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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neues Wohnen
Eingestellt am 22. 06. 2012 11:58


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Eberhard Schikora
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2012

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Neues Wohnen
oder
Fiesling sei Dank

Hans MĂŒller braucht keine Gardinen, keine Teppiche und andere StaubfĂ€nger, die mit lĂ€stiger Hausarbeit verbunden sind. Zur Abwehr von neugierigen Blicken der Nachbarn genĂŒgt ein Schnapp-Rollo, wie er es in seiner Studentenzeit gewöhnt war. Dabei weiß er hĂŒbsche Gardinen durchaus zu schĂ€tzen - bei anderen Leuten. Zu Zimmerpflanzen hat er ebenfalls ein gespaltenes VerhĂ€ltnis. Darum hat er kĂŒnstliche gekauft, die er einmal im Jahr aus dem Fenster hĂ€lt und abpustet
SelbstverstĂ€ndlich trĂ€gt er bĂŒgelfreie Hemden und Hosen. Am liebsten lĂ€uft er immer mit denselben Klamotten herum.
Hans MĂŒller hatte sich vor 20 Jahren von Gerlinde in gegenseitigem Einvernehmen getrennt - wegen unĂŒberbrĂŒckbarer GegensĂ€tze. Sie war die personifizierte Ordnungsliebe, doch ihr Putzfimmel brachte das Fass zum Überlaufen. Sie wiederum hatte seine grenzenlose Liederlichkeit nicht mehr ertragen. Solange sie sich mit den Verbalinjurien "Etepeteta" bzw. "LumpenmĂŒller" bewarfen, war noch nichts verloren; doch als diese Worte nicht mehr fielen, als sie resignierten, ging es steil bergab. Sie spĂŒrten zwar, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte lag, aber sie konnten nicht ĂŒber ihren Schatten springen. Sie verkauften ihr HĂ€uschen, und jeder mietete eine eigene Wohnung. Sie war in eine Nachbargemeinde gezogen. Ein- bis zweimal im Jahr begegneten sie sich noch und sprachen auch ein paar belanglose Worte miteinander. Dann aber verloren sie sich ganz aus den Augen. Nach seinem letzten Kenntnisstand hatte Gerlinde was mit einem anderen Mann, einem gewissen Kurt, angefangen.

Nun ist Hans MĂŒller PensionĂ€r. Obwohl er tun und lassen kann, was er will, ist er nicht recht zufrieden. Seine Ehemalige geht ihm immer mal wieder durch den Sinn.
Als er das LokalblĂ€ttchen zur Hand nimmt, stĂ¶ĂŸt er auf das neueste Werk des Glossenproduzenten vom Dienst. Der ist zwar manchmal ein rechter Fiesling (Zyniker), aber Hans zĂ€hlt sich dennoch zu seiner Fan-Gemeinde. Diesmal gibt Fiesling etwas zum Thema "Neues Wohnen" zum Besten. Die Einleitung ĂŒberfliegt Hans noch, dann bleibt er hĂ€ngen:

... Beschließen zwei Singles, nennen wir sie Amanda und Amadeus, nach langem Zögern tatsĂ€chlich, ihre lieb gewonnenen Apartheidments aufzugeben und ein gemeinsames Eigenheim zu grĂŒnden, erfordert das urplötzlich eine KompromissfĂ€higkeit, welche die beiden nicht aufbringen können. Doch spielt KompromissfĂ€higkeit ĂŒberhaupt keine Rolle, wenn bei der Projektierung des Eigenheims von vornherein richtig - nĂ€mlich unter BerĂŒcksichtigung der spezifischen Eigenheiten und Gewohnheiten von MĂ€nnlein und Weiblein - geplant wird.
Erste Voraussetzung ist, dass zwei getrennte HaupteingĂ€nge vorgesehen werden, nĂ€mlich einer, der in die pflegeleichte Wohnhöhle des maskulinen Partners fĂŒhrt, und einer, der Zutritt "zu den Puppenstuben" gewĂ€hrt.
Ein springender Punkt ist die Fußbodenpflege. Amanda will auf den heiß geliebten Staubsauger nicht verzichten, weil sie partout an Teppichen bzw. Teppichböden festhĂ€lt. Gut, soll sie. Der Wohnbereich von Amadeus wird jedenfalls mit strapazierfĂ€higem Holzfußboden ausgestattet, der eine Nasspflege vertrĂ€gt.
Ja, was braucht der Amadeus denn nun im Einzelnen in seinem Wohn-SchlafÂŹSpiel-Zimmer? Erstens ein stabiles, nicht quietschendes Bett. Und dann natĂŒrlich einen Hochleistungs-Computer, der fĂŒr ihn als passioniertem Schreiberling unerlĂ€sslich ist. Hier darf nicht gespart werden. Dagegen ist ein gerĂ€umiger kombinierter BĂŒcher/Kleider-Schrank, aus dem Wohlstands-SperrmĂŒll von Nachbar Neureich gerettet, völlig ausreichend. Dann ist da doch ein Yamaha-Keyboard, das Amanda aus unerfindlichen GrĂŒnden nicht leiden kann und das daher fĂŒr den Puppenstuben-Bereich sowieso nicht in Frage kommt. Andererseits passt das verschnörkelte Klavier (ErbstĂŒck von seiner Tante Frieda) nicht in die Herrenabteilung, sondern ist besser bei ihr aufgehoben. In der Mitte des Herrenabteils steht ein solider Tisch, der auch den harten, Trumpf ausspielenden HĂ€nden befreundeter SkatbrĂŒder standhĂ€lt. Schließlich existiert da noch ein Platz sparender SchreibsekretĂ€r. Auf GeheimfĂ€cher kann verzichtet werden, weil die maßlose Unordnung hinter der Hauptschließklappe die Neugier der werdenden Gattin bezĂŒglich eventueller Liebesbriefe bereits im Keim erstickt.

Da zusammenlebende Singles erfahrungsgemĂ€ĂŸ nicht allein bleiben, ist ein Kinderzimmer vorzusehen, das zweckmĂ€ĂŸig dem pflegeleichten Wohnbereich des Herrn zugeordnet wird. Kinder machen Chaos, fĂŒhlen sich darin auch - wie der Hausherr - am wohlsten, und so wird der Wohnbereich "Zu den Puppenstuben" am wirkungsvollsten geschont. Aber was ist mit der SĂ€uglingspflege? Kein Problem. Wenn Amanda eigens zu diesem Zweck in den Wohnbereich von Amadeus eindringt, kann er das akzeptieren, zumal ja die Kleinkindperiode relativ schnell vorĂŒbergeht.
Wichtig ist, dass das Wohn-Schlaf-Spielzimmer des Hausherrn absolut schalldicht gegen den KinderlĂ€rm abgeschirmt ist (gepolsterte DoppeltĂŒr!). Umgekehrt haben die lieben Kleinen Anspruch auf eine ungestörte Nachtruhe, die durch SpĂ€tbesuche der SkatbrĂŒder in Frage gestellt wĂ€re. Hier zeigt sich in eklatanter Weise wieder der Vorteil separater HaupteingĂ€nge. Andernfalls könnten sich die Skatfreunde beim Betreten einer ungeteilten Wohnung genötigt sehen, ihre eigenen Pantoffeln mitzubringen, damit kein Schmutz ins Haus getragen wird. Pantoffeln - fĂŒr ausgewachsene MĂ€nner ausgesprochen demĂŒtigend.
Es spricht ĂŒbrigens nichts gegen eine VerbindungstĂŒr zwischen den Wohnbereichen, sofern geeignete bauliche Maßnahmen getroffen werden. Gesetzt den Fall, der Herr des Hauses wĂŒrde stĂ€ndig Haare und Schuppen um sich herum verbreiten, so ließe sich das Problem durch eine Absaugvorrichtung im TĂŒrrahmen entschĂ€rfen. Auf Knopfdruck stehen ihm die Haare zu Berge; lose Haare und Schuppen haben keine Chance mehr, sie werden in die Außenwelt befördert. Der den weiblichen Wohnbereich Betretende ist nunmehr puppenstubenrein. Er wird vorgelassen, um ihr ein StĂ€ndchen zu bringen auf dem von Tante Frieda erworbenen ErbstĂŒck. Er spielt "FĂŒr Elise", was Amanda irrtĂŒmlich auf sich bezieht. Sie klöppelt derweil andĂ€chtig vor sich hin (eine Kunst, die sie in der Volkshochschule gelernt hat).
Als Anerkennung fĂŒr seinen Konzertvortrag könnte Amadeus als Abendessen einen spartanischen, aber gesunden Rohkostsalat erhalten.

Wenden wir uns nun der Außenanlage zu. Auch hier ist von vornherein auf strikte Trennung der InteressensphĂ€ren zu achten. Angenommen, Amanda hĂ€tte sich fĂŒr die WesthĂ€lfte des GrundstĂŒcks entschieden, wĂŒrde sie diese sicherlich mit prachtvollen Blumenrabatten ausstatten. Da der LebensabschnittsgefĂ€hrte nicht völlig frei von romantischen Anwandlungen ist, wird er gelegentlich einen wohlwollenden Blick auf das BlĂŒtenmeer werfen. Jedenfalls sollte Amandas
Reich nicht grĂ¶ĂŸer sein, als sie allein bewirtschaften kann, da Amadeus zu Hilfsdiensten wenig bis keine Neigung verspĂŒrt. Außerdem wĂŒrde er ihr ja sowieso nie etwas recht machen.

Aber was tun mit der ihm zustehenden OsthÀlfte der Anlage?
Rasen kommt keinesfalls in Frage. Dauernd wĂ€re der RasenmĂ€her defekt, zwei linke HĂ€nde hat Amadeus ohnehin. Und dann das Moos, das Moos! Das Moos, das man jĂ€hrlich zu seiner BekĂ€mpfung, zu DĂŒngezwecken und zur Unkrautvertilgung vom Bankkonto abheben mĂŒsste!
Also keinen Rasen, aber was dann? Einfach zupflastern? Eine solche GefĂŒhlsarmut will sich Amadeus nicht unterstellen lassen. Es gibt bessere Alternativen.

Er Könnte sich fĂŒr einen kleinen pflegeleichten Fichtenhain mit Heidekraut entscheiden. Genau die richtige ErgĂ€nzung zur Wohnhöhle. Und damit sich die Kinder wohl fĂŒhlen, wird er auch ein Schaukel- und KlettergerĂŒst vorsehen. Eine gemĂŒtliche Bank mit Ausblick auf das nachbarliche GrundstĂŒck wĂ€re ebenfalls erwĂ€genswert. Diese Anschaffung lohnt jedoch nur, wenn die Frau Nachbarin gewillt ist, sich den Blicken ihres GegenĂŒbers zur Schau zu stellen. Auch besteht die Gefahr, dass sich der Ehemann rĂ€cht, indem er etwa BorkenkĂ€fer aussetzt. Dann hat Amadeus mal einen pflegeleichten Fichtenhain gehabt.

Man mag einwerfen, dass das dargelegte Konzept lediglich der Bequemlichkeit von Amadeus dient. Aber Amanda möge bedenken, was sie selbst an Arbeit spart, wenn sie das mĂ€nnliche Refugium nicht mehr mit einkalkulieren muss. Es ist allerdings zu befĂŒrchten, dass die so gewonnene Zeit durch noch intensivere Pflege der Puppenstuben wieder aufgefressen wird.

Vorstehende AusfĂŒhrungen sind sicher noch etwas unausgegoren, doch nun sind fachkundige Architekten, Raumgestalter und Siedlungsplaner aufgerufen, die vorgestellten Pionierideen weiterzuentwickeln und ihnen zum Durchbruch zu verhelfen.
Es sollte auch ĂŒber das umgekehrte Modell "Herr Saubermann und Liederjanne" nachgedacht werden. Dieser Fall erfordert ein grundsĂ€tzlich anderes Wohnkonzept. Vom zu erwartenden Bauvolumen mag das derzeit noch uninteressant sein, aber die schlampigen Weiblein sind auf dem Vormarsch - Gott sei Dank!
Beinah vergessen: SelbstverstÀndlich sollen auch reifere Amandas und Amadeusse, die sich bislang in einer kleinen Etagenwohnung gegenseitig auf den Geist gingen, vom hier Gesagten profitieren.
Also die geplante Scheidung aufschieben und einen unkonventionellen Neuanfang wagen!

Hans war einiges gewöhnt, doch das hier musste er erst einmal
verdauen. Jedenfalls hatte Fiesling ins Schwarze getroffen. Amanda alias Etepeteta und Amadeus alias LumpenmĂŒller! Warum bloß hatte Fiesling seine bahnbrechenden Gedanken nicht frĂŒher verbreitet!
Vielleicht wĂ€ren sie heute noch zusammen und hĂ€tten dann wahrscheinlich sogar Kinder gehabt. Hans wurde richtig wehmĂŒtig.

Das Telefon schrillte.
"Hallo LumpenmĂŒller, hier ist Gerlinde. Sagt dir Amadeus und Amanda was?"
"Und ob, ich hab's gerade gelesen".
"Du, wir mĂŒssen unbedingt miteinander reden".
"Einverstanden Gerlinde, heute Abend um 20 Uhr im Bistro am Marktplatz?"
"Ich freu mich, LumpenmĂŒller. Bis bald!"
Vorige Woche hatte Hans seinen kombinierten BĂŒcher/KleiderSchrank inspiziert, sein Geld gezĂ€hlt und festgestellt, dass er sich doch mal einen neuen Anzug leisten sollte.
Der wĂŒrde heute Abend eingeweiht.
Gerlindes erste Worte. "Du hast dich ja ordentlich in Schale geschmissen, extra fĂŒr mich?"
Hans grinste. "Sag mal, was ist eigentlich aus dir und deinem
Kurt geworden?"
"Der ist mir davongelaufen. Du kannst dir ja denken warum. Übrigens mache ich jetzt nur noch lx in der Woche Hausputz".
"Das freut mich fĂŒr dich. Ich habe mir neulich einen neuen Staubsauger zugelegt".
"Ach LumpenmĂŒller, wir haben alles falsch gemacht".
"Das kannst du laut sagen - Etepeteta". Es klang fast zĂ€rtlich. "Ohne Fieslings Schnapsideen sĂ€ĂŸen wir jedenfalls nicht hier."

Sie redeten noch lange an diesem Abend. Sie verließen das Lokal Hand in Hand.




__________________
schi

Version vom 22. 06. 2012 11:58

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mavys
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Eberhard!

Unterhaltsam. Was mir am besten gefĂ€llt: Pantoffeln - fĂŒr ausgewachsene MĂ€nner ausgesprochen demĂŒtigend.

Was mir nicht gefÀllt ist das Wort. "Verbalinjurien"
Insgesamt sehr schön detailliert abgefasst, fließt aber noch nicht so wie könnte. (wenn ich das sagen darf)
Eine 6-7.

Alles liebe mavys

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