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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neugierde VII
Eingestellt am 31. 10. 2001 19:21


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Weg des Weisen
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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Susanne ging fr├╝h schlafen, und ich schaute noch ein bi├čchen Fernsehen. Ich konnte noch nicht schlafen, also nahm ich mir ein Bier, und setzte mich auf die Veranda. Dann kam Sven und erz├Ąhlte mir seine Geschichte. Es war wie fr├╝her. Als ich ihn dann von nahem sah, da sah ich es, sein ehemals so sch├Ânes Gesicht war von Narben entstellt. Zwei gingen die linke Wange vom Ohr bis zum Hals, eine andere vom Ohr bis zu den Mundwinkeln. Er trug die Haare jetzt sehr kurz, fast zur Glatze geschoren. Fr├╝her lief er ja meistens gut angezogen rum, mit Jackett und so. Nun war er schlampig angezogen, mit Trainingshose, alten Turnschuhen, und einen alten Bundeswehrparker dr├╝ber. Diese Sachen hatten auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Als er anfing zu reden, da merkte ich, da├č er sich im Innern nie ├Ąndern w├╝rde, auch wenn ihm einer eine Knarre an den Kopf halten w├╝rde. Er blieb sich selbst stets treu, und er sagte immer, da├č das mit das Wichtigste ist im Leben. Er fing dann an zu erz├Ąhlen, und ich hing wie gebannt an seinen Lippen.
ÔÇ×Nett hast du es hier. Deine Eltern haben mir verraten, da├č du hier wohnst. Finde ich gut, da├č du eine so gro├če Familie hast. Ich war am Anfang ganz sch├Ân sauer, da├č du dich nicht einmal bei mir gemel-det hast. Ich dachte immer, da├č wir so was wie Freunde w├Ąren. Ich schrieb dir Briefe, es kam aber keine Antwort. Daf├╝r konnte es nur eine Erkl├Ąrung geben, du wolltest nichts mehr mit mir zu tun ha-ben. Es freut mich f├╝r dich, da├č es dir so gut geht. Ich habe von deinen Eltern geh├Ârt, da├č du deinen Meister machst, sehr sch├Ân. Bei mir sah es lange, lange Zeit echt beschissen aus. Ich beschlo├č an dem Tag, an dem ich in dem Knast kam, keinen Kampfsport mehr zu machen, und auch nichts mehr zu saufen. Alkohol ist das Schlimmste von allem. Ich kam im Knast gleich zu den harten Jungs: Tot-schl├Ągern, Bankr├Ąuber, Erpresser. Da ich au├čerdem gut gebaut war, und in den Zeitungen stand ja auch viel ├╝ber mich. Einer der auch im Knast sa├č, Andy, war damals auch oft in den Discos, wo wir waren. Er hat mich ein paar Mal gesehen. Er hat auch gesehen, wie ich Horst und seine zwei Freunde fertig gemacht habe. Und ich dachte immer, da├č es da keine Zeugen gab. Wir freundeten uns an. Vielleicht erinnerst du dich noch an ihn, er ist klein und schm├Ąchtig und hatte schon fr├╝h eine Glatze. Er hatte auch nicht viele Freunde, und hing meistens alleine rum. Er wollte eine Bank ausrauben, stellte sich aber derma├čen dumm an. Als er die Strumfpmaske r├╝berzog, ri├č sie. Die Kamera machte ein sch├Ânes Foto von ihm. Zu allem ├ťberflu├č verlor er auch noch am Schalter seinen Portemonnaie. Wei├čt du echt davon nichts mehr. In den Zeitungen stand doch: Deutschlands d├╝mmster Gauner. Da-vor hatte er meist nur Taschendiebst├Ąhle gemacht. Das war sein erstes gro├čes Ding. Er bekam nur drei 5 Jahre, nach drei war er drau├čen. Wir hingen oft zusammen rum. Die anderen konnten nie verstehen, was ich an ihm fand. Sie sagten stets, so ein Brecher wie ich und so ein Weichei, wie konnten die be-freundet sein. So sind die Menschen. Alles was fremd f├╝r sie ist, und nicht in ihr Schubladendenken passt, ist gleich verboten. Viele kommen damit einfach nicht klar, da├č zwei Menschen befreundet sein k├Ânnen, obwohl sie total unterschiedlich sind. Andy kam ein paar Monate vor mir rein. Vorher mu├čte er sehr unter den anderen leiden, als sie aber merkten, da├č ich gut mit ihm konnte, ab da lie├čen sie ihn in Ruhe. Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Da ich ja ├╝ber einiges Wissen verf├╝gte, wurde ich so eine Art Lehrer f├╝r Andy. Er wu├čte vorher gar nichts. Er hatte seine Eltern fr├╝h verloren, und wuchs bei seiner Gro├čmutter auf. Er ging schon nach der 5. Klasse ab. Der Oma war das alles Schei├čegal. Sie mu├čte starke Tabletten nehmen, und d├Ąmmerte oft vor sich hin. Es ging stetig abw├Ąrts mit ihr. Eines Tages kam er aus der Schule, und sie lag in ihrer eigenen Schei├če und Kotze. Sie hatte einen Schlag-anfall. Sie kam in ein Altersheim, wo sie schon wenige Wochen sp├Ąter starb. Andy kam in ein Kinder-heim, aber in eins der ├╝belsten Sorte. Den Neuzug├Ąngen wurde als Art Einstand erst Mal jeden Mor-gen und Abend aufs Maul gehauen. Andy machte das nicht lange mit, und haute mit 12 Jahren ab, und landete auf der Stra├če. Er fing dann auch bald an Drogen zu nehmen. Er nahm auch das ganze Pro-gramm. So wie ich, aber ich war ja nie s├╝chtig, und h├Ârte immer rechtzeitig auf, wenn ich merkte es wurde zu hei├č. Er war 6 Jahre drauf. Er finanzierte sich das mit kleineren Diebst├Ąhlen. Dann kam der Bank├╝berfall, dann der Knast. Er machte dort einen kalten Entzug. Er sagte mir, da├č das die H├Âlle gewesen sei. Er war die letzten Jahre keinen einzigen Tag n├╝chtern. Er schaffte es aber. Wir lernten uns dann kennen, und ich fand ihn gleich nett. Die anderen akzeptierten es dann auch. Andy wurde so etwas wie der Gl├╝cksbringer von den Leuten. Es gab auch einige Belesene im Knast. Viele denken ja, da├č da alles Idioten sind, aber da drin gibt es viele, die schlauer als jeder Professor sind. Sie sagten dann auch, wenn sie mich und Andy sehen, dann m├╝ssen sie andauernd an der Graf von Monte Christo denken. Du wei├čt, die Geschichte, wo einer unschuldig verurteilt wird, im Gef├Ąngnis einen alten wei-sen Mann kennen lernt, der ihn unterrichtet. Ganz so war es bei uns nicht, aber wir kamen schon nah ran. Wir redeten jeden Tag miteinander. Als er entlassen wurde, wu├čte er eine ganze Menge. Er ver-sprach mir noch, nie wieder Drogen anzur├╝hren. Ich wu├čte nicht, was ich davon halten sollte. Ich wei├č ja, wie leicht man drau├čen wieder draufkommen kann. Er schrieb mir noch seine Adresse auf. Als er weg war, fiel ich in ein tiefes Loch. Ich bekam Depressionen. Ich hatte starke Selbstmordgedanken. Irgendwie fehlte er mir. Ich hatte dann jeden Tag Gespr├Ąche, mal dem Knastpsychologen, manchmal mit dem Pfarrer. Die Selbstmordabsichten waren zwar weg, aber meine Gedanken drehten sich im Kreis. Zeitweise dachte ich, da├č ich durchdrehe. Es war kein klarer Gedanke m├Âglich. Das alles zog sich ├╝ber Monate hin. Am Anfang dachte ich, da├č ich vielleicht in Andy verliebt war. Das verwarf ich dann aber wieder schnell, das hatte ich schlie├člich hinter mir. Es lag ganz einfach daran, da├č ich mich einfach so gut mit ihm verstanden habe. Es war ├Ąhnlich wie mit dir. Mir ist es einfach wichtig, da├č ich mich m├şt jemanden austauschen kann, und wenn der andere einigerma├čen klar bei Verstand ist, dann geht das. Bei Andy dachten auch viele, da├č er doof ist. Ich habe es den Leuten immer wieder ein-getrichtert, da├č er nicht doof, sondern nur unwissend ist, und da├č ist ein gewaltiger Unterschied. Er hatte sich all die Jahre ja auch mehr oder weniger alleine durchgeschlagen, und er ging stets den harten Weg. Ich wu├čte dann jedenfalls, da├č ich gerne andere unterrichte. Ich ging dann zum Gef├Ąngnisdirek-tor, ein f├╝r diesen Posten zu netten Mann, und fragte ob ich mir ein paar Sch├╝ler nehmen k├Ânnte. Er sagte zuerst, wie ich mir das denn vorstelle, da├č w├╝rde nicht funktionieren. Sie schickten dann mehre-re Psychologen zu mir, und ich mu├čte verschiedene Intelligenztests absolvieren, sie merkten dann wohl, da├č ich gar nicht so dumm war, und ich bekam die Genehmigung. Ich habe die Klassen auch bewu├čt klein gehalten, h├Âchstens 10 Leute. Ich bekam im Gef├Ąngnis sogar meinen eigenen Raum. Du wei├čt ja, da├č ich fr├╝her unheimlich viel gelesen habe, damit mu├čte ich mich nat├╝rlich auch wieder auseinander setzen.. Ich gab Lektionen in Psychologie, Philosophie, Geschichte, und auf Wunsch auch Sprachen. Wir hatten auch Ausl├Ąnder bei uns, die kaum Deutsch sprachen, weil sie noch nicht so lange in Deutschland waren, die unterrichtete ich auch in Deutsch. Manche wollten Mathe extra haben, auch das erledigte ich. Es war, als wenn ich wieder 12 w├Ąre. Ich gab morgens Unterricht, dann las ich bis in die Nacht. Von der normalen Arbeit war ich freigestellt. Mir wurde erz├Ąhlt, da├č es in dem Knast nie wieder so wenig Schl├Ągereien gab, wie zu der Zeit, als ich die M├Ąnner unterwies. Es machte wirklich viel Spa├č. Das ging 2,5 Jahre so. Dann verloren viele die Lust am Lernen, und h├Ârten auf. Mir gingen die Sch├╝ler aus. Zum Schlu├č mu├čte ich meine kleine Privatschule schlie├čen. Ich hatte auch bald meine Bew├Ąhrungsanh├Ârung, und wenn ich Gl├╝ck h├Ątte, dann w├Ąre ich in einem halben Jahr drau├čen. Ganz so wie es der Richter gesagt hat. So kam es dann auch. Die Tor schlossen sich, und ich war in Frei-heit. Ich wu├čte nat├╝rlich nicht wohin. Ich wu├čte auch nicht was ich h├Ątte machen sollen. Ich habe seit dem Abend mit ├ťmit nie wieder was getrunken. Kampfsport machte ich auch nicht mehr, ich hatte genug Menschen verletzt. Zu meinen Eltern wollte ich nicht. Bei dir konnte ich mich auch nicht mehr melden. Vielleicht, wenn du mich mal besucht h├Ąttest, aber so. Dann fiel mir Andy ein. Er besuchte mich eine Zeitlang, und hinterlie├č mir auch fortdauernd seine neueste Adresse, wo er zu finden war. Als letztes gab er mir einen Zettel, wo Ganja draufstand. Das war eine Kneipe ungef├Ąhr 250 Kilometer von hier, und da ging ich dann hin. Es ist eine ├╝ble Kneipe, mit noch ├╝bleren Genossen. Ein paar Leute da kannte ich noch aus dem Knast. z.B. Klaus, der ein halbes Jahr vor mir rausgekommen ist. Er sa├č wegen schweren Betruges. Klaus stand nur auf sehr reife Frauen, ab 60 aufw├Ąrts. Er sagte immer, da├č ihm die jungen Dinger nichts geben, und da├č die ├Ąlteren Frauen so viel Lebenserfahrung ha-ben.Deswegen hatte er im Knast den Spitznamen AOB. Das bedeutete Alte Omas Bumser. Er hatte noch eine Angwohnheit, er lebte strikt nach seinen eigenen 10 Geboten. Er war nicht sehr gl├Ąubig, stellte sich seine eigenen Regeln zusammen. Er versuchte im Knast auch st├Ąndig andere davon zu ├╝berzeugen, da├č das die wahren 10 Gebote sind, und wer danach lebt, wird gl├╝cklich. Er gab jedem im Knast eine Kopie, die meisten schmissen es gleich wieder weg. Ich fand es interessant, und dachte mir, da├č er gar nicht so unrecht hat. Seine Gebote lauteten:
1. Eltern und Geschwister ehren und achten.
2. Seinen Weg gehen, trotz aller Widerst├Ąnde.
3. Sich selbst finden.
4. Zu seinen Freunden stehen.
5. Versuchen m├Âglichst viel Spa├č im Leben zu haben.
6. Immer positiv denken, auch wenn es noch so schwer f├Ąllt.
7. Versuchen immer sein bestes zu geben.
8. Aus der Vergangenheit lernen, in die Zukunft planen, leben in der Gegenwart.
9. Die Menschen so zu nehmen wie sie sind.
10. Entscheidungen nicht hinausz├Âgern und nicht sp├Ąter mit ihnen hadern, denn man mu├č mit ihnen leben.

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flammarion
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scheint so,

als sollte noch n kapitel folgen. na, dann mach mal. lg
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Neugierde

ja es geht weiter:-) danke f├╝r dein interesse

gru├č markus

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