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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Nicht geschaffen für das Glück
Eingestellt am 01. 02. 2010 08:24


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Alissa ist zwei Jahre älter als ihr Cousin Jérôme. Das junge Paar liebt einander von Herzen. Jérôme möchte sich verloben. Alissa weist das Ansinnen zurück. In den Adern des Mädchens aus Le Havre fließt kreolisches Blut. Der Pfarrer, der Alissas Mutter Lucile einst vor Jahren aus Martinique mit nach Nordfrankreich gebracht hatte, wirft der Mutter Ehebruch vor. Alissa will die Schuld der Mutter sühnen. So versagt sie sich dem Geliebten. Das Sühneopfer wird für das Mädchen unerträglich. Es stirbt an seinem Kummer. Nach Alissas Tode erzählt Jérôme die Geschichte seiner Liebe.

Der André-Gide-Forscher Peter André Bloch schreibt, Gide habe in seinem Roman "Die enge Pforte" die Rolle "des allwissenden Erzählers" aufgegeben. Vor reichlich hundert Jahren - also 1909 - erschien der Text in Paris und noch im selben Jahr die deutsche Übersetzung bei Erich Reiss in Berlin. Gide soll - sage und schreibe - fünfzehn Jahre an dem Werk gearbeitet haben.

Um auf unseren Ich-Erzähler Jérôme zurückzukommen - er will Alissa heiraten, kann sich aber nicht denken, weshalb er einen Korb nach dem anderen bekommt. Je mehr Alissa ihrem Geliebten Rätsel aufgibt, desto ratloser wird auch der geplagte Leser. Mit der Zeit weiß er überhaupt nicht, was gehauen und gestochen ist. Allerdings fallen Jérôme nach dem Tode Alissas einige Tagebuchblätter der Geliebten in die Hände und manches wird im Nachhinein auch für den Leser verständlich.
Wirklich raffiniert gearbeitet, Monsieur Gide! Es geht uns hier nicht um die Geschichte. Es geht um die Technik der fehlenden Information und was Gide daraus macht. Er bringt es - ungelogen! - fertig, das Thema "Liebe zwischen Mann und Frau" auf einem Niveau zu behandeln, daß der unmutig gewordene Leser zum Schluß ziemlich widerstrebend eingestehen muß: Das Ganze, wie es ist, steht auf einer Stufe mit Shakespeares Romeo und Julia.

Eine schwierigschöne Aufgabe steht bevor. Wir wollen untersuchen, wie es Gide fertiggebracht hat, in uns diese Resonanz zu generieren, dieses Mitschwingen, wenn wir fühlen: Ja, so muß Liebe sein!
Leicht wollen wir uns die Arbeit machen. Sogleich fällt uns der Goethesche Terminus von der "Entsagung" ein. Aber wir untersuchen ja nicht Alissas Verhalten, sondern erforschen, wie Jérôme schreibt. Gewiß, der junge Mann rennt nicht mit dem Kopf durch die Wand. Er gibt immer nach - aus Liebe. Immer? Nein. Es gibt da eine Ausnahme. Einmal, während der letzten Begegnung mit der blassen, mageren Geliebten, raubt er einen langen Kuß von ihren Lippen. Zwar sinkt Alissa hin in seine starken Arme, doch dann besinnt sie sich, macht sich frei und mahnt: "Mein Freund! Ach, zerstöre unsere Liebe nicht."

Jérôme reist über die Jahre hinweg in der Weltgeschichte umher. Doch ihn zieht es immer wieder nach Le Havre zu der Geliebten. Manchmal wähnt er sich seinem Ziel nahe, doch dann sagt Alissa zu ihm: "Glaube mir: wir sind nicht für das Glück geschaffen."

Es soll nicht immerzu von Alissa die Rede sein. Wir möchten - wie oben betont - nahe bei Jérôme bleiben. Seine Liebe zu dem jungen Mädchen wurzelt im Haß gegen Lucile und er will Alissa schützen "vor dem Bösen, vor dem Leben". Unerträglich wird es ihm, wenn Alissa an seiner Liebe zweifelt. Denn diese Liebe erscheint ihm als sein einziger Lebenssinn. Jene Liebe aber wird mit Füßen getreten. Wenn Jérôme, wieder einmal heimgekehrt, auf die nächste Begegnung mit der Geliebten hofft, erwartet er viel zu viel. Alissa schreibt: "Ach! Daß wir einander immer fern bleiben!" Solche Dämpfer, ständig in neuen Variationen vorgetragen, schrecken Jérôme nicht ab. Die Belohnung für seine Beharrlichkeit wurde oben angesprochen: Der eine, einzige Kuß! Im Moment des Küssens öffnen sich ihre Herzen "wie eine Blume". Dann sagt sie den oben genannten Satz vom Nicht-Geschaffensein für das Glück. Darauf weicht sie seinem Begehren für immer aus, entkommt ihm; stirbt ganz alleine in der Fremde, in die sie sich geflüchtet hat.

Die Geschichte endet mit einem Geständnis des Ich-Erzählers. Jérôme bewahrt die Liebe zu Alissa in seinem Herzen, so daß, wenn er einmal heiratete, er nur so tun könnte, als liebte er die Ehefrau.

André Gide, der Literatur-Nobelpreisträger 1947, wurde am 22. November 1869 in Paris geboren und starb am 19. Februar 1951 daselbst.

Die Quelle
Raimund Theis (Hrsg.), Peter Schnyder (Hrsg.):
André Gide: Die enge Pforte
Aus dem Französischen übertragen von Andrea Spingler.
Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band VIII/2, S. 23 - 142.
Stuttgart 1992. 511 Seiten, ISBN 3-421-06468-7

Das Original
Der Roman "La Porte étroite" erschien 1909 in der Literaturzeitschrift "Mercure de France" in Paris.

Die deutschsprachige Erstausgabe
in der Übersetzung von Felix Paul Graefe erschien ebenfalls 1909 im Erich Reiss Verlag Berlin (240 Seiten).

Sekundärliteratur
Claude Martin: "André Gide". Aus dem Französischen übertragen von Ingeborg Esterer. Rowohlt 1963 (Aufl. Juli 1987). 176 Seiten, ISBN 3-499-50089-2

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Hedwig

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