit dem Roller zu fahren. Sie konnte kaum einen Schritt machen, ohne sich an einer Hauswand abzust├╝tzen. Jetzt musste ich selber treten, sie wankte schimpfend neben mir her, jeden Spa├č w├╝rde ich ihr verderben.
Ich wurde schnell m├╝de und wollte nicht mehr weiter. Es dauerte lange, bis meine Mutter ein Taxi fand, was bereit war eine Betrunkene mit Kind und Roller mitzunehmen.
Zuhause angekommen, nahm sie mich mit in ihr Zimmer und ├Âffnete schnell eine Steinh├Ągerflasche. Sie war sehr ├Ąrgerlich und mit einem vorwurfsvollen Blick auf mich, lie├č sie aus einem Glasr├Âhrchen alle Tabletten auf den Tisch rollen. Einige kugelten auf den Boden. Scheu, mit schlechtem Gewissen, weil ich sie so ver├Ąrgert hatte, hob ich sie auf und legte sie sorgf├Ąltig auf den Haufen zur├╝ck.
W├Ąhrend meine Mutter mich ansah, wischte sie etwas ungeschickt alle Tabletten mit der rechten Hand in die linke Handfl├Ąche und warf sie mit einer ge├╝bten Handbewegung in den Mund. Schnell sp├╝lte sie, mit verzogenem Gesicht, aus der Schnapsflasche hinterher.
Obwohl noch heller Tag war, lie├č sie die Rolll├Ąden herunter, setzte sich mitten im Zimmer auf den Boden und rief mich zu sich. Als ich neben ihr sa├č versuchte sie mir was zu sagen, aber ich konnte sie nicht verstehen, sie lallte, kicherte und hustete zwischen den Worten. Dann brach sie pl├Âtzlich ab und sank zur Seite. Verzweifelt zerrte ich an ihrem leblosen K├Ârper, rief und sch├╝ttelte sie. Ich begann leise zu weinen und versuchte ihre Augenlider zu ├Âffnen, sah aber zu meinem Entsetzten im d├Ąmmrigen Licht nur das wei├č ihrer Augen. Ich legte meinen Kopf an ihre Brust um zu h├Âren ob ihr Herz noch schl├Ągt, konnte ihren Herzschlag aber nicht h├Âren.
Schlie├člich begann ich sie mit den F├╝├čen zu treten, sie aber r├╝hrte sich nicht. Ich war mir sicher, dass sie tot ist. Meine Mutter war b├Âse auf mich gewesen und ich w├╝rde es nie wieder gut machen k├Ânnen. Ich hatte ihr den Tag verdorben, dabei hatte sie mir manchmal gesagt, ich sei ihre beste Freundin und der einzige Mensch den sie liebe. Schluchzend schlich ich zur T├╝r, die aber abgeschlossen war. Der Schl├╝ssel steckte nicht. Ich musste noch einmal zur├╝ck und die Taschen ihrer Hausjacke durchsuchen. Sie lag auf der Seite, in der oberen Tasche war nichts.
Es war fast unm├Âglich f├╝r mich meine Mutter zur Seite zu drehen. Als ich mich mit ganzer Kraft gegen sie stemmte, neigte sich ihr K├Ârper leicht zur Seite. Aber konnte ich sie nicht gleichzeitig in dieser Position halten und in ihre untere Jackentasche fassen. So zw├Ąngte meine kleine Hand unter ihren K├Ârper und tastete bis ich den Schl├╝ssel f├╝hlte, und schlie├člich aus der Tasche fingerte. Von Schluchzen gesch├╝ttelt, konnte ich den Schl├╝ssel kaum ins Schl├╝sselloch stecken. Als es mir gelang die T├╝r zu ├Âffnen, st├╝rzte ich zu meiner Urgro├čmutter, damit sie meiner Mutter half. Sie ging, mit leicht beschleunigtem Schritt, hinter mir her, schaltete das Licht an, sagte nach einem kurzen Blick auf die Flasche und das leere R├Âhrchen
ÔÇ×Sie ist nicht tot, nur betrunken und voller Tabletten, morgen wacht sie wieder aufÔÇť.
F├╝r mich blieb sie gestorben.


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kira
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Kyra, Beinahe-Namensvetterin!

Ein solcher Text sollte nicht einfach v├Âllig unkommentiert nach unten rutschen.
Ich finde, diese Geschichte ist sehr intensiv geschrieben - ehrlich gesagt, kann ich mir schier nicht vorstellen, dass sie nicht autobiographisch ist.
Eigentlich besteht sie ja aus zwei Geschichten; der erste Teil, in dem du die Episode mit der Nagelschere schilderst, dann das kurze Zwischenst├╝ck, in dem du diesen Teil kurz analysierst, danach noch deine Erkl├Ąrung daf├╝r, warum deine Mutter dich mit ihrer Todessehnsucht nicht mehr ber├╝hren konnte. (Den Titel "Die Nagelschere" empfinde ich daher nur bedingt als passend. Die andere, gleichwertige, H├Ąlfte kommt dabei zu kurz)
Du schreibst sehr fl├╝ssig, benutzt wenig Klischees; den Situationen sp├╝rt man an, dass du sie nicht nur beschreibst, sondern durchlebst (sollte diese Geschichte nicht autobiographisch sein, dann halte ich dich f├╝r fast schon genial), dadurch wird man als Leser f├Ârmlich in die Geschichte hineingezogen, in deine sehr schmerzhafte Geschichte; schmerzhaft auf mehreren Ebenen.
Den Anfang der Geschichte hast du ├╝brigens genial gew├Ąhlt: es kommt doch selten vor, dass ich gleich den ersten Satz zweimal lesen muss.
Auf ein paar minder wichtige Unstimmigkeiten mag ich an dieser Stelle jetzt gar nicht eingehen - will mich statt dessen lobend verabschieden: La├č mehr von dir h├Âren!

Kira

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
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Hallo kyra,

Hm. Eine merkw├╝rdige und zugleich faszinierende Geschichte. Wirklich gut geschrieben, aber... Aber? Obwohl ich beim Lesen mehrmals dieses "Aber" im Kopf zu haben glaubte, es wollte ihm nichts folgen. Bin ich sprachlos? Wahrscheinlich. Bin ich es, weil ich den Text so wahnsinnig gut finde? "Nein", sagt mein Verstand. "Ja" ,sagt das Gef├╝hl.

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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Kyra
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Registriert: Mar 2001

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Hallo Kira, hallo Ralph,

danke f├╝r Eure Meinungen!
Kira bist Du auch Russin??? ich bin Halbrussin, bin aber in Deutschland geboren und kann leder kein russisch;-(((

Viel Gr├╝├če

kyra

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kira
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Hallo Kyra

Nein, nicht einmal Halb-Russin. Einfach nur mit einem sch├Ânen Namen gesegnet. :-)
Habe aber seit jeher ein Faible f├╝r Russland, russische Geschichten, die russische Sprache; vermutlich, weil ich immer wieder einmal deine oben gestellte Frage zu h├Âren bekam.
Du kennst Russland dann sicher ziemlich gut, oder?
(Auch wenn du die Sprache nicht beherrschst - gar nicht?)

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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Lob

Hallo Kyra,

ich m├Âchte mich meiner Vorschreiberin kira uneingeschr├Ąnkt anschlie├čen: Diese Geschichte besteht aus zwei einzelnen Teilen, daher vermute ich, dass sie eine deiner ersten ist. Mir ging es zumindest anfangs so, dass ich, sa├č ich erst einmal da, die Gedanken, die in mir arbeiteten, nicht mehr sortiert aufschreiben konnte, sodass mir die Geschichten ineinander flossen. Au├čerdem f├Ąnde ich es schade, wenn diese Geschichte relativ wenig beachtet einfach durchgereicht w├╝rde; ich vermute, es liegt an ihrer L├Ąnge. Dabei hast du eine faszinierende Sprache, z.B. das Bild mit dem Treibholz ist einfach un├╝bertrefflich gew├Ąhlt. Gibt es mehr Geschichten ├╝ber die Herkunft und Flucht deiner Familie? Ich will ja nicht sensationsl├╝stern wirken (obwohl ich`s vermutlich bin), aber die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat mich schon seit einigen Jahren in ihren kalten und doch faszinierenden Bann gezogen. Verwoben mit pers├Ânlichen Erlebnissen (vgl. flammarion) ist sie dann genau meine Lekt├╝re.
Gr├╝├če, Rainer
__________________
die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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