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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Nerd outta style
Eingestellt am 13. 01. 2007 18:36


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Binary
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F├╝r Matt, Fremder und Freund, der den Weg ins Leben zuerst zur├╝ck gefunden hat.
Danke, dass Du einen Walkthrough geschrieben hast.



Es war im November vor ein paar Jahren, als ich mich im Vollbesitz meiner geistigen Kr├Ąfte daf├╝r entschied, ein Nerd zu werden. Wer sich mit Computern etwas auskennt, der wei├č, dass die Bezeichnung ÔÇ×NerdÔÇť nicht gerade ein Kompliment ist. Im Gegenteil. Es ist das g├Ąngige Wort f├╝r den Klischee-User, den man sich automatisch mit einer dicken Hornbrille, leichtem ├ťberbiss und Hang zum ausgepr├Ągtem Stubenhockertum vorstellt. Man denkt an halbdunkle R├Ąume, nur erhellt von Monitoren und blinkenden L├Ąmpchen, die zu Mehrfachsteckdosen, Modems und anderem technischen Schnickschnack geh├Âren. Irgendwo in diesem von Kabeln durchzogenen Raum, zwischen leeren Pizzakartons und CD-Spindeln, sitzt der Nerd und steuert eine schwer bewaffnete Fantasy-Figur durch ein virtuelles Labyrinth. Im Sekundentakt poppen Chatfenster auf, w├Ąhrend auf einem anderen Monitor Downloadbalken wachsen und sich zahllose Systemchecks laufend aktualisieren. Per Definition bewohnt die bel├Ąchelnswerte Person einen Dachboden- oder Kellerraum, in den dank weniger oder kleiner Fenster kaum Tageslicht dringt. Zus├Ątzlich zeichnet der klassische Nerd sich auch durch mangelnde Sozialkontakte im realen Leben aus. Meist beschr├Ąnken sich diese auf den Pizzaboten, desinteressierte Eltern, die nur alle paar Tage mal nachschauen, ob sich noch Leben in diesem an ein Raumschiffcockpit erinnernden Raum regt und die wichtigste Person im Leben des Nerds: den Paketboten, denn der Nerd lebt von Ebay. Alle anderen Freunde sind gesichtslos oder in ihrer Identit├Ąt nicht nachzupr├╝fen; sie tragen Nicknames und haben statt Telefonnummern Messenger-Screennames. Dem Nerd ist r├Ątselhaft, wozu Pay-TV erfunden wurde, denn er schaut schon seit Jahren per Internet seine Lieblingsshow, live im australischen Fernsehen, ohne einen Cent daf├╝r auszugeben. Der Nerd versteht auch die Existenzberechtigung von Kaufh├Ąusern nicht. Schlie├člich kann man alles auch im Internet bestellen. Der Nerd sieht keinen Nutzen in Caf├ęs, Kneipen oder Discos. Musik h├Âren, Leute treffen, flirten ÔÇô nichts, was er nicht auch online tun kann.

Die meisten Menschen bel├Ącheln oder bemitleiden Nerds f├╝r dieses scheinbar armselige Dasein, diesen Realit├Ątsverlust. Aber damals erschien mir die Idee, mich freiwillig dem Nerdtum anzuschlie├čen, wie die gro├čartigste meines Lebens. Ich f├╝hle mich erleuchtet von diesem Ansinnen, so seltsam dies auch klingen mag. Doch ich hatte gute Gr├╝nde f├╝r diese weitreichende Entscheidung.

Im Juni hatte meine Freundin Annika sich nach vielen Aufs und Abs ÔÇ×auf ProbeÔÇť von mir getrennt. Um Abstand zu gewinnen, wie sie sagte. Ich sah ein, dass unsere Beziehung kriselte und es vielleicht gar nicht dumm war, unsere Gef├╝hle und unser Zusammensein zu durchdenken. Anfang Juli stellte ich dann zuf├Ąllig fest, dass sich der Abstand zwischen Annika und mir tats├Ąchlich vergr├Â├čert hatte. Der Abstand zwischen ihr und ihrem Ex hingegen war proportional geschrumpft, um nicht zu sagen: nicht mehr vorhanden. Nach einigem Nachbohren er├Âffnete sie mir dann, dass mit ihm schon seit einem halben Jahr was nebenher lief und sie eigentlich die Pause vorgeschlagen hatte, um zu ├╝berlegen, ob sie nicht doch zu ihm zur├╝ckgehen sollte. Was ich ihr anschlie├čend an den Kopf warf, kann man sich vermutlich in etwa denken und dass das Ende vom Lied so aussah, dass sie zu ihm zur├╝ckging, auch.

Im gleichen Zeitraum hatte sich auch mein Chef einige Gedanken dar├╝ber gemacht, ob er den Abstand zu mir vergr├Â├čern sollte. Dem allgemeinen Trend folgend tat er dies dann auch und ich stand ohne Job da. Nicht, dass ich meine Arbeit sehr gemocht h├Ątte. Aber es war immerhin eine und ich hatte mich finanziell nie beklagen k├Ânnen. Au├čerdem wurde mir bewusst, dass meine besten Freunde auch meine Arbeitskollegen waren ÔÇô und ich pl├Âtzlich nichts mehr hatte, wor├╝ber ich mit ihnen reden konnte. Einerseits, weil mir nie aufgefallen war, dass wir fast immer ├╝ber die Arbeit redeten und sie dies, aus R├╝cksicht auf meine Lage, nun unter sich ausmachten. Andererseits, weil wir au├čer dem Job nicht viel gemeinsam hatten, was mir aufgrund der erstgenannten Feststellung ebenfalls nie klar war. Da sa├č ich nun also, ohne Job, ohne Freundin und mit Freunden, sie sich nur aus H├Âflichkeit mit mir trafen. Und desto mehr Zeit verging, desto seltener wurden unsere Treffen im Allgemeinen.

Im September begann ich, zu resignieren. Ich war kein ÔÇ×spontaner TypÔÇť, wie es so sch├Ân hei├čt, und meine kl├Ąglichen Versuche, irgendwo Anschluss zu finden, waren zwar nicht g├Ąnzlich gescheitert, aber zumindest sehr unbefriedigend geblieben. Allein in Kneipen, Discos oder auch nur ins Kino zu gehen war wirklich nicht mein Ding. Ich hatte mich daher mit Bekanntschaften aus dem Internet getroffen, die ich bei den immer ausgedehnteren Ausfl├╝gen dorthin kennen gelernt hatte. Doch ich machte immer wieder die gleiche Feststellung. Entweder waren diese Leute v├Âllig anders, als ich sie mir vorgestellt hatte, n├Ąmlich langweilig und nichtssagend. Oder aber, sie kannten Hans und Franz in der Kneipe, in der wir uns trafen, und ich f├╝hlte mich sofort wie das f├╝nfte Rad am Wagen. Zudem kamen meine Bewerbungen grunds├Ątzlich mit besten W├╝nschen f├╝r meine Zukunft zur├╝ck und man bat mich um Verst├Ąndnis, dass aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage momentan nicht eingestellt w├╝rde. Notgedrungen hatte ich also begonnen, alten Krempel bei Ebay zu verkaufen, um meinen gewohnten Lebensstandart zu halten.

Und im November, kurz vor meinem Geburtstag, begann ich mich zu fragen, wozu ich das alles tat. Wozu brauchte ich die DVDs eigentlich? Allein hatte ich eh nie Lust, mich vor den Fernseher zu setzen. Wozu brauchte ich die Vierzimmerwohnung? F├╝r mich allein war sie eh zu gro├č. Und warum frisch einkaufen und selbst kochen, wenn es doch auch ein Fertiggericht tat, das genauso satt machte und zudem f├╝r die Zubereitung deutlich weniger Zeit in Anspruch nahm; Zeit, in der ich mich vom Computer entfernen musste? Warum wollte ich meine Chatbekanntschaften eigentlich kennen lernen, wenn sie im Internet interessante und nette Gespr├Ąchspartner waren, aber sich von Angesicht zu Angesicht als fade und wortkarg herausstellten? Was w├Ąre so falsch daran, den Schein zu wahren?

Diese ├ťberlegungen verfestigten sich und am Morgen meines 28. Geburtstags waren sie gar zum Manifest gereift. Ich k├╝ndigte meine Wohnung und zog in eine deutlich kleinere Dachgescho├čwohnung, bestehend aus einem Wohn- und Schlafzimmer, einem winzigen Bad mit Dusche und einer ebenso winzigen K├╝che. Wer mir vor einem halben Jahr erz├Ąhlt h├Ątte, ich w├╝rde freiwillig in eine Wohnung ohne Badewanne ziehen, in der es zudem nur ein Dachfenster zur Nordseite gab, ich h├Ątte ihn f├╝r verr├╝ckt erkl├Ąrt. Aber jetzt sah ich die Vorteile. Weniger Platz bedeutete, weniger aufr├Ąumen und putzen zu m├╝ssen. Von der Mietersparnis gar nicht zu reden. Und dann noch der Profit, den ich aus dem Verkauf meiner alten M├Âbel schlug!

Meine neue Einrichtung hielt ich eher spartanisch. Fr├╝her das teure Doppelbett, jetzt ein solides, wenn auch weniger schmuckvolles Modell aus dem Second-Hand-M├Âbelladen der Wohlfahrt. Fr├╝her ein Arbeitszimmer, jetzt ein ├╝berdimensionaler und vor allem funktionaler Schreibtisch. Mit Raumschmuck hielt ich mich v├Âllig zur├╝ck. Bilder und ├Ąhnlichen Schnickschnack legte ich mir gar nicht erst zu. Meine gesammelten DVDs stapelte ich, genau wie die B├╝cher, einfach auf dem Boden. Wozu auch ein Regal kaufen, wenn ich all das Zeug fr├╝her oder sp├Ąter eh bei Ebay verkaufen w├╝rde? Meine teuerste Anschaffung waren die beiden Computer, die meinen neuen Schreibtisch zu gut zwei Dritteln einnahmen. Ich wollte das Nerdtum voll auskosten und war mir sicher, dass ein einzelner Computer dem Vorhaben nicht standhalten w├╝rde. Zus├Ątzlich kaufte ich alles an Zubeh├Âr, was mir gerade sinnvoll erschien. Digitalkamera, Webcam, Joystick, Headset, verschiedene USB-Sticks, einen Vorrat an allen verf├╝gbaren Rohlingen, Drucker, Scanner, Kopierer, Kartenleseger├Ąt, Grafik-Kit und die aktuellsten Spielekonsolen. Ich lie├č mir eine teure Standleitung legen. F├╝r den Fall, dass diese ihren Dienst einmal versagen k├Ânnte, kam f├╝r den anderen Computer eine DSL-Flatrate hinzu. Mein alter Computer vervollst├Ąndigte mein Netzwerk als vorgeschalteter Server, auf dem ich Firewalls und Virenscanner installierte. Ich hatte alle Computer an Sicherheitssteckdosen angeschlossen, denn Sicherheit ging mir bei meinen neuen Freunden ├╝ber alles. Ich meldete auch mein Auto ab, verkaufte es und machte mir nicht die M├╝he, eine Monatsfahrkarte f├╝r ├Âffentliche Verkehrsmittel zu erwerben. Schlie├člich hatte ich meine neue Wohnlage mit Sorgfalt gew├Ąhlt. Vier Minuten zu Fu├č bis zur Post. Ein Kiosk im selben H├Ąuserblock und eine 24-Stunden-Tankstelle, zwei Stra├čen weiter. Zwei Pizzataxis und ein chinesischer Lieferservice im selben Stadtteil. Ich w├╝rde mich nie weiter als drei Stra├čen von meiner Wohnung entfernen m├╝ssen.

Als endlich alles erledigt war, zog ich die Jalousie vor meinem Dachfenster herunter, so dass der Raum in ein warmes Halbdunkel getaucht wurde, startete die Computer und betrachtete, was ich geschaffen hatte. Und ich sah, dass es gut war. Fast feierlich setzte ich mich in meinen ledernen Schreibtischsessel, ├Ąhnlich dem, in dem mein fr├╝herer Chef gethront hatte. Als erstes checkte ich meinen Kontostand online und stellte zufrieden fest, dass ich mich durch die Verk├Ąufe diverser Habseligkeiten und trotz der kostspieligen Neuanschaffungen vorerst nicht sorgen musste. Schlie├člich waren meine Kosten um eine nicht unerhebliche Summe gesunken. Dann begann ich, die beiden Hauptrechner meinen neuen Bed├╝rfnissen anzupassen. Ich installierte zahllose Programme, bookmarke Seiten und legte Ordner an. Fr├╝her hatte ich mich mit einer Standart-Benutzeroberfl├Ąche zufrieden gegeben. Jetzt aber schuf ich mir individuelle Desktops, die sowohl in Funktion als auch Design bis ins letzte Detail perfekt waren. Am fr├╝hen Abend war es an der Zeit, mit meinem neuen Leben wirklich zu beginnen.

Mit meinem alten Leben hatte ich innerlich bereits vor Wochen abgeschlossen, also musste als erstes eine neue Identit├Ąt her. Ich ging die Sache mit System an. Ich wollte eine glaubw├╝rdige Identit├Ąt. Eine, die mir in einigen Punkten ├Ąhnlich war, vielleicht sogar tats├Ąchlich ich. In anderen Punkten jedoch sollte sie anders sein; offener, interessanter, abenteuerlustiger, extremer. Das neue Ich. Ich stie├č auf die Seite http://www.myspace.com, auf der jeder eine kleine Homepage anlegen konnte. Ich las einige Profile von anderen Usern, surfte durch Links zu genannten Interessen, die ich mir auch f├╝r mich selbst vorstellen konnte und machte mir Gedanken zu meinen m├Âglichen Namen.

Schlie├člich entschied ich mich f├╝r die ersten Grundsteine. Mein Nickname w├╝rde geschlechtsneutral sein, damit mir alle T├╝ren und Themen offen stehen w├╝rden. Au├čerdem w├╝rde ich aus einem Land kommen, in dem man eigentlich nicht Englisch sprach. Englisch war die Sprache meiner neuen Welt, doch ich traute mir auch nach drei Jahren in der Auslandskundenbetreuung kein perfektes Englisch zu. Und ich w├╝rde 25 sein, ein unverf├Ąngliches Alter, in dem ich schon ├╝ber eine gewisse Lebenserfahrung, aber auch jugendliche Z├╝ge verf├╝gen w├╝rde. Meine Interessen betreffend w├╝rde ich teilweise bei der Wahrheit bleiben, allerdings einige Dinge hinzuf├╝gen. Dinge, die mir schon immer interessant erschienen waren, f├╝r die mir bisher aber die Zeit oder die M├Âglichkeit gefehlt hatte, um mich intensiver damit auseinander zu setzen.

Ich surfte ├╝ber einige Seiten ├╝ber Namen, ihre Herkunft, Bedeutung und Verwendung, und schloss g├Ąngige Namen, die man f├╝r beide Geschlechter benutzen konnte, aus. Es w├Ąre zu offensichtlich, dass ich mich verstecken wollte. Nach der Namenswahl suchte ich nach einem Land, das nicht zu ungew├Âhnlich war, aber auch nicht zu weit verbreitet. Letztlich entschied ich mich f├╝r Italien, gab aber an, dort geboren und aufgewachsen zu sein und jetzt seit 10 Jahren in England zu leben. Meine Interessen sammelte ich mir auf verschiedenen anderen Profilen zusammen und mischte beliebte, aber recht allgemein gehaltene Themen mit meinen tats├Ąchlichen Vorlieben. Ich feilte stundenlang an meinem Profil, schlie├člich war es mein neues Ich und damit sollte man immer sorgsam umgehen. Als ich endlich fertig war, registrierte ich meinen Nickname bei jedem bekannten Messenger und schloss alle in Trillian zusammen. Trillian erm├Âglichte mir das Empfangen und Senden von Telegrammen mit Messengern von AOL, ICQ, Yahoo, MSN und IRC gleichzeitig. Ich hatte den Nutzen solcher Programme nie angezweifelt, aber mich auch nie wirklich damit besch├Ąftigt. Jetzt erschien es mir wie die beste Erfindung seit dem Mikrowellengericht.

Ich entschied, auf dem zweiten Computer ein paar Dinge herunter zu laden, einfach, damit auf dem zweiten Monitor etwas passieren w├╝rde. Ich gab also relativ wahllos Musiktitel, Filme und Spiele ein und wartete, was die Suchfunktion ausspucken w├╝rde. Erst, als ich der Vielfalt des Angebotes gewahr wurde, stellte ich fest, dass ich einiges davon tats├Ąchlich haben wollte. Also w├Ąhlte ich die entsprechenden Titel an, wartete nicht, ob der Download starten w├╝rde, sondern ging in meine winzige K├╝che und schob eine Fertiglasagne in die Mikrowelle. Als diese fertig war, nahm ich sie mangels eines Esstisches mit zum Schreibtisch und w├Ąhrend ich a├č, meldete ich meinen neuen Nickname bei Ebay an. Es w├╝rde nicht schaden, schon mal ein paar Bewertungen zu sammeln, bevor ich darauf angewiesen sein w├╝rde, hier mein Geld zu verdienen.

Nach dem Essen war es an der Zeit, die Fr├╝chte der Arbeit auszukosten. Ich registrierte mich bei www.popcap.com, einer Seite, auf der man mit tausenden von anderen Usern online spielen konnte. Fr├╝her war ich gelegentlich hier gewesen, allerdings tats├Ąchlich, um einige der doch recht zeitweiligen Spiele zu spielen. Damals hatten mich die User, die mich im Privat-Chat ansprachen, genervt. Aber heute war ich wegen ihnen da. Ich w├╝rde jede Chatanfrage annehmen, egal von wem sie k├Ąme. Ich wusste, dass Leute, die ausschlie├člich chatteten, nicht gern gesehen wurden, also w├╝rde ich nebenbei auch wirklich mitspielen und mich zus├Ątzlich am ├Âffentlichen Chat beteiligen. Nicht offensiv, aber aktiv. Ich entschied mich f├╝r mein Lieblingsspiel, ÔÇ×Psycho BabbleÔÇť. Der Sinn des Spieles bestand darin, aus vorgegebenen Worten einen lustigen Satz zu bauen, innerhalb einer kurzen Zeitspanne. Im Grunde war es Scrabble mit ganzen Worten. Nach Ablauf der Zeit w├Ąhlten alle Spieler den besten Satz aus denen der anderen, f├╝r jede Stimme gab es Punkte. Simple Regeln, viel Spa├č und reichlich Gespr├Ąchsstoff also. Es gab zwei Hauptr├Ąume, einen f├╝r unter 18j├Ąhrige, einen f├╝r Erwachsene. In letzterem war es Tradition, anz├╝gliche oder doppeldeutige S├Ątze zu bauen und entsprechend mehr lernte man ├╝ber englische Umgangssprache. Zudem waren dort meist die chatfreudigeren User anzutreffen, also entschied ich mich f├╝r die Erwachsenen-Lounge. Dort hatte ich die Wahl zwischen verschiedenen Spielr├Ąumen; einer so gut wie der andere. Ich fand schnell einen freien Platz in einem auf 12 Spieler limitierten Raum und stieg ins laufende Spiel ein. Ich begr├╝├čte meine Mitspieler im ├Âffentlichen Raum, einer unausgesprochene Regel folgend. Chatwillige Spieler gr├╝├čten die anderen, wer ausschlie├člich spielen wollte, blieb beim Betreten des Raumes stumm.

Es dauerte nicht lange, bis die erste Chatanfrage kam, die ich nat├╝rlich annahm. Eine beliebte Er├Âffnung war die Abk├╝rzung ÔÇ×aslÔÇť, was f├╝r ÔÇ×Age/Sex/LocationÔÇť stand. So wusste man direkt, mit wem man es zu tun hatte ÔÇô und nat├╝rlich, ob die betreffende Person potentiell interessant zum ÔÇ×CybernÔÇť war, womit nichts weiter als eine Art Chat-Sex gemeint war.

Dem Nickname nach schien die Chatanfrage von einer weiblichen Person zu kommen, was momentan keine gro├če Rolle f├╝r mich spielte. Ich wollte lediglich meine Glaubw├╝rdigkeit testen. Ich wollte Pers├Ânlichkeit entwickeln. Ich beantwortete ihre Frage mit meinen neuen Daten und erwiderte ÔÇ×aslÔÇť. Sie schrieb, dass sie 24 sei, weiblich, wie angenommen und in Florida lebte. Ich erkundigte mich nach ihren Interessen; welche Musik sie m├Âge und was sie in ihrer Freizeit mache und sie antwortete. W├Ąhrend dieser Spielrunde unterhielten wir uns also ├╝ber ihre Band, diskutierten Lieblingsfilme und irgendwann erkundigte sie sich, ob ich einen Messenger habe. Ich bejahte und nannte ihr meine Kontakte und fragte, ob sie ein Profil auf www.myspace.com habe. Sie schickte einen Link, den ich in einem anderen Fenster aufrief, und schickte ihr meinen.

Cybersex hatten wir im Verlauf der Nacht nicht. Ehrlich gesagt, ich wusste auch gar nicht so recht, wie das funktionierte, was ich tippen oder tun m├╝sste. Daher war ich zufrieden mit meinem ersten Tag als Nerd, denn ich hatte mein Tagessoll erf├╝llt. Ich war ├╝ber acht Stunden am St├╝ck online gewesen, hatte mit Personen aus vier verschiedenen L├Ąndern gechattet und eine nicht mehr ├╝berschaubare Anzahl von Downloads gestartet. Ich war irgendwann in der Nacht dazu ├╝bergegangen, mir alles herunter zu laden, was mir empfohlen wurde. V├Âllig egal, ob Musik, Filme oder Software. Und ich genoss die Datenflut.

Als ich erwachte, lief der Downloadcomputer noch immer. Ich hatte nicht vor, ihn auszuschalten, solange es nicht zwingend erforderlich war. Sein leises monotones Summen wurde in den kommenden Wochen mein Wiegenlied. Wenn die Musik ausgeschaltet war, keine Chatfenster mehr blinkten und nichts die Stille meiner Einsamkeit st├Ârte, summte der Rechner mich in den Schlaf. Und wenn ich dann so da lag, in meinem spartanischen, aber sehr bequemen Bett, dann erf├╝llte mich tiefe Zufriedenheit. Ich dachte an all die wunderbaren und interessanten neuen Freunde, die ich gefunden hatte. Sie waren so viel besser als reale Menschen. Wenn ich meine Ruhe wollte, aktivierte ich den Abwesenheitsmodus in meinem Messenger. Wenn ich reden wollte, war immer jemand da. Ich lernte viele spannende Dinge, von denen ich fr├╝her nie geglaubt h├Ątte, dass sie mich interessieren w├╝rden. Ich erfuhr von Ereignissen, die mich fr├╝her nicht gek├╝mmert h├Ątten. Jetzt taten sie es. Ja, ich war rundum zufrieden mit meinem neuen Leben. Ich baute meine virtuelle Identit├Ąt aus, aktualisierte Profile in all den Foren, auf denen ich angemeldet war, traf mich in Chatrooms, in denen ├╝ber meine neuen Interessen gesprochen wurde, mit Gleichgesinnten, tauschte Daten aus und f├╝hlte tagt├Ąglich den besseren Menschen in mir heranreifen.

Anfangs bl├Ąute ich mir immer wieder ein, dass ich niemandem meinen realen Namen verraten w├╝rde. Irgendwann gab ich das aber auf. Denn ich hatte gar nicht das Bed├╝rfnis, irgendwem meinen Namen zu sagen. Im Gegenteil. Mein geschlechtsloser Nickname bekam sogar zwei Namen. Je nach Situation stellte ich mich als Mann oder Frau vor und lernte schnell, die Vorteile dieses Wechsels zu sch├Ątzen. Ich erfuhr die Geheimnisse der weiblichen Seele im einen Chatfenster und f├╝hrte M├Ąnnergespr├Ąche im anderen. Mein neues Sein wurde fast st├╝ndlich vollkommener. Doch trotz all der Euphorie blieb ich auf dem Boden der Tatsachen. Ich ├╝bertrieb nicht. Das machte meine Identit├Ąten glaubw├╝rdiger. Au├čerdem wurde ich mehr und mehr die Person, die ich vorgab zu sein, daher f├╝hlte ich mich auch nie als L├╝gner.

Die Online-Spiele faszinierten mich immer mehr. Ich wollte es auf Platz 1 der Bestenliste eines Online-Spiels schaffen. Ich trainierte verschiedene Spiele und mit der Zeit wurde ich immer besser. Fr├╝her hatte ich nicht viel f├╝r Spiele ├╝brig. Der Computer war f├╝r mich ein Werkzeug, das ich gro├čteils f├╝r die Arbeit nutzte. Ich konnte kaum glauben, was ich verpasst hatte, wenn ich als Einzelk├Ąmpfer durch den Dschungel schlich oder als elfische Magierin Abenteuer bestand. Wer ernsthaft behauptete, Computerspiele w├╝rden dumm machen, der irrte gewaltig. Ich lernte mehr als in meiner ganzen Schullaufbahn.

Ebenso hatte ich mir vorgenommen, endlich die Geheimnisse der virtuellen Erotik zu erkunden. Nat├╝rlich, ich besa├č mehr als einen Account f├╝r eine Pornoseite und hatte auch flei├čig Filme herunter geladen. Aber da musste noch mehr sein. Das virtuelle und interaktive Erlebnis. Das Nerdtum hatte mir bisher nicht zuviel versprochen, sondern alle Erwartungen ├╝bertroffen. Nun wollte ich auch die s├╝├česten aller Fr├╝chte kosten. Ich kannte die Cam-M├Ądchen, die man nur ├╝ber kostenpflichtige Seiten erreichte. Sie waren nicht das, was mich interessierte. Ich wollte individuelle Abenteuer mit Personen, die mir nicht nach dem Mund redeten, weil es ihr Job war.

Ich spielte an diesem Tag, die Uhrzeit hatte durch internationale Freundschaften bereits jegliche Bedeutung verloren, auf www.popcap.com. Nach kurzer Zeit betrat eine Bekannte den Raum, in dem ich mich befand. Ich nahm an, dass sie Cindy hie├č, 22 Jahre alt war und in Sydney studierte. Das jedenfalls hatte sie mir auf mein ÔÇ×aslÔÇť geantwortet. Wir hatten einige Gemeinsamkeiten, zum Beispiel gingen wir gern surfen und ins Kino, und wie der Zufall es so wollte, trafen wir uns beide einmal die Woche mit Freunden in einer Jazzkneipe. Sie in Sydney, ich in der N├Ąhe von Bristol. Auch an diesem Tag gingen wir zum Reden in einen privaten Chatroom und flirteten, dass sich die Balken bogen. Nach einer Weile fasste ich mir ein Herz und fragte schlicht: ÔÇ×Wanna cyber?ÔÇť Ich war gespannt, wie sie reagieren w├╝rde. Sie entt├Ąuschte mich nicht. ÔÇ×I thought youÔÇÖd never ask!ÔÇť kam es prompt zur├╝ck. Ich gestand ihr, dass ich keine genaue Ahnung hatte, wie das ├╝berhaupt ging, es aber unbedingt ausprobieren wollte. ÔÇ×Oh yes, let me teach u!ÔÇť schrieb sie. Sie dachte, es w├Ąre meine Masche. Perfekt.

Cindy war eine ausgezeichnete Lehrerin. Sie verf├╝hrte mich mit Worten, beschrieb mir, was sie gerade tat und half meiner aufbl├╝henden Fantasie auf die Spr├╝nge. Sie tr├╝ge keine Unterw├Ąsche unter ihrem Minirock, schrieb sie, und sie habe da diesen alten Joystick wieder gefunden. Der erinnere sie an einen gro├čen Schwanz, wie gro├č meiner denn wohl w├Ąre? Ich sah an mir herunter und tippte ein, dass er gerade dabei sei, gr├Â├čer zu werden. Die Sache gefiel mir jetzt schon und ehe ich mich versah, sa├č ich mit heruntergelassener Hose im Schreibtischstuhl.

Mein erster Cybersex blieb nicht der letzte. Im Gegenteil, es gefiel mir, in verschiedene Rollen zu schl├╝pfen. Ich probierte alles aus. Wer h├Ątte schon ├╝berpr├╝fen k├Ânnen, ob ich wirklich der gepiercte und t├Ątowierte Rocker war, der auf Sado/Maso stand? Oder eine lesbische Studentin? Niemand. Und so lebte ich alles aus, was ich fr├╝her nie gewagt h├Ątte.

Ich erreichte mein gro├čes Ziel und schaffte es, mich auf dem 1. Platz der Highscore-Liste eines Online-Rollenspiels zu platzieren. Es war ein erhebendes Gef├╝hl und angespornt von meinem Erfolg lud ich mir eine Erweiterung des Spiels herunter. Auch meine auf CD und DVD gebrannten Archive wuchsen ins Unermessliche. Spiele, Software, Filme, Musik. Ich hatte alles und wollte mehr, obwohl ich nur selten tats├Ąchlich einen der Filme ansah oder ein Album komplett h├Ârte. Wichtig war es, zu haben. Nicht zu nutzen.

Meine virtuellen Freundschaften trennte ich nach einer Weile von den Sexpartnern, denn ich wollte den ├ťberblick nicht verlieren, wem ich was erz├Ąhlt hatte. Mit Freunden traf ich mich zum Chatten und Spielen, redete ├╝ber Gott und die Welt und blieb f├╝r gew├Âhnlich bei meiner Hauptidentit├Ąt. Sex hatte ich nur mit Fremden, die ich ├╝ber einschl├Ągige Webseiten f├╝r einen virtuellen One-Night-Stand kennen lernte.

Es war an Weihnachten, als ich eine g├Ąnzlich neue und unerwartete Erfahrung machte. In den Chatrooms war am Abend wenig los, wie nicht anders zu erwarten. Trotzdem hatte ich die Einladung meiner Eltern dankend abgelehnt und feierte auf meine Weise. Ich spiele ein wenig im virtuellen Casino, denn inzwischen war ich nicht schlecht und verdiente durchaus ein paar Cent dazu. Der Messenger stand im ÔÇ×Free 4 ChatÔÇť-Modus, doch niemand meiner zahllosen Kontakte war online. ├ťberraschenderweise kam dennoch ein Telegramm. ÔÇ×Hey hot boy, saw ur profile on www.myspace.com!ÔÇŁ sagte mir die Anfrage. Ich akzeptierte und schrieb zur├╝ck: ÔÇ×So lonesome at xmas?ÔÇť Unverbl├╝mt antwortete sie: ÔÇ×Wanna cyber?ÔÇť Das kam mir mehr als gelegen. Eine Fremde, die scharf auf etwas Action war. Ich bejahte und sie legte direkt los, beschrieb mir, was sie mit mir anstellte; mich langsam auszog und jeden Winkel meines K├Ârpers erkundete. Ich heizte sie an, schilderte, wie sehr mir gefiel, was sie machte. Dann schrieb sie pl├Âtzlich: ÔÇ×U got a cam?ÔÇť Ich aktivierte die Kamera, die ich vorsorglich neben der Rolle mit K├╝chent├╝chern platziert hatte. Meine Cybersex-Ausr├╝stung. ÔÇ×Gimme a sec and open direct!ÔÇť schrieb ich und sofort ├Âffnete sich die direkte Verbindung zum schnellen Datenaustausch. Ich zog meine Hose runter und stellte die Cam auf die Ablage unter meinem Schreibtisch. Man zeigte sein Gesicht nicht. Alles war anonym und das machte die Sache so spannend. Ich schaltete die Cam auf ÔÇ×SendenÔÇť und das Bild erschien im Chatfenster. ÔÇ×Like that?ÔÇť fragte ich und sie erwiderte: ÔÇ×Pretty much! Let me see more!ÔÇť Ohne zu z├Âgernd erhob ich mich ein wenig und zog langsam die Unterhose herunter. Wir chatteten weiter; ich wurde immer geiler und begann, an mir herumzuspielen. ÔÇ×U got a cam 2?ÔÇť fragte ich schlie├člich. ÔÇ×Gimme a sec!ÔÇť kam es zur├╝ck. Ich konnte es kaum erwarten, das Bild auf dem Monitor zu haben. Es war bisher der beste Cybersex gewesen, den ich je gehabt hatte und ich wollte mehr davon. Endlich poppte das Bild auf und f├╝r einen Moment erstarrte ich in Ungl├Ąubigkeit. Da waren keine prallen Br├╝ste zu sehen, kein geiler Arsch und auch keine feuchte Muschi. Da war ein harter Schwanz zu sehen, den eine Hand fest umschloss und ihn langsam massierte. Und es war nicht mein Schwanz, denn ich trug dieses Piercing nicht. Ich sa├č einfach nur da und starrte den Monitor an, bis mich eine Meldung aus der Apathie weckte: ÔÇ×Whats up?ÔÇť Ohne wirklich zu realisieren, was ich tat, tippten meine Finger: ÔÇ×Wow, pierced! Nice!ÔÇť Und desto l├Ąnger und hei├čer wir weiterchatteten, desto mehr erregte es mich. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, was Annika wohl sagen w├╝rde, wenn sie mich jetzt sehen k├Ânnte. Und dieser Gedanke am├╝sierte mich. Jeder Mann tr├Ąumt heimlich davon, seine Freundin mit einer anderen Frau zu beobachten oder einen Dreier mit ihr und einer anderen zu haben. Aber jede Frau w├╝rde entsetzt die Scheidung einreichen, wenn ihr Mann vorschl├╝ge, dass sein bester Freund doch mal mitmachen k├Ânne. Ich f├╝hlte mich frei und verdorben und der Chat wurde besser und besser.

Ich f├╝gte den Screenname meines unbekannten Verf├╝hrers meinen ÔÇ×XXXÔÇť-Kontakten in der Messengerliste hinzu und ├Ąnderte sp├Ąter die Profile, in denen nach einer sexuellen Orientierung gefragt wurde. Ich gab an, bi zu sein und auf manchen Seiten f├╝hrte ich auch aus, welcher Typ von Mann mir gefiel. Anfangs war ich dabei relativ generell geblieben, aber w├Ąhrend ich schrieb, fiel mir auf, dass ich gewisse Dinge tats├Ąchlich attraktiv fand. Und einmal mehr ging mir auf, welche ungeahnten M├Âglichkeiten das Nerdtum mir beschert hatte. Fr├╝her w├Ąre ich nicht im Traum darauf gekommen, dass auch M├Ąnner sexuell interessant f├╝r mich sein k├Ânnten. Aber fr├╝her konnte ich auch Hip Hop nichts abgewinnen. Das hatte sich ge├Ąndert, als ich einem virtuellen Eminem-Fanclub beigetreten war, weil mir einfach das Design der Seite gefallen hatte. Seitdem hatte ich reichlich Hip Hop herunter geladen und auch angeh├Ârt, um im w├Âchentlichen Fan-Chat mitreden zu k├Ânnen. Mit der Zeit war mir dann aufgegangen, dass mir die Musik tats├Ąchlich gefiel und ich auch den Lifestyle mochte. Ich hatte daher meine Interessen um ÔÇ×SkateboardingÔÇť erweitert, mir ÔÇ×Tony HawkÔÇÖs Pro SkaterÔÇť herunter geladen und diverse Fachseiten besucht. ├ähnlich war es mir auch beruflich ergangen. Anfangs hatte ich mich als Student ausgegeben, ohne irgendein Fach zu nennen. Seit ich aber meine Leidenschaft f├╝r Kampfsport entdeckt hatte, studierte ich Sport. Dies dr├╝ckte sich haupts├Ąchlich in Kung Fu-Filmen und Pr├╝gelspielen aus, aber desto mehr ich ├╝ber die verschiedenen Selbstverteidigungsarten las, desto mehr Ahnung hatte ich. Mir war bis dahin noch nie aufgefallen, wie realit├Ątsnah ÔÇ×Mortal KombatÔÇť doch war.

Eines Tages checkte ich mein Konto und stellte fest, dass ich mich langsam um meine finanzielle Zukunft k├╝mmern musste. Ich riss mich also ein paar Stunden zusammen und widerstand der Versuchung, auf www.liquidgeneration.com diverse Psychotests zu machen. Das war mein eigentliches Vorhaben gewesen, aber da sich auch meine Rechnungen nicht von selbst bezahlten, rief ich stattdessen www.ebay.de auf. Ich schnappte mir einen Stapel DVDs, fotografierte sie ab, gab die Angebotstexte ein und startete die Auktionen. Mir graute zwar vor dem Gedanken, meine heimelige Wohnung dadurch ├╝ber kurz oder lang in Richtung Post verlassen zu m├╝ssen, aber da musste ich wohl durch. Trotzdem lie├č mich der Gedanke in den folgenden Tagen nicht los und ich suchte dann doch einen Paketservice heraus, der die Sendungen bei mir abholen w├╝rde. Das brachte mich schlie├člich auf die Idee, auch zum Einkaufen das Haus nicht mehr zu verlassen. Ich gab eine Anzeige auf der Homepage meiner Heimatstadt auf und tats├Ąchlich meldete sich ein Sch├╝ler, der einen Nebenverdienst suchte. Von nun an ging er alle zwei Wochen f├╝r 6 Euro pro Stunde f├╝r mich zum Supermarkt und deckte mich mit Tiefk├╝hlpizzen, Mikrowellengerichten und T├╝tensuppen ein. Lediglich zum Getr├Ąnkeholen ging ich selbst zum Kiosk, schlie├člich war es nur ein Weg von zwei Minuten und der Getr├Ąnkeverbrauch lie├č sich schlecht kalkulieren.

Ich war mittlerweile dazu ├╝bergegangen, einen An- und Verkauf per Ebay zu betreiben. Meine eigenen B├╝cher und DVDs waren zur Neige gegangen und nachdem ich auch alles andere, wie CDs und einige Kleidungsst├╝cke, verkauft hatte, war ich gezwungen, mir etwas einfallen zu lassen. Arbeitslosengeld bekam ich l├Ąngst nicht mehr und Hartz IV war zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel. Ich handelte anfangs mit Computerkomponenten, bis ich per Zufall die fantastische Welt der Trading Card Games entdeckte. Die Ware war kleiner, leichter und einfacher zu versenden; die Preise, die ich als gut informierter H├Ąndler nehmen konnte, waren hingegen deutlich h├Âher und auch stabiler als im Hardware-Bereich. Ich kaufte ganze Sammlungen zu Spottpreisen, sortierte die Karten und verkaufte sie anschlie├čend einzeln oder in bestimmten Decks weiter. Im Gro├čen und Ganzen kam ich so sehr gut ├╝ber die Runden.

Jedes Jahr ehrte ich den Tag, an dem ich Nerd geworden war, ganz besonders. Es war der einzige Feiertag, den es in meiner Religion noch gab. Weihnachten, Ostern, Silvester? Egal. Es gab schlie├člich Zeitzonen und auch L├Ąnder, die diese Tage nicht feierten. Es fand sich immer jemand zum Chatten. Aber mein Jahrestag war mir heilig. An diesem Tag tat ich nur Dinge, die mir wirklich Spa├č machten. Ich chattete, cyberte, spielte und surfte, aber das Postfach f├╝r meinen Shop blieb geschlossen und auch Ebay besuchte ich nicht. Ich lie├č an diesem Tag Revue passieren, was das Nerdtum mir geschenkt hatte. Und es war nicht wenig. Ich hatte einen sich st├Ąndig erweiternden Horizont bekommen; fantastische und interessante Freunde, ein abwechslungsreiches Sexleben und einen Job, f├╝r den ich kaum etwas tun musste. Das Nerdtum gab mir meinen inneren Frieden und es ern├Ąhrte mich. Gott war ein Computer und er hatte eine Standleitung, dessen war ich mir sicher.

Meine Interessen erweiterten sich unaufhaltsam. Ich konnte inzwischen zu fast jedem Thema etwas sagen, v├Âllig egal, ob ich auf Musik, Sport oder Politik angesprochen wurde. Ich war ein wandelndes Lexikon, obwohl das Wort ÔÇ×wandelndÔÇť sicherlich nicht ganz passend war. Der weiteste Weg, den ich regelm├Ą├čig zur├╝cklegte, war der zum Kiosk. Die Seite www.imdb.com h├Ątte man ohne weiteres durch mich ersetzen k├Ânnen. Ich kannte jeden verdammten Film, war bei jeder Serie auf dem Laufenden. Ich war gn├Ądig genug, mein brachiales Wissen mit anderen zu teilen, indem ich f├╝r Film-, Musik- und Spieleseiten Reviews schrieb. Auch war das Walkthrough-Archiv auf meiner Homepage kurz nach seinem Upload schon legend├Ąr. Es war penibel recherchiert und immer auf dem aktuellsten Stand. Wer in einem Spiel, ganz gleich, ob es f├╝r PC oder Konsole war, nicht weiterkam, fand bei mir Hilfe. Ich war auf dem besten Wege, meinem Gott, dem allwissenden und g├╝tigen Internet, gleich zu werden. Denn tats├Ąchlich glich ich ihm in vielerlei Hinsicht. Ich hatte jegliche Vorurteile hinter mir gelassen. Vor mir waren alle User gleich. Ich verf├╝gte ├╝ber ein immenses Wissen und teilte dies gern. Ich war immer erreichbar, um meinen Sch├Ąfchen zu helfen. Auch mein Verlangen nach einem Sexpartner aus Fleisch und Blut hatte vollst├Ąndig aufgeh├Ârt zu existieren. Worte und Smilies waren zu meinen Z├Ąrtlichkeiten geworden; der stumme Blick der Kamera f├╝hlte sich an, als wandere eine vor Lust zitternde Hand ├╝ber meinen K├Ârper. Fr├╝her war ich ein eifers├╝chtiger Mensch gewesen. Jetzt nicht mehr. So wie ich mich selbst teilte, sollten sich auch andere teilen. Jeder sollte die Freuden meiner Religion auskosten, auf dass dieser Glaube wachsen und gedeihen w├╝rde.

Ich kann im Nachhinein nicht sagen, wie lange mein Gl├╝ck w├Ąhrte. Ich wei├č nur noch, dass es im sp├Ąten Herbst oder Winter endete. Eigentlich begann der Tag mit einer Normalit├Ąt, die ans Banale grenzte. Ich stand im Halbdunkel auf, schob eine Tiefk├╝hlpizza in den Ofen und a├č diese hastig, nachdem ich geduscht und mich angezogen hatte. Erst, als ich von der K├╝che zur├╝ck in den Wohnraum gehen wollte, bemerkte ich die kleine orange Karte, die jemand unter der T├╝r durchgeschoben hatte. Ich hob sie auf und stellte fest, dass sie von der Postfiliale stammte. Offensichtlich hatte ich das Klingeln des Paketboten nicht geh├Ârt, denn die Karte stellte sich als Paketbenachrichtigung heraus. Ich erschauderte. Denn das hie├č, ich w├╝rde zur Post gehen m├╝ssen. Ich hatte meine Behausung schon seit einer ganzen Weile nur noch verlassen, um zum Kiosk zu gehen. Die Post hingegen lag deutlich weiter entfernt. Ich erinnerte mich zwar vage an den Weg, aber allein der Gedanke, unterwegs mit der Unvollkommenheit der ÔÇ×MenschenÔÇť konfrontiert zu werden, erschien mir absurd. Ich kramte mein Telefon unter dem Bett hervor, rief das Online-Telefonbuch auf und suchte die Nummer der Postfiliale heraus. Vielleicht w├╝rden sie es einfach am n├Ąchsten Tag ausliefern. Die Zeit dr├Ąngte zwar, denn ich war knapp bei Kasse und wusste, dass es sich bei dem Paket nur um die erwartete Lieferung von Trading Cards handeln konnte, aber ein Tag w├Ąre zu verkraften gewesen. Das Freizeichen ert├Ânte, aber niemand hob ab, als ich die Nummer w├Ąhlte. Ich entschied, es einfach sp├Ąter zu versuchen und setzte mich an den Computertisch.

Ich achtete nicht auf die Zeit, denn sie hatte keine wirkliche Bedeutung. Ich lebte in jeder Zeitzone. Daher bemerkte ich zu sp├Ąt, dass es bereits dunkel vor dem verhangenen Fenster geworden war. Die Post hatte nun vermutlich geschlossen. Ich nahm mir fest vor, mich auf den Weg zu machen, sobald es wieder hell geworden war. Da es bis dahin noch dauern w├╝rde, machte ich mich an erfreulichere Dinge. Ich ├╝bersetzte zwei Walkthroughs f├╝r meine Homepage ins Englische, anschlie├čend spielte ich die Erweiterung eines anderen Spieles, deren Download in der Nacht fertig geworden war. Sp├Ąter scannte ich die Reste der Trading Cards, die ich noch unter dem Bett stehen hatte, und stellte sie auf den entsprechenden Boards ein.

Der Morgen kam schneller, als ich es erwartet hatte. Vielleicht war es auch mein Unterbewusstsein, das mich wieder und wieder daran erinnerte, dass ich bald in die unvollkommene Welt der ungebildeten, intoleranten und eingeschlechtlichen ÔÇ×MenschenÔÇť hinaus musste. Ein Blick auf mein Konto verriet mir, dass ich leider keine Wahl hatte. Die letzten Auktionen und Verk├Ąufe hatten nicht genug Ums├Ątze gebracht und ich brauchte dringend neue Ware. Ich lud also einige mp3s auf meinen Player und stand vom Computer auf. Als w├╝rde mein K├Ârper sich dagegen str├Ąuben zog ich meine Jacke an, steckte dann die Kopfh├Ârer des Players in die Ohren und drehte die Lautst├Ąrke voll auf. Ich wollte nicht mehr als n├Âtig von dem Feindland mitbekommen, das ich zu durchqueren hatte. Widerwillig ging ich zur T├╝r und n├Ąherte mich dem Ausgang zur Stra├če.

Die ersten Meter waren vertraut. Der k├╝hle Nebel lie├č die Stra├če real erscheinen, so wie sie in vielen virtuellen Welten eben aussah. Es erinnerte mich an meine Jugend in Bristol. Damals, kurz nachdem ich mit meinem Vater dorthin gezogen war, war ich oft morgens durch die vernebelten Stra├čen gewandert, so wie ich es jetzt tat. Dann jedoch lie├č ich den Kiosk hinter mir und desto weiter ich mich von ihm entfernte, desto unwohler f├╝hlte ich mich. Die Luft war schneidend kalt, obwohl kein Wind wehte und ich zog die Jacke enger zusammen. Zum Gl├╝ck hatte ich den mp3-Player. Hip Hop war jetzt genau das Richtige. Das hatte ich schon als Kind so empfunden. Ich war oft mit dem Skateboard zur Schule gefahren und hatte ├╝ber meinen alten Walkman Hip Hop geh├Ârt. Ein Hauch von Nostalgie beschlich mich, trotzdem behielt das Unbehagen die Oberhand. Ich war froh, als ich endlich um die letzte Ecke bog.

Doch die Post war nicht da. Ich konnte mich unm├Âglich auf den paar Metern verlaufen haben. Ich kannte die Stadt doch schon seit Jahren! Trotzdem, da war keine Post. Da war ein ehemaliger Supermarkt mit eingeschlagenen Scheiben und zertr├╝mmertem Inventar. Da waren einige Wohnh├Ąuser, aber sie schienen verlassen. Hier stand keine Post und hier hatte nie eine gestanden. Eilig durchw├╝hlte ich meine Taschen, konnte aber die Umgebungskarte nicht finden. Komisch, sonst bekam man sie doch automatisch, sobald man einen neuen Bereich betrat. Ich entschied, nach Hause zu gehen und mir den Weg noch einmal auszudrucken.

Der R├╝ckweg war deutlich unheimlicher als es der Hinweg schon gewesen war. Die Gesch├Ąfte, an denen ich vorbei kam, standen leer. Durch die kaputten oder g├Ąnzlich fehlenden Scheiben der Wohnh├Ąuser pfiff nun kalter, schneidender Wind; zerrte an zerfetzten Gardinen. Langsam watete ich durch den Nebel und ging im Kopf s├Ąmtliche M├Âglichkeiten durch. Was konnte geschehen sein? War ich in eine andere Dimenson, Zeit oder Realit├Ąt versetzt worden? Vermutlich. Jetzt musste ich eigentlich nur noch herausfinden, was davon zutraf. Ich betrat vorsichtig eine verfallene Tankstelle und durchsuchte die Tr├╝mmer. Tats├Ąchlich fand ich eine Dose Bier und ├Âffnete sie. Zischend trat die Kohlens├Ąure aus. Also konnte ich die andere Zeit ausschlie├čen. Ich ging zur├╝ck zur Stra├če und hob den rostigen Lenker eines Fahrrades auf, der in einem Vorgarten lag. Sollten fremde Organismen mich angreifen, hatte ich eine Waffe. Trotzdem erschien es mir sicherer, auf dem weiteren Weg diverse Beh├Ąltnisse nach Schusswaffen, Munition und Medi-Packs zu durchsuchen. Wer wei├č, was mir noch kommen w├╝rde.

Meine Suche blieb erfolglos, doch ich erreichte endlich wieder die Stra├če, in der meine Wohnung lag. Ich blickte nach oben zum Dachfenster und tats├Ąchlich schien das beruhigende bl├Ąuliche Licht des Monitors durch die Jalousie. Ich schloss unter Vorbehalt die andere Dimension aus, war aber nicht sicher. Eilig schloss ich die Haust├╝r auf und schlich dann langsam nach oben, den Fahrradlenker zum Schlag bereit. Oben angekommen ├Âffnete ich vorsichtig meine Wohnungst├╝r und lugte hinein. Alles schien so zu sein, wie ich es verlassen hatte. Ich deponierte meine Waffe im W├Ąscheschrank des Badezimmers, denn ich wollte nicht riskieren, dass sie verschwand. Stattdessen bewaffnete ich mich mit einem Messer aus der K├╝che. Dann wagte ich mich ins Wohnzimmer vor. Auch hier fand ich keine ungebetenen Besucher vor. Mein Blick fiel auf den Monitor des Download-Rechners. Alle Downloads waren abgebrochen, mit dem Vermerk ÔÇ×Verbindung unterbrochen oder User offlineÔÇť. Sofort st├╝rzte ich zum Schreibtisch und dr├╝ckte wahllos eine Taste, um den Bildschirmschoner des anderen Computers zu deaktivieren.

Ich lie├č das K├╝chenmesser erst sinken, dann fallen, als das Bild zur├╝ckgekommen war. Ich streifte die Jacke ab und warf sie achtlos auf den Boden. Ich hatte verstanden. Ich setzte mich an den Schreibtisch und strich noch einmal z├Ąrtlich ├╝ber die Anzeige des Monitors.

ÔÇ×Mission beendetÔÇť

stand dort, in Arial, Schriftgr├Â├če 36, fett. Dann fuhr ich alle Computer herunter, l├Âschte das letzte Stand By-Blinken der Monitore und wartete.

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"Writers are liars, my dear!" (Erasmus Fry)

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Dominik Klama
???
Registriert: Nov 2008

Werke: 40
Kommentare: 685
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Die perfekt geschriebene Geschichte.
Hoch professionell.
Ein Weltwunder innerhalb der Leselupe.

Mir ging's nicht so, dass ich dachte, sie ist so lang und werde ich es bis zum Ende schaffen, bevor ich nicht mehr kann oder mich was vom PC wegholt. Mir ging's so, dass ich dachte, auf welche altbekannte Mustergeschichte wird es rauslaufen. Denn man kann ja wirklich gar keine neuen Geschichten erz├Ąhlen. Geschichten sind ein wenig wie Internet. Man kann unheimlich viele Dinge in ihnen machen, aber man kann nicht alles in ihnen erleben, was man im echten Leben erlebt. Echtes Leben ist zwar echt, aber meistens keine gute Geschichte. Und die guten Geschichten kennt man alle, sind alle schon mal gemacht worden.

Zum Beispiel, sobald er erotisch zu chatten beginnt und sich daf├╝r eine Scheinidentit├Ąt ausgedacht hat, kommt man sofort auf die Idee, dass er jetzt erotische Begierde auf eine Internetperson entwickelt, die auch eine Scheinidentit├Ąt ist. Dass er sich dann damit anfreunden kann, bisexuell zu sein, hakt diese Lesererwartungen einigerma├čen befriedigend ab.

Dennoch wartet man darauf, dass entweder eine oder mehrere reale Personen in seine Muschel eindringen oder aber, dass er ein Bed├╝rfnis nach solchem Menschen entwickelt - und sie dann vielleicht nicht mehr erreichen kann. Dass beides nicht passiert, steht daf├╝r, dass die Geschichte extrem konsequent und folgerichtig erz├Ąhlt ist.

Aber wie eigentlich jeder Textschluss, den ich lese, entt├Ąuscht auch dieser mich ein bisschen. Es ist dann doch immer noch nicht das ganz Andere, das ich mir von jedem neuen Text erhoffe.

Ich sollte vielleicht mal weiter raus surfen, vielleicht finde ich da was.
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14.11.2015 Forum Lupanum Threads H├Âhe Zeit Aufkl├Ąrung Verteidiger: Es ist genug.

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