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Leselupe.de > Science Fiction
Neulich, in der Walburgisnacht…
Eingestellt am 03. 05. 2001 18:38


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jon
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…traf ich mitten im Wald, ich war gerade auf dem Rückweg vom Hexentanzplatz, denn ich hatte mir am Feuer die Haare versengt und stank erbärmlich, ein Männlein. Und wenn ich dir sage, es war ein Männlein, dann meine ich es auch so. Der Wicht war kleiner als ich, also so um die eins fünfzig, und dürr. Erst dachte ich, jemand hätte sich als Rumpelstilzchen verkleidet, aber dann sah ich das Gesicht des Männleins und weiß Gott, das konnte wirklich niemand so geschminkt haben: Braun wie Leder, völlig verrunzelt, Augenbrauen wie ein Streifen Wildschweinfell, Lippen fast schwarz und Augen, deren Iris so klein und wässrig hell war, dass ich im ersten Augenblick dachte, er hätte gar keine. – Das kriegt man mit Kontaklinsen nicht hin, sag ich dir. Aber das war nicht das Verrückteste. Auch seine Sachen waren nicht das Verrückteste, obwohl sie, wenn nicht gerade Walburgisnacht gewesen wäre, ihn sicher zum Klappsmühlen-Kandidaten gemacht hätten. – Wie sie aussahen? Na eben hexisch. – Ich weiß, dass eine Hexe eine Frau ist, dann sahen seine Sachen eben hexerisch aus! – Was heißt, das Wort gibt es nicht?! Wenn ich eine stimmungsvolle Geschichte erzähle, dann kann ich mir auch stimmungsvolle Worte ausdenken! Also seine Sache waren hexerisch: Dunkel, viel zu weit, man konnte nicht mal sagen, ob er eine weite Hose oder einen Rock anhatte. – Was? – Natürlich kann ein Mann einen Rock anhaben! Und so ein Mann ganz besonders! Lass mich doch endlich mal erzählen! – Also: Ich traf also dieses Männlein und es jammerte ganz fürchterlich. Es war wirklich verzweifelt. Ich war schon fast an ihm vorbei, als ich mir dachte, den kannste da nicht so hocken lassen! Also drehte ich mich um und fragte: "Kann ich Ihnen helfen?" Da jammerte das Männlein noch viel mehr. Wenn es eine Frau gewesen wäre, hätte ich gedacht, ihr Freund hat sie eben sitzen lassen, aber ein Mann… – Natürlich weinen Männer auch, aber nicht so! Ich fragte also nochmal: "Was ist denn passiert?" Das Männlein schaute auf und eine rote Träne kullerte über sein faltiges Gesicht. – Doch, ich schwöre dir, es war eine rote Träne! – Ja, vielleicht war es auch Blut, aber der Typ jammerte wirklich nicht vor Schmerzen oder so. – Das hört man doch! – Also ich hör sowas! – Lässt du mich jetzt endlich mal fertig erzählen?! – Danke! Jedenfalls red ich so mit dem Männlein und da sagt es, dass es auch gerade vom Hexentanzplatz kommt und dass das alles ganz schrecklich ist. Ich frage. "Was ist schrecklich?" Und der Typ sagt: "Das mit den Hexen." Ich versuche ihm zu erklären, dass die doch gar nicht echt sind und er sagt, das weiß er ja, und deshalb ist es ja so schrecklich. Weil sie immer noch so tun, als würde es Hexen geben. Und dann sagte er, dass er jetzt eine Fünf kriegt. – Ich sag doch nur, was er gesagt hat! – Er sagte wörtlich: "Jetzt kriege ich eine Fünf. Dabei brauche ich doch mindestens eine Zwei!" – Genau, der ist echt verrückt. Aber ich frage mich natürlich, wo der entlaufen ist, die Psychatrie ist ja schon seit Jahren zu. – Sicher hab ich noch gefragt, aber das Zeug, was er dann erzählte, war noch dümmer: Er hat als Hausaufgabe, den Aberglauben in Deutschland auszurotten, sagte er. Und dass sein Banknachbar Russland bekommen hätte. Und sein Freund, der Amerika hatte, hat schon aufgegeben und versucht nun lieber, die Milchstraße gerade zu rücken. Und er selbst hätte schon fast eine Eins gehabt, aber da hat der Lehrer reingschaut und gesagt, es zählt nicht, den Aberglauben einfach zu verbieten, er müsste ganz echt ausgerottet werden. Und dann hat der Leherer einfach die Prüfungbedingungen geändert und hat Deutschland wieder vereinigt und nun würde er, das Männlein also, eine Fünf bekommen, weil er keine Zeit mehr für eine neue Hausaufgabe hat. Durchfallen würde er nun nicht gerade, weil es ja nur ein paar sind, die als Hexen ums Feuer tanzen, aber mit der Fünf schafft er nur eine Drei und mit so schlechten Zensuren kriegt er bestimmt den Job auf Alpha Centaurus nicht, sondern muss die Stelle auf der Venus annehmen. – Was heißt hier UFO-Geschichte? Das ist doch keine UFO-Geschichte! – Natürlich kann ich auch was anderes erzählen, aber wenn das doch so passiert ist! – Dieses Jahr erst, in der Walburgisnacht! – Ach ihr seid doch alle Baunausen! Wirt! Ich krieg noch'n Bier!

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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

Werke: 41
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Stammkneipe

Genau so müssen Kneipengeschichten erzählt werden, damit man den Tresen nicht verläßt und gerne zu den Stammgästen gerechnet wird. Locker flockig erzählt, mit netten dialogischen Einschüben, die einem die Einwände und die, die sie äußern, plastisch vor Augen bringen.
Danke für diesen kurzweiligen ersten Beitrag zur Mai-manufactur.
__________________
fz

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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herrlich!

hab ich mich amüsiert! mach mal so weiter. lg
__________________
Old Icke

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Petra Koch
Guest
Registriert: Not Yet

Walpurgisnacht

Also wirklich: Ich hab Tränen gelacht über diesen herrlichen Erzählstil. Tolle Geschichte.
Gruß
Petra

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urte
Autorenanwärter
Registriert: Oct 2000

Werke: 3
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Sehr erfreulich!

Ich schließe mich Franks Meinung an. Diese Geschichte finde ich außerordentlich gut gelungen. Besonders schön die "Abwehr-Maßnahmen" gegen die störenden Mitredner, die einem auch immer wieder bewußt machen, daß hier erzählt wird und nicht einfach nur ein Geschehen miterlebt wird (oder so ähnlich).
Herzlich, Urte
__________________
(C)Urte Skaliks-Wagner

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