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Leselupe.de > Humor und Satire
Nicht korrekt
Eingestellt am 24. 01. 2006 18:36


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Raniero
Textablader
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Nicht korrekt

„Na, Erwin, mein Schatz, wie hat sie dir gefallen, die Oper?“ war Erika Stufer neugierig auf die Reaktion ihres Mannes, als sie gemeinsam das Opernhaus verließen.

Eine unendlich lange Zeitspanne hatte sie gebraucht und vieles an Überredungskunst hatte sie aufbieten mĂŒssen, um ihren Erwin endlich einmal in einen Musentempel zu schleppen, zu einem Opernbesuch, zum ersten Mal in ihrer nun doch schon recht lang anhaltenden Ehe.
Stets hatte er abgeblockt, Ausreden gesucht und gefunden, in der Art wie er sei noch nicht reif fĂŒr die Oper, er sei eher der Mann fĂŒr’s einfach Gestrickte, was die Musik angehe und hĂ€tte noch nicht den richtigen Zugang, daher wĂŒrde er sich dort zu Tode langweilen.
Mit Bedacht war Erika deshalb im Vorfeld an die Auswahl des richtigen StĂŒckes fĂŒr ihren Ehemann gegangen, denn hiervon hing im Prinzip alles ab; gefiel ihm diese erste Oper nicht auf Anhieb, dann konnte sie weitere gemeinsame Opernbesuche in den Wind schreiben, das wĂ€r’s dann gewesen, fĂŒr alle Zeiten.
Lange Zeit schwankte sie bei ihrer Entscheidung zwischen der Zauberflöte, einer Oper, welche nach Meinung der Fachleute das geeignete StĂŒck sei, selbst den hartnĂ€ckigsten Opernmuffel gefĂŒgig zu machen und Verdis Rigoletto, dem Werk, das ihrer Meinung nach zwar einiges mehr an Vorkenntnissen erfordere, dafĂŒr jedoch auch einiges mehr an innerer Spannung aufweise als Mozarts Romantikepos.
Letztendlich entschied sie sich fĂŒr Rigoletto, denn Spannung war fĂŒr Erika das Ausschlaggebende, spannend musste sie schon sein, die Oper, sie kannte ja ihren Erich, und daher musste bei seinem Premierenbesuch alles aufgeboten werden, was ihn am eventuellen Einschlafen wĂ€hrend des StĂŒckes hinderte.
Nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hatte, machte sich Erika daran, ihrem Mann den Handlungsverlauf des Rigoletto schmackhaft zu machen und auseinanderzusetzen, wobei sie hierfĂŒr geschickt den richtigen Zeitpunkt auswĂ€hlte, denn dieser durfte nicht zu frĂŒh, aber auch nicht zu spĂ€t angesetzt werden.
Zu frĂŒh konnte nĂ€mlich bedeuten, dass Erich bis zum bevorstehenden Ereignis alles wieder vergessen hatte und er sie dann wĂ€hrend des StĂŒcks mit Fragen löcherte, welche Blamage, und zu spĂ€t wiederum konnte den Nachteil haben, dass er bis zum Beginn des Besuches die Handlung noch nicht komplett kapiert hĂ€tte, was ebenfalls bohrende Fragen nach sich zöge, bei laufender AuffĂŒhrung.
Erika fand den goldenen Mittelweg.
UngefĂ€hr vierzehn Tage vor dem Opernbesuch begann sie damit, ihrem Erich allabendlich vor dem Schlafengehen Detail fĂŒr Detail die einzelnen HandlungsstrĂ€nge einzubleuen und zu einem Ganzen zusammenzufĂŒgen, wie ein leibhaftiger OpernfĂŒhrer.
Den gleichen Aufwand, den sie fĂŒr die Didaktik der Opernhandlung betrieb, setzte sie darĂŒber hinaus in Bezug auf die MusikalitĂ€t des Werkes ein, indem sie ihrem Mann jeden Abend eine Arie aus der Oper zu Gehör brachte, in allen erforderlichen weiblichen wie auch mĂ€nnlichen Stimmlagen, damit er sich in gebĂŒhrender Form auf die Originalmusik einstellen möge.
Auf diese Weise wurde er denn fleißig einstudiert, der Rigoletto, so intensiv, dass darĂŒber fast die ehelichen Pflichten der Beiden zu kurz gekommen wĂ€ren.

Der Opernabend wurde ein voller Erfolg, was sowohl die kĂŒnstlerischen Leistungen auf der BĂŒhne und im Orchestergraben betraf, denn es gab viele VorhĂ€nge und nicht endend wollende Bravorufe, wie auch das Genussempfinden Erwin Stufer’s, was seine Frau unter anderem auch auf ihre eigenen eifrigen BemĂŒhungen im Vorfeld bezog.
Sie hatte, nur um zu erleben, wie ihr Mann die Oper erlebte, ihren Erich wĂ€hrend der gesamten AuffĂŒhrung keinen Moment aus den Augen gelassen und hierbei die Handlung vorne optisch versĂ€umt, was ihr jedoch nichts ausmachte, da sie diese ja zur GenĂŒge kannte.
Keinen Augenblick hatte ihr Gatte zu ihrer namenlosen Freude die Augen vom BĂŒhnengeschehen abgewandt, allzu ergriffen und durchdrungen schien er doch von seiner ersten Life-Oper zu sein.
Als sie ihn spÀter beim Hinausgehen darauf ansprach, wie ihm der Abend gefallen habe, antwortete er eher ausweichend.
„Na, ja, Schatz, nicht schlecht, aber meiner Meinung nach mĂŒsste die Oper komplett neu geschrieben oder zumindest in Teilen abgeĂ€ndert werden“.
Erika glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
„Wie bitte? Neu geschrieben werden? In Teilen abgeĂ€ndert werden? Mensch, das ist eine Verdioper!“
„Verdi hin, Verdi her, das tut nichts zur Sache, Erika, vor Gericht hĂ€tte die Handlung in einzelnen BezĂŒgen keinen Bestand“.
„Vor Gericht keinen Bestand? Bist du von Sinnen, Erich? Es handelt sich um eine Oper, nicht um einen Prozess!“
„Gleichwohl, mein Schatz, da war eine Unkorrektheit in der Handlung, von dem Mord an Rigolettos Tochter Gilda mal abgesehen“.
„Von dem Mord an Rigolettos Tochter Gilda mal abgesehen?“ wiederholte Erika unglĂ€ubig, „Bist du denn ganz von Gott verlassen? Was fĂŒr eine Unkorrektheit, verdammt noch mal, was meinst du denn?“ schrie sie Erich an.
„Reg dich doch nicht so auf, Schatz“, versuchte er sie zu beruhigen, „schau mal, in der Szene, in der dieser, wie heißt er noch mal, dieser gedungene Mörder?“
„Sparafucile“, antwortete Erika tonlos.
„Ach, ja, Sparafucile, was fĂŒr ein komischer Name. Na, ja, als dieser Sparafucile dem Rigoletto im ersten Akt das Angebot macht, irgendjemanden fĂŒr ihn zu ermorden, da haben sie doch eine Ratenzahlung vereinbart, nicht wahr?“
„Eine Ratenzahlung?“ flĂŒsterte Erika, dem Wahnsinn nah ĂŒber das unbestechliche Auge ihres Ehemannes.
„Weißt du das nicht mehr, mein Schatz?“ plauderte Erich munter weiter, „zwei Raten haben sie ausgemacht, eine HĂ€lfte vor und die andere HĂ€lfte nach getaner Arbeit. Und wie ist es dann abgelaufen, bei der zweiten Rate? Vor die FĂŒĂŸe geschmissen hat Rigoletto dem Sparafucile das Geld, ohne eine Quittung zu verlangen!“
„Erich,“ unterbrach Erika ihren Mann mit sterbender Stimme, „du meinst, Rigoletto sollte vom Mörder seiner Tochter eine Quittung verlangen, fĂŒr den Blutzoll? Bist du denn noch zu retten?“
„Aber Schatz, zu diesem Zweck wusste Rigoletto doch noch gar nicht, dass Sparafucile der Mörder seiner Tochter war. Nein, glaube mir, das war nicht korrekt, Erika. Dieser Sparafucile könnte doch glatt im Nachhinein behaupten, er habe das Geld nicht erhalten. Er könnte sogar klagen, vor Gericht, und glaube mir, Schatz, er kĂ€me damit durch“.


Erikas Gesicht war aschfahl geworden, bei den AusfĂŒhrungen ihres Mannes.
Sie sah ein, dass es keine Zukunft mehr geben wĂŒrde, fĂŒr gemeinsame Opernbesuche, wollten sie beide nicht selbst demnĂ€chst vor Gericht landen, als Hauptbeteiligte in einem Scheidungsprozess.
Warum hatte sie bloß diesen Buchhalter geheiratet?

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Minotaurus
Guest
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Eine köstliche Geschichte!
Der Buchhalter zum Schluß war eine Überraschung.
Und ich dachte die ganze Zeit, Erich muß ein Anwalt oder sonst ein Rechtsverdreher sein.

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flammarion
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hm,

gute geschichte. aber die passage zu diesem Zweck wusste Rigoletto doch noch gar nicht scheint mir nicht zu stimmen. du meintest vielleicht zu dieser Zeit.
lg
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Old Icke

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Raniero
Textablader
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Registriert: Oct 2005

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Hallo Minotaurus,
hallo flammarion,

freut mich, dass euch die Story gefallen hat.
NatĂŒrlich, du hast Recht, flammarion, es muss an dieser Stelle heißen: Zu diesem Zeitpunkt wusste Rigoletto noch gar nicht..
Vielleicht habe ich 'Zweck' geschrieben, weil ich dachte, diese Geschichte hat den Zweck, einem kĂŒnftigen Rigoletto-Besucher ein wenig die Angst vor dem blutrĂŒnstigen Geschehen zu nehmen.

Gruß Raniero

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flammarion
Foren-Redakteur
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kicher,

ich hab damals als 14jÀhrige vor lauter lautem gesinge die handlung gar nicht verstanden . . .
lg
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Old Icke

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