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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
New York
Eingestellt am 31. 03. 2017 07:42


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BlueNote
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2017

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Nehmen wir einmal: New York. Menschen k├╝ssen sich auf D├Ąchern. Im Hintergrund H├Ąusersilhouetten und ein grellroter Sonnenuntergang. Die Nacht f├Ąhrt herein in die Stadt wie ein Zug in den Bahnhof, schaltet die k├╝nstlichen Lichter an. Und immer wieder ein Flugzeug. Flugzeuge ├╝ber New York.

Ein Schwarzer spielt auf dem Klavier. Am Bass der weltbeste Bassspieler - nat├╝rlich aus New York. Auch der Schlagzeuger begeistert das anspruchsvolle Publikum der Weltmetropole. Jazzmusik dringt auf die Stra├če hinaus. Es ist noch warm. Die Lichter der Automobile verbinden sich zu rechteckig angeordneten Linien. Und ├╝berall dazwischen Amerikaner, die ihr Leben leben. In Eigentumswohnungen, beispielsweise im 56. Stock. Dort gibt es f├╝r sehr viel Geld eine sehr gute Sicht ├╝ber die Stadt. Man kann ├╝ber alles hinweg sehen, wenn man es will.

Dort, wo alles ├╝bergro├č ist, da k├Ąme er her, sagt mir der Amerikaner. Hier sei alles so altmodisch, klagt er. Die H├Ąuser, die Z├╝ge, auch die Menschen dieser Stadt. Es ist die Stadt N├╝rnberg. Das alles sagt mir der Amerikaner, obwohl ich ihn nicht danach gefragt habe. Er hat vielmehr mir eine Frage gestellt, das Wort von sich aus an mich gerichtet. Ihn habe es hierher verschlagen, unfreiwillig allerdings, wie er betont. Nun muss er sich in dieser deutschen Stadt aufhalten, obwohl sich in seinem geliebten New York das Leben abspielt ÔÇô ohne ihn nat├╝rlich, dort in New York, wo alles riesengro├č ist und die Menschen dagegen so klein wirken. Er, der Amerikaner, sieht aber gar nicht so aus, wie man sich einen schwarzen Amerikaner vorstellt, etwa wie jener agile T├Ąnzer aus dem Madonna-Video "Vogue". Er tr├Ągt ein ausgewaschenes Sweat-Shirt und eine Jogginghose, ist leicht untersetzt. Seine Gestik wirkt auf mich ungew├Âhnlich. Oft fuchtelt er mit den Armen herum oder zeigt mit den Fingern auf einen imagin├Ąren Punkt im Raum. Vielleicht ist das ja typisch amerikanisch? In einer Kneipe singt jemand italienisch: Se le ragazze di New York ... Die Sprache klingt fremd f├╝r ihn. Er versteht kein einziges Wort. Genauso wenig wie er die deutsche Sprache versteht. Warum spielt man hier keine amerikanische Musik wie ├╝berall? Das denkt er sich wohl.

Nehmen wir einmal: N├╝rnberg. Nachbarn beobachten sich mit Ferngl├Ąsern und f├╝hlen sich dennoch weit voneinander entfernt. Ein Mann, der aussieht wie eine Bratwurst, bei├čt in eine Bratwurst. Hier tr├Ągt man noch Oberlippenbart. N├╝rnberg, die nordbayerische Gro├čstadt, ist eine Stadt mit Geschichte und Erinnerungen. Der Amerikaner aus New York hat aber keine Erinnerung an N├╝rnberg. Er ist jung und er ist nicht informiert. Er ist schlecht gelaunt, kennt sich nicht aus in dieser Stadt. Deswegen fragt er mich nach dem Weg. In seiner Heimatstadt in Amerika kennt er sich nat├╝rlich gut aus ÔÇô er kennt viele Stra├čen, Geb├Ąude, MacDonalds-Restaurants. Dort kennt er auch alle Fernsehkan├Ąle, wei├č, was gerade passiert in den g├Ąngigsten Daily Soaps. Dar├╝ber ist er bestens informiert. Nicht aber ├╝ber N├╝rnberg, die Stadt in der er sich im Moment befindet, jene mittelalterlich gepr├Ągte Stadt, die im 2. Weltkrieg fast vollst├Ąndig zerst├Ârt wurde. Er will es nicht wissen, warum sie zerst├Ârt wurde. Er fragt nicht danach. In den Kirchen befinden sich Austellungen mit Bilder ├╝ber den Wiederaufbau. Der Amerikaner wird sie nicht besuchen. Warum sollte es ihn auch interessieren? Er hasst diese Stadt, in der er sich nicht zurechtfindet.

Alles ist viel gr├Â├čer in New York, sagt er immer wieder. Die Autos, die H├Ąuser, die Flugzeuge. Sie landen jetzt wieder in New York. Auch in N├╝rnberg landen Flugzeuge, manche st├╝rzen sogar ab ├╝ber dem Tennenloher Forst. Davon wei├č jedoch niemand in New York. Es handelte sich ja auch nur um eine kleine Propellermaschine, in der der Leiter einer High-Tech-Firma ums Leben kam. Sein Kopf lag abgetrennt irgendwo zwischen den B├Ąumen im Tennenloher Forst. Es h├Ątte sie interessieren k├Ânnen, die Menschen in New York. Es war aber kein Fernsehteam zur Stelle, das entsprechende Aufnahmen machte f├╝r die an solchen Ereignissen interessierte Zuschauerschaft.

In New York wurde Weltgeschichte geschrieben. Es war und ist eine sehr traurige Geschichte. Auch in N├╝rnberg wurde Weltgeschichte geschrieben. Aber dar├╝ber wird nicht sehr gerne gesprochen. Man verweist lieber auf die fast tausendj├Ąhrige, ├Ąltere Geschichte. Deswegen ist hier auch alles so alt, wegen der Geschichte, das ist es, sage ich zu dem Amerikaner. Es wurde alles wieder aufgebaut. Zerst├Ârt und wieder aufgebaut. Alle N├╝rnberger waren sehr eifrig und halfen mit. So stelle ich es mir zumindest vor. In New York r├Ąumen sie inzwischen auch wieder die Steine weg. Aber das nat├╝rlich viel schneller und gr├╝ndlicher als seinerzeit in N├╝rnberg. Zur Erinnerung an die gefallenen T├╝rme stellte man in New York Lichts├Ąulen in den Nachthimmel. In N├╝rnberg lie├č Albert Speer mit Flakscheinwerfern Lichtdome auf dem Reichsparteitagsgel├Ąnde entstehen. Das war aber, bevor die H├Ąuser in sich zusammen fielen. In N├╝rnberg zumindest erinnert man sich noch daran.

Der schwarze Amerikaner hat mich nach dem Weg gefragt und ich habe ihm in seiner Sprache und f├╝r ihn verst├Ąndlich geantwortet. Ich empfehle ihm die U-Bahn, weil ich mir denke, dass ein Amerikaner nicht gerne zu Fu├č geht. Als er verschwunden ist, denke ich mir, dass ich im Grunde nichts von Amerika, nichts von New York und nichts von Amerikanern wei├č. Au├čer vielleicht, dass sie ungern zu Fu├č gehen. Ich h├Ątte ihm eine Frage stellen k├Ânnen. Ich h├Ątte ihm viele Fragen stellen k├Ânnen. Ich h├Ątte ihm Fragen stellen sollen.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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Penelopeia
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Understatement

Sch├Âner, angenehm zu lesender Text! Erinnert in der Diktion ein wenig an die Erz├Ąhlweise eines unschuldigen Kindes, das Ungeheuerlichkeiten aufsagt, als handle es sich um Bonbonsorten... Gef├Ąllt mir sehr, diese Art des Understatements...

Ein paar Kleinigkeiten fielen auf, z.B. "...Ausstellungen mit Bilder_ in..."; ein oder zwei Mal fehlt ein Komma. Sonst aber sauber geschrieben.

Herzlich

P.

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