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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nasrin und Nero (aus Schreibwerkstatt)
Eingestellt am 20. 09. 2001 22:48


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Willi Corsten
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

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Nasrin und Nero
von Willi Corsten

Fred Hansen ist jedes Mal traurig, wenn er Nasrin sieht, die da allein an der Straße steht und auf den Schulbus wartet. Er möchte das kleine tĂŒrkische MĂ€dchen mitnehmen, doch das darf er nicht, weil es gegen die Vorschriften ist.
An diesem nasskalten Wintertag kommt jedoch alles anders.
Hansen ist mit seinem Omnibus seit frĂŒh um fĂŒnf unterwegs und fĂ€hrt nun leer nach Rheintal. Von dort soll er Kinder zur Wedelbacher Grundschule bringen. Die Landstraße in das mittelalterliche Dorf schlĂ€ngelt sich durch Wiesen und Felder. Zwei Kilometer vor dem Ort zweigt ein holpriger Weg ab und windet sich an einer Pferdekoppel vorbei zu dem alten Haus, in dem Nasrin wohnt. Jeden Morgen geht das Kind diesen Weg und wartet an der Straße auf den Schulbus. Sie darf jedoch erst einsteigen, wenn der Fahrer aus Rheintal zurĂŒckkommt. Da ihre Eltern schon zur Arbeit sind, steht sie immer viel zu frĂŒh an der Haltestelle.
„Warum darf die Kleine nicht auf der Hinfahrt in den Bus steigen?", fragt Hansen oft. Die Dienststelle erlaubt keine Ausnahme.
Als der Fahrer heute an der Abzweigung vorbeikommt, pfeift er jedoch auf alle Vorschriften, pfeift auch auf die Herren in der Verwaltung, denn heute ist einzig die sechsjĂ€hrige Nasrin wichtig. Das wehrlose Kind Ă€ngstigt sich fast zu Tode. Ein großer, schwarzer SchĂ€ferhund ist schuld an ihrer Not. Er bedrĂ€ngt das MĂ€dchen ungestĂŒm, springt wieder und wieder an dem Kind hoch und wirft es mit seinen tollpatschigen SprĂŒngen fast um.
Fred Hansen steigt voll in die Bremsen, eilt auf die andere Straßenseite, packt mit hartem Griff das Halsband des Hundes und zerrt ihn von Nasrin fort. Der Hund ist nicht bösartig, das erkennt der Fahrer sogleich. Darum sagt er nun: „Ruhig, du Strolch, ganz ruhig mein Freund. Platz!"
Das Tier gehorcht aufs Wort und rĂŒhrt sich nicht mehr von der Stelle. Hansen geht nun zu dem MĂ€dchen, nimmt es behutsam in den Arm und wiegt es sanft, bis ihr heftiges Weinen aufhört. „Ist gut, Nasrin, ist ja gut, MĂ€dchen. Der wollte doch nur spielen, der Hund, einfach nur spielen. Schau mal, wie lieb er dort sitzenbleibt. Der beißt nicht, ganz sicher nicht."
Hansen putzt die TrĂ€nen fort aus dem kleinen Gesicht, putzt auch Nasrins NĂ€schen und sagt: „Der Schlingel ist gewiss fortgelaufen von daheim und war glĂŒcklich wie ein Schneekönig, als er dich gesehen hat."
Ein letztes Beben schĂŒttelt das MĂ€dchen, dann nickt es tapfer, nimmt dankbar die Hand des Fahrers und freut sich, weil es gleich in den Bus steigen darf.
Aufmerksam beobachtet der Hund den Mann und das Kind, bleibt aber folgsam an seinem Platz. Da ruft Hansen: „Komm her, du schwarzer Teufel. Hier kannst du nicht bleiben, sonst rennst du mir noch einen Möbelwagen um."
Mit einem Satz springt das Tier in den Bus, legt sich neben den Fahrersitz und genießt die behagliche WĂ€rme, die aus dem HeizgeblĂ€se strömt.
„Mal sehen, was ich nachher mit dir mache", brummt Hansen und fĂ€hrt ab. Er lĂ€chelt zufrieden, als Nasrin scheu die Hand ausstreckt und dem Hund ĂŒber das glĂ€nzende Fell streichelt.
Wenig spĂ€ter sagt der Fahrer: „Hopp, hopp, ihr Sandkastenrocker, einsteigen und hinsetzen, wir haben es brandeilig heute."
Hansen versteht sich gut mit den Kindern und erklĂ€rt ihnen mit todernster Mine, wie er an den vierbeinigen Fahrgast gekommen ist. „Nero ist mein neuer Freund. Ich musste ihn vorhin leider verhaften, weil er Nasrin auffressen wollte. Er darf aber nun zum FrĂŒhstĂŒck den ersten Jungen verspeisen, der Unsinn im Bus macht."
Misstrauisch beobachten die Kinder den großen Hund und rĂŒcken enger zusammen. Doch als Hansen dem tĂŒrkischen MĂ€dchen lustig zuzwinkert, merken sie, dass er nur Spaß gemacht hat. Dann geht die Reise los.
Der Wind hat die Regenwolken verjagt, hinter dem Rhein geht die Sonne auf. Es ist merklich kĂ€lter geworden. Hansen nimmt das Gas weg und schaltet zwei GĂ€nge zurĂŒck. Die Straße glitzert und ist plötzlich spiegelglatt. Der Fahrer weiß, wie tĂŒckisch ĂŒberfrorene NĂ€sse ist und weiß auch, wo er nun besonders aufpassen muss. Hinter der Steigung ist eine dieser gefĂ€hrlichen Stellen, dort in der Kurve, wo vorhin der Hund die kleine Nasrin bedrĂ€ngt hat.
Als Hansen auf der Höhe ankommt, stockt ihm fast der Atem. Wenige Meter vor ihnen ist ein schwerer LKW von der Straße gerutscht, hat ein halbes Dutzend junge BĂ€ume entwurzelt und stĂŒrzte dann in den Graben. Die schweren Betonrohre, die er geladen hatte, liegen nun weit verstreut auf dem Weg, den das MĂ€dchen jeden Morgen geht.
Behutsam bringt Hansen den Bus zum Stehen.
Nasrin aber blickt stumm auf das Chaos aus zersplittertem Glas, verbogenem Blech, geborstenen Betonteilen, abgeknickten BĂ€umen und aufgewirbelter Erde. Dann schaut sie ratlos den Fahrer an und fragt: „Wo stelle ich mich morgen frĂŒh nur hin? Der ganze Platz ist doch kaputt und das Schild von der Haltestelle liegt weit hinten im Feld."
Fred Hansen schluckt, will etwas sagen, sagt aber nichts. Nach einer kleinen Ewigkeit tastet er nach dem Hund, streichelt ihm scheu, fast ehrfĂŒrchtig ĂŒber den Kopf und flĂŒstert ihm etwas zu. Es klingt wie Schwarzer Schutzengel.

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

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Ja, sage ich natĂŒrlich gerne,

zu dieser Geschichte, lieber Willi Corsten. Ein "Wunder", wie wir so etwas gerne nennen, weil wir solche "ZufÀlle", die immer wieder passieren, nicht begreifen können.
Gut erzĂ€hlt, immer auf des Messers Schneide zum RĂŒhrstĂŒck, und nicht abgeglitten.
MĂ€nner, wie dieser Busfahrer sind die eigentlichen Helden unserer Gesellschaft. Es hĂ€tte nicht einmal Nasrin, ain TĂŒrkenmĂ€dchen sein mĂŒssen. Die Geschichte hĂ€tte sogar mit einem deutschen Bauernkind funktioniert.
Danke fĂŒr die Geschichte
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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Willi Corsten
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Hallo Eduard,
vielen Dank fĂŒr dein Lob. Es musste das kleine tĂŒrkische MĂ€dchen sein, denn die Geschichte ist (bis auf den Unfall) nicht erfunden, sondern tatsĂ€chlich ein eigenes Erlebnis. Wir sind heute noch gute Freunde, die Nasrin und ich. War sogar zu ihrer Hochzeit eingeladen.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Willi

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

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schreibt das Leben, lieber Willi und manche meiner Geschuchten haben mehr als nur einen "wahren Kern". Aber man merkt eigentĂŒmlicher Weise vielen Geschichten an, dass sie etwas Wahres in sich haben.
Liebe GrĂŒĂŸe
eduard
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Willi Corsten
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Du hast Recht,
lieber Eduard, nur wo man mit Herz und Seele dabei ist, kommt etwas vernĂŒnftiges heraus. Darum sind wahre Geschichten immer noch die besten.
Ein schönes Wochenende wĂŒnscht Dir
Willi

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo willi

ich kann euch beiden nur zustimmen, auch wenn ich mehr ins mĂ€rchenhafte schreibe, ist ganz viel von mir und meinen erfahrungen darin sonst wĂŒrde alles konstruiert und hohl wirken.
ganz liebe grĂŒĂŸe leonie

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