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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 20. 04. 2005 19:17


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Solgin
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2005

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Fahlleder

Ich Kaufmann Fahlleder, betreibe ein kleines GeschÀft in einer grossen Stadt, den An-und Verkauf von Occasionen.Ist der KÀufer unentschlossen, lege ich oft noch einen Gleichrichter dazu, wer weiss, vielleicht kann's der Kunde bald einmal gebrauchen.
Die GeschÀfte gehen schlecht weil ich Fahlleder heisse, und der An- und Verkauf von gebrauchter Ware nicht mehr gefragt ist. Motoren, Treibriemen, Dinge die zwar immer noch brauchbar sind, sich jedoch niemals im Bereich des Weltzuckerwertes bewegen, finden keinen KÀufer mehr. Ich veringere die Oeffnungszeiten, weil mir weder An- noch Verkauf das Lebensnotwendige bringt. Die Zeiten sind wechselhaft. Mal ist die Wechselspannung gefragt, mal funktionier alles nur noch gleichgerichtet.

In der Stadtmitte betreibt man das grosse GeschĂ€ft, den An-und Vekauf von Zucker, Zuckerrohr aus Kuba, manchmal auch mit ZuckerrĂŒben aus der Schweiz. Meine Transformatoren können zwar Spannung klein und gleichförmig machen, sind aber weit entfernt von grossen Ereignissen in der weiten Welt, und verweilen unerkannt hinter meinem Ladentisch. Ich lasse meine TĂ€tigkeit bewusst im Dunkeln und spare Strom auch im Winter. Meine GeschĂ€fte erscheinen in keiner Zeitung der Welt. Weder in den Vereinigten Staaten von Amerika, noch im Vereinigten Königreich von England, weiss man von mir. Fahlleder kennt man nicht einmal mehr in Wien. Man hat ihn lĂ€ngst vergessen. Ich richte mich ein und warte auf den Niedergang des Weltzuckerwertes und den Aufstieg von Motoren, Gleichrichter und Transformatoren.

Ich bin es gewohnt dem Kaffe keinen Zucker beizugeben. In der Nacht trÀume ich von Zuckerbergen in den Vereinigten Staaten -, vergesse mich und schnalze mit der Zunge. Niemand hört mich. Ich bin ein einsamer Mensch. Die meisten Menschen sind einsam, nicht verheiratet oder sonst wie gebunden. Besuche sind selten. Das Warten wird lÀnger und lÀnger. Ich möchte etwas verÀndern, mein GeschÀft verkaufen, samt Inventar, Kundschaft und Hinterzimmer. Viele Gedanken gehen durch meinen Kopf. Die Zeiten sind schlecht. Vielleicht fahre ich bald in die Vereinigten Staaten und Àndere meinen Namen.

Fahlleder hat mir nichts als UnglĂŒck gebracht. Prozesse habe ich fĂŒhren mĂŒssen deswegen. Alle habe ich verloren. In die Revision bin ich gegangen, die höchste Instanz habe ich angerufen, angefleht. Man soll mir doch endlich einen anderen Namen geben, ein Einsehen haben mit mir und meinem UnglĂŒck.

WĂ€hrend ich mich bĂŒckte, dachte der Richter auf dem Podest ĂŒber den Weltzuckerwert nach und zeichnete RĂŒben aufs Papier.

Stets musste ich das Rekursrecht in Anspruch nehmen. Dabei vergingen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. WĂ€hrend meine Gegenpartei schwieg, war ich gehalten das ganze Prozessrecht in Erinnerung zu behalten, musste tĂ€glich, ja stĂŒndlich darauf bedacht sein, jede nur mögliche HeimtĂŒcke sogleich zu entlarven, nicht den Fehler zu begehen, einer freundlichen Stimme, ihrem scheinbaren Wohlwollen zu vertrauen, und mir das Blut in den Adern gerinnen lassen, nein sagen, auch wenn ich gerade aus dem Schlafe erwacht war.

Oben und Unten sind sie beschĂ€ftigt mit der christlichen NĂ€chstenliebe, wenn auch meistens getrennt. Die Wahrheit kommt ohne Versöhnung aus. Ich kenne den schmalzigen Ton und den butterweichen HĂ€ndedruck der Richter, ihre Vernunft bringt HĂ€user zum einstĂŒrzen.

Die Welt ist mir fremd geworden.FĂŒr das Lebendige halte ich mir heute nur noch KĂŒken und wĂ€rme sie unter einer Lampe. Dazu benĂŒtze ich einen meiner zahlreichen Transformatoren und erzeuge eine niedrige und gleichgerichtete Spannung, ein Licht, das stetig ist, und nicht wechselhaft zwischen An- und Abwesenheit hin und her geht. HĂ€tte ich einen anderen Namen , ein anderes GeschĂ€ft, wĂŒrde ich statt der KĂŒken Bienen zĂŒchten und ein Bienenhaus an den Waldrand stellen. Alles was sich bewegt braucht WĂ€rme, ein Haus, eine Kiste. Zum bauen braucht es Land, das ich nicht habe.

Nennen sie mich nicht Bohnenblust, Fahlleder ist mir lieber. Ich zĂŒchte keine Bienen, streiche mir keinen Honig aufs Brot, denke nicht mal im Traum daran ein Haus zu bauen und einen FrĂŒchte- und GemĂŒsehandel zu betreiben. Ich halte es mit dem Brutkasten und den schon befruchteten Eiern. Was sich einmal aus einem Ei geschĂ€lt hat, spaziert herum in der Kiste und wird jeden Tag grösser. Ich kann es riechen und hören, und den Weltzucker vergessen. Das Begreifen meiner ZuckertrĂ€ume gelingt mir nie. Zwischen dem KĂŒkengeruch und dem Zucker gibt es keinen Zusammenhang. Das eine ist das Leben und das andere ist Traum.

Ich heisse Fahlleder, trĂ€ume von weissen Zuckerbergen und betreibe den An-und Verkauf von Transformatoren und warte auf eine andere Zeit. Der gelbliche Flaum wird sich einmal in ein zuckerweisses Gefieder verwandeln, die Kiste samt WĂ€rmelampe im Keller stehn. Den An-und Verkauf von elektrischen GerĂ€ten habe ich eingestellt. Ein GeschĂ€ft, das nichts einbringt soll man einstellen. und einen Namen, der leicht zu Verwechslungen fĂŒhrt von der TĂŒre entfernen. Eines Tages werden auch die ZuckertrĂ€ume aufhören.

Von SĂŒssigkeiten verstehe ich so gut wie nichts. Es ist lange her, da konnte man mir viel Freude machen mit Zuckersachen. Den tĂŒrkischen Honig liebte ich ĂŒber alles. Doch damals war ich noch klein und wohnte in Wien, hiess Sigmund, wurde hauptsĂ€chlich Sigi gerufen. Meine Mutter betrieb ein GeschĂ€ft fĂŒr Spezereien und verkaufte allerhand: amerikanische Zigaretten, gezuckerte und ungezuckerte Kondensmilch, Fleisch in BĂŒchsen, Reis und Bohnen, Milch und Eier.

Zu dieser Zeit weilte auch der Kaufmann Fahlleder in Wien. Bald kam er jeden Tag ins GeschĂ€ft meiner Mutter und kaufte dies und das: Kaffee (Wienermischung spezial), Buchstabensuppe im Briefchen, SchnĂŒrsenkel, Bodenwichse, StahlspĂ€hne etc. etc. und besuchte unter anderem auch die freudschen Vorlesungen. Meistens ging er erst in die Vorlesung und kam danach in ins GeschĂ€ft.

Von Fahlleder lernte ich im laufe der Zeit dies und das:
HĂŒte dich vor den GlĂ€ubigen. Ueberlege gut, sagte er was
es bedeutet, wenn sie dich zur freien Rede auffordern. Zeige ihnen nichts, behalte deinen Rock an, sonst könntest du ihn womöglich noch vergessen. Denke daran, dass es mit deinem Vermögen nichts auf sich hat, deine Reden also kontrolliert sein wollen, du an einer Strasse stehst, von der du nicht einmal den Namen kennst. Wenn du immer noch Lust verspĂŒrst, ihr einen Namen zu geben, ĂŒbequere die Strasse, geh auf die andere Seite und klebe einen Zettel an die Wand. Morgen schon wirst du eine Nachricht empfangen und deren Empfang bestĂ€tigen mĂŒssen. Es wird die Nachricht eines Gerichtes sein, das ĂŒber einem nachrichtenlosen Vermögen gesessen hat, und es wird heissen, dass du
auf dieses Vermögen kein Anrecht hast, dass der von dir angegebene Ort nur beinahe richtig ist, sich jedoch im Namen als auch beim Ort selbst, ein Fehler eingeschlichen hÀtte: die falsche Buchstaben des Ortes sind in den Namen geraten und umgekehrt.

Dann denkst du ein Lebenlang ĂŒber diese merwĂŒrdige SynchronizitĂ€t nach und rekurierst gegen die Verschiebung von N und R. bei Gericht.Deine Meinung, ein Name sei ein Name, ein Ort sei ein Ort, unverwechselbar also, steht gegen die Aussage der Bank. Jahre werden vergehen. Es wird gekauft und verkauft. Das Prozessende steht noch immer aus. Ja, dein Prozess hat noch nicht einmal begonnen.

Ein gefÀllter Baum dreht sich nicht mehr, Oben und Unten ist im einerlei, hauptsache die GeschÀfte gehen gut, dachte ich. Doch die GeschÀfte gingen nicht gut.

Ein jahr darauf machte man mich zum Beleuchter der Stadt. Beleuchter Fahlleder, mit beinahe unbegrenzter Vollmacht, was die Pflegschaft und FĂŒrsorge der Lampen und Transformatoren betraf. Beleibe kein Zuckerschlecken, doch immerhin in Amt und WĂŒrde. Auch die Dienstwohnung in der Altstadt durfte sich sehen lassen. Das Prozessieren musste ich nun bleiben lassen, was mir nur recht war. Ein Vergleich war immerhin etwas. Ich hatte den mir zustehenden Ort und sie behielten das Recht des Namens.





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P.S

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herb
???
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hallo

hat Spaß gemacht, deine skurrile Gschichte zu lesen und ĂŒber den Weltzuckerberg nachzudenken, wĂ€hrend die Transformatoren den Gleichstrom abgeben, möchte man am liebsten eine freudsche Vorlesung besuchen

herb,

der jetzt einen Kaffee trinkt mit zwei Löffeln Zucker und dir einen schönen Sonntag wĂŒnscht
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hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. KĂ€stner

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