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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neu-Isenburg-Blues oder - Gestern haben wir den Matthes zu Grabe getragen
Eingestellt am 10. 10. 2012 17:36


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Lothar Atzert
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Neu-Isenburg-Blues oder - Gestern haben wir den Matthes zu Grabe getragen

Rede selten nur -
So will es die Natur.
Lao-tse, Tao-Te-King, Reclam

Es mu├č wohl um die Weihnachtstage passiert sein, da├č mein Freund Matthias starb. Niemand wei├č Genaueres, das hei├čt er starb alleine in seiner schmuddeligen Ein-Zimmer-Wohnung - Nachbarn sangen vielleicht gerade " O du fr├Âhliche, o du selige ..." packten Gaben aus ... Und erst im darauffolgenden Jahr, im Februar, als die Narren Fasching feierten, fand ihn seine zweite Ex-Frau Gaby.
Freund - ist das ├╝berhaupt ausreichend? "Weg-Gef├Ąhrte" erscheint mir tiefer - allein schon wegen der Gefahr - da zeigt sich erst, wer warhaftig Freund ist und wer nur laues L├╝ftchen.
Apropos ... sein Fenster stand offen, als Gaby ihn fand.
Dazu mu├č ich anmerken, da├č ich zwischenzeitlich im Krankenhaus lag, wo mir einige Verdr├Ąngungen aus dem Fleisch herausgeschnitten wurden - die Krankenschwestern gingen spendabel mit Antibiotika, Diacepham und anderen chemischen Keulen um. Mein Bettnachbar - ich dachte mir damals nicht viel dabei - glich in frappierender Weise im ganzen Habitus dem Matthes, so da├č ich des ├Âfteren ins Gr├╝beln kam, wie leicht sich doch eine Typologie erstellen l├Ą├čt und wie wenig Individuelles im Leben eine Rolle spielt.
Zu dem Zeitpunkt war er schon tot.
Wir hatten uns lange zuvor schon nicht mehr gesehen, da wir beide kein Kraftfahrzeug mehr fuhren und zwischen Neu Isenburg und Bad Vilbel doch einiges an Kilometer lag, aber vor allem die Stadt Frankfurt und ich dar├╝ber hinaus in letzter Zeit nicht mehr gut zu Fu├č war.
Wei├č der Geier, wie lange wir uns kannten - lange genug, um gut genug sagen zu k├Ânnen. So ein gefahrvoller Weg ist ja auch selten kurz. Wir philosophierten, meditierten, rauchten den einen oder anderen Joint zusammen. Des tieferen Philosophierens und Meditierens wegen, wie wir damals meinten - nicht etwa just for fun. Nein, um bewu├čt ins ozeanische Sein einzutauchen.

Aber was hei├čt "gut genug" schon? - ich wu├čte nicht oder wollte nicht wissen, wieviel Alkohol er in realo trank, um das Leben ├╝berhaupt noch irgendwie ertragen zu k├Ânnen. ├ťber diesen einen entscheidenden Punkt, wieviel Seelenschmerz der Einzelne ertragen kann ... philosophierten wir nie! Nur ums Loslassen ging es. Er zeigte mir immer nur diese eine Maske seines Wesens und unterstrich es mitunter durch Hersagen der Kraftworte "OM NAMA SHIVAYA."
Und ich ... lie├č ihn gew├Ąhren, wie es nunmal Fische-Art oder Neptun-Art ist: wozu Grenzen setzen? -Jedem, wie er's will - die Narren beherrschen sowieso ├╝ber den Fasching hinaus l├Ąngst die Welt von heute. Wo Narren herrschen, brauchst du mit Intelligenz garnicht erst kommen, da lachen die sich blo├č schlapp oder schlagen dir die Fresse ein. Es geh├Ârt ja gerade zum Narrischsein, sich von intelligenteren, also klareren Str├Âmen niemals durchflie├čen, geschweige beeinflussen zu lassen. Deshalb sagt man auch bei uns in Hessen: "Jedem Narr sei' Kapp." - die Kappe ist das H├Âchste, der h├Âchste Gott EGO - Ich-Chef!

In solchen und ├Ąhnlichen Sichten ins Wirkliche stimmten wir ├╝berein - was sollten da also Kleinlichkeiten, wie "blo├č kein Alkohol! - blo├č keine Drogen!" - wir wussten, da├č die NARRENDROGEN in ihrem Sucht- und Zerst├Ârfaktor tausendf├Ąltig schlimmer waren und die Erde deshalb in zunehmendem Ma├če in Gefahr geriet. Narrendrogen, wie "Esoterik" "Wissenschaftlichkeit" oder Glaube an Fortschritt des Abendlandes, Beweisbarkeit, Karriere, Titel f├╝r kollektive Anerkennung und so weiter und so fort - da sind's alle geil drauf!
F├╝r uns galt eher: blo├č kein blo├č kein! - kein Moralistengetue ... "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" (Heraklit)
Weggef├Ąhrte auf der Fahrt ... Aber was mich ├╝berraschte, war eben, da├č er diesen Verfall im sogenannten KALI-YUGA, dem finsteren Zeitalter, nicht ertrug und sich mit Alkohol bet├Ąuben musste, um die Maske des tapferen Kriegers vor sich selbst aufrecht erhalten zu k├Ânnen. Wie sollte ich es auch wahrnehmen, mit der Veranlagung ... alles flie├čt, et cetera, et cetera ...

So trugen wir ihn bzw. seine Asche gestern zu Grabe, wobei seiner ersten Frau eine tragende Rolle zukam. (jetzt wei├č ich pl├Âtzlich wieder, was tragisch bedeutet.) Monika - so will ich sie zu ihrem Schutz nennen - die esoterische Monika, tanzend, meditierend, theaterspielend - sie leitet ein entsprechendes "Kulturzentrum" - arbeitete ein Ritual aus, welches dem Verstorbenen die Wege zum Licht der Anderswelt weisen solle. Monika, die fr├╝her ausgeschlossene Wegweiserin, das hatte was. Woraus sie die Sicherheit ihrer Weisungsbefugnis f├╝r m├Ąchtige Geister jetzt nahm, das wieder entzog sich mir und so lie├č ich auch sie machen, wie sie es meinem Weg-Gef├Ąhrten machen zu m├╝ssen glaubte. .... Die Leit-Utensilien waren in etwa: eine anthroposophisch anmutende Handrhythmusbimmel, zartviolett in der Klangfarbe, Blumen, Kerzen und Salbworte mit obligatem W├╝rdeblick...

Ein einziges mal lie├č er, der ansonsten Unnahbare und vom Vater Mi├čhandelte, sich von mir ├╝berrennen: ich schw├Ąrmte ihm von der S├Ąngerin DIDO solange vor, bis er sie auch mindestens mochte und wir stundenlang ihre Musik h├Ârten - bis ihm dann doch die Begr├╝ndung dieser meiner Dauerinfektion zu langweilig wurde, und er wieder zum Einfachen - "OM NAMA SHIVAYA" - zur├╝ck kehrte.
Er hielt sich auch f├╝r die Reinkarnation von Friedrich Nietzsche, zitierte ihn, oder druckte seine Worte aus, um andere am ├ťbermenschentum zumindest verbal teilhaben zu lassen. Wer ihn nicht kannte, wird das f├╝r doof halten, aber ich kannte ihn ja ... halte es zumindest auch heute noch f├╝r denkbar - selbst eingedenk der Tatsache, da├č die Irrenanstalten voll sind, mit Hundertschaften von Nietsche-Inkarnationen, sowie allem, was Rang und Namen hat.
Auch das nahm ich also eher gelassen hin.

Als ich gegen Mittag los wollte - die Beerdigung sollte um 13.30 Uhr statt finden - fragte ich mich, was ich ihm als Grabbeigabe mitgeben k├Ânne. Da war mir pl├Âtzlich, als spr├Ąche er zu mir: "Hey Alder, Du wei├čt es genau!"
Und mir fiel spontan die Episode ein: wir wollten Cannabis rauchen, doch er hatte kein Zigarettenpapier mehr. Da packte ich mein kleines Pfeifchen aus und er geriet ins Lachen und prustete: "Och! - e Kaw├╝mmche hat er!- goldig!" - seine kindliche Gier wollte es augenblicklich besitzen und er bot mir nacheinander immer mehr zum Tausch an. Die halbe Bibliothek schlie├člich, vollgespickt mit Rarit├Ąten und Erstausgaben h├Ątte ich haben k├Ânnen, wahrscheinlich als Draufgabe seine Seele - so war er eben - doch ich blieb hart - ich hatte ja sonst kein Rauchwerkzeug und irgendein Besitz interessierte mich sowieso nicht. Daf├╝r r├Ąchte er sich mit DVD-Gucken - "DER HERR DER RINGE." Drei Stunden lang. Das war ein Punkt, wo wir gegenteiliger Auffassung waren: er wollte, als Krebs, die Bilder anderer sehen, mit denen er sich identifizierte - und ich, der Steinbock, h├Ârte zeitlebens eher ins eigene Innere, da es mir der direktere Weg zur Klarheit schien. Und weil sich beide Anschauungen, KREBS und STEINBOCK, gegen├╝ber stehen ... hatten wir einiges voneinander.
Das Kaw├╝mmchen wollte er also haben ... ja gut, so soll es sein ...

Wo lernte ich ihn kennen ... - das war ... es mu├č im zweiten oder dritten Semester des Kunststudiums auf der HfG Offenbach gewesen sein, da ich ├Âfters zum "Middle Earth" fuhr, dem renomierten Frankfurter Kultladen f├╝r Spirituelles. Gleich beim Betreten st├╝rzte sich Hans Hinrich "Dicky" Taeger auf mich, der damals gerade seine Doktorarbeit ├╝ber Hoffmanns Lysergs├Ąuredi├Ąthylamid schrieb und fragte nach meinen Erfahrungen mit der Droge. Heute ist er "Star"-Astrologe in S├╝dfrankreich.
Inge, die Ladeninhaberin und Mitkommilitonin fragte ich, ob sie vielleicht wisse, wer eine Wohnung oder Zimmer oder wenigstens Dach vermiete. - Ja, sie wu├čte von jemandem, einem Lama-Govinda-Fan, der gerade nach Indien fahren wolle, der Erleuchtung wegen, und sein Zimmer in Neu Isenburg vermietete.
Anderntags fuhren wir mit dem Rad von Bockenheim aus dort hin. Dieser Lama Govinda, ein Deutscher ├╝brigens, das stellte sich sp├Ąter heraus, wurde als die Reinkarnation des Dichters Novalis gehandelt. Was jener in "Die J├╝nglinge zu Sais" noch theoretisch beschrieb, verwirklichte dieser in seinem Orden "Arya Maitreya Mandala."
So lernte ich Matthias' erste Frau Monika kennen (ich war sogar Trauzeuge bei der Hochzeit, f├Ąllt mir gerade ein - deshalb wurde das auch nix) und zog wenig sp├Ąter mitsamt der Rotstirnamazone D├Âlma in sein Zimmer, w├Ąhrend er erst mal f├╝r ein viertel Jahr nach Indien fuhr.
Monika hatte panische Angst vor der allerliebsten, allerfriedlichsten D├Âlma, was auf Sanskrit TARA hei├čt - die G├Âttin der Barmherzigkeit, die gleich noch eine Rolle spielen sollte. ... sowieso hatte sie vor allem Angst, am meisten jedoch, irgendwo nicht dazu zu geh├Âren. Was sie dazu brachte, nach einem ├Ąu├čeren "Dazugeh├Ârigkeitskonzept" zu suchen.
Als Matthes sp├Ąter zur├╝ck kam, brachte er neben schwarzem Afghan, sowie vielen spannenden Erz├Ąhlungen sein "OM NAMA SHIVAYA" mit. Das war ihm, wie dem Schiff sein Anker, sein Halt im Haltlosen. So ungef├Ąhr.
(F├╝r die, die sich in Hinduismus nicht auskennen: von der Trinit├Ąt BRAHMA, SHIVA, VISHNU ist Brahma das Sch├Âpferprinzip, Vishnu das Erhaltende und Shiva der aufl├Âsende Aspekt.)
Viele Anekdoten sind ├╝ber ihn im Umlauf. Ich m├Âchte nur noch die eine herausgreifen: als Matthes einmal im Isenburg-Zentrum die Haare geschnitten haben wollte, gab man ihm zu verstehen, da├č dies beim Damenfriseur nicht m├Âglich sei, worauf er zum n├Ąchsten ├Âffentlichen Telefon ging und eine Bombendrohung aussprach - was ein komplettes und aufwendiges R├Ąumen des doppelst├Âckigen Geb├Ąudes durch Polizei und Feuerwehr zur Folge hatte.
Er selbst kam schadlos aus der Nummer heraus, denn er war zu dem Zeitpunkt schon der stadtbekannte Depp von Isenburg.

Kaum in der Trauerhalle angekommen, packte die aus dem Schwabenland angereiste Monika ihr Rudolf-Steiner-Set aus, legte eine Blume auf die Urne und begann bimmelnderweise, die lichten Geister zu beschw├Âren. Das war f├╝r mich der Zeitpunkt, das Kaw├╝mmchen auszupacken, es auf dem Aschebeh├Ąlter zur Blume legend.
Als sie dies sah, verlor sie f├╝r einen Moment alle Conte...dingsda, die Fassung, um die verdammungsw├╝rdig-blasphemische Freveltat sodann mit angehobener Stimme ins Ritual einzubauen ... da├č er doch in der Anderwelt endlich m├Âge zum Besseren sich wenden und auf den b├Âsen, b├Âsen Rauch und all die s├╝chtigmachenden Drogen und Verf├╝hrer verzichte - und schlo├č inbr├╝nstig mit dem Mantra der Barmherzigen "OM TARE TU TARE TURE SVAHA"

Zu zw├Âlft waren wir - ganze vier Angeh├Ârige, (zwei Frauen, zwei S├Âhne) vier Freunde, vier Saufkumpane, Jahreszeiten, Quadranten ... sozusagen f├╝r jeden Tierkreisabschnitt einer, schritten hinter dem her, was vom Matthes noch ├╝brig war - ein H├Ąufchen Asche.
Oben, im Baum, auf einem Zweig, sang ein Buchfink. ...

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