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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neuanfang
Eingestellt am 12. 12. 2004 23:21


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chriss
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2004

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Kommentare: 1
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Langsam lie├č sie ihren Blick ├╝ber die glitzernde Meeresoberfl├Ąche wandern, w├Ąhrend sie ihren Wagen achtsam ├╝ber die kurvige K├╝stenstra├če lenkte. Stolz schien der friedliche Ozean sein sch├Ânstes Blau zu pr├Ąsentieren, all die Gefahren die er barg waren an diesem Tag wie weggesp├╝lt. Beinahe vertr├Ąumt wandte sie ihren Blick und blinzelte in die kr├Ąftige Mittagssonne, die die Landschaft in glei├čendes Licht tauchte. Die karge Szenerie war gepr├Ągt von einigen palmenartigen Gew├Ąchsen, deren Bl├Ątter sanft in der leichten Meeresbrise wippten; anderes Leben lie├č das hei├če Klima hier kaum zu. W├Ąhrend sie all diese begeisternden Eindr├╝cke auf sich einwirken lie├č, blickte ihr Mann weiterhin angespannt auf die enge Fahrbahn. Sie wusste, dass er es hasste, lange Strecken mit ihr zur├╝cklegen zu m├╝ssen. Er hatte sie noch nie f├╝r eine gute Autofahrerin gehalten, ja weigerte sich fr├╝her sogar standhaft neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Fr├╝her ÔÇô denn seit seinem Unfall hatte sich so einiges in ihrem Leben ge├Ąndert. Vor auf den Tag genau einem Jahr war es, da wurde f├╝r ihren Mann der schlimmste Albtraum Realit├Ąt. Die ├ärzte hatten alles in ihrer Macht stehende versucht, doch lie├č seine schwere R├╝ckenmarksverletzung selbst die Spezialisten an ihre Grenzen sto├čen. Ihre Diagnose traf ihn wie ein Hammerschlag: Er war vom dritten Brustwirbel abw├Ąrts gel├Ąhmt, ein Kr├╝ppel ÔÇô wie er fr├╝her selbst gerne zu sagen gepflegt hatte. Ein Ausdruck, der ihm heute weit weniger zusagte, denn nicht selten war er nun schon in seine Richtung gemurmelt worden.
Das letzte Jahr war hart f├╝r ihren Mann gewesen. Zwar war es ihm dank der Zeit in der Rehabilitationsklinik nun durchaus m├Âglich, das allt├Ągliche Leben ohne st├Ąndige fremde Hilfe zu bew├Ąltigen, trotzdem aber war er auf sie angewiesen. Eine Tatsache, die auch ihre Beziehung schwer belastet hatte. Es waren gro├če Umstellungen auf die beiden zugekommen ÔÇô er hatte sich vom selbstbewussten, erfolgreichen Mann im Haus zum hilfsbed├╝rftigen, unzufriedenen Hausmann gewandelt. Seine steten Depressionen sowie der damit einhergehende Verlust des Freundeskreises sowie die Aufgabe der bisher gemeinsam gepflegten Hobbys h├Ątten sie beinahe in eine unl├Âsbare Beziehungskrise gest├╝rzt. Doch trotz alledem hatte sie stets zu ihm gehalten, war stets f├╝r ihn da gewesen. Bei der Bew├Ąltigung all seiner Sorgen und N├Âte hatte sie sich immer wieder als gute Zuh├Ârerin und tatkr├Ąftige Unterst├╝tzung bewiesen. Und auch wenn ihr Mann sie nur z├Âgerlich um ihre Hilfe bat, erkannte er doch bald dass auf sie durchaus Verlass war. Ihre Liebe zu ihm schien unbegrenzt ÔÇô eine Liebe, der er wohl erst seit seinem Leben im Rollstuhl richtig zu sch├Ątzen wusste.

So waren sie nun unterwegs zu dem kleinen Ferienhaus, in dem sie vor seinem Unfall so manch sch├Ânen Sommer verlebt hatten. Es lag im S├╝den des Landes, direkt am wundersch├Ânen Sandstrand mit Blick auf die endlos scheinenden Weiten des Meeres. Es war nicht besonders gro├č und keinesfalls komfortabel eingerichtet, doch war es perfekt f├╝r sch├Âne Stunden zu zweit. Wie gerne erinnerte sie sich an die zahllosen abendlichen Spazierg├Ąnge durch den noch warmen Sand, der so zart ihre Zehen umspielte. Wie oft waren sie einfach nur dagesessen und hatten den malerischen Sonnenuntergang betrachtet, und jedes Mal waren sie wieder fasziniert wie die Sonne als brennender Feuerball im Meer versank. Unter Tags verbrachte sie ihre Stunden mit Vorliebe auf der kleinen Veranda, zur├╝ckgelehnt in ihrem Sonnenliege und einfach nur ihren Gedanken nachh├Ąngend. Ihr Mann war da anders. Nur kurz konnte er es sich mit einem guten Buch in der Sonne gem├╝tlich machen ÔÇô doch bald schon war er wieder im Meer verschwunden, um zu schwimmen, zu surfen oder beim Schnorcheln die sch├Ânsten Muscheln f├╝r sie heraufzutauchen. Er brauchte die sportliche Bet├Ątigung, f├╝r ihn war sie der perfekte Ausgleich zum stressigen Berufsleben. Auch war er handwerklich sehr begabt, kleine Reparaturen am Haus f├╝hrte er mit gro├čer Freude und viel Geschick am liebsten selbst durch ÔÇô und genau diese Freude wurde ihm an jenem Tag vor einem Jahr zum Verh├Ąngnis.
Ein starker Sturm hatte Teile des Daches abgedeckt und so lie├č er es sich nicht nehmen die Behebung des Schadens Tags darauf in Angriff zu nehmen. Schon zeitig am Morgen stieg er aufs Dach um den Schaden zu begutachten und mit der Reparatur zu beginnen; er wollte sie noch vormittags zu Ende bringen um der erbarmungslosen Mittagssonne zu entgehen. Die Arbeit schien gut voran zu gehen, so entschloss er sich am fr├╝hen Vormittag eine kleine Pause einzulegen und sich im durch das n├Ąchtliche Unwetter k├╝hlen Meer zu erfrischen. Niemand konnte sagen wie es genau passiert war, wohl d├╝rfte er mit seinen noch feuchten Sportschuhen auf den Sprossen der Holzleiter abgerutscht und mitsamt der Leiter nach hinten gekippt sein. Ungl├╝cklicherweise hielt sie sich zu diesem Zeitpunkt im Inneren des Hauses auf und nahm von seinem Sturz erst Notiz als er, aus einer kurzen Ohnmacht erwacht, Minuten sp├Ąter um Hilfe rief. Zwar war die Rettung sofort alarmiert und schneller als erwartet bei dem abgelegenen Ferienh├Ąuschen eingetroffen, doch konnten die ├ärzte sie wenig sp├Ąter nur mehr von dieser f├╝rchterlichen Diagnose in Kenntnis setzen.
Seit seinem Unfall hatten die beiden ihr Feriendomizil nie wieder betreten, die Angst vor all den Erinnerungen und damit verbundenen Gef├╝hlen war einfach zu gro├č gewesen. Doch heute wollten sie einen Neuanfang versuchen. Lange hatte sie ihren Mann davon ├╝berzeugen m├╝ssen, sich an diesem Wochenende zu ihr ins Auto zu setzen und sich seiner ├ängste zu stellen. Es w├╝rde nicht leicht werden, dessen war sie sich bewusst ÔÇô und doch sah sie in diesem Wochenende die einzige Chance, ein wenig mit all den Erlebnissen des letzten Jahres abzuschlie├čen und wieder etwas positiver in die Zukunft blicken zu k├Ânnen.
L├Ąchelnd neigte sie sich zu ihrem Mann, wandte den Blick kurz von der Stra├če und dr├╝ckte ihm einen Kuss auf die Wange. Verunsichert blickte er in ihre Augen, die innerliche Anspannung war ihm deutlich anzusehen. Noch nie war er ihr so hilfsbed├╝rftig, ja so zerbrechlich erschienen wie in jenem Moment. Wortlos nahm sie ihre Hand vom Schaltkn├╝ppel und legte sie auf seine Schulter. Z├Ąrtlich begannen ihre Finger mit seinem blonden gelockten Haar zu spielen. Das Wochenende w├╝rde ihnen gut tun.

Schon wenig sp├Ąter sa├čen sie auf der kleinen Veranda und blickten vertr├Ąumt auf die langsam im Meer versinkende Sonne. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie ihren Mann, auch er wirkte entspannt und zufrieden. Er hatte seit ihrer Ankunft noch nicht viel gesprochen, doch war sie sich sicher, dass auch er nach diesem Ausflug wieder ein anderer sein w├╝rde. Die Lebensfreude schien ein St├╝ck weit in ihn zur├╝ckgekehrt zu sein, schon mehrmals war ihr heute wieder jener wundervolle Glanz in seinen Augen aufgefallen, in den sie sich vor Jahren verliebt hatte. Schweigend l├Ąchelte sie in sich hinein und verfolgte wie ein letzter roter Streifen vom Ozean verschlungen wurde und die Finsternis allm├Ąchtig wurde.

Verwirrt ├Âffnete sie ihre Augen, ein lautes Ger├Ąusch hatte sie geweckt. Verschlafen tastete sie mit der Hand nach ihrem Ehemann, doch das Bett zu ihrer Linken war leer. Auch war es nicht warm und die Bettdecke schien unben├╝tzt zu sein. Unsicher hob sie ihren Kopf und blickte im dunklen Raum umher. Weder eine Spur von ihrem Mann noch von seinem Rollstuhl, denn sie sonst so sorgf├Ąltig neben seinem Bett parkten. Schlagartig machte sich Angst in ihr breit. Hastig entstieg sie dem Bett und tastete sich durch die Dunkelheit zur Schlafzimmert├╝re. Sie stand einen Spalt breit offen, und das obwohl sie sich sicher war, diese vor dem Zubettgehen geschlossen zu haben. Gerne h├Ątte sie nun nach ihrem Mann gerufen, doch schien ihre Kehle wie zugeschn├╝rt. So sehr sie sich auch abm├╝hte, sie brachte keinen Ton heraus. Panikartig durchquerte sie den Wohnraum, stie├č dabei an unz├Ąhlige Gegenst├Ąnde die sie auf Grund der Finsternis nicht ausmachen hatte k├Ânnen und ├Âffnete die Verandat├╝re. Kr├Ąftiger Wind umspielte ihre Beine als sie ins Freie trat.
Eine eiskalte Hand legte sich um ihren Hals. Mit festem Druck wurde ihr schlagartig der Atem genommen, verzweifelt rang sie nach Luft. In Todesangst begann sie um sich zu schlagen, doch veranlasste ihn das nur, seinen Griff noch enger zu ziehen. Pl├Âtzlich lie├č der Unbekannte von ihr ab und stie├č sie brutal gegen die Hausmauer. Kraftlos fiel sie in sich zusammen und schlug ungebremst auf dem harten Bretterboden auf. Ihr Peiniger beugte sich zu ihr hinab, griff sie an den Haaren und zerrte sie daran in die H├Âhe. Mit letzter Kraft versuchte sie sich von ihm abzuwenden und sich seinem Griff zu entrei├čen. Doch war er viel st├Ąrker als sie und zwang sie nun, ihm genau in seine Augen zu schauen. Was sie erblickte lie├č ihr das Blut in den Adern gefrieren. Vor ihr stand ihr Mann, dessen eiskalte Augen sie durchbohrten. Er schien stark betrunken zu sein. Sein hasserf├╝llter Blick drang tief in sie ein, ehe er zum letzten Schlag ausholte.

Schwei├čgebadet schreckte sie hoch. Dunkelheit umgab sie. Alles war nur ein f├╝rchterlicher Albtraum gewesen -dessen wurde sie sich rasch bewusst, als sie ihren Mann friedlich schlafend neben sich erblickte. Einer jener immer wiederkehrenden Albtr├Ąume, die sie seit dem Unfall ihres Mannes plagten. Verdr├Ąngte Erinnerungen an die Zeit vor seinem Unfall. Denn die war nicht immer so friedvoll gewesen. Dar├╝ber konnten auch sch├Âne Erinnerungen an die gemeinsamen Urlaube nicht hinwegt├Ąuschen. Oft war er betrunken nach Hause gekommen, wieso hatte sie nie zu fragen gewagt. Und wenn er getrunken hatte, lie├č er sie seine Macht sp├╝ren. Wie oft hatte sie im B├╝ro und vor Freunden lebhaft von einem Sturz ├╝ber die Stiege oder anderen unglaubw├╝rdigen Missgeschicken erz├Ąhlen m├╝ssen. Ob man ihr jemals geglaubt hatte, bezweifelte sie bis heute. Und doch war sie nicht f├Ąhig gewesen, jemandem die Wahrheit anzuvertrauen ÔÇô wohl aus Scham und Furcht zugleich. Irgendwann hatte sie aufgeh├Ârt all die angsterf├╝llten Stunden zu z├Ąhlen, die sie einsam weinend zu Hause verbracht hatte. Und doch war ihre Erl├Âsung eines Tages genaht.

Sanft k├╝sste sie seine Stirn, bevor sie sich zufrieden an ihn schmiegte. ÔÇ×Nun ist alles besserÔÇť, dachte sie noch bevor sie ihre Augen wieder schloss, ÔÇ×wie leicht die alte Holzleiter doch zu pr├Ąparieren warÔÇŽÔÇť

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"Wer einen wirklich klaren Gedanken hat, kann ihn auch darstellen. Ist der Geist einmal der Dinge Herr, folgen die Worte von selbst."

Michel de Montaigne

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flammarion
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hm,

gut konstruiert und doch unglaubw├╝rdig. der typ w├╝rde weitersaufen und brutal sein, sich dabei aber ziemlich l├Ącherlich machen.
lg
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Old Icke

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