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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Neulich am Küchenfenster
Eingestellt am 10. 06. 2001 21:25


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dommas
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2001

Werke: 8
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Neulich am Küchenfenster

Das schwarze, abgesiffte Ledersofa war ihm das liebste. Die Federn waren schon so ausgeleiert, dass man fast darin versank. Beinahe jeden Abend saß er darin, zwei Flaschen Volvic naban sich stehen – Shit machte schließlich verdammt durstig – und sah sich seinen eigenen, ganz persönlichen Film an, der vor seinem inneren Auge ablief. Er musste dazu nicht einmal seine Augen schließen.

Heute war es wieder ganz schlimm gewesen. Er war schon die ganze Zeit beim Abendessen ganz unruhig am Tisch seiner Eltern gesessen. Irgendetwas war in der Luft gelegen. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber alle verhielten sich irgendwie komisch. Seine Schwester redete die ganze Zeit nur von ihrem neuen Freund (der mit 17 ganze drei Jahre älter war als sie!). Mama sah müde aus. Kein Wunder, sie hatte Nachtschicht gehabt und später auch noch, nach 6 Stunden Schlaf oder so, im Geschäft die Abrechnung gemacht. Und Papa – naja, die übliche schlechte Laune, halt. Das Geschäft lief schlecht, keiner wollte mehr maßgeschneiderte Anzüge, alle kauften sie diese Dinger von der Stange, sie wüssten überhaupt nicht mehr, was echte deutsche Wertarbeit eigentlich war, wussten es nicht mehr zu schätzen, nur Reparaturen, Reparaturen, die ganze Zeit, und selbst hier nölten die Kunden, nein, diese reichen, hochnäsigen Snobs, nur an seiner Arbeit herum. So oder ähnlich sprach er. Jeden verdammten Abend.

„Hey, Alter!“ Franky stand vor ihm, leicht vornüber gebeugt, Blick leicht unfokussiert. Irgendwie sah er lustig aus, mit seinem roten Iro, den er erst seit ein paar Tagen hatte. So lustig, dass er sogar losprusten musste. „Hey, fang dich mal wieder ein! Alles senkrecht?“ Doch bevor er antowrten konnte, rief schon jemand anderes, vom anderen Ende des Wohnzimmers, nach Franky, und weg war er. Es hörte sich durch die Watte, in die er sich gehüllt fühlte, wie Sandy an, Frankys Freundin. Und Alex’. Und Michis. Auch er hatte schon mal gedurft. Sie war nunmal die attraktivere der beiden Mädels, die in der WG wohnten. Die andere war ihm einfach zu dick. Da half der beste Shit nix!

„Kann ich mir heute mal dein Auto leihen, Dad?“, wollte er von seinem Vater wissen.
„Wo ist denn deins?“, gegen-fragte er.
„An der WG. Hab gestern mal was getrunken.“
„Und wo haste geschlafen?“, schaltete sich seine Mutter ein.
„In der WG. Im Wohnzimmer ham die’n Sofa. Is’ ganz gemütlich.“
Zwei Minuten Stille.
„Also?“, fragte er, seinen Kopf seinem Vater zugewandt.
„Also was?“
„Auto“
„ ‚Auto’! Ist das alles? Kannst du nicht mal höflich fragen? Ham wir dich so schlecht erzogen?“
„Ich hab doch gefragt. Vor’n paar Minuten erst!“
„Ja!“, fuhr sein Vater ihn an. „Ich weiß! Als ob ich das nicht mehr wüsste! Schau ihn dir an“, sein Vater wandte sich zur Mutter, „hält mich schon für verkalkt, für blöd, unser Sohn.“
„Das hab ich nie gesagt, ich...“
„Brauchst dich gar nicht rauszureden. Und wie krieg ich dann mein Auto wieder? Soll ich dann zur ‚WG’ fahren und es abholen? Falls du dich heut dazu entschließen solltest, ‚mal’ was zu trinken? Wie du das ja fast jeden Abend machst, ‚mal’ was trinken?!“
„Ach, vergiss es. Ich ruf Michi an.“
Der Rest des Abendessens verlief in brütendem Schweigen. Selbst seine sonst so redselige Schwester hielt ihre Klappe. Als seine Mutter die Spülmaschine einräumte, die Schwester schon am Telefon hing und sein Vater sich eine Zigarette anzündete, versuchte er ein bisschen, die Wogen zu glätten. Aber scheinbar hatte er in seiner Kindheit zu viele Western gesehen. „Darf ich auch mal eine haben, Dad? So als Friedenspfeife?“ Fehler!
„Ich glaub, ich hab mich verhört! Ich glaub, dass es bei dir aussetzt“, schrie ihn sien Vater an. So laut, dass seine Mutter vor lauter Schreck einen Teller fallen ließ, der sofort in mehrere Teile zersprang. „Da, sieh dir an, was du angerichtet hast!“, meinte sein Vater, immer noch sehr laut, und deutete dabei auf seine Mutter, die sich gerade bückte, um die Scherben aufzulesen.
„Ich? Aber du...“
„Fall mir nicht immer ins Wort! Glaubst du wirklich, dass ich mich von dir verarschen lasse? Glaubst du wirklich, dass du von mir MEIN Auto bekommst? Dass ich DIR mein Auto gebe? DIR? Du bist 19 und hast schon zwei Autos zu Schrott gefahren!“
‚Jetzt kommt diese alte Leier wieder!’, dachte er sich.
„...Teelichte, die du auf dem Fernseher angezündet hast, so dass es fast durch den geschmolzenen Rahmen brannte...“
‚Tatsächlich, sogar meine Kindheitssünden von vor 10 Jahren!’
„...erst mein Vertrauen verDIEnen!“
„Aber WIE denn, wenn du mir nie die Möglichkeit gibst?“
„Lenk nicht ab! Heute abend kriegst du mein Auto wenigstens nicht, du Schlappsack!“ Er stand vom Tisch auf. „Ich will nämlich nochmal in die Heckenwirtschaft!“
Da meldete sich seine Mutter zu Wort, die gerade von der Mülltonne zurückgekommen war: „Und da willst du mit dem Auto fahren? Soll ich dich nicht besser hinbringen und du rufst mich dann an, wenn...“
Der hochrote Kopf seines Vaters verhieß nichts Gutes. „Jetzt fällt mir auch noch meine eigene Frau in den Rücken. Nicht mal in den eigenen vier Wänden hat man den Rückhalt, den man nach einem harten Tag verdient hätte.“ Bei diesen Worten schnappte er sich seine Zigaretten, die Autoschlüssel vom Schränkchen hinter ihm und war verschwunden, die Tür hinter sich zu knallend.
Seine Mutter sah in an, Tränen in den Augen. Aber er konnte, nein, wollte ihr keinen Trost schenken. Sie verteidigte ihn schließlich auch nie. „Und da wundert ihr euch, warum ich ungern daheim bin?“ Dann ging er ebenfalls.

Er kämpfte sich aus dem Sofa hoch. Seine zwei Flaschen waren bereits leer und sein Film wurde immer schlechter. Auf dem Weg zur Küche drückte ihm irgendwer eine Tüte in die Hand. Er zog fest daran, hielt den Rauch lange in der Lunge und atmete dann langsam wieder aus. Fast augenblicklich setzte der so wohlige Schwindel wieder ein.
Er knipste das Licht in der Küche an. Die Kiste Wasser stand unter dem Küchenfenster. Er nahm eine Flasche heraus, öffnete sie, trank sie auf einen Zug halb leer. Dabei sah er aus dem Fenster. Sie waren im 4. Stock, zum Hinterhof hinaus. Er stellte die Flasche zurück in den Kasten. Es war schon dunkel und er sah die Umrisse der WindowColour-Bilder, die an fast jedem Fenster hingen, und die vom Licht in den anderen Wohnungen von hinten angeleuchtet wurden.
Doch etwas anderes ging ihm durch den Kopf. „Schlappsau. Schlappsau. Schlappsau. 4. Stock. Schlappsau. 4. Stock. 4. Stock. Schlappsau. Schlappstock. 4. Sau. 4. Stock. 4. 4. 4. Stock. 4. STOCK!” Das Fenster war auf einmal offen. Von Ferne hörte er noch das Zerbrechen des Blumentopfes, der auf dem Fensterbrett gestanden war. Er beugte sich vor. Weiter. Er sah nach unten. Schlappsau. 4. Stock. Es sah gar nicht so hoch aus. Schlappsau. Er hockte auf dem Fensterbrett, leicht nach vorne gebeugt. Schlappsau. Nicht wirklich hoch. 4. Stock. Schlappsau.
„Hey, Benni! Was machst’n da?” Er drehte seinen Kopf. Sandy stand in der Küche.
„Schlappsau hat er gesagt!“
„Wer?“
„Papa.“
„Na und?“
„4. Stock!“
„Ich weiß.“
„Nicht hoch!“
„Doch!“
Er sah wieder nach unten. Sie hatte recht, es sah jetzt doch wieder ein bisschen höher aus.
„Willst du alles aufgeben?“, fragte sie.
„Was geb ich denn auf?“, flüsterte er in den Hinterhof. „Scheiß Job! Scheiß Familie! Scheiß Leben!“
„Dreh dich bitte mal um.“
Gegen seinen Willen gehorchte er. Als er sie sah, erschrak er leicht. Sie hatte ihr T-Shirt ausgezogen, ihren BH abgenommen.
„Du gibst mich auf!“
Er sah sie an. Ihr Gesicht. Ihre Brüste. Gesicht, linke Brust, rechte Brust, linke Brust, Gesicht.
„Und Franky?“
„Vergiß ihn!“
Mit leichtem Kopfweh stieg er vom Fensterbrett herunter.
„Ich habe Durst!“ Sie reichte ihm eine Flasche Wasser und gab ihm einen Kuss.

__________________
viele menschen fürchten die stille wegen der ungewollten gedanken

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