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Neunzehnhundertfünfundzwanzig
Eingestellt am 25. 07. 2016 20:08


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Hyazinthe
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Neunzehnhundertfünfundzwanzig

Die Junisonne stach von einem makellos blauen Himmel, die Luft vibrierte in der Vormittagshitze. Hermann hielt in der Arbeit inne. Er nahm den breitkrempigen Strohhut vom Kopf, wischte sich mit seinem karierten Taschentuch den Schweiß vom Gesicht und trocknete das durchnässte Schweißband des Hutes. Prüfend blickte er zum Himmel. Noch zeigte sich kein Wölkchen, aber Hermann spürte, wie die Luft schwüler wurde. Sicher gibt es heute Nachmittag ein Gewitter, dachte er. Besorgt blickte er auf die große Fläche trockenen Heus, die noch auf der Wiese lag.
Er schaute zu Anna hinüber, die mit dem Holzrechen das Heu zusammenharkte. Der große weiße Schlapphut schützte sie vor der sengenden Sonne und hielt notdürftig ihre widerspenstigen krausen Haare zurück, die sich immer wieder aus dem festen Nackenknoten lösten und in ihrem schweißnassen Gesicht klebten. Ihr kurzärmliges Sommerkleid und die Schürze konnten nicht verbergen, dass sie schon wieder schwanger war. Hermann seufzte insgeheim. Kinder seien Gottes Segen, hatte der Pfarrer bei der Taufe des erst vierzehn Monate alten Robert gesagt, und es sei die Pflicht eines Christenmenschen, sie in Demut und Dankbarkeit aus der Hand des Schöpfers anzunehmen. Das mag wohl sein, dachte Hermann, aber die Familie wird immer größer und es wird immer schwieriger, die hungrigen Mäuler zu stopfen.
Seit der Währungsreform war die Mark zwar wieder mehr wert und man brauchte nicht mehr Millionen für ein Ei zu bezahlen, aber es war schwer, mit dem wenigen, was der kleine Pachthof über den Eigenbedarf hinaus abwarf, zurechtzukommen. Die vier Hektar Acker- und Weideland reichten kaum aus, um das Winterfutter für die Tiere zu erwirtschaften, jeder Pfennig Bargeld musste dreimal umgedreht werden. Und dabei war man hier auf dem Lande immer noch gut dran. In den großen Städten mussten die Menschen hungern, wie Hermann aus der Zeitung wusste. Es gab nicht genug Arbeit, die Wirtschaft in Deutschland kam nicht voran. Immer öfter sah man auf den Straßen Bettler und Vagabunden, die von Ort zu Ort zogen und um ein Stück Brot baten.
Hermann griff nach der Kanne mit Wasser, die im Schatten unter dem Leiterwagen an einem Haken baumelte, nahm einen langen Schluck und reichte sie dann seiner Frau. Anna trank durstig und gab die Kanne weiter an Hedwig und Hannes, die die Aufgabe hatten, das Heu auf dem Leiterwagen zu verteilen und festzutreten.
Adelheid, die wie ihre Mutter das Heu zu Haufen zusammenharkte, damit Hermann es mit der Forke aufnehmen und auf den Wagen heben konnte, unterbrach ebenfalls ihre Arbeit und trat zu den Eltern. „Hoffentlich hält sich das Wetter!“, sagte sie, während sie sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. Genau wie ihr Vater hatte sie ein gutes Gespür für die Witterung. Mit ihren bald dreizehn Jahren war Adelheid ein knochiges, großes Mädchen. Sie war an Arbeit gewöhnt und das Zusammenrechen des Heus ging ihr leicht von der Hand.
Hermann nickte ihr zu. Sorgenvoll musterte er wieder den Himmel. „Nächste Woche muss ich zu Röwekamp; das Heu muss unbedingt heute herein.“ Wie alle Heuerleute hatte Hermann zuerst den Dienst beim Großbauern zu verrichten, bevor er sich der Arbeit auf seinem eigenen Land widmen konnte.
Er trat an den mächtigen Kopf des Ochsen heran, der den Leiterwagen zog, packte das Zaumzeug und zog kräftig. Das Tier gehorchte widerwillig und trabte ein weiteres Stück auf der Wiese zum nächsten Heuhaufen.
Plötzlich hörte Hermann die lauten Rufe eines Kindes. Die zehnjährige Marie kam winkend und schreiend quer über die Wiese gelaufen. Hermann konnte nicht verstehen, was sie rief, aber er war aufs Höchste alarmiert, als er sah, wie seine Frau den Rechen achtlos fallen ließ und dem Mädchen entgegen lief. Völlig aufgelöst und tränenüberströmt ließ sich das Kind in die Arme seiner Mutter fallen. Hermanns Herz setzte einen Moment aus. Dann rannte er zu den beiden hin, kniete sich zu Marie hinunter und versuchte, aus dem Schluchzen und Stammeln des Mädchens herauszuhören, was geschehen war.
„Leni ...“, brachte Marie schließlich unter heftigem Weinen heraus. „Sie blutet“. Immer schlimmer wurde das stoßweise Schluchzen, das ihren schmächtigen Körper schüttelte. Hermann wechselte einen erschrockenen Blick mit seiner Frau, dann eilten beide im Laufschritt über die Wiese zum Haus. Adelheid nahm ihre haltlos weinende Schwester bei der Hand, die beiden Kleinen kletterten vom Wagen, und völlig verschreckt folgten die Kinder ihren Eltern.
In der Küche stand Dr. Jansen, der junge Tierarzt, der seit kurzem im Dorf ansässig war. Er war einer der wenigen in der Gemeinde, die über eines der neumodischen Automobile verfügten. Außer ihm besaßen nur noch der Arzt, Dr. Paulsen, und der Großbauer Röwekamp ein Auto. Jansen sah dem Ehepaar mit schreckgeweiteten Augen entgegen, sein Gesicht war leichenblass und seine Hände zitterten. Der kleine Robert stand halbnackt in seinem hölzernen Laufställchen und brüllte aus Leibeskräften. Offenbar hatte Marie ihm gerade eine neue Windel anziehen wollen, als das Unglück geschah. Auf dem Herd stand der große Kochtopf mit der brodelnden Gemüsesuppe, die Marie für das Mittagessen vorbereitet hatte.
„Sie ist mir einfach vors Auto gelaufen“, stammelte der Mann, „ich konnte nicht mehr bremsen.“
Das kleine Mädchen lag auf der Küchenbank, die Augen geschlossen, offenbar ohne Bewusstsein. Aus der Nase und dem linken Ohr war ein dünnes Rinnsal Blut geflossen, die Arme und die nackten Beine waren voll blutiger Schürfwunden.
„Sie muss sofort zum Arzt“, stellte Hermann fest. Er schob seine schluchzende Frau zur Seite und wandte sich an den wie betäubt dastehenden Tierarzt.
„Sie müssen uns dorthin bringen, Dr. Jansen. Sofort! Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Zu seiner Frau sagte er: „Schnell, Anna, eine Decke. Ich bringe Leni zum Doktor. Es wird schon nicht so schlimm sein“, fügte er tröstend hinzu, als er die Sorge in den Augen seiner Frau sah.
„Ich komme mit“, sagte Anna. Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Hermann nickte nur. Behutsam wickelte er das Kind in die Decke, die seine Frau ihm reichte, hob es vorsichtig auf seine Arme und trug es nach draußen, wo Jansens offenes Automobil stand. Er bettete den kleinen Körper auf die Rückbank und setzte sich daneben. Anna rief Adelheid, die inzwischen mit den übrigen Kindern angekommen war, zu, sie solle auf die Kleinen aufpassen, und kletterte auf den Beifahrersitz. Jansen, noch immer totenblass, setzte sich ans Steuer und ließ den Wagen an.
„Schnell“, rief Hermann, „ihr Ohr blutet wieder. Wir müssen uns beeilen!“
Mit zitternden Händen steuerte der Tierarzt den Wagen über den Schotterweg zum Dorf und dort zum Marktplatz neben der Kirche, wo Dr. Paulsen wohnte und seine Praxis unterhielt. Hastig stieg Anna aus dem Wagen und klingelte an der Haustür, während Hermann das Kind zum Haus trug.
„Was ist passiert“, fragte der alte Landarzt, nachdem er Hermann angewiesen hatte, das Mädchen auf die Liege in seinem Ordinationsraum zu betten. Jansen Stimme zitterte und war kaum zu verstehen. „Sie ist mir direkt vors Auto gelaufen. Das Vorderrad hat sie einige Meter mitgeschleift. Ich konnte nichts dafür, wirklich!“
Der Arzt warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Sie stehen unter Schock, Jansen. Ich gebe Ihnen nachher eine Tablette, und dann gehen Sie nach Hause. Aber zuerst muss ich mich um dieses kleine Würmchen kümmern. Es sieht gar nicht gut aus“.
Er prüfte den Puls des Kindes, horchte mit dem Stethoskop die Lunge ab und betastete Brustkorb und Bauch. Dann befühlte er die dünnen Arme und Beine, hob die Augenlider und schaute in Ohren und Nase. Er war sehr ernst geworden.
„Sie muss ins Krankenhaus in der Stadt, ich kann hier nichts für sie tun. Sie hat starke innere Blutungen und wahrscheinlich eine Gehirnquetschung. Ich rufe die Ambulanz, das Kind muss sofort operiert werden.“
Er ging zu seinem Schreibtisch, auf dem ein neumodischer Telefonapparat stand. Gerade als er den trichterförmigen Hörer abnehmen wollte, regte sich das kleine Mädchen, der Brustkorb bäumte sich auf und aus ihrem Mund kam ein Schwall Blut. Das leichenblasse Gesicht wurde noch eine Nuance weißer, dann fiel der Kopf mit den braunen Locken zur Seite und der kleine Körper erschlaffte. Eilig trat der Arzt an das Kind heran, prüfte Atmung und Herzschlag. Dann richtete er sich langsam auf und drehte sich zu den wie erstarrt dastehenden Eltern um.
„Es ist zu spät“, sagte der alte Arzt resigniert. „Die Lunge ist verletzt worden, das Blut ist in sie eingedrungen. Das konnte die Kleine nicht überleben.“
Mit einem Aufschrei sank Anna neben der Liege auf die Knie und beugte sich über ihre Tochter. Ungläubig streichelte sie die Wange des Kindes und strich einige der blutigen Haarsträhnen zurück. „Nein“, stammelte sie, „nein, nein, das darf nicht sein!“
Hermann trat hinter seine Frau und legte ihr die Hand auf die Schulter. In seiner Kehle saß ein steinharter Kloß und in seinen Augen brannten Tränen. Als Anna laut aufschluchzte, zog er sie sanft hoch und nahm sie wortlos in die Arme.
Jansen war auf den Besucherstuhl gesunken und hatte beide Hände vors Gesicht geschlagen. Paulsen schüttelte eine Tablette aus einer Schachtel, goss etwas Wasser aus der auf dem Schreibtisch stehenden Karaffe in ein Glas und reichte beides dem völlig aufgelösten Mann. „Hier, nehmen Sie. Dann wird es Ihnen gleich besser gehen“, sagte er.
Dann trat er an das Ehepaar heran, legte Hermann fest die Hand auf die Schulter und räusperte sich. „Du nimmst deine Tochter am besten wieder mit nach Hause, Hoffstede. Die Nachbarn werden sich um die Aufbahrung kümmern. Ich stelle den Totenschein aus und sage dem Pastor Bescheid. Der wird dann heute Abend zum Totengebet kommen.“
Die Stimme des alten Doktors klang teilnahmsvoll und tröstend, aber auch bestimmt. Hermann sah ihn dankbar an. Er war froh, klar gesagt zu bekommen, was jetzt zu geschehen hatte.
Er schob seine Frau behutsam zur Seite und wandte sich dem toten Kind zu. In seinen Augen standen Tränen, als er den kleinen Körper wieder in die Decke wickelte und auf die Arme nahm.
Jansen war auch aufgestanden. „Ich bringe Sie natürlich zurück“, sagte er. Seine Stimme zitterte. „Es tut mir so unendlich leid!“
Anna hatte aufgehört zu schluchzen. Ihr Gesicht war zu einer Maske erstarrt. „Es war ein Unfall“, sagte sie mit brüchiger Stimme, „Gott hat es so gewollt.“
***
Es war heiß in der Küche. Die sommerliche Hitze wurde durch das Herdfeuer noch verstärkt. Das Blau des Himmels hatte sich getrübt und wirkte bleiern und schwer, die Schwüle der Luft trieb Hermann den Schweiß auf die Stirn, als er mit dem kleinen Leichnam auf dem Arm die Küche betrat.
Die Kinder saßen aufgereiht auf der Küchenbank und sahen den Eltern mit bangen Augen entgegen, als sie zur Tür herein kamen. Adelheid hatte während ihrer Abwesenheit die Erbsensuppe vom Herd genommen, den großen Topf auf den Tisch gestellt und sich und den drei größeren Kindern je eine Kelle auf den Teller geschöpft. Trotz der Aufregung hatten sie mit gutem Appetit gegessen. Den kleinen Robert hatte Adelheid mit dem aufgewärmten Haferschleim vom Morgen gefüttert, ihm eine frische Stoffwindel angezogen und ihn zum Mittagsschlaf in sein Gitterbett gelegt. Marie hatte immer noch ein tränenverschmiertes Gesicht. Die achtjährige Hedwig hielt sie tröstend umschlungen. Hannes mit seinen vier Jahren verstand noch nicht, was geschehen war, fühlte aber den Schrecken und die Angst der Schwestern und saß ungewöhnlich still auf seinem Platz.
Hilflos schaute Hermann in die angstvollen Gesichter seiner Kinder. Die Trauer wollte ihm die Kehle zuschnüren. „Leni hat sich bei dem Unfall sehr weh getan“, brachte er schließlich heraus. „Der Doktor konnte nichts mehr machen. Leni ist gestorben.“
Marie schrie auf, stürzte zu ihrer Mutter und umklammerte schluchzend ihre Hüfte, Hedwig tat es ihr gleich. Adelheid schlug die Hand vor den Mund und stand wie betäubt da, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Der kleine Hannes blickte verständnislos auf das Bündel in den Armen seines Vaters und fing ebenfalls an zu weinen.
Hermann öffnete die Tür zur Schlafkammer und legte den Körper des kleinen Mädchen vorsichtig auf das Bett. Mit einem feuchten Handtuch wischte er so gut es ging das Blut aus dem kleinen stillen Gesicht, ordnete die Haare und faltete die Hände auf der Brust des Kindes.
„Kommt alle hierher“, sagte er dann, „wir wollen beten für Leni.“
Die Familie versammelte sich rund um das Ehebett, und Hermann fing an, das Vater unser zu sprechen. Nach und nach fielen die anderen in das Gebet ein.
„Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib und heute, und vergib und unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse und von dem Übel. Amen.“
Das Beten und die vertrauten Worte hatten etwas Tröstliches und linderten den ersten großen Schmerz. Hermann besann sich auf das, was jetzt zu tun war.
„Adelheid, hör gut zu! Du läufst jetzt zu Wegmanns hinüber und sagst ihnen, was passiert ist. Mutter Wegmann muss herkommen, um die kleine Leni für die Aufbahrung vorzubereiten, und Vater Wegmann soll zu den Nachbarn gehen und den Todesfall ansagen. Heute Abend kommt der Pastor zum Totengebet, und die Frauen sollen kommen zum Rosenkranzbeten.“
Eindringlich sah er seine große Tochter an. „Hast du alles verstanden?“
Adelheid hatte sich schon wieder gefangen. Sie wischte sich mit einem nassen Waschlappen die Tränen aus dem Gesicht, ordnete ihr Haar und ging los.
Hermann wandte sich an seine Frau, die noch immer mit gefalteten Händen am Bett stand und auf ihre jüngste Tochter starrte. Sanft zog er sie vom Bett weg und führte sie zum Küchentisch, wo sie kraftlos auf einem Stuhl niedersank.
„Anna, wenn Frieda Wegmann gleich kommt, wird sie dir helfen beim Vorbereiten der Totenwache. Bis dahin sollten wir etwas essen, die Gemüsesuppe ist noch warm. Dann nehme ich Marie, Hedwig und Hannes mit auf die Wiese. Der Ochse braucht einen Eimer Wasser und dann wollen wir sehen, dass wir das Heu in die Scheune bekommen. Der Himmel wird trüber, es gibt in ein paar Stunden ein Gewitter.“
Seine Frau hatte teilnahmslos zugehört.
„Für Leni können wir nichts mehr tun, Anna, und das Heu darf uns nicht verderben. Wenn Adelheid zurück kommt, schick sie gleich zu mir zum Zusammenrechen. Dann schaffen wir es noch. Komm, jetzt iss erst mal etwas.“
Anna nahm mechanisch ein paar Löffel Eintopf und versuchte zu essen. Plötzlich jedoch schluchzte sie laut auf und schrie: „Wie konnte das nur passieren.“ Ihre Stimme klang schrill vor Verzweiflung und Schmerz. „Warum hat Marie nicht auf Leni aufgepasst? Sie hat doch gewusst, was für ein Wildfang sie war. Und jetzt liegt sie da und ist tot.“
„Beruhige dich, Anna. Marie kann sicher nichts dafür. Ich habe den Korb mit den Löwenzahnblättern beim Kaninchenstall gesehen, und die Stalltür steht offen. Wahrscheinlich hat Leni die Tür aufgemacht, der große Rammler ist herausgesprungen und über die Straße davongelaufen. Leni ist ihm hinterhergerannt, um ihn wieder einzufangen, und dabei ist es passiert. Ein schrecklicher Zufall, dass gerade in dem Moment der Jansen mit seinem schnellen Auto vorbeigekommen ist.“
Annas Augen füllten sich wieder mit Tränen, verzweifelt blickte sie ihren Mann an. Dann straffte sie die Schultern und strich sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn.
„Ja, so wird es wohl gewesen sein.“ Sie stand auf und sah sich in der Küche um. „Dann werde ich hier mal aufräumen, bevor Frieda gleich kommt. Geh du nur. Hier herumzusitzen hat keinen Sinn.“
***
Gegen fünf Uhr brach das Gewitter los. Am Himmel hatten sich immer mehr Wolken versammelt, die nach und nach bedrohliche graue, schwarze und violette Farben annahmen, die Luft erreichte eine unerträgliche Feuchtigkeit und die Hitze stieg auf weit über dreißig Grad. Gerade hatte Hermann das letzte Fuder Heu in die Scheune gefahren, den Ochsen und die vier Kühe auf den Kuhstand in der Diele geführt und die Schweine von der nahe gelegenen Schweineweide in den Stall getrieben, als der Regen sturzbachartig herabprasselte und quer über dem schwarzen Himmel ein Blitz dem anderen folgte, Schlag auf Schlag begleitet von furchtbarem Krachen und Donnern. Die Kinder versammelten sich angstvoll um den Küchentisch, Anna verbrannte geweihten Buchsbaum im Küchenherd, was einem alten Glauben nach einem Blitzeinschlag vorbeugen sollte, und Adelheid betete den Rosenkranz vor. Alle hofften, dass das Haus und die Scheune nicht von einem der pausenlos zuckenden Blitze getroffen werden würde. Erst letztes Jahr hatte der Blitz in eine der kleinen Bauernkaten eingeschlagen und die Familie zu Obdachlosen gemacht, so dass sie ins Armenhaus ziehen musste. Immer wieder wandte sich Adelheid im Gebet an den Schutzheiligen St. Florian, er möge dafür sorgen, dass das Himmelsfeuer dieses Haus verschone.
Anna hatte mit Hilfe ihrer Nachbarin, einer mütterlichen Frau um die Sechzig, die schon viele Tote gesehen und bestattet hatte, den Körper der kleinen Leni gewaschen und das lockige braune Haar zu ordentlichen Zöpfen geflochten. Dann hatten sie dem Kind das karierte Sonntagskleid mit dem weißen Bubikragen angezogen, das Leni von Marie übernommen hatte, und saubere Strümpfe. Auf dem großen Tisch in der guten Stube breiteten sie eine Wolldecke und ein sauberes Laken aus, auf das sie den kleinen Leichnam legten, betteten den Kopf der Kleinen auf ein besticktes Paradekissen und bedeckten den Körper mit einer weißen Tischdecke bis zur Taille. Links und rechts neben dem Kopf der Toten stellte Anna die silbernen Leuchter auf, die das Hochzeitsgeschenk ihrer Schwiegereltern für sie und ihren Mann gewesen waren, das Kostbarste, was die Familie besaß. Um die gefalteten Kinderhände herum schlang sie einen Rosenkranz.
Marie kam mit einem großen Strauß Kornblumen, die Anna auf zwei Vasen verteilte und neben die Kerzen stellte. Es war ein erschütterndes Bild, fand Hermann, als er die Stube betrat. Sie sieht aus, als ob sie schläft, dachte er. Sein Herz krampfte sich zusammen. Seine liebe kleine Tochter, das wilde, ausgelassene, fröhliche Kind! Warum hatte Gott das zugelassen? Er wusste, auf diese Frage würde er keine Antwort bekommen.
***
Endlich war Anna eingeschlafen. Hermann konnte es an ihren regelmäßigen Atemzügen erkennen. Er atmete auf. Lange hatte er ihrem unterdrückten Schluchzen gelauscht, vergeblich nach einer Möglichkeit suchend sie zu trösten.
Er dachte über den Abend nach. Das Klingeln des Totenglöckchens hatte das Nahen des Pastors angekündigt, der mit zwei Messdienern zum Totengebet kam. Das Unwetter hatte an frühen Abend nachgelassen, der Regen war dünner geworden, so dass ein großer Regenschirm genügte, um Pastor Hellmann und die beiden Jungen trocken zu halten. Zusammen mit den drei Nachbarsfrauen, die, ganz in Schwarz gekleidet, gekommen waren, um die rituelle Totenwache zu halten, hatte der Pastor die Salbungen und Segnungen vorgenommen und die Totengebete gesprochen. Die ganze Familie hatte sich um das aufgebahrte Kind versammelt. Der Rosenkranz von den schmerzhaften Geheimnissen, der die Leiden Jesu auf dem Kreuzweg in vielen Wiederholungen beklagt, war gebetet worden, der Geistliche hatte einige tröstende Worte gefunden.
Es war schon dunkel gewesen an diesem Junitag, als Hermann die Trauergäste aus dem Haus geleitet hatte. Der Regen hatte aufgehört, überall standen riesige Pfützen und Wasserlachen, am Himmel flammten glitzernd die ersten Sterne auf und die drückende Schwüle des Tages war einer reinen, frischen Abendluft gewichen. Der nächste Tag würde sicher wieder schönes Sommerwetter bringen, hatte Hermann festgestellt, und dabei an das tote Kind gedacht, das diesen Tag nicht mehr erleben würde.
Wieder drehte er sich schlaflos auf die andere Seite, darauf bedacht, Anna nicht zu stören. Da hörte er, wie eine Tür leise geöffnet und geschlossen wurde. Vorsichtig schlug er das Federbett zurück und stand auf. In der Küche bemerkte er, dass die Tür zur guten Stube nur angelehnt war. Als er sie öffnete, sah er im fahlen Licht des Mondes, das durch das Fenster direkt auf die Gestalt des aufgebahrten Kindes fiel, Marie an der Seite des Tisches kauern. Sie weinte. Ihre schmächtigen Schultern zuckten vor unterdrücktem Schluchzen. Die aufgelösten Haare fielen ihr über den Rücken, das Nachthemd schimmerte hell. Hermann knipste das Licht an, beugte sich zu dem verschreckt aufblickenden Kind hinunter und nahm es in die Arme.
„Was machst du denn hier, Marie?“, fragte er mit gedämpfter Stimme. Hilfloses Weinen antwortete ihm. Behutsam hob er das Mädchen auf und setzte sich mit ihr auf einen der Stühle. Marie schlang ihre dünnen Arme um seinen Hals und barg ihr tränennasses Gesicht an seiner Schulter. Hermann strich ihr über den schmalen Rücken und flüsterte beruhigende Worte, bis das heftige Schluchzen nachließ.
„Ich bin schuld“, flüsterte Marie mit dünner Stimme.
Hermann glaubte nicht recht gehört zu haben. „Was sagst du?“, fragte er.
Ohne das Gesicht zu heben, stammelte Marie kaum hörbar:„Ich bin schuld. Leni ist tot, und ich bin schuld daran!“
„Ach was“, erwiderte Hermann, „du bist nicht schuld. Es war ein Unfall, Marie, daran ist keiner schuld.“
„Doch, ich bin schuld“, beharrte Marie. „Mama hat es selbst gesagt.“
„Mama hat das gesagt? Bestimmt hat sie es nicht so gemeint. Was genau hat sie denn gesagt?“
„Sie hat gesagt, ich sollte doch auf Leni aufpassen, deshalb bin ich schuld daran, dass sie vors Auto gelaufen ist.“
Marie fing wieder an zu weinen. Hermann wiegte sie in seinem Armen und strich ihr mit seiner rauen Hand übers Haar.
„Lass uns mal überlegen. Was hast du denn gerade gemacht, als Leni nach draußen gelaufen ist?“
Marie schniefte und fing an zu nachzudenken.
„Der Robert hatte in die Hose gemacht, und ich wollte ihm eine neue Windel anziehen. Da ist Leni nach draußen gelaufen. Sie wollte den Löwenzahn zum Kaninchenstall bringen. Wir hatten nämlich vorher Löwenzahn gesammelt“, fügte sie erklärend hinzu.
„Na siehst du. Du warst also nicht unaufmerksam, sondern du hast dich um Robert gekümmert, was du ja auch solltest. Und Leni ist alleine nach draußen gegangen. Das war ja nicht so schlimm. Aber dann hat sie die Tür zum Kaninchenstall aufgemacht, und der Braune, du weißt ja, dass der ziemlich wild ist, ist herausgesprungen und weggelaufen. Sicher ist Leni ihm hinterhergerannt und hat nicht gesehen, dass ein Auto kommt. Und so ist der Unfall passiert.“
Marie hatte aufgehört zu weinen. Sie holte tief Luft und stand vom Schoß ihres Vaters auf. Tiefernst sah sie ihn an.
„Dann bin ich also nicht schuld daran, dass sie tot ist?“
„Nein, das bist du nicht, Marie. Es war ein schlimmes Unglück. Eigentlich ist keiner schuld daran. Es ist einfach passiert. Der liebe Gott hat unsere kleine Leni eben wieder bei sich haben wollen. Jetzt ist ihre Seele bei Jesus im Himmel und es geht ihr gut. Du musst dir keine Sorgen machen.“
Marie trat an den Tisch mit dem aufgebahrten Kind und betrachtete ernst und konzentriert Lenis Gesicht.
„Sie sieht so still aus, fast wie eine Puppe“, sagte sie mit dünner Stimme. Dann wandte sie sich wieder ihrem Vater zu.
„Bist du sicher, dass ihre Seele jetzt im Himmel ist, Papa?“
fragte sie.
„Ja, ganz sicher. Und eines Tages werden wir sie dort oben wiedersehen.“ Hermann merkte ein wenig verwundert, dass seine Worte nicht nur dem Kind, sondern auch ihm selber Trost spendeten.
„Ja“, bekräftigte er seinen Satz, „wir werden sie wiedersehen.“ Dann nahm er seine Tochter an die Hand und führte sie aus der Stube.
„Und jetzt gehen wir schlafen, Marie.“

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Immer neugierig bleiben

Version vom 25. 07. 2016 20:08

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Hyazinthe
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Diese Geschichte ist Teil eines Romans, der das Leben Maries (hier zehnjährig) zum Inhalt hat. Er umfasst den Zeitraum zwischen 1920 und 2007.

Gruß, Hyazinthe
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Blumenberg
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Liebe Hyazinthe,

meines Erachtens ein gelungener Auftakt für eine längere Erzählung. Man merkt, dass eine ordentliche Recherche stattgefunden hat, so dass deine Schilderung einiges an Authentizität gewinnt und du das Leben auf einem Kleinhof und das dörfliche Umfeld der damaligen Zeit anschaulich darstellst.
Auch die gewählte Sprache und deinen Erzählstil finde ich passend.
Als einzige kleine Anmerkung: Du könntest in deinem Text deine Protagonistin etwas mehr in den Mittelpunkt der Erzählung stellen, da sie hier im ersten Kapitel doch sehr wie eine Nebenfigur wirkt. Ohne deine Anmerkung unter dem Text hätte ich nicht sagen können, wer die Hauptperson dieser Geschichte ist.

Insgesamt hab ich die Geschichte aber gerne gelesen und bin gespannt auf die Fortsetzung.

Beste Grüße

Blumenberg

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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Blumenberg!

Danke fürs Lesen und Kommentieren.
Zu deiner Anmerkung: Dieser Text ist das zweite Kapitel des Romans. Im ersten Kapitel wird die Familie und besonders Marie (als Fünfjährige) vorgestellt. In diesem zweiten Kapitel steht das für Marie traumatische Erlebnis des Unfalltodes ihrer Schwester im Mittelpunkt, an dem sie sich die Schuld gibt und das sie für ihr späteres Leben prägt. Hier wird aus der Perspektive von Maries Vater erzählt; erst in der zweiten Hälfte des Romans wird Marie selbst zur Erzählerin.

Gruß, Hyazinthe
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WilliWieberg
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Liebe Hyazinthe,

es hört sich wirklich sehr interessant und vielversprechend an, was du da vorhast. Historisch eine spannende, aber auch sehr schwer zu fassende Zeit. Hoffentlich lässt du uns weiter teilhaben?

Viele Grüße

Willi

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Hyazinthe
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Liebe Willi!

Danke für deinen freundlichen Kommentar.
Das Buch ist schon erschienen (s. Veröffentlichungen ...)

Danke an die Vergeber der Bewertungspunkte. Habe mich sehr darüber gefreut und erkenne daran, dass meine Art zu schreiben für diese Erzählung den richtigen Ton getroffen hat.

Gruß, Hyazinthe
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