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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Niemals allein
Eingestellt am 11. 05. 2012 10:41


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Claus Thor
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2012

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Niemals allein
Von
Claus Thor

Herr Fernau stand wie jeden Morgen vor dem Spiegel und rasierte sich grĂĽndlich. Er wĂĽrde pĂĽnktlich im BĂĽro erscheinen und um die gleiche Zeit zu Mittag essen.
„Was gibt es denn heute für ein Menü?“, fragte ihn Fernau.
„Was geht es dich an“, antwortete Fernau und zog die Haut am Hals stramm, damit die Bartstoppeln sauber entfernt würden. „Ich wüsste nicht, ob es dich jemals interessiert hätte, da du ja nie isst.“
Fernau setzte sich in den Korbstuhl und sah pikiert drein.
„Jetzt sei keine beleidigte Leberwurst“, sagte Fernau, während er sein Haar in der Mitte scheitelte.
Herr Thomas Fernau konnte sehr gut mit Zahlen jonglieren, und war als Prokurist für seine Firma Gold wert. Seinen Kollegen und Kolleginnen allerdings mieden ihn. Er war ihnen zu eigenbrötlerisch und wortkarg. Nur der Pförtner in der Eingangshalle, der ihn mit Tommy anredete als wären sie miteinander vertraut, wechselte ein paar belanglose Sätze mit ihm.
„Das ist doch ein Hornochse“, meinte Fernau und schritt, mit auf dem Rücken verschränkten Armen, um den Pförtner herum.
„17.30 Uhr. Pünktlich wie immer, Tommy.“
Thomas antwortete beiden: „Stimmt genau.“
Er stand an der Haltestelle. In drei Minuten wĂĽrde die Linie 60 kommen.
„Wir könnten auch mal zu Fuß gehen“, sagte Fernau. „Es ist doch ein schöner Abend. Du bist so langweilig geworden ...“
„So“, sagte Thomas und zog die Augenbraue hoch. „Du kannst ja gehen. Ich halte dich nicht. Was willst du überhaupt noch von mir? Hab ich dich jemals gerufen?“
Der Bus hielt und er grĂĽĂźte den Fahrer.
„Auch so eine Trantüte wie du“, frotzelte Fernau. „Willy kann gar nichts anderes fahren außer diesem Bus hier.“
„Schöner Abend heute“, sagte Thomas.
„Das hast du von mir“, sagte Fernau zu Fernau.
„Soll aber noch regnen“, gab Willy Wenzel zurück.
Wie ein Gespenst durchschritt Fernau den Busfahrer und steuerte auf den üblichen Sitzplatz zu. Wenzel schüttelte sich und eine Gänsehaut überzog seine Arme.
„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine Menge Regen“, sagte Thomas.
Er schlug seine Zeitung auf und las.
Doch Fernau hatte wieder einen dieser Tage, an dem er sehr gesprächig war.
„Wie wäre es gewesen“, sinnierte er, während er den gewohnten Weg ging.
Auf der Goethe-StraĂźe Ecke Nord-Allee, wo er links abbiegen musste, blieb er abrupt stehen.
„Fang nicht immer mit diesen alten Kamellen an“, sagte Thomas verärgert. „Sie mussten es tun ... und nur deshalb laufe ich mit dir durchs Leben ... ha ... wenn man, dass Leben nennen möchte.“
„Du hast wenigstens eins; mich haben sie ja getötet.“
„Ja, ja, ich bereue es auch, dass ich damals nicht gestorben bin, aber dein Nörgeln hilft mir auch nicht weiter. Denkst du ich, möchte kein normales Leben. Eine Frau. Kinder. Nein ... ich muss sehen, dass ich klarkomme ... mit dir und der Umwelt. Niemand hat bisher gemerkt, dass ich nicht allein bin ... Und dass soll auch so bleiben.“
„Du hast wohl Angst in der Klapsmühle zu landen?“
„Ganz recht. Und das willst du auch nicht, oder.“
Thomas Fernau machte sich ein Mikrowellen-Gericht. Etwas Indonesisches.
„Sieht gut aus“, sagte Fernau, „schmeckt es? Ich habe nie ...“
„Herrgottverdammichnochmal!“ Thomas schoss vom Stuhl und rannte ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Er stellte den Ton extra laut. Heute hatte er keine Lust mehr auf Abwasch oder Aufräumen.
Fernau setzte sich.
Auch Fernau setzte sich. Er redete, doch Thomas hörte ihm nicht zu.
Um 23.00 Uhr schaltete er den Apparat aus und ging ins Bett.
Thomas Fernau dachte, ich bin jetzt 38 Jahre alt, und vor fünfunddreißig Jahren hatte man mir einen Fötus aus dem Kopf operiert. Es wäre mein Zwillingsbruder gewesen, wenn er sich im Mutterleib normal entwickelt hätte. Als Sechsjähriger hatte ich in zum ersten Mal wahrgenommen. Es war klasse, einen unsichtbaren Freund zu haben. Aber jetzt wünschte ich ihn mir zum Teufel.
Er lieĂź einige Bilder seiner Kindheit aus dem Unterbewussten emporsteigen. Das wirkte beruhigend auf ihn. Dann schlief er ein.
Fernau stand neben dem Bett. Er brauchte keinen Schlaf. Er wĂĽrde die ganze Nacht ĂĽber seinem Bruder wachen.

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