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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neuer Chef: 52cm, 3500gr
Eingestellt am 13. 08. 2002 20:13


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Heike Strobel
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Gibt es ein Leben nach der Karriere? Oder ├╝berhaupt nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben, selbst wenn man keine echte Karriere zustande gebracht hat. Was hei├čt es, jahrelang Morgen f├╝r Morgen vom Schrillen des Weckers aus den Tr├Ąumen gerissen zu werden und das Haus wenig sp├Ąter zu verlassen, um zur Arbeit zu eilen? Und pl├Âtzlich wacht man einfach so auf – oder vielleicht von einem anderen Ger├Ąusch als vom Wecker. Wenn man wei├č, da├č man den ganzen Tag keinen Fu├č vor die T├╝r setzen mu├č, wenn die Lust dazu fehlt, was ist das blo├č f├╝r ein Gef├╝hl? Traumhaft, denkt manch einer. Oh je, wie schrecklich ├Âde, manch anderer. Nichts f├╝r Macher und Nervenb├╝ndel. Die wahre Freude kann es wohl nur f├╝r den sein, der seine neue Zeit mit Sinn und Aufgaben f├╝llt. Wenn eine Mutter eines oder mehrerer Kinder entscheidet, ihren Beruf zumindest vorerst an den Nagel zu h├Ąngen, hat sie einen spannenden und kreativen Schritt getan. Sie z├Ąhlt damit n├Ąmlich zu jener Spezies Frau, die nach dem Willen einiger strebsamer Politikerinnen eigentlich ausgestorben sein m├╝ssten. Schlie├člich verhindert solch egoistisches Denken auch neue Arbeitspl├Ątze f├╝r hochqualifizierte Kinderkundige in Tagesst├Ątten und anderen Institutionen f├╝r Kinderbetreuung. Die mu├č es aber geben, keine Frage. Schlie├člich gibt es eine Vielzahl von Familien, die keine Wahl zu treffen haben. Wer aber freiwillig und bei klarem Verstand die Aufzucht der eigenen Brut w├╝nscht, nimmt l├Ąchelnd hin, wenn eilfertige Beamte bei der Berufsangabe in Formularen einen Querstrich mit zwei Punkten malen. Gar ungeheuerlich mutet es an, wenn eine Frau um die drei├čig mit einem guten Einkommen jenseits der Armuts- und Beitragsbemessungsgrenzen ohne Not den angebotenen Kinderbetreuungsplatz ablehnt. Jedoch welch eine am├╝sante Erfahrung ist es erst, wenn man dem ambitionierten Chef von den neuesten Entdeckungen des wonnigen Babys vorschw├Ąrmt, mit verkl├Ąrtem Blick und bar jeder professionellen Distanz.

Morgens aufzuwachen, wenn das liebliche Baby die ersten T├Ânchen kr├Ąht, ist ein Hochgenuss. Vorausgesetzt, man hat eines der seltenen Exemplare „Es schl├Ąft schon seit seiner sechsten Lebenswoche durch“ abbekommen. Also nehmen wir mal an, das s├╝├če Gesch├Âpf geh├Ârt zu dieser begehrten Sorte, schlie├čt abends brav seine Kulleraugen und wacht fr├╝hestens um 7.30 Uhr wieder auf. Wenn also der rechtschaffene Vater dieses Goldkindes um 6.00 Uhr st├Âhnend aus den Federn steigt, um die Familienkasse aufzuf├╝llen, dreht sich die Berufsverweigerin noch einmal um und schlummert weiter. Strecken sich die Speckbeinchen gen Himmel und die ersten Quietscht├Âne werden laut, ist es Zeit f├╝r den Mutterjob. Wer das allm├Ąhliche Aufwachen mit einem zufrieden nuckelnden Baby an sich gekuschelt dem Morgenmeeting zum Thema „R├╝ckl├Ąufige Kundenzahlen“ nicht vorzieht, sollte sp├Ątestens jetzt nicht mehr weiterlesen, denn es w├╝rde mangels Verst├Ąndnis scheitern. Die Steigerung des Absatzerfolges kratzt die ehemalige Karrierefrau nur noch selten, wenn die kleinen Patscheh├Ąndchen Mamas Frisur neu gestalten, ihr Gesicht und ihre H├Ąnde erforschen und den wertvollen Schmuck als hilfreichen Haltegriff erachten.

Mit frisch gewickeltem Baby gegen 9.00 Uhr die erste Tasse Kaffee schl├╝rfend den Tag zu planen ist dem Termindruck im Beruf deutlich ├╝berlegen. Doch meist ist die Planung nur ein theoretischer Ansatz. Wehe der, die f├╝r ihr Wohlergehen Ordnung und Regeln braucht. Improvisation ist gefragt. Selbst einem noch so anf├Ąngerfreundlichen Menschenkind haftet der Hang zum Chaos an. Wer also nachmittags noch im Nachgewand heruml├Ąuft und gegen 17.00 Uhr ans eigene Mittagessen denkt, die Haarpracht nur noch an der Luft trocknen l├Ą├čt und abends den Briefkasten leert, ist nicht etwa schlampig, sondern frischgebackene Mama.

Perfektionistinnen und Planerinnen sind also vor echte Aufgaben gestellt. Zeit mu├č man haben, ob man will oder nicht. Wer bisher daran gew├Âhnt war, nach Feierabend auf erfolgreich erledigte Aufgaben des Tages zur├╝ckzublicken, lernt schnell, was es hei├čt, abends nicht zu wissen, wo der Tag geblieben ist. Das Gesamtwerk wird erst Beachtung finden, wenn man die eigenen Kinder als „gelungen“ vorzeigen kann. Doch wann ist das so und wer merkt es ? Eigentlich nur die Seele. Die des Kindes und die eigene. Welches Kind - besonders das Baby oder Kleinkind - interessiert sich f├╝r das m├╝tterliche Styling? Wichtiger als ihr Outfit ist ihre Zeit. Genau das, was ihr Chef auch gerne in Anspruch nehmen m├Âchte. Allerdings wird der wohl auch das angemessene Business-Outfit fordern.

Im Laufe eines Berufslebens gilt es hier und da Vorstellungsgespr├Ąche zu meistern. Kaum eine Bewerberin kommt an den ├╝blen Fragen nach Kinderwunsch und Familienplanung vorbei. Als w├Ąre die Situation nicht schon stressig genug, wird entweder schlau umschrieben nach „Privaten Zielen“ gefragt oder plump und direkt die Frage „Wollen Sie auch Kinder?“ formuliert. Wer darauf nicht vorbereitet ist, wird dieses Brennen auf den Wangen erleben, das das Wangenrot aus jeder Schminkschatulle in den Schatten stellt. Hier ist L├╝gen ohne rot zu werden angesagt. Wer das nicht m├Âchte, kann sich den Job abschminken.
Auch das vielgew├Ąhlte „irgendwann vielleicht mal“ l├Ą├čt sogleich Mutterschutz und Elternurlaub wie ein Damoklesschwert ├╝ber dem Haupte der Bewerberin schweben.
Nein, wild entschlossen von sich weisen, die so interessante Welt des beruflichen Erlebens je verlassen zu wollen, ist der einzig wahre unwahre Weg. Kinderlieb sei man ja, aber eigene – niemals, sagt die Favoritin mit ernster Miene.

Ist es dann geschehen, frau ist schwanger und morgens von ├ťbelkeit gequ├Ąlt, beginnt der Eiertanz von Neuem. Die ersten drei Monate der Schwangerschaft gilt es nun zu ├╝berstehen, ohne dass der Chef argw├Âhnt, was man da ausbr├╝tet. Vor der 12. Schwangerschaftswoche ist von einem Gest├Ąndnis dringend abzuraten. Wenn man es schafft, diese umwerfende Neuigkeit f├╝r sich zu behalten, ist im Falle eines „Fehlstarts“ wenigstens kein Karriereknick zu bef├╝rchten. Wer also bla├č von der B├╝rotoilette zur├╝ckkommt, keinen Kaffee mehr trinkt, den obligatorischen Freitagnachmittagsdrink ablehnt und auf Saft umsteigt, mit h├Ąufigen Stimmungsschwankungen und Arztterminen Verdacht erregt, hat schon verloren. Es sei denn, alle Kollegen sind kinderlos. Dann kann eine Grippe, Allergie oder sogar eine Di├Ąt als Ausrede herhalten. Doch wehe der, die eine Mutter in der Kollegenschar hat…

Wenn schlie├člich auch der letzte in der Firma vom bevorstehenden freudigen Ereignis Wind bekommen hat, ist der Abschied in den Mutterschutz meistens nicht mehr weit. Noch ein bi├čchen Resturlaub und die M├╝hsal, jeden Morgen den runden Bauch hinter den Schreibtisch zu quetschen, hat ein Ende. Doch ach! Kaum ist die Zeit des Mutterschutzes angebrochen, das Kinderzimmer eingerichtet, das Haus umger├Ąumt, die Liste aller Notwendigkeiten erledigt, scheint es wieder Zeit, unter die Leute zu gehen. Doch nun ist es beschwerlich. Manchmal f├╝hlt die werdende Mutter sich so beh├Ąbig, dass an l├Ąngere Einkaufsbummel oder Treffen mit Freunden am Abend gar nicht mehr zu denken ist. Wenn jetzt der gl├╝ckliche werdende Vater allmorgendlich hinaus in die weite Welt zieht, bleibt die schwerstarbeitende Schwangere oft recht einsam, bis der Liebste von der Arbeit nach Hause kommt. Wer dann noch die Sorte Mann am Hals hat, die abends n├Ârgelt, wo denn das Essen bleibt und warum kein Bier im Haus ist, dem spielt das Leben in dieser Zeit –und nicht nur dann- ├╝bel mit. Doch hier soll nur der liebende und treusorgende Ehemann Erw├Ąhnung finden, denn die gerade erw├Ąhnte Entartung verdient keine weitere Zeile.

Aber auch der treusorgende und liebevolle Papa in spe wird manchmal gro├če Augen machen. Zum Beispiel, wenn die Umr├Ąumwut seiner Liebsten stark ausgepr├Ągt ist. Dann wird ihn nach dem ├ľffnen der Haust├╝r v├Âllige Orientierungslosigkeit ├╝berfallen und er malt sich einen Lageplan der Wohnung, um sich noch zurechtzufinden. Wenn nun auch noch die Telefonrechnung in seine H├Ąnde ger├Ąt – wovon dringend abzuraten ist – wird sich manch liebenswerter Schwiegermuttertraum in ein Nervenb├╝ndel verwandeln. Nur Mut, ihr armen Mannsgestalten, denn bald bleibt keine Zeit mehr f├╝r Stundentelefonate!

Ist das Baby mit Gebr├╝ll in diese Welt eingezogen und hat sich erst mal eingelebt, kommt auch bald wieder die Zeit, wo das elterliche Leben die Unterschiede zwischen Tag und Nacht erkennen l├Ąsst, eine gewisse Struktur in den Tagesablauf gebracht werden kann und die Figur der frischgebackenen Mama allm├Ąhlich in die alten Klamotten passt. Blo├č in welche ? Das Business-Outfit f├╝llt 90% des Kleiderschrankes, nur kann man weder mit kurzem engem Kost├╝m auf dem Boden herumtollen, noch eignet sich der teure Designer - Blazer f├╝r die unvermeidbaren Milchfleckchen auf der Schulter. Wer stillt, wird den engen Tops nicht mehr sehr viel abgewinnen k├Ânnen, es sei denn, man mag durchschimmernde Stilleinlagen. Eine neue Garderobe muss her. Mit etwas Gl├╝ck kauft man auch gleich die richtige Gr├Â├če. Mitunter jedoch wird die neue Kollektion in ein paar Wochen auch wieder schlapp um die H├╝ften baumeln, denn manch eine wird schlanker denn je bei diesem bewegungsreichen Leben mit einem quietschfidelen kleinen Wirbelwind.
Wenn nun auch die F├╝├če nur noch mit Gesundheitslatschen zufrieden sind, weigern sie sich in die alte schicke Schuhmode zu schl├╝pfen. Die hochhackigen Pumps muten ohnehin zu Jeans und T-Shirt etwas merkw├╝rdig an. Also wird das Baby in das praktische Tragetuch gebunden, wo es sanft durch alle verf├╝gbaren Schuhgesch├Ąfte geschaukelt wird auf der Suche nach flachen und bequemen Schuhen. In dieser Position ist Mamas Allerliebstes wenigstens vor den aufdringlichen Patscheh├Ąnden alter Tanten sicher, die immer so gerne „Du, du, du...“ machen. Quasi in den Ausschnitt wird hoffentlich keiner fassen, um das Babygesicht zu befingern.

Nach einigen Monaten oder auch Jahren intensiven Zusammenseins mit dem kleinen Sonnenschein wird die eine oder andere Mutter vielleicht wieder an eine Besch├Ąftigung im alten Job denken. Oft erweckt die Idee an Teilzeitarbeit Sympathie. Leider meist nicht beim alten Chef. So hei├čt es denn, auf ein Neues Bewerbungsunterlagen zusammentragen und Vorstellungsgespr├Ąche meistern. Aber: wer ist denn in der Zeit der Babysitter ? Wohl der, die eine Oma in der N├Ąhe hat. Oder der, deren Kindsvater wohlgemut in der Mittagspause in Schlips und Kragen den Kinderwagen spazieren f├Ąhrt.

Das Vorstellungsgespr├Ąch in einigerma├čen ordentlichem Kleiderzustand und dann auch noch p├╝nktlich zu erreichen, ist eine wahre Kunst. Wenn dann die Frage kommt, ob denn ein Geschwisterchen geplant sei, Hut ab vor der, die l├╝gen kann. Ich w├╝rde es nicht k├Ânnen........











__________________
08/2002 Heike Strobel

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Michael Schmidt
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Habe mich koestlich amuesiert und unterhalten.

Als Tip:
Ich wueder noch etwas mehr ueberziehen und das Ganze in "Humor&Satire" veroeffentlichen.

In der jetzigen Form hat es zum Teil satirische, humorvolle und "besserwisserische" bzw. "kritische" Zuege, das liest sich mal so oder so.
Eine einheitliche Richtung waere vielleicht etwas besser.

Michael

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Heike Strobel
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Hallo Michael,
vielen Dank f├╝r die wertvolle Anregung. Der Stil innerhalb des Textes ist vielleicht auch deshalb uneinheitlich, weil ich ihn nicht am St├╝ck verfasst habe. Ich wurde hin und wieder zu l├Ąngeren Pausen gezwungen, wenn meine acht Monate alte Tochter den Reset-Knopf des Computers "begutachtete".
...Im Ernst : Ich werde den Text noch einmal ├╝berarbeiten und finde Deine Kritik sehr hilfreich.
Gru├č, Heike
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08/2002 Heike Strobel

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Querdenker
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Hallo Heike Strobel,
Gibt es ein Leben nach der Karriere? Eventuell als neuen Titel zu ├╝berlegen.
Wenn es eine Satire werden soll und der Ansatz ist durchaus vorhanden hilft nur K├╝rzen, K├╝rzen, K├╝rzen.
Dieser dominierenden Gesch├Ąfts-Welt kann man nur mit Ironie und Satire beikommen. Vielleicht mal in den Eulenspiegel, dem Magazin f├╝r Satire, hineinschauen. Dort bekommt man mit Sicherheit Anregungen f├╝r die eigene Arbeit. Den Eulenspiegel kann man auch in einer Bibliothek ausleihen,denke ich.
Idee ist gut. Nun mu├č gearbeitet werden.

Viele Gr├╝├če
vom Querdenker

__________________
Johannes Sch├Âne

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Heike Strobel
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Hallo Querdenker,
den neuen Titel werde ich ├╝berdenken. Den Text werde ich noch einmal ├╝berarbeiten, denn den humoristischen / satirischen Zug m├Âchte ich besser hervorheben. Wenn┬┤s gelingt, werde ich der Anregung von Michael folgen und ihn in "Humor&Satire" ver├Âffentlichen. Die Idee mit dem "Eulenspiegel" finde sehr interessant. Vielleicht kann ich das Magazin ja auch im Web finden?
Herzlichen Dank f├╝r die guten Vorschl├Ąge.
Gru├č, Heike
__________________
08/2002 Heike Strobel

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