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Leselupe.de > Humor und Satire
Neudeutsch
Eingestellt am 30. 06. 2009 18:25


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Claus Ritterling
Hobbydichter
Registriert: Dec 2008

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Das Experiment

Es war schon immer mein Traum, ein Wort in die Welt zu setzen, das Eingang in den deutschen Wortschatz findet. Mein Wort im Duden! Sooft ich aber ein Wort erfand oder auch nur eine neue Schreibweise kreierte – die Redakteure machten mir einen Strich durch die Rechnung. Meine Texte kamen an, die neuen Wörter mussten vorher aussteigen.
Wie beneidete ich denjenigen, dem es gelang, das Handy den Deutschen zu schenken! Und erst denjenigen, der mit dem Airbag die ganze Welt beglĂŒckte! Selbst vor dem Erfinder des ostdeutschen Intershop hĂ€tte ich mich tief verbeugt.
Woher der Erfolg dieser Wörter? Wie musste der Geist strukturiert sein, der sie erfand? Wie gelangt man schnell und sicher zu einem neuen Wort, das von der Öffentlichkeit sofort aufgegriffen wird? So sehr ich die einschlĂ€gigen Wissenschaften abfragte, ich bekam keine Antwort. Also musste ich mal wieder meine intuitive Analytik bemĂŒhen, eine krĂ€ftezehrende Prozedur. Dazu versetzte ich mich in Trance, um dann zu deduzieren. Nachdem ich aufwachte, wurde das Deduktionsergebnis zu meinem stĂ€ndigen Tag- und Nachtbegleiter. Und zwar in Form dieser MerksĂ€tze:

1. Das Wort darf in noch keinem Wörterbuch stehen.
2. Es darf nicht aus dem Deutschen kommen noch darf es an ein deutsches Wort erinnern.
3. Es muss seine Wurzeln im Englischen haben.
4. Es muss den Eindruck erwecken, aus dem amerikanischen Englisch zu kommen.
5. Es sollte nach freien Rechtschreibregeln geschrieben werden.
6. Es sollte möglichst viele À-Laute enthalten.
7. Es muss zusammen mit seinem Produkt, fĂŒr das es steht, in einer Großkampagne in Umlauf gebracht werden.
8. Es darf nicht bis auf die Person oder Personengruppe zurĂŒckverfolgt werden, die es erschaffen hat.

Bald schon fĂŒhrte mein tĂ€glich Denken und Trachten nach diesen acht Geboten zu einem Ergebnis. Ich hatte das Wort! Es hieß Shortballad.
Mein Wort erfĂŒllte alle Bedingungen. Frappierend seine Assoziation zur amerikanischen Short Story! Wegen des letzten Punktes, der mir ziemlich missfiel, entschloss ich mich zur AnonymitĂ€t. Ich werde mich o.V. nennen, also „ohne Verfasserangabe“. Hauptsache, mein Wort nimmt seinen Lauf. Nun musste es nur noch kampagnemĂ€ĂŸig angeschoben werden.
Ich stellte es einem Sechszeiler aus meiner SprĂŒchekĂŒche voran, fĂŒr den mir noch kein Titel eingefallen war:


Shortballad vom klasse Arzt

Wenn alle sich fĂŒr dich erwĂ€rmen
und die Patienten von dir schwÀrmen,
bist du als Arzt ein klasse Mann –
der sich davon nichts kaufen kann.
Denn leider klappt es viel zu selten,
dass alle sich fĂŒr dich erkĂ€lten.

Ich schickte den Sechszeiler an zehn Tageszeitungen, zwei HumorblĂ€tter und ein Unterhaltungsmagazin. Schon vier Tage spĂ€ter erschien der Spruch in meiner Heimatzeitung. Zu meiner großen EnttĂ€uschung aber unter „Spruch fĂŒrs Wartezimmer“. Außer zweier redaktioneller Absagen hörte und las ich lange Zeit nichts mehr von meiner Kreation. Zwischendurch erhielt ich ein Belegexemplar des Vereinsblattes meiner Tochter, ĂŒber das ich mich mehr Ă€rgerte als freute. Denn die hatten mein Wort in AnfĂŒhrungszeichen gesetzt. Langsam vergaß ich die ganze Sache.
Dann traf der Brief vom Chefredakteur des ĂŒberregionalen Boulevardblattes ein: Er gratulierte mir dazu, dass ich den literarisch-humoristischen Wettbewerb um die innovativste Spruchweisheit gewonnen hĂ€tte. Besondere Anerkennung zollte mir die Jury dafĂŒr, dass ich mich mit der Shortballad einer klassischen amerikanischen Form bedient und sie der deutschen Leserschaft nĂ€hergebracht hĂ€tte. Nochmals herzlichen GlĂŒckwunsch und einen Verrechnungsscheck ĂŒber dreitausend Euro anbei!
In den darauffolgenden Tagen erhielt ich rund drei Dutzend Belegexemplare von Zeitungen und Zeitschriften, die den Spruch auf ihren Unterhaltungsseiten gebracht hatten. Einige von ihnen hatten solche Shortballads auch schon von ihren Hausautoren abgedruckt. Selbst im Radio trug man sie schon vor. Ich glaube, ich hörte es vom deutschen Kultursender StepandJump in Munich.
So war meine Shortballad bundesmedienweit zu einem Begriff geworden. Ich kann es kaum erwarten, die neue Auflage des Duden in der Hand zu halten.

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