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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neben dem Kartoffelkeller
Eingestellt am 15. 03. 2010 14:09


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glockenschlag
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Neben dem Kartoffelkeller


Ich sehe, wie meine Mutter am Gasherd schwitzt und wei├č, dass wir wieder Bregen essen m├╝ssen. Bregen mit Bratkartoffeln. Sie wischt sich den Schwei├č von der Stirn und in die Haare, und manchmal, wenn sie schmutzige H├Ąnde hat vom Kartoffelsch├Ąlen oder davon, dass sie Leber in Mehl gewendet hat, putzt sie ihre H├Ąnde am Kittel oder an der Sch├╝rze ab. Ich finde das alles eklig. Ich wei├č nicht, ob mein Vater das auch eklig findet, ich wei├č blo├č, dass sie ohne einander gl├╝cklicher w├Ąren - weil er nur zu den Essenszeiten und zum Schlafen nach oben in unsere Wohnung kommt. \'Na los doch, hol\' deinen Vater\', herrscht sie mich an. Ob sie mir wohl ansieht, wie ich ├╝bers Hausfrau-Sein denke?

Ich antworte nicht, weil ich in diesem Zustand nicht sprechen kann. Ich sage auch nicht, dass ich immer Angst habe im Keller. Ich gehe einfach, denn ich wei├č, dass ich keine Wahl habe. Keine Wahl, auch nicht zwischen Vater und Mutter, auch nicht, was das Verbleiben hier betrifft. Ich kann eh nicht fort. Drau├čen lauert allerlei Gefahr, das hat sie mir gesagt. Ich wei├č nicht, was sie darunter versteht, denn hier lebe ich auch in Gefahr. Ich verachte sie. Sie sucht so lange nach meinen Tageb├╝chern, dass ich nicht mehr wei├č, wohin damit. Bis ich nicht mehr wei├č, wie ich existieren soll ohne meine geheimen Gedanken. Weil meine eigene Mutter mich doch nie versteht und aus lauter Verh├Ąrmtheit, wie mein Vater sagt, sich ├╝ber meine Gedanken aufregt oder auch einfach nur lacht - ich habe das Wort \'Verh├Ąrmtheit\' von ihm. Von ihm habe ich auch die Uhr zu lesen gelernt und das Einmaleins ÔÇô bis auf sieben mal acht, damit habe ich manchmal noch Probleme, und dann rastet selbst er aus. Nicht, dass er schreit wie sie, aber er wird sofort ungeduldig, und ich merke dann, dass ich ganz besonders aufpassen und mich besser konzentrieren muss.

All das denke ich, w├Ąhrend ich die Treppen runtergehe, ich muss laufen jetzt, weil im Treppenhaus nach eineinhalb Minuten das Licht ausgeht ...
Erdgeschoss. Das habe ich geschafft.

Die Treppe zum Keller ist schon dunkel genug. Hier schl├Ągt mein Herz wieder schneller, hier empfinde ich auch diese Fremdheit zwischen meinen Eltern ganz deutlich. Vielleicht ist es auch noch schlimmer geworden, seit wir wissen, dass ich einen Halbbruder habe?
Die T├╝r zum Keller ist aus Holzlatten und hat rostige Scharniere, quietscht aber nur leise.
Dunkel. Stockdunkel. Kein Glimmen fernen Lichts. Ich taste, taste wie wild, haue mit flacher Hand immer wieder an die Wand, bis ich endlich diesen Schalter treffe. Nein, es bringt nichts, ich muss da durch. Ich taste mich an der Wand entlang. Das habe ich schon oft gemacht. Bis zum Ende des Ganges. Vorsicht vor M├Ąusen oder Kartoffelk├Ąfern ... damit mein Herz nicht stehenbleibt, wenn etwas flitzt oder quiekt. Ich atme tief und doch pocht mir das Herz, immer an der Wand entlang, bis ich einen ganz schwachen Schein wahrnehme und ahne, dass ich es gleich geschafft habe. Jetzt. Nur noch die Steinstufe vor der T├╝r, die mein Vater gemeinsam mit einem Nachbarn gegen das Hochwasser gemauert hat ÔÇô und nicht vor dem Herzsprung rufen, er will nicht erschreckt werden. \'Papa?\' - fl├╝stere ich. Wie immer sitzt er da, gleich neben dem Holz- und Kohlenkeller, in dem auch der Kartoffelverschlag steht, in unserem zweiten Kellerraum, bei Kerzenlicht an seinem Schreibtisch. Hier steht auch das Eingemachte. Hier hat er tapeziert und hierher zieht er sich zur├╝ck zum Schreiben. Ein heiliger Ort. Sein Zuhause. \'Papa? - Das Essen ist fertig, du sollst hochkommen\'. Er sitzt dort, hat die Hornbrille auf und schreibt konzentriert. Hier h├Âre ich keine b├Âsen Worte. Er l├Ąchelt. Er kommt dann.. sagt er, und das bedeutet, ich muss allein den dunklen Weg zur├╝ck.
Mein Vater und meine Mutter sollen sich mal beim Tanzen kennengelernt haben - ob das stimmt? Nach oben f├Ąllt mir der Weg etwas leichter ...

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Retep
Manchmal gelesener Autor
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Hallo glockenschlag,

quote:
ich wei├č blo├č, dass sie ohne einander gl├╝cklicher w├Ąren - weil er nur zu den Essenszeiten und zum Schlafen nach oben in unsere Wohnung kommt.
- du kommst direkt zur Sache, beschreibst aus Sicht eines Kindes die Situation einer zerbrochenen Ehe (Halbbruder?),
l├Âst Emotionen beim Leser aus,ohne auf Tr├Ąnendr├╝sen zu dr├╝cken.

quote:
Mein Vater und meine Mutter sollen sich mal beim Tanzen kennengelernt haben - ob das stimmt? Nach oben f├Ąllt mir der Weg etwas leichter ...
- ein gelungener Schluss

Du zeigst viel, ohne es direkt auszudr├╝cken, dein Text regt zum Nachdenken an. Ich konnte mich einf├╝hlen.

Gerne gelesen.

Gru├č

Retep

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Lena Luna
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Mar 2010

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Hallo Glockenschlag,
als ich deine Geschichte las, kamen mir sofort Erinnerungen an meine Kindheit ... diese Atmosph├Ąre von unterdr├╝ckten Emotionen, Unverst├Ąndnis gegen├╝ber den Gef├╝hlen von Kindern ( die Furcht vor dem Keller z.B.)... Abscheu und Angst... nur dass ich mir ein Zimmer im Keller eingerichtet hatte, um zu fliehen aus dem Horror da oben...
LG
Lena

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Marlene M.
Guest
Registriert: Not Yet

liebe Glockenschlag,
eine bedr├╝ckende Geschichte, die wieder mal zeigt, wie Kinder in die zerbrochenen Ehen mit eingebunden werden- wie sie mit leiden.
Eindr├╝cklich beschreibst du es an der Metapher des Kellers,geschickt verbr├Ąmst du in Bildern, dass das LI sich eher zum Vater hingezogen f├╝hlt. Der Schlu├č ist ebenfalls gut.
Tipp:
ich pers├Ânlich w├╝rde nicht am Anfang schon erz├Ąhlen, dass Vater und Mutter gl├╝cklicher w├Ąren ohne einander- es nimmt den Spannungsbogen, den du ansonsten ja sehr gut aufzubauen wei├čt.
Sehr gerne habe ich diese Geschichte gelesen.W├╝rde ihr auch gerne Bewertungsp├╝nktchen geben-l├Ąchel, wei├č aber nicht wie das geht.
Vielleicht bin ich als Frischling dazu noch nicht frei geschaltet.Na, mal sehen.
LG von Marlene

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