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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Narben
Eingestellt am 24. 01. 2009 21:02


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Chrisch
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Narben

Ich f├╝hle mich so leer als wenn es mich fr├╝her gar nicht gegeben h├Ątte. Fr├╝her? Ich habe Angst die Augen zu schlie├čen; denn auch im Schlaf verfolgen mich Bilder, die ich nicht deuten kann. In letzter Zeit wurde es schlimmer. Jede Nacht wache ich schwei├čgebadet auf und wei├č nicht warum. Egal was ich esse, mir wird schlecht und ich w├╝rge alles wieder raus, dabei habe ich solchen Hunger. Irgend jemand sagt mir, dass ich furchtbar aussehe und ich m├╝sse unbedingt zum Arzt gehen.
Gr├╝ndlich lasse ich mich untersuchen, aber auch der Neurologe findet nichts. Es scheint psychische Ursachen zu haben, sagt er. Ich wehre mich dagegen, schlucke Schlaftabletten, zu viele, wie sich herausstellt als ich, eines Tages, im Krankenhaus aufwache. Alle fragen mich, warum ich das getan habe. Verwirrung. Was getan?
Langsam d├Ąmmert es mir, dass sie meinen, ich h├Ątte mich umbringen wollen. Daran gedacht habe ich schon oft, aber ich will noch nicht.
Ein netter Mann im wei├čen Kittel gibt mir eine Adresse. Es sei h├Âchste Eisenbahn, f├╝nf vor Zw├Âlf, sozusagen. Wenn ich nichts dagegen unternehme, werde ich bald nicht mehr unter den Lebenden weilen, meint er eindringlich und ich verspreche ihm hin zu gehen.
Nun bin ich hier, mit offenen Augen auf der Liege und soll erz├Ąhlen. Wovon? Ich f├╝hle mich leer und elend. Er fragt mich nach meiner Kindheit, mir wird schlecht, Panik ├╝berf├Ąllt mich. Warum? Wir kommen nicht weiter, bis er mir Hypnose vorschl├Ągt. Z├Âgernd ├╝berlasse ich mich dem Fachmann.

Dann, ein erster schwacher Lichtblitz, der mich zu tiefst erschreckt. Ich h├Âre mich schreien und dann schluchzen. Ich sitze in dem dunklen Schrank, in den sie mich st├Ąndig einsperrt. Angstvoll h├Âre ich mein Herz laut pochen und es raschelt in der Ecke. Da wird die T├╝r aufgerissen. Sie packt mich, kreischt mich an, ich solle endlich mit der Heulerei aufh├Âren. Das sei nicht zum Aushalten. Sie hat das nasse Handtuch wieder in der Hand. Das tut so weh. Nackt steckt sie mich wieder in den dunkeln Schrank. Mama, ich will doch wieder artig sein. Bitte lass mich raus. Ich h├Âre wie die Haust├╝r geschlossen wird und dann ist lange nichts. Mama, ich hab so hunger.
Irgendwann denke ich, jetzt muss ich sterben, wie sch├Ân! Und der Hunger ist auch vorbei. Zusammengerollt tr├Ąume ich als sie mich finden und in saubere T├╝cher wickeln.
Die Schwester im Krankenhaus hebt mich hoch, ich schreie wieder vor Angst, aber da kommt kaum was aus meiner Kehle und als sie mich an ihre Brust dr├╝ckt, weine ich nur noch still. Sie tut mir nichts. Erleichtert genie├če ich die W├Ąrme ihrer N├Ąhe. Mit meinen f├╝nf Jahren, ist es das erste Mal, dass ich mich geborgen f├╝hle. Das wei├če Bett ist mollig, die Schwestern sind so lieb zu mir und ich werde dicker und kann wieder laufen. Meine neue Mama holt mich ab und ich vergesse den dunklen Schrank, das nasse Handtuch und meine Schreie.

Jetzt nach zwanzig Jahren kommt alles wieder. Ich erinnerte mich, als ich sie sah, nicht wirklich. Sie stand da, eine Verk├Ąuferin im mittleren Alter in der M├Âbelabteilung. Wir suchten Schlafzimmereinrichtungen. Sie demonstrierte uns die Zweckm├Ą├čigkeit des Bettes, der Kommode und dann ├Âffnete sie den Schrank. Mir wurde pl├Âtzlich ├╝bel. Damals wusste ich nicht warum. Ich erkannte meine Mutter, die Verk├Ąuferin, nicht, aber jetzt, hier auf der Couch, als ich aus der Hypnose erwache, ist es mir klar. Ich sp├╝re die ├╝berw├Ąltigende ├ťbelkeit und rieche den Urin im Schrank, sehe sie mich sch├╝tteln und das nasse Handtuch. Ich kr├╝mme mich zusammen. Wird denn das nie aufh├Âren?
Langsam d├Ąmmert es mir, dass das schon lange her ist. Der Therapeut ist ein Engel. Er bringt mich in langen Sitzungen zur├╝ck in die Wirklichkeit, macht mir Mut, zeigt, was aus mir geworden ist und hilft mir damit zu leben. Irgendwann brauche ich keine Schlaftabletten mehr und ich wiege auch wieder normal, etwas zu wenig, aber ich darf zufrieden sein. Ich kann in den Schrank schauen, ohne dass das Grauen und der Fekalgeruch mich erschl├Ągt, aber meist mache ich ihn schnell wieder zu.
Warum, denke ich. Warum hat sie mir das angetan? Was hat sie dazu getrieben? Eine Zeit lang wollte ich sie tot sehen, so tot wie ich meine ersten Jahre gemacht habe, als w├Ąren sie niemals dagewesen, aber nun? Ich muss herausfinden, was es ist, was sie so grausam gegen dieses kleine Wesen sein lie├č, dass sich doch so sehr nach Liebe sehnte, seit es mit Schreien auf die Welt gekommen war und im Schluchzen fast gestorben w├Ąre.
Ich habe Angst, Angst davor, vielleicht dieses Namenlose geerbt zu haben, Angst davor selbst ein Kind zu haben.



__________________
"ist wie Schach, nur ohne W├╝rfel" Lukas Podolski

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Chrisch
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Hallo Honey,

zum Gl├╝ck habe ich selbst eine sehr sch├Âne Kindheit mit liebenden Eltern gehabt.
Der Gedanke, wenn nicht, hat mich aber hier stark besch├Ąftigt.
Sch├Ân, dass du gesagt hast "der Mensch", weil ich vermieden habe, das Geschlecht anzugeben; denn Kinder sind die Opfer und vielleicht werden sie wieder zu T├Ątern an ihren eigenen Kindern.
Au├čerdem wei├č ich, dass es viele gute Psychologen gibt, die den Traumatisierten wirklich helfen k├Ânnen.

LG Chrisch
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Chrisch
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"Ich" bin gerettet worden von diesem Therapeuten.
Erleichtert und erl├Âst wie durch einen Engel ins Leben zur├╝ckgeholt.

LG Chrisch
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