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Leselupe.de > Kurzprosa
Nicht mehr
Eingestellt am 02. 01. 2005 23:00


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Stern
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Sie wacht auf. Es ist finster. Da sind Stimmen - GerÀusche. Was?

Langsam tappt sie durch die Dunkelheit des Kinderzimmers zum Fenster. Draussen ist was los. Die rote Digitalanzeige des Radioweckers zeigt 3:48 Uhr.

Sie ertastet das Rollladenband und zieht. Blaulicht kreist durch die Nacht, wandert in kurzen AbstĂ€nden rund durch's Zimmer. Ein Krankenwagen steht auf der Strasse. Viele Fußspuren fĂŒhren die Treppen herauf durch den frischen Schnee.

Sie dreht sich um, geht zur ZimmertĂŒr. Unten schlĂ€gt die HaustĂŒr zu, ein dumpfer Knall.

Ohne zu denken legt sie die Hand auf die TĂŒrklinke, drĂŒckt, öffnet die TĂŒr. Sie geht in's Treppenhaus, in das vom unteren Stockwerk her Licht fĂ€llt. Barfuss, im Schlafanzug steigt sie die knarrende Holztreppe hinunter.

Niemand scheint hier zu sein - außer ihr. Es ist still.

Schnell lĂ€uft sie an's KĂŒchenfenster und schaut hinaus. MĂ€nner schieben eine Trage in den Krankenwagen. Darauf liegt ein Mensch.

Sie hÀlt den Atem an.

Als sie sich umdreht, sieht sie die Mutter am KĂŒchentisch sitzen.

Sie ist doch nicht allein.

Die Mutter hat das Gesicht in den HĂ€nden verborgen.

"Mama - ?"

Die Mutter hebt den Kopf, sieht sie an.

"Schlaftabletten", sagt sie ausdruckslos, "er hat Schlaftabletten genommen und sich in die Badewanne gelegt."

Deswegen also. Er hat es wirklich getan.

"Und...?" fragt sie.

"Es sieht so aus, als hÀtte ich ihn rechtzeitig gefunden", sagt die Mutter, "sie sind zuversichtlich."

"Hm."

Beide schweigen. Sie steht da, ihre Arme hÀngen herunter, wieder hÀlt sie die Luft an. Sie denkt nach. Es gibt nicht viel nachzudenken. Wie erleichtert atmet sie auf.

"Mama, wir mĂŒssen hier weg. Wir gehen hier beide kaputt. Wir mĂŒssen weg."

Sie sieht die Mutter an, ernst und verantwortungsbewußt.

"Mama, diesmal werde ich nicht mehr weinen. Bestimmt nicht."

Sagt sie.

Und sie weint wirklich nicht mehr.






Version vom 02. 01. 2005 23:00

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Stern,

sehr aussparend geschrieben. Eine gut beleuchtete Szene, nichts ÜberflĂŒssiges. Keine HintergrĂŒnde. Nur Ahnungen. Eine wirklich gut gelungene menschliche Tragödie an der Peripherie erzĂ€hlt, ohne falsche Dramatik. Auch die Sprache ist schlicht, dafĂŒr natĂŒrlich auch ohne große Überraschungen, aber doch in Ordnung.

Mal eine winzige Anmerkung:
„Langsam tappt sie durch die Dunkelheit des Kinderzimmers zum Rollladengurt.“
Hier finde ich es von der Sprache und Sichtweise etwas zu speziell, dass sie zum „Rolladengurt“ tappt. Eher ist es doch die Richtung des Fensters, wo sie dann den Rolladengurt greift. Ich gehe ja auch normalerweise nicht auf eine TĂŒrklinke zu, sondern auf eine TĂŒr, deren Klinke ich dann greife.

Auch die Dialoge sind schön sparsam. Und der Leser selbst tappt anfangs etwas im Dunkeln, da er nicht weiß, wer die Person ist, bis sie dann „Mama“ sagt.

Beste GrĂŒĂŸe

Monfou

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Stern
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Lieber Monfou,

dank dir fĂŒr deine Worte!

Die Sache mit dem Rollladengurt habe ich sofort verÀndert, mir war die Stelle schon vorher ein kleiner Dorn im Auge wegen der Wiederholung. Von der Seite, die du ansprichst, hatte ich es allerdings noch nicht gesehen. Erstaunlich. Deine Sichtweise, meine ich.

Die Sparsamkeit, wie du es nennst, scheint aber nicht viel Resonanz zu finden. Vielleicht sollte ich doch etwas weniger sparsam sein...

Liebe GrĂŒsse,

Stern *


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Gandl

AutorenanwÀrter

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Hi stern,

mir gefÀllt dieser sparsame Stil sehr.
Unaufgeregt, nĂŒchtern, filmisch, klar ...
Ich hatte diesen Text schon vor ein paar Tagen gelesen – er ist mir seitdem immer wieder aufgeblitzt. Und das ist klasse.

Lieben Gruß
Gandl

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Stern
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Lieber Gandl,

herzlichen Dank auch dir fĂŒr deine RĂŒckmeldung. Es freut mich sehr, dass es mir gelungen ist, in dir eine Saite zum Schwingen zu bringen.

Das Ganze war einerseits ein Experiment, andererseits war ich mir ĂŒber das Stilmittel doch nicht wirklich bewußt. Was die Form angeht bin ich -wie ich hier immer wieder feststelle- noch ziemlich naiv. Die Sache mit den Aussparungen ist mir jetzt klarer, vor allem durch eure Kommentare. Danke.

Liebe GrĂŒĂŸe,

Stern *

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