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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neugierde X (letzter Teil)
Eingestellt am 19. 11. 2001 19:55


Autor
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Weg des Weisen
Hobbydichter
Registriert: Oct 2001

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Dann schossen sie mir mit einer Pistole mit Schalld├Ąmpfer in den Bauch. W├Ąhrend mich zwei Mann bearbeiteten, sie schlugen immer wieder mit dem Schl├Ąger auf dem Kopf, ich hatte einen Sch├Ądelbasisbruch. Sie schlitzten mir mein Gesicht auf, aber das Schlimmste ist, sie erschossen auch Melanie, sie starb kurze Zeit sp├Ąter im Krankenhaus Sie konnten auch das Baby nicht retten. W├Ąhrend man mich zurechtflickte, starb die Frau, die ich mehr als alles andere geliebt habe, und mein ungeborenes Kind. Es war so hart. Ich tobte so rum im Krankenhaus, da├č sie mir zwei Beruhigungsspritzen geben mu├čen. Ich erfuhr auch sp├Ąter, da├č sie ├ťmits Br├╝der nur deshalb gefa├čt haben, weil sie in ihrer Stammkneipe ihre Schnauze nicht halten konnten. Sie erz├Ąhlten, da├č sie mich erledigt hatten, und da├č ich auch meine Gene nicht mehr weitergeben w├╝rde. Sie wurden dann zu lebensl├Ąnglich verurteilt, aber du wei├čt ja, was das hier in Deutschland bedeutet, in 15 Jahren sind sie wahrscheinlich wieder drau├čen. Ausweisen konnte man sie auch nicht, da sie alle einen deutschen Pa├č hatten. T├╝rken haben im allgemeinen eh den st├Ąrkeren Familientrieb als wir Deutschen. Das habe ich immer bei ihnen bewundert. Ich mag auch ihrer Mentalit├Ąt, und hatte auch viel t├╝rkische Freunde, als ich fr├╝her oft herumgereist bin, da war ich auch in der einen oder anderen t├╝rkischen Kneipe, du glaubst ja gar nicht wie sie da zocken,und die meisten haben viel Ehre im Blut, aber an dem Tag, als ich h├Ârte was geschah, h├Ątte ich am liebsten ganz T├╝rkei in die Luft gejagt. Als ich aus dem Krankenhast kam, war ich ein gebrochener Mann, und ich fragte mich immer wieder, womit ich das alles nur verdient hatte. Seit ich ein Kind war, drehte sich st├Ąndig meine Gedanken. Ich war nie wirklich frei. St├Ąndig mu├čte ich mich besch├Ąftigen, um die Leere in meinem Leben zu f├╝llen. Dann als ich endlich die Liebe meines Lebens treffe, passiert mir solch ein Ungl├╝ck. Ich wei├č auch noch nicht, was ich machen werde. Ich war glaube ich noch nie so planlos.ÔÇť Ich sagte dann zu ihm, da├č er erst mal bei uns bleiben k├Ânnte, unser Haus ist gro├č genug. Ich wollte so wenigstens etwas wieder gutmachen, weil ich unsere Freundschaft verleugnet hatte. Ich w├╝rde mich um ihn k├╝mmern, und ihm helfen wieder auf die Beine zu kommen. Er hat eine Menge Schei├če durchgemacht, mehr als jeder den ich kenne, und er brauchte einfach jemanden mit dem er reden konnte. Das ist sehr wichtig, denn sonst geht man innerlich kaputt. Sven wollte das jedoch nicht. Er sagte, da├č er sich eine kleine Wohnung in der Stadt nimmt. Die Pension hatte er verkauft, weit unter Wert. Er h├Ątte den Anblick nicht mehr ertragen k├Ânnen. Ich versuchte ihn umzustimmen, aber wenn er erst mal eine Meinung verfa├čt hatte, dann blieb er dabei. Er nahm sich eine Wohnung in der N├Ąhe von uns. Wir trafen uns 1-2 Mal die Woche. Ich sagte ihm, da├č wir uns auch jeden Tag sehen k├Ânnen, er meinte dann aber, da├č ich nicht meine Familie vernachl├Ąssigen sollte.
Er erz├Ąhlte mir dann auch, warum er seine Eltern haste. ÔÇ×Wei├čt du eigentlich, wieso ich nie wieder meine Eltern besucht habeÔÇť, fragte er mich eines Abends. Ich sagte Nein. Ich hatte mich das schon des ├Âfteren gefragt, aber fr├╝her sprach er nicht oft ├╝ber das Thema. Er sprach dann weiter: ÔÇ×Irgendwie habe ich sie immer geha├čt. Sie waren so spie├čig, immer drauf bedacht, was die Nachbarn dachten. Wenn sich unsere Nachbarn ein neues Auto kauften, mu├čten sie sich auch eines holen, auch wenn es finanziell alles andere als rosig aussah. Hauptsache der Schein wurde bewahrt. Was hatte ich mit ihnen f├╝r endlos lange Diskussionen ├╝ber meine Haare und Klamotten, und dar├╝ber da├č ich mir die Zukunft versaue. Wenn es nach Ihnen gegangen w├Ąre, dann h├Ątte ich einen Einheitsschnitt gehabt, Einheits-klamotten, h├Ątte eine Ausbildung gemacht, und h├Ątte dann einen anst├Ąndigen und ehrbaren Beruf. Falls dann n├Ąmlich Verwandte und Bekannte fragen, was ich so mache, dann w├╝rden sie voller Stolz ver-k├╝nden: Er arbeitet jetzt in einer Bank, und das w├Ąre alles f├╝r sie gewesen. Nur spielte ich da nicht mit. Ich konnte einfach nicht so leben. Sie wurden mit der Zeit st├Ąndig abgestumpfter. Ich konnte das einfach nicht mehr ertragen. Wenn mein Vater m├╝de aus dem B├╝ro kam, machte er als erstes den Fernseher an. So ging das Tag f├╝r Tag, Monat f├╝r Monat, Jahr f├╝r Jahr. Er sagte zwar, da├č er gl├╝cklich war, ich nahm ihm das aber nie ab. Meine Mutter war auch nicht so ganz zufrieden. Sie trank dann auch viel aus Langeweile. Aufgekl├Ąrt wurde ich auch nie von ihnen. Sie waren so verklemmt, ich habe sie nie nackt gesehen. Ich glaube, deshalb habe ich mich auch in so viele Sexabenteuer gest├╝rzt, ande-re sind nach so einer Kindheit vielleicht total pr├╝de, und trauen sich nicht ihren sexuellen Neigungen nachzugeben. Das sind dann die Leute, die Frauen oder auch Kinder vergewaltigen, obwohl man das auch nicht verallgemeinern kann, da spielen viele Faktoren eine Rolle, Frust und Entt├Ąuschung, Bezie-hung├Ąngste und so weiter.Ich wurde es jedenfalls nicht. Das schlimmste von allen war aber, da├č sie mir nie das Gef├╝hl gegeben haben, da├č sie mich lieben. Sie fragten mich nie, wie es mir geht, ob ich Probleme habe. Meine Gro├čeltern habe ich nie kennengelernt, kann sein, da├č sie die beiden so erzogen haben. Es war vielleicht eine lange Kette von falscher Erziehung, die sich bis zu mir fortgesetzt haben. Nur habe ich die Sachen hinterfragt, und nicht wie die meisten alles so hingenommen, was mir gesagt wird. Deshalb war ich auch so gl├╝cklich, als ich erfuhr, da├č ich Vater werde, denn ich wu├čte, da├č ich den Kreis durchbreche, und mein Kind voller Liebe und Zuneigung erziehe, mit allem was dazu ge-h├Ârt.ÔÇť Er fing dann an zu weinen, und ich mu├čte auch tief schlucken. Er w├Ąre vermutlich aufgrund seiner Erfahrung und Intelligenz ein toller Vater geworden. Was er sagte gab mir wieder mal zu den-ken. Er hatte vollkommen recht, mit dem Kreis durchbrechen. Das war in vielen Bereichen so. Wenn ich z.B. an meine Ausbildung denke, die haben mich teilweise echt beschissen behandelt. Als ich sie mal fragte, warum sie das tun, dann sagten sie, da├č sie das Gleiche durchgemacht haben, und da├č das einfach dazu geh├Ârt. Ich schwor mir dann, wenn ich ausgelernt habe, da├č ich die Azubis besser be-handle. Das machte ich nat├╝rlich nicht. Ich sagte mir dann n├Ąmlich auch, was ich ausgehalten habe, k├Ânnen die auch aushalten. So ging der Kreislauf weiter. Sven war da nat├╝rlich weiter als die meisten Menschen. Er hatte sich dann wieder gefa├čt, und konnte weiter sprechen. ÔÇ×Als mein Vater dann ar-beitslos wurde, hielt man das nat├╝rlich vor der Nachbarschaft geheim. Er ging wie immer jeden Mor-gen gegen 6.30 Uhr aus dem Haus, und kam zur gewohnten Zeit nach Haus. In der Zwischenzeit war er dann in irgendeinen Kneipe, um die Zeit tot zu schlagen. Das war auch mit der Grund, warum ich so oft unterwegs war, ich habe es bei meinen Eltern nicht mehr ausgehalten. Sie hie├čen mich zwar stets willkommen, aber mir kam es so vor, da├č sie es mehr wegen der Nachbarn machten, und nicht weil sie mich liebten. Sie besuchten mich auch kein einziges Mal im Knast. Ich kann mir vorstellen, wie sehr sie sich f├╝r mich gesch├Ąmt haben m├╝ssen, aber sollte man nicht immer an seine Kinder denken? Ich h├Ârte dann von Bekannten, da├č sie beide tot seien. Mein Vater fuhr besoffen gegen einen Baum, meine Mutter nahm zuviel Tabletten mit Alkohol, aber das wei├čt du ja bestimmt schon. Ich bin es einfach leid, dieses Leben. Dieser st├Ąndige Kampf mit einem selber und der restlichen Welt. Wei├čt du, manchmal habe ich die Menschen beneidet, die keine hohen Anspr├╝che hatten, die sogenannten Pro-leten. Sie wollten einfach nur ihren Spa├č und nichts hinterfragen. Ich war aber nicht so, und man kann nicht gegen seine Natur leben. Wer das macht, wird fr├╝her oder sp├Ąter krank, das steht fest. Wenn ich da nur an meinem Onkel denke, den ich sehr geliebt habe. Er wollte sein ganzes Leben lang Maler werden. Er hatte wohl auch Talent, aber alle sagten zu ihm, da├č er keine Chance habe, er solle lieber was handfestes machen. Er gab dann nach, arbeitete im B├╝ro, wurde da aber nie gl├╝cklich. Er starb als ich 8 war, an einem durchgebrochenem Magengeschw├╝r. Er hatte sich seiner Natur widersetzt, und wurde bestraft. Wenn er nur etwas Unterst├╝tzung bekommen h├Ątte, dann h├Ątte das alles anders ausge-hen k├Ânnen, aber so. Seine Eltern waren zufrieden, da├č er in die Gesellschaft eingegliedert war, bei ihm sah das freilich anders aus. Ich wu├čte dann schon fr├╝h, da├č ich nur das mache, wozu ich Lust habe. Wenn ich dabei draufgehe, soll es in Ordnung sein, aber es war mein Weg.ÔÇť Er verabschiedete sich dann von mir, und er umarmte mich, was er noch nie gemacht hatte. Da h├Ątte ich eigentlich stut-zig werden m├╝ssen, aber ich dachte, da├č ihm einfach so danach war. Als er zu unser n├Ąchsten Verab-redung nicht kam, wurde ich stutzig. Ich wartete eine Weile, und ging dann zu seiner Wohnung. Ich klingelte ein Ewigkeit, aber nichts r├╝hrte sich. Ich sagte dann dem Hausmeister Bescheid, und der schlo├č die T├╝r auf. Sven hatte sich aufgeh├Ąngt. Es lag ein Umschlag auf dem Tisch mit meinem Na-men drauf. Ich nahm ihn an mich, und fuhr an eine ruhige Stelle und las den Brief.
Hallo Dirk,
wenn du dies liest, bin ich schon tot, und habe hoffentlich den Frieden, den ich so selten in meinem Leben hatte. Die Trauer um Melanie und mein Kind war zu gro├č, als da├č ich sie ein Leben lang ertra-gen k├Ânnte. Vielleicht ist es feige, sich so einfach davon zu stehlen, aber manchmal hat man keine andere Wahl. Psychologen h├Ątten mir auch nicht geholfen, du wei├čt ja was ich von denen halte. Wer nie gelitten hat, kann sich auch nicht wirklich in die Leute hineinversetzen. Die haben ihr ganzes Wis-sen aus B├╝chern, und zum Teil noch nicht richtig gelebt. Ich w├╝nsche dir und deiner Familie alles Gute. Zum Schlu├č wurdest du dann doch noch ein richtig guter Freund, nachdem ich die Hoffnung darauf schon aufgegeben hatte. Vielleicht hast du ja ein bi├čchen was von mir gelernt, dann war nicht alles umsonst. Ich habe dich als meinem Haupterben eingesetzt, mein Notar wird sich mit dir in Ver-bindung setzen. Mach damit was du willst.
Eines noch zum Schlu├č, vergesse niemals Memento Mori, dann kann dir nichts mehr passieren.
Alles Gute Dein Sven

Ich war ersch├╝ttert, und mu├čte lange weinen. Der Notar besuchte mich ein paar Tage sp├Ąter. Sven hinterlie├č mir 100.000 DM. Er wurde verbrannt, was ja schon fr├╝h sein Wunsch war. Am Tag nach der Beerdigung mu├čte ich erst mal im W├Ârterbuch nachschauen, was Memento Mori bedeutet, n├Ąm-lich Bedenke, da├č du sterben mu├čt. Es mag komisch erscheinen, aber seitdem bin ich viel lockerer, und habe mehr Spa├č am Leben. Ich wei├č, da├č ich durch Sven viel toleranter geworden bin, ich hatte seit unserem letzten Gespr├Ąch einen sehr unterschiedlichen Freundeskreis, von sehr gebildeteten Men-schen bis zu richtigen Proleten, von Rechten bis zu linken, von reich bis arm, ich kam mit allen klar, ohne meine Linie zu verlieren oder mich anzupassen. Ich sagte immer meine ehrliche Meinung, viel-leicht mochten sie mich deshalb.Ich bin jetzt kurz vor der Rente und gut drauf. Ich und meine Frau unternehmen viel gemeinsam, etwa Fahrrad fahren oder ins Kino gehen. Die Kinder sind schon alles aus dem Haus, besuchen uns aber sehr oft. Guido unser ├Ąltester Sohn studierte Jura, Tim und Marko machten eine Kneipe auf, und Nicole wurde Schriftstellerin. Am Anfang kam ich damit nicht klar, dann mu├čte ich an Sven denken, und was er ├╝ber das gegen seine Natur leben sagte. Ich hielt ihr dann keine Vortr├Ąge mehr, sondern sagte ihr, da├č sie so leben solle, wie sie es f├╝r richtig halte, und da├č sie von uns jede Unterst├╝tzung erh├Ąlt, die sie braucht. Vor kurzem erschien ihr erstes Buch, eine Samm-lung von Kindergeschichten. Zwar in einer kleinen Auflage, aber es ist ein Anfang. Ich denke noch oft an Sven, und eines steht fest: Er ging durchgehend seinen Weg.

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