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Leselupe.de > Kurzprosa
Nichts
Eingestellt am 02. 09. 2004 16:34


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brain
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Der Raum war weiß.
Die WĂ€nde, der Boden, die Decke, das Licht.
Kniff man die Augen zusammen, konnte man fast meinen, sich in einem absoluten und endgĂŒltigen Nichts zu befinden. Keine Kontur, keine Form, kein Ton störte die Wahrnehmung. Das genaue Gegenteil von einem schwarzen Loch. Hier schienen die Gedanken wahrhaft frei zu sein. Frei, zu dem zu werden, was ihnen beliebte. Man konnte die Kameras in den Ecken des Raumes nicht sehen, aber sie waren da, in der Wand versenkt wie Implantate.
Mit einem skeptischen Blick auf den Monitor schĂŒttelte der Quacksalber den Kopf. Der Splitscreen zeigte ihm vier Perspektiven des Rauminneren.
Vielleicht wĂŒrde der Alte heute etwas mitteilsamer sein als sonst. Der Alte, der in der Mitte des Raumes hockte, angeschlossen an zahlreiche SchlĂ€uche, welche ihn intravenös ernĂ€hrten, und mit sich selbst sprach. Ein kĂŒnstlicher Darmausgang auf seinem Bauchnabel fĂŒhrte Unverdauliches in einen kleinen PlastikbehĂ€lter ab, welcher jeden Tag gewechselt wurde.
Der Quacksalber betrat den Raum.
Kein Ton. Unbemerkt baute er sich hinter dem Alten auf, beobachtete diesen und machte sich einen Haufen nichts sagender Notizen. Gedanken und Fremdwörter, grĂ¶ĂŸtenteils also Interpretationen, Spekulationen und Nonsens.
„Guten Tag, Mr. Silverman.“
Der Alte ignorierte ihn oder hörte ihn nicht. Vielleicht bedingte das Eine das Andere, doch das konnte nur er selbst wissen.
Der Quacksalber war an Schweigen gewöhnt. In seiner Branche waren Dialoge sehr selten. Meistens hörte man ihm zu oder ließ ihn einfach nur reden. Es war seine Aufgabe, Menschen Dinge zu entlocken, ĂŒber die sie nicht sprechen konnten oder wollten. Oft war dies lediglich auf deren Unvermögen zurĂŒckzufĂŒhren, in Worte zu fassen was in ihnen vorging und so empfand sich der Quacksalber in einem möglichen Dialog lediglich als Initiator, jedoch nie als Sender.
„Wie geht es ihnen?“
Wieder nichts.
Er ging um den Alten herum, um zu sehen was vor diesem lag und kam sich dabei vor wie ein Spion, der etwas Geheimes und Intimes erblickte. Umso grĂ¶ĂŸer war seine EnttĂ€uschung, als er feststellen musste, dass er nicht erkennen konnte, worum es sich bei dem Ding handelte, denn der Alte hatte seine HĂ€nde darĂŒber gefaltet, als wĂ€re es eine Kerze, welche er vor dem Regen schĂŒtzen mĂŒsse.
UnablĂ€ssig purzelten kaum hörbare Silben und Laute aus dem Mund des Alten. Der Quacksalber bemĂŒhte sich Augenkontakt herzustellen und startete einen neuen Versuch eines GesprĂ€ches.
„FĂŒhlen sie sich wohl?“
Der Alte verstummte in seiner Litanei herunter gebeteter Wortfetzen, sah dem Quacksalber in die Augen und grinste. „Gehen sie weg.“ Die Worte waren nicht mehr als ein FlĂŒstern, doch der Quacksalber war sicher, dass die TonbandgerĂ€te sie aufgefangen hatten.
„Mr. Silverman. Warum soll ich gehen?“
Schritt fĂŒr Schritt. Bisher hatte der Alte kaum auf GesprĂ€chsversuche reagiert. Die Sache hatte sich also bereits zur Diskussion entwickelt.
Die lachfaltengesĂ€umten Augen des Alten blickten mĂŒde und distanziert hinauf in die Augen des Quacksalbers, der jetzt ein wenig mutiger wurde und sich hinkniete, um sich auf eine Höhe mit seinem GegenĂŒber zu bringen.
„Sie haben es noch nicht gesehen. Noch können sie
einfach gehen.“
Der Quacksalber zog die Brauen herunter und schĂŒttelte abermals den Kopf.
„Ich habe sie gesehen, Mr. Silverman. Ich kann nicht gehen, ohne zu wissen, was es ist und was es fĂŒr sie bedeutet.“
Ein kurzes Zögern, Überlegen, strategische Offensive.
„Was ist es?“
Der Alte blickte wieder auf seine HĂ€nde, welche das Ding vor dem Rest der Welt versteckten. Seine Antwort war sachlich und hatte nicht den geringsten Beigeschmack von Trotz oder Hohn. „Nichts.“
„Darf ich es dennoch sehen?“
Der Alte schien unschlĂŒssig zu sein. Er blickte in die Ecken des Raumes, als wĂŒsste er, wo die Kameras hingen. „Gehen sie.“ Mehr ein Seufzer als eine Bitte.
„Es gibt nichts zu sehen.“ Er schloss die Augen. Seine HĂ€nde bewegten sich, als wĂ€rmten sie sich an einem Feuer und fĂŒr einen kurzen Moment erblickte der Quacksalber das Ding, das unter die HĂ€nde des Alten gekrochen war, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit zu sagen, worum es sich dabei handelte.
„Was ist das?“ Schweiß trat auf die Stirn des Quacksalbers.
„Das ist unwichtig, Doktor. Ich habe es gefunden. Es ist mein.“
„Wozu benutzt man es?“
„Man benutzt es nicht.“
„Aber, welchen Sinn hat das Ganze?“
Der Alte lachte kurz auf. „Das ist eine sehr gute Frage, jedoch muss ich zu bedenken geben, dass die Antwort den Sinn zerstören wĂŒrde.“ Er stöhnte begierig und herzhaft, sodass es fast wie ein Knurren klang und sein Blick verbiss sich erneut in das Ding. „Ich könnte mein ganzes Leben damit verbringen, darĂŒber nachzusinnen, was es ist, woher es kommt und warum gerade ich es gefunden habe.“
„Mr. Silverman. Sie haben bereits ihr ganzes Leben damit verbracht. Seit ĂŒber fĂŒnfunddreißig Jahren sind sie hier in diesem Raum, auf dem Boden und beschĂ€ftigen sich mit diesem
.Ding. Finden sie nicht, dass es an der Zeit wĂ€re zu hören, was jemand anderes dazu zu sagen hat? Eine zweite Meinung.“
Der Alte dachte kurz darĂŒber nach und gab es frei.
Der Quacksalber sah es nun in seiner ganzen Pracht. Es war absolut und endgĂŒltig. Keine Kontur, keine Farbe, kein Ton trĂŒbte die Wahrnehmung. Er vergaß die versteckte TĂŒr, die Kameras, die Mikrophone und die Techniker. Ohne den Blick von dem Etwas auf dem Boden abzuwenden, setzte er sich im Schneidersitz neben den Alten und die Suche nach dem Sinn wurde zum Sinn selbst.

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lapismont
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Hallo brain,

dass Du hier im Lyrikbereich bist, ist Dir klar?

Vielleicht wendest Du Dich an den passenden Prosa-Mod um Deinem Text eine neue Heimat zu geben.

cu
lap

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Gandl

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Hi brain,
ungewöhnlich ... aber gut.
Nur eine Frage: Warum gibt der Alte nach 35 Jahren so schnell auf?
Was hat der Doc (hier stört mich ein wenig der Begriff „Quacksalber“) gesagt, das den Alten dazu bewegt, sein so verdammt lange behĂŒtetes Geheimnis zu lĂŒften? Oder wars einfach nur MĂŒdigkeit?
Gruß
Gandl
(der noch nie King gelesen hat)

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brain
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Hi Gandl.
Gute Frage. Ich glaube, der Alte hatte einfach noch nicht daran gedacht jemand anderen zu fragen. Der Vorschlag des "Quacksalbers" hat ihn unvorbereitet erwischt und ĂŒberzeugt.
Außerdem war er sich gar nicht bewußt, schon seit 35 Jahren in dem Raum zu sein; das hat ihn dann auch noch geschockt.
Tja, so war das:-)
Liebe GrĂŒĂŸe
Brain

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Seelenblume
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Mhh, sehr schöne Geschichte. Der Begriff "Quacksalber" passt perfekt hinein, finde ich..
Nur ein klitzekleiner Verbesserungsvorschlag: Der Quacksalber scheint nicht erst seit gestern zu quacksalben, sondern tut dies offensichtlich schon eine Weile.. daher denke ich, dass die Bemerkung "und kam sich dabei vor wie ein Spion, der etwas Geheimes und Intimes erblickte." vielleicht nicht unbedingt passend ist, denn sie klingt, als wĂ€re fĂŒr ihn all das sehr neu.

Wie Gandl denke ich, dass dieser Übergang/diese Überlegung des Protagonisten etwas ZU heftig und schnell kommt.. und vielleicht sind diese 35 Jahre etwas ZU hoch gegriffen, so wirkt das Ganze leicht lĂ€cherlich und der Sinn, der dahinter steckt, ist doch ein eigentlich ganz Ernster, oder?

Liebe GrĂŒĂŸe,
Seelenblume

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brain
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Hi Seelenblume.
Klar sind 35 Jahre hoch gegriffen, aber das war der Sinn der Sache: maßlos zu ĂŒbertreiben. Der Alte steht mit seinem Tun fĂŒr ein Leben, dass man NICHTS opfert und es nicht einmal merkt. Der Quacksalber kann sich, unabhĂ€ngig davon wieviel er weiß, trotzdem wie ein Spion vorkommen, der etwas Geheimes und Intimes erblickt. Hat er das Ding, das unter die schĂŒtzenden HandflĂ€chen des Alten gekrochen war, jemals zu Gesicht bekommen? Hat er ihm jemals auch nur ein Wort erntlocken können? Nein. Die Zeit war bisher noch nicht gekommen, doch auf einmal war es soweit. Der Widerstand des Alten brach in dem Moment, als er den Quacksalber wegschickte um diesen vor den Folgen des Wissens zu schonen.
Ich hoffe, das reicht als Antwort. Alle weiteren Fragen mĂŒĂŸte der Alte selbst beantworten, da er mehr weiß als ich und seine BeweggrĂŒnde fĂŒr sein Tun nicht immer logisch sein mĂŒssen. Er macht halt was er will: er sitzt in der Klapse.
Liebe GrĂŒĂŸe:-)
Brain

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