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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nichts ist unmöglich.
Eingestellt am 16. 06. 2002 14:48


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Rakun
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Nichts ist unmöglich.

Er quetschte seine langen Beine zwischen die engen Sitze und löste den Anschnallgurt heimlich. Er haßte fliegen. Vor allem haßte er den Start, jedesmal wehrte sich sein Körper mit aller Kraft, wenn es hieß den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wie ein unartiges Kind blickte er sich um.
Ein Häufchen Elend hockte da verteilt auf 1,96 m Körperlänge. "Junge, trink keinen Alkohol an Bord!" die letzten Worte seiner herrschsüchtigen Mutter verfolgten ihn. "Whiskey ohne Eis?" fragte eine sanfte junge Stimme dicht neben ihm. "Wird Ihnen bestimmt gut tun?"

"Wie kann sie wissen, wonach mir zumute ist?", dachte er erschrocken und hörte sich höflich "Ja bitte." antworten. Ungelenk versuchte er sich auf seinem Platz aus dem engen Jackett zu befreien. "Dreistöckigen bitte", rief er hinterher. Was darstellen sollte er! Der erste Eindruck ist wichtig! Sein Drink wurde serviert. Er schaute ihn andächtig an. Vorsichtig umfaßte seine riesige Hand das Glas. "Auf dich und den Anfang!", er murmelte den Toast wie eine Beschwörungsformel. Tropfen für Tropfen ließ er genüßlich auf die teure mütterliche Abschiedsgabe fallen. Dunkle Kreise bildeten sich. Belustigt starrte er auf die Flecken. Die feinen Streifen im Stoff zeichneten kleine teuflische Gesichter mit breitem Grinsen. "Junge, was machst du denn, paß doch auf! Immer machst du alles kaputt!" das konnte sie jetzt nicht mehr sagen, jetzt nicht mehr! Nie mehr!

Beruhigt lehnte er sich an die harte Rückenlehne. Er klingelte nach der Stewardess und bestellte ein neues Getränk. Das Tablett klappte er wieder runter als Sichtschutz für sein Mißgeschick, das keins war. Diesmal ließ er jeden Schluck genüßlich die Kehle hinunter laufen.
Er erhob sich aus seinem Sitz und kreuzte die Anschnall-gurte ordentlich auf der Sitzfläche übereinander. Problemlos öffnete er die obere Klappe der Ablage und sah sie sofort. Die braune Tasche aus dem weichen Leder mit vielen Unterteilungen und Extrataschen, wie Geheimfächer.
"Genau die, die zweite von rechts auf dem obersten Regal.", hatte er der zierlichen Verkäuferin im Duty Free Shop gesagt. Er konnte es nicht abwarten, bis die Leiter geholt wurde.
"Lassen Sie mich mal," bot er der kleinen Person an.
"Aber mein Herr," sie wollte seine Hilfsbereitschaft nicht annehmen.
"Früher haben mich alle gehänselt, langer Lulatsch haben sie mich genannt. Sehen sie junge Dame, es hat auch was gutes. Und nun brauche ich noch eine Kleinigkeit."

Er nahm die ordentlich verstaute Reisetasche und steuerte den winzigsten Raum im Flugzeug an. Er wußte sofort, wo er es versteckt hatte.
"Jetzt mußt du alles geben!" befahl er dem kleinen multifunktionalen Wunderwerkzeug. Das einzige Geschenk seiner Mutter, über das er sich je gefreut hatte. Stück für Stück schnitt er mit seinem Schweizer Messer Anzug und Schuhe in winzige Teile, damit sie sich nicht in der Klospülung festsetzten. Bewundernd sah er dem blau gefärbtem Wassersog nach. Er hätte stundenlang zusehen können. Alles war entsorgt.

Ohne hinzusehen fischte er jetzt die Plastiktüte aus der braunen Ledertasche, die er sich vor seinem Abflug gegönnt hatte. Die Preisschilder von seinem Jogginganzug mußten noch abgeschnitten werden. Mit dem Daumennagel kratzte er sorgfältig die festgeklebten Etiketten aus den nagelneuen Turnschuhen.
"Daß diese Idioten immer alles bekleben müssen!"
Er durfte die Geduld nicht verlieren. Alles wurde behutsam auf den Klodeckel gelegt.
"Porentief und ganz glatt," hatte die Verkäuferin erklärt. Haar für Haar folgte sein Vollbart der teuer erkauften Hülle durch den Abfluß.
"Für Anzüge kommt nur das erste Haus am Platz in Frage!" Originalton Mutter.
"6 mm ist die kleinste Einstellung!", hatte die hilfsbereite Verkäuferin aus dem Duty Free Shop gesagt, als sie ihm den Haarschneider zeigte.
Angegraute Locken bedeckten das winzige Waschbecken. Artig säuberte er alles und spülte immer wieder nach.
"Ich will kein einziges Haar sehen! Hörst du?" aus der Ferne hörte er seine Mutter im Befehlston kreischen.
Er spülte sich frei. Endlich frei! Frei für das Land, das die unbegrenzten Möglichkeiten versprach.

__________________
JO

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Zefira
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Lustig...

... vor allem, wenn man sich vorstellt, daß de auf die Hose verschüttete Alkohol ihn vermutlich wie bep... aussehen läßt.

"Haar für Haar folgte sein Vollbart durch den Abfluß der teuer erkauften Hülle aus dem ersten Haus am Platz"
Der Satz verdient noch ein bißchen Nacharbeiten. Es klingt, als sei der Abfluß in der Hülle
lG, Zefira

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