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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nie wieder Liebes
Eingestellt am 20. 10. 2000 13:02


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Fee
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2000

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Nie wieder Liebes

Ich liege in der Wanne und versuche mich zu entspannen. Wassedampf steigt auf und zieht wie Nebelschwaden durch den Raum. Ich sp√ľre, wie die Hitze des Wassers langsam in meinem K√∂rpeer hochsteigt.
Puh, mindestens 40 Grad, denke ich, aber das hatte ich auch bitter nötig nach diesem Tag.
Ich musste mal wieder in der Schlange vor einer Telefonzelle stehen ‚Äď ich hasse diese Dinger ‚Äď und wartete bei minus 15 Grad darauf, dass diesem Dauertelefonierer vor mir die F√ľnfmarkst√ľcke ausgingen. Nebenbei verfluchte ich mein nichtfunktionierendes Telefon zu Hause. Als ich endlich an der Reihe war, f√ľhlte ich meine F√ľsse kaum noch.
Und dann diese Telefonat!
Das hätte ich mir auch sparen können. Wie so oft habe ich mein Ziel in den Sand gesetzt. Aufbrausend, wie ich leider nun mal bin.

Meine einzige gro√üe Liebe wollte ich zur√ľckerobern. Ja! Diesen Mann, der f√ľr mich Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Verl√§sslichkeit und Objektivit√§t in Einem ist.
Und sein Lachen, ach, dieses herrlich, strahlend weisse Lachen!
Schaut man mich dagegen an : Meine schon erw√§hnte aufbrausende Art ist nicht gerade von Vorteil. Und √Ąngstlichkeit ist mein zweiter Name. Dazu noch meine Redseligkeit ‚Äď einfach furchtbar! Meine Freundinnen haben immer ein Bei√üholz und Klebeband dabei wenn wir ausgehen. Das holen sie sofort drohend hervor, sobald sich ein netter junger Mann in unsere Richtung begibt.

Ich gleite langsam tiefer in die Wanne und tauche meinen Kopf unter Wasser.
Wozu noch weiterleben, schießt mir durch denselben.
Ohne IHN ist es sinnlos.
Ich stelle mir vor, wie ich gefunden werde : Aufgedunsener Körper, blaue Lippen und blauschwarz umränderte Augen.
Meine Haare umgeben mich wie ein ausgebreiteter Fächer.
Best√ľrzung, Entsetzten und Unfa√übarkeit auf den Gesichtern der Polizei und des Notarztes.
"Wie furchtbar! So ein junger Mensch!"
"Was mag nur vorgefallen sein?"
Der Gerichtsmediziner gibt der eintreffenden Kripo Auskunft √ľber Todesursache und eine erste Einsch√§tzung √ľber den Todeszeitpunkt.
Die Kripo muss klären ob Selbstmord oder Tod durch Fremdverschulden vorliegt.

Prustend tauche ich wieder auf und schnappe nach Luft. Ich shampooniere mir die Haare. Dabei erstelle ich meine Todesanzeige.

"Sie liebte lesen und handarbeiten
und konnte tanzen wie eine Göttin.
Unfaßbar, dass sie von uns gegangen ist.
Wir werden sie nie vergessen,
bla bla bla...."

Ich sp√ľle meine Haare, einmal, zweimal, so, fertig. Entschlossen steige ich aus der Wanne und wickel mich in unser Lieblingshandtuch und gehe hinunter.
Ach ‚Äď von jetzt an ist es ja nur noch mein Lieblingshandtuch.
Ich z√ľnde ein Feuer im Kamin an und setze mich mit meinem Lieblingsbuch vor die Flammen. Meine Leselampe wirft zus√§tzlich warmes, weiches Licht in den Raum. Der Schatten der weissen Tonfigur auf dem Kamin, f√§llt neben mir auf den Boden. Ich liebe diese Figur, weil sie von Ihm ist.
Irgendetwas fehlt, denke ich und √ľberlege. ‚Äď "Ach ja, kein Kr√§utertee heute Abend" , sage ich laut zu mir selber.
Schön, denn ich mochte noch nie Kräutertee. ER trinkt nur Kräutertee, macht fast schon eine Religion daraus.
"Liebes, hast du den Brennesseltee etwa vergessen? Wie ärgerlich! Wirklich, außerordentlich ärgerlich! Ich dachte, ich kann mich auf dich verlassen, aber wenn du nicht mal an die einfachsten Sachen denken kannst....."
Dabei f√§llt mir auch ein, dass ich den Wecker nun nicht mehr eine halbe Stunde fr√ľher stellen muss. Um mit ihm zu meditieren.
"Sich selbst finden, in sich selbst ruhen, mein Liebes! Das ist sehr wichtig f√ľr das seelische Gleichgewicht, glaub mir. Und gerade du hast es sehr n√∂tig. Du bist so unausgeglichen, zu spontan."
Und meine Post kann ich nun auch wieder einfach aufreißen, wie ich es immer getan habe. Kein Brieföffner mehr, ( mein erstes Geburtstagsgeschenk von ihm, in Form einer Nagelfeile ) der einen exakten , nicht unterbrochenen Schlitz zu ziehen hat.
Die Fensterleder werde ich in den hintersten Putzeimer verbannen. Denn von nun an putze ich nur noch alle viertel Jahr und nicht mehr einmal die Woche meine Fenster.
"In den Fenstern eines Hauses spiegelt sich der Charakter der dort lebenden Personen, mein Liebes."
Ich schlage mein Lieblingsbuch zu, welches eigentlich nie mein Lieblingsbuch war.
Ein letzts Mal schaue ich auf den Titel:

"Der Weg zur gl√ľcklichen Partnerschaft"
Was Frau daf√ľr tun mu√ü

"Liebes, das Buch ist sehr aufschlussreich, lies es bitte."

Liebes hier, Liebes da. Ich stehe auf, werfe das Buch in den Kamin. Funken fliegen und auflodernd verschlingen die Flammen es. Recht so!
Dann nehme ich die Tonfigur in meine rechte Hand und halte sie hoch. Eine kleine Gedenkminute, ich öffne meine Hand, und während die Figur zu Boden fällt sage ich laut und deutlich :
"Im √ľbrigen, mein LIEBER, ich hei√üe SABINE!!!"

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maskeso
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

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Super 9/10

Der schleichende √úbergang von Selbstzweifeln zur Erkenntnis - einfach hervorragend dargestellt. Die Gef√ľhle wirken nicht Klischeehaft, der Humor ist weder aufgesetzt noch kalauerhaft, die Sprache stimmt, der Inhalt auch. Der Perfekte gegen die Unvollkommene. Einfach toll. Am besten gefiel mir diese kleine Suizidepisode - genial. Ein wenig "bl√∂d" ist nur die Pl√∂tzlichkeit der Erkenntnis - darauf h√§tte sie doch auch fr√ľher kommen k√∂nnen.
__________________
Die Hölle sind wir selbst.

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Fee
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2000

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Hallo maskeo,
danke f√ľr Deine Antwort.
Tja, der/die Eine merkt es fr√ľher, der/die Andere etwas sp√§ter. Und es gibt sogar welche, die merken es nie.

Dann doch lieber etwas "blöd", oder?
Sch√∂ne Gr√ľsse,
Fee

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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Gute Unterhaltung

Ich fand den Text zwar nicht sooo genial wie mein Vorredner, aber er ist in der Tat unterhaltsame Lekt√ľre und bietet f√ľr einen m√§nnlichen Leser interessante Einblicke in den Kopf einer Frau...
__________________
fz

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