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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nicht von dieser Welt
Eingestellt am 16. 02. 2004 14:33


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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Nicht von dieser Welt

Ich ĂŒberlegte, daß ich heute noch nichts getan hatte, was mir den Eindruck vermitteln könnte, daß doch noch so etwas wie Lebenskraft in mir schlummerte. Eine Freundin rief an, aber ich winkte nur mĂŒde ab. Ihre lebhaft pulsierenden Energien waren mir heute einfach zu viel. Der junge Mann von gegenĂŒber fiel mir ein. Gestern, am Valentinstag hatte er abends an meiner WohnungstĂŒr geklingelt und mir einen Strauß roter Rosen ĂŒberreicht. Auf gute Nachbarschaft, und weil ich immer so freundlich wĂ€re. Man kommt sich so ungeheuer alt vor, wenn man von jungen MĂ€nnern Rosen geschenkt bekommt NatĂŒrlich habe ich mich nicht altjĂŒnferlich versteckt. „Ach, das wĂ€re doch nicht nötig gewesen.“ Oder „Junger Mann, schenken sie die schönen Rosen doch lieber ihrer Freundin.“. Ich war schlicht und einfach nur deprimiert. Denn Ă€ußerlich betrachtet sah ich mal wieder nicht so aus, als könne ich irgendeinen Mann dazu ĂŒberreden, mir Blumen zu schenken. Ich sollte mal wieder ins Fitneßcenter gehen,
dachte ich. Doch der Anblick der gertenschlanken und durchtrainierten Körper bildhĂŒbschwer junger MĂ€dchen hĂ€tte mich sicher noch tiefer ins Elend gestĂŒrzt. Was tut man an einem solchen Tag wie diesem, grĂŒbelte ich. Wolkenverhangen und triest sah es auch in meiner Seele aus. Ins Cafe gehen, flĂŒsterte es in mir. Geh doch mal wieder in ein hĂŒbsches kleines Cafe. Stopf dir ein StĂŒck Schokoladentorte in den Mund und warte, ob nicht irgendsoein kleines Endorphin ganz urplötzlich zu dir sagt: „Ach , ist das nicht ein wunderschöner Tag heute.“ Eigentlich, das wußte ich, war es keine Lösung. Aber es war ein Ausweg. Also griff ich nach der UmhĂ€ngetasche meiner Tochter – es mußte heute etwas betont Jugendliches sein- und wanderte los. Den Kram auf meinem Schreibtisch konnte ich auch noch abends erledigen.

Ich setzte mich in ein kleines Cafe gleich hinter der Hauptstraße. Da ich noch nicht allzulange hier wohnte, war es mir vorher noch nicht aufgefallen. An dem Tisch, an dem ich Platz genommen hatte, saß mir gegenĂŒber ein etwa fĂŒnfzigjĂ€hriger Mann. Um den Hals hatte er einen Seidenschal geschlungen und sah eigentlich aus als hĂ€tte er sich hier zum vier-Uhr-Tee eingefunden. Doch statt einer Tasse Tee stand ein halbgefĂŒlltes Weinglas vor ihm auf dem Tisch. Und er erzĂ€hlte vor sich hin, wie ich plötzlich bemerkte.Es ist der Wein, dachte ich, der ihn so gesprĂ€chig werden lĂ€ĂŸt. Und da ich etwas Ablenkung dringend nötig hatte, hörte ich ihm gespannt zu.
Er war von einer Intelligenz, die ich mochte. Seine Worte flossen ruhig und wenig akzentuiert dahin. Sie hatten nichts von dem Wirbel permanenter Geisstesblitze, durch die ich mich oft bei sehr intelligenten Menschen erschlagen fĂŒhle, wenn ich ihnen zuhöre. Was mich an ihm aber am meisten faszinierte, war die Tatsache, daß er offensichtlich zutiefst zufrieden schien mit seinem Monologisieren. Er war augenscheinlich an etwaigen Zuhörern ĂŒberhaupt nicht interessiert. Und wenn mir der Wortsinn seiner Rede manchmal auch etwas verborgen blieb, denn oft fĂŒhrte er einen seiner GedankengĂ€nge nicht wirklich zu Ende, fesselte er immer mehr meine Aufmerksamkeit. Doch dann urplötzlich, als sei er aus seiner Welt herausgerissen worden, sprang er auf und fuhr mit den Fingern wild gestikulierend durch die Luft. Man verstand nun kaum noch, was er sagte. Etwas hilflos blickte ich mich um und zu meiner Erleichterung eilte jetzt die Kellnerin herbei. Sie drĂŒckte ihn sanft auf seinen Stuhl zurĂŒck.
„Wenn du dich nicht benehmen kannst, Albert, rufe ich in der Klinik an.“
Klinik, dachte ich. Ach du meine GĂŒte. Und dann verstand ich. Das also war Albert, von dem es im Viertel hieß, daß seine Bilder im letzten Jahr in einem Bildband erschienen waren und viele Betrachter begeistert hĂ€tten. Erstaunt sah ich ihn an. Ich hĂ€tte so gerne etwas mit ihm geplaudert, doch er hatte sich wohl wieder gĂ€nzlich in seine Welt zurĂŒckgezogen.Und dann monologisierte er weiter, erstaunlich klar und ungemein interessant.

__________________
Ich lebe in höheren SphĂ€ren,weil ich mich vor dem Absturz fĂŒrchte.

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MeeresblickZwei
Guest
Registriert: Not Yet

Es wundert mich, niemand hat bisher auf deinen "Beitrag" geantwortet. Dabei verdient er es.
Ich werde nicht die ĂŒblichen Dinge sagen, zumindest versuche ich es.
Das wichtigste fĂŒr mich: Deine Geschichte berĂŒhrt mich.
Ich pfeife auf perfekte Gramatik.

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