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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Niemand nimmt die Netten (Kolumne Nr. 27)
Eingestellt am 30. 07. 2005 19:19


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sohalt
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Hobby-Psychologie, hemmungslose Verallgemeinerungen, eine Prise Nietzsche und ein Graf Bobby Witz – voilà: eine erschöpfende Abhandlung über ein viel beklagtes Phänomen.

Frauen stehen bekanntlich auf Arschlöcher. Die lieben, netten Kumpeltypen, die zuhören können? Missbraucht als emotionaler Mistkübel, von Anfang an chancenlos. Das Netz ist voll von ihren Klagen – zu Recht. Es ist eines der großen Themen der Menschheit. Und ich bin nun einmal zutiefst überzeugt, den dreihunderttausendundzwei Erörterungen der Problematik eine dreihunterttausendunddritte hinzufügen zu müssen - um eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Erklärungen zu liefern. Und um erst einmal zwei hartnäckige Irrtümer zu beheben.

Irrtum Nr. 1:
Dieses Phänomen ist ein rein weibliches.

Ich meine, kommt schon, Burschen. Bei euch läuft das nicht anders. Klar, ihr geizt vielleicht weniger mit Geschlechtsverkehr, aber wer ist es, dem ihr letztlich immer wieder mit Haut und Haar verfallt? Doch auch eher nicht das liebe Mädel. Sondern die Femme Fatale. Ihr wollt das doch, das Komplizierte, Kokette, Kapriziöse. Ihr wollt das Drama. Ihr wollt heiß-kalt. Ihr wollt manipulative Biester. Wäre es nicht so, würdet ihr nicht so viel darüber jammern, würdet ihr nicht so oft bei denen landen. Denn: dass es keine Alternative gibt, ist nicht wahr. Das Folgende wird also überwiegend aus weiblicher Sicht geschildert, ist aber umgekehrt das Gleiche in grün.

Irrtum Nr. 2:
Dieses Phänomen ist auch nur ansatzweise bemerkenswert, da mysteriös.

Das Alles ist in etwa so geheimnisvoll wie der Stau zu Ferienbeginn und die Geldknappheit am Monatsende. Die Gründe sind zahlreich und offensichtlich. Sie werden im Folgenden nur aus Auflistungsleidenschaft und der Übersichtlichkeit halber angeführt, nicht etwa, weil ich glaube, euch da etwas weltbewegend Neues zu erzählen. Nicht alle davon mögen auf alle von uns zutreffen, viele sind hässlich, einige traurig, die meisten erbärmlich und manche gar nicht so unplausibel.

Nach dieser rekordverdächtig langen Einleitung als endlich ran ans Eingemachte –
7 GrĂĽnde, warum niemand die Netten nimmt.

1.) Masochismus

Damit wäre eigentlich auch schon das Wesentliche gesagt. Aber, wenn wir schon dabei sind – auch andere Gründe sind denkbar.

2.) Zu schön, um wahr zu sein.

Wir schließen von uns selbst auf andere und können deshalb einfach nicht glauben an ein Übermaß an Nettigkeit. Irgendwo müssen sie doch sein, die dunklen Flecken auf der weißen Weste und wenn bis jetzt noch nichts davon zu sehen war, dann heißt das nur, dass uns diese unliebsame Entdeckung erst bevorsteht - aber erst zu einen Zeitpunkt, an dem wir endgültig eingelullt durch so viel Sensibilität jegliche Wachsamkeit aufgegeben haben und am verletzlichsten sind. Das Warten darauf hängt wie ein Damokles-Schwert über der Beziehung. Beim Grunzen des Höhlenmenschens wissen wir wenigstens, woran wir sind. Allzu sanftes Gesäusel hingegen klingt eher nach dem Wolf, der Kreide gefressen hat. Darunter fällt auch

2.) a.) Niemand mag einen Heuchler.

Ich warte zum Beispiel immer noch auf den Mann, der sich partnerschaftlich benimmt, einfach aus seinem eigenen inneren Bedürfnis heraus, nicht wie der letzte Affe daher zu kommen und nicht um sich bei der Weiblichkeit einzuschleimen. Tatsache ist, dass all die Nettigkeiten tatsächlich weitgehend Heuchelei zu sein scheinen, sonst würdet ihr nicht dauernd ausbleibende Gegenleistungen einklagen. Tugend ist sich nämlich selbst ihr Lohn und ihre Unbedanktheit für sie daher nahezu konstituierend.

Merke: Lieber das Schaf im Wolfspelz als der Wolf im Schafspelz.

3.)"Du bist zu gut fĂĽr mich."

Wir selbst sind nämlich nicht immer gar so arg nett und neben Herrn Halb-Schon-Heilig daher quasi verdammt zu einem Leben voller Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle. Außerdem werden beim eventuellen Auseinandergehen der Verbindung sicher wir die Bösen sein. Ja, denn wir müssen auch ein bisschen an die Zukunft denken, wenn dann im Beziehungsalltag allmählich der Rosenkrieg ansteht, in dem wir die jeweiligen Verfehlungen der Vergangenheit gegeneinander aufrechnen, wozu uns der Nette einfach zu wenig Munition liefert.

Merke: "Du bist zu gut fĂĽr mich" ist mehr als eine fadenscheinige Ausflucht. "Du bist zu gut fĂĽr mich" ist ein ziemlich triftiges Argument.

4.) Wo bleibt das Feuer?

Nette Menschen bieten zu wenig Reibungsflächen. Durch Reibung enstünde aber Hitze und die wäre bekanntlich nicht schlecht fürs Liebesleben.

Merke: Was sich liebt, das neckt sich. – Was sich fickt, das fetzt sich.

5.) Die Logik des Marktes.

Je höher das Angebot, desto niedriger der Preis. Und was nichts kostet, ist nichts wert. Wer nett ist, ist freigiebig mit Zuwendung und Zuneigung = haut zu viel davon auf den Markt und das ist kontraproduktiv, weil:

5.)a.)Wir brauchen die Herausforderung.

Was wir betreiben, ist nicht die "Suche nach der verlorenen Hälfte", wie in der alten Sage. Es ist ein verdammter Sport. Es geht um Ego-Bestätigung. Und der Sprung vom Fünf-Meter-Brett ist besser für das Ego als der Sprung vom Beckenrand. Wir wollen gar keinen, der es uns leicht macht, ihn zu lieben. Denn nur so können wir die Liebe als Leistung verbuchen. Das Arschloch wird uns niemals Sicherheit geben, das Gefühl, dass uns sein Herz gehört = das Spiel darum, die Jagd danach hört nie auf. Und das ist, was wir eigentlich wollen.

5.b.) Wir brauchen die Auszeichnung.

Wer wirklich nett ist, ist es in der Regel meistens und zu allen, auch aus einem gewissen Gefühl für Gerechtigkeit heraus, das zur Nettigkeit einfach dazu gehört. Wenn also jemand, der nett ist, etwas Nettes zu uns sagt, ist das nichts Besonderes. Das Arschloch hingen inspiriert immer zur reizvollen Phantasie: Ja, zu allen anderen ist er grauslich, aber zu mir…

Merke: Die Logik des Marktes ist, wenn nicht gerade auf Schweinebäuche angewandt, einfach nur abartig, scheint aber trotzdem ziemlich tief in unserer Art verankert zu sein.

6.) Sklavenmoral ist unsexy

Steinigt mich nicht, das sage nicht ich, das sagt Nietzsche. (So ungefähr.) Schönheit, Stärke oder Geist sind eben nicht jedem gegeben. Und Nietzsches Theorie zufolge ist Moral nichts als ein Erpressungsmittel, das sich die Zukurzgekommenen ausgedacht haben, um den von der Natur Bevorzugten doch noch irgendwie am Zeug zu flicken, um sich einen Maßstab zu schaffen, dem sie selbst auch genügen können. Andersherum gesagt: Wer sich rücksichtslos benimmt, muss ganz schön überzeugt sein von der eigenen Liebenswürdigkeit. Und das mit der sich selbsterfüllenden Prophezeiung hat noch jedes Mal funktioniert.

Merke: Wer nett ist, hat's nötig.

Soweit zu den gängigen Erklärungsmodellen. Ich habe sie hier nur gesammelt. Manche mögen mehr zutreffen, andere weniger. Alle aber stützen sie die Schönheit des Systems: die liegt nämlich darin, dass wir uns gegenseitig in der Regel verdienen. Zum Abschluss aber noch meine persönliche Lieblingstheorie:

7.) Es ist alles ein schlechter Witz.

Graf Bobby besucht Graf Mucki und findet ihn von der Haustür, verzweifelt nach seinem Schlüssel suchend. Wo hast ihn denn normalerweise, fragt Graf Bobby. - In der linken Manteltasche. – Und warum schaust dann nicht da?

Weil wir nicht dort suchen, wo wir Gefahr laufen, fündig zu werden. Den Schlüssel nicht in der Manteltasche und die Liebe nicht bei denen, die bereit dazu sind. Weil wir die Sehnsucht brauchen. Nach etwas, das die Widersprüche löst, die uns zerreißen, das uns ganz macht. Und da ist dieser dumpfe Verdacht, dass wir vielleicht nicht alles haben können, nicht gleichzeitig und dass immer irgendwo in uns dieses Loch bleiben wird, das diesen unwiderstehlichen Sog ausübt, der vielleicht die Sehnsucht ist, das nicht gefüllt werden kann, das vielleicht nicht dazu da ist. Denn beim Arschloch wissen wir wenigstens, woran es scheitert, scheitern muss. Aber bei jemand, bei dem die Liebe möglich sein könnte – was, wenn es dann die Liebe ist? Was, wenn das Loch trotzdem bleibt?

Und warum schaust dann nicht da, fragt Graf Bobby. Weil, sagt Graf Mucki, wenn er da auch nicht ist...

Wenn er da auch nicht ist, dann hab ich meine letzte Hoffnung verloren.

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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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Nah an perfekt – aber du kannst es näher.

Alles in allem wieder recht „süffig“, trotzdem hatte ich – bei allem Lesespaß – zwischendrin das Gefühl: „Kürzer wäre es auch gegangen". Und das Gefühl „Ich weiß ja, dass du klasse mit Sprache spielen kannst – aber muss du das immer und so dick über den Inhalt legen?“

Bitte versteh mich nicht falsch: Es ist lebendig, es ist kurzweilig, es ist farbig und es kommt zur Sache. Aber statt dass es zum Punkt (bzw. zu den jeweils anvisierten Punkten) kommt, kreist – in zugegebenermaßen engen und schön anzuschauenden Kreisen – um den Punkt herum, streift ihn manchmal. Beinahe scheint es, als ob du selbst nicht recht weißt, ob der Leser dabei den Punkt trifft: Du schiebst jeweils noch ein "Merke:… " nach, das den Punkt zeigt. Das hast du nicht nötig – hier nicht, weil die Punkte zu sehen sind, und generell nicht, weil du fähig bist, noch direkter auf den Punkt zu schreiben (vermute ich zumindest ganz stark). Vertrau einfach darauf, dass du es kannst, dass du nicht "von allen Seiten her erklären" musst.
Sich kurz fassen können (und dabei verständlich bleiben) ist eine der Grundtugenden eines (Schreib-)Journalisten (, soooo lang sind Zeitungsartikel nämlich meist nicht. Selbst waschechte Essays sind nicht nur "breitgeräumt" sondern enthalten "einfach" mehr Punkte.).

Vor allem der inhaltlich „geniale“ (im Sinne von Top-Pointe) Schluss verdient Straffung. Erstens, weil er besonders stark schnörkelt, zweitens, damit er sich auch klangmäßig vom kurvenreichen Vorderteil abhebt, und drittens und vor allem, weil DAS wirklich ernst ist, an die Substanz geht, kein Spiel mehr ist …
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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sohalt
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Auf ans fröhliche Zusammenstreichen.

Hobby-Psychologie, hemmungslose Verallgemeinerungen, eine Prise Nietzsche und ein Graf Bobby Witz – voilà: eine erschöpfende Abhandlung über ein viel beklagtes Phänomen.

Frauen stehen bekanntlich auf Arschlöcher. Die Netten, die zuhören können? Missbraucht als emotionaler Mistkübel, von Anfang an chancenlos. Die Problematik wird oft genug erörtert, ich möchte nun zwei dabei immer wieder auftauchende Irrtümer beheben.

Irrtum Nr. 1:
Dieses Phänomen ist ein rein weibliches.

Kommt schon, Burschen. Bei euch läuft das nicht anders. Klar, ihr geizt vielleicht weniger mit Geschlechtsverkehr, aber wer ist es, dem ihr letztlich immer wieder mit Haut und Haar verfallt? Doch auch eher nicht das liebe Mädel. Sondern die Femme Fatale.

Das Folgende wird also ĂĽberwiegend aus weiblicher Sicht geschildert, ist aber umgekehrt das Gleiche in grĂĽn.

Irrtum Nr. 2:
Dieses Phänomen ist auch nur ansatzweise bemerkenswert, da mysteriös.

Das Alles ist in etwa so geheimnisvoll wie der Stau zu Ferienbeginn und die Geldknappheit am Monatsende. Die GrĂĽnde sind zahlreich und offensichtlich:

1.) Masochismus

2.) Zu schön, um wahr zu sein.

Wir schließen von uns selbst auf andere. Irgendwo müssen sie also sein, die dunklen Flecken auf der weißen Weste und wenn bis jetzt noch nichts davon zu sehen war, dann heißt das nur, dass uns diese unliebsame Entdeckung erst bevorsteht - aber erst zu einen Zeitpunkt, an dem wir endgültig eingelullt durch so viel Sensibilität jegliche Wachsamkeit aufgegeben haben und am verletzlichsten sind. Diese Aussicht hängt wie ein Damokles-Schwert über der Beziehung.

2.) a.) Niemand mag einen Heuchler.

Ich warte zum Beispiel immer noch auf den Mann, der sich partnerschaftlich benimmt, einfach aus einem inneren Bedürfnis heraus, nicht wie der letzte Affe daher zu kommen. Tatsache ist, dass all die Nettigkeiten tatsächlich weitgehend Heuchelei zu sein scheinen, sonst würdet ihr nicht dauernd ausbleibende Gegenleistungen einklagen. Tugend ist sich nämlich selbst ihr Lohn und ihre Unbedanktheit für sie daher nahezu konstituierend.

3.)"Du bist zu gut fĂĽr mich."

Das ist keine fadenscheinige Ausflucht. Wir selbst sind nämlich nicht immer gar so arg nett und neben Herrn Halb-Schon-Heilig daher quasi verdammt zu einem Leben voller Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle. Ja, und wir müssen auch ein bisschen an die Zukunft denken, wenn wir im Rosenkrieg die jeweiligen Verfehlungen der Vergangenheit gegeneinander aufrechnen werden, wozu uns der Nette einfach zu wenig Munition liefert.


4.) Wo bleibt das Feuer?

Nette Menschen bieten zu wenig Reibungsflächen. Durch Reibung enstünde aber Hitze und die wäre bekanntlich nicht schlecht fürs Liebesleben. Was sich liebt, das neckt sich. – Was sich fickt, das fetzt sich.

5.) Die Logik des Marktes.

Je höher das Angebot, desto niedriger der Preis. Und was nichts kostet, ist nichts wert. Wer nett ist, ist freigiebig mit Zuwendung und Zuneigung und das ist kontraproduktiv, weil:

5.)a.)Wir brauchen die Herausforderung.

Was wir betreiben, ist nicht die "Suche nach der verlorenen Hälfte", wie in der alten Sage. Es ist ein verdammter Sport. Und der Sprung vom Fünf-Meter-Brett ist besser für das Ego als der Sprung vom Beckenrand. Wir wollen gar keinen, der es uns leicht macht, ihn zu lieben. Denn nur so können wir die Liebe als Leistung verbuchen.

5.b.) Wir brauchen die Auszeichnung.

Wenn jemand, der nett ist, etwas Nettes zu uns sagt, ist das nichts Besonderes. Das Arschloch hingen inspiriert immer zur reizvollen Phantasie: Ja, zu allen anderen ist er grauslich, aber zu mir…

Fazit: Die Logik des Marktes ist, wenn nicht gerade auf Schweinebäuche angewandt, einfach nur abartig, scheint aber trotzdem ziemlich tief in unserer Art verankert zu sein.

6.) Sklavenmoral ist unsexy

Steinigt mich nicht, das sage nicht ich, das sagt Nietzsche. (So ungefähr.) Schönheit, Stärke oder Geist sind eben nicht jedem gegeben. Und Nietzsches Theorie zufolge ist Moral nichts als ein Erpressungsmittel, das sich die Zukurzgekommenen ausgedacht haben, um den von der Natur Bevorzugten doch noch irgendwie am Zeug zu flicken, um sich einen Maßstab zu schaffen, dem sie selbst auch genügen können Kurz: Wer nett hat’s nötig. Andersherum gesagt: Wer sich rücksichtslos benimmt, muss ganz schön überzeugt sein von der eigenen Liebenswürdigkeit. Und das mit der sich selbsterfüllenden Prophezeiung hat noch jedes Mal funktioniert.

Soweit zu den gängigen Erklärungsmodellen. Manche sind hässlich, andere traurig, die meisten erbärmlich. Alle aber stützen sie die Schönheit des Systems, die darin liegt, dass wir uns gegenseitig in der Regel verdienen. Zum Abschluss meine persönliche Lieblingstheorie:

7.) Es ist alles ein schlechter Witz.

Graf Bobby besucht Graf Mucki und findet ihn von der Haustür, verzweifelt nach seinem Schlüssel suchend. Wo hast ihn denn normalerweise, fragt Graf Bobby. - In der linken Manteltasche. – Und warum schaust dann nicht da?

Weil wir nicht dort suchen, wo wir Gefahr laufen, fündig zu werden. Den Schlüssel nicht in der Manteltasche und die Liebe nicht bei denen, die bereit dazu sind. Weil wir uns sehnen müssen. Nach etwas, das uns ganz macht. Und da ist dieser dumpfe Verdacht, dass wir vielleicht nicht alles haben können, nicht gleichzeitig und dass immer irgendwo in uns dieses Loch bleiben wird, das diesen unwiderstehlichen Sog ausübt, der vielleicht die Sehnsucht ist. Beim Arschloch wissen wir wenigstens, woran die Liebe scheitert. Aber bei jemand, bei dem die Liebe möglich sein könnte – was, wenn es dann die Liebe ist? Was, wenn das Loch trotzdem bleibt?

Und warum schaust dann nicht da, fragt Graf Bobby. Weil, sagt Graf Mucki, wenn er da auch nicht ist...

Dann hab ich meine letzte Hoffnung verloren.

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Achwas, eigentlich geht's noch kĂĽrzer (aber jetzt freut mich die Formatierung nimmer)

Hobby-Psychologie, hemmungslose Verallgemeinerungen, eine Prise Nietzsche und ein Graf Bobby Witz – voilà: eine erschöpfende Abhandlung über ein viel beklagtes Phänomen.

Frauen stehen bekanntlich auf Arschlöcher. Die Netten, die zuhören können? Missbraucht als emotionaler Mistkübel, von Anfang an chancenlos. Die Problematik wird oft genug erörtert, ich möchte nun 2 dabei immer wieder auftauchende Irrtümer beheben.

Irrtum Nr. 1:
Dieses Phänomen ist ein rein weibliches.

Kommt schon, Burschen. Bei euch läuft das nicht anders. Klar, ihr geizt vielleicht weniger mit Geschlechtsverkehr, aber wer ist es, dem ihr letztlich immer wieder mit Haut und Haar verfallt? Doch auch eher nicht das liebe Mädel. Sondern die Femme Fatale.

Das Folgende wird also ĂĽberwiegend aus weiblicher Sicht geschildert, ist aber umgekehrt das Gleiche in grĂĽn.

Irrtum Nr. 2:
Dieses Phänomen ist auch nur ansatzweise bemerkenswert, da mysteriös.

Das Alles ist in etwa so geheimnisvoll wie der Stau zu Ferienbeginn und die Geldknappheit am Monatsende. Die GrĂĽnde sind zahlreich und offensichtlich:

1.) Masochismus

2.) Zu schön, um wahr zu sein.

Wir schließen von uns selbst auf andere. Irgendwo müssen sie also sein, die dunklen Flecken auf der weißen Weste und wenn bis jetzt noch nichts davon zu sehen war, dann heißt das nur, dass uns diese unliebsame Entdeckung erst bevorsteht - aber erst zu einen Zeitpunkt, an dem wir endgültig eingelullt durch so viel Sensibilität jegliche Wachsamkeit aufgegeben haben und am verletzlichsten sind. Diese Aussicht hängt wie ein Damokles-Schwert über der Beziehung.

2.) a.) Niemand mag einen Heuchler.

Ich warte zum Beispiel immer noch auf den Mann, der sich partnerschaftlich benimmt, einfach aus einem inneren Bedürfnis heraus, nicht wie der letzte Affe daher zu kommen. Tatsache ist, dass all die Nettigkeiten tatsächlich weitgehend Heuchelei zu sein scheinen, sonst würdet ihr nicht dauernd ausbleibende Gegenleistungen einklagen. Tugend ist sich nämlich selbst ihr Lohn und ihre Unbedanktheit daher nahezu konstituierend.

3.)"Du bist zu gut fĂĽr mich."

Das ist keine fadenscheinige Ausflucht. Wir selbst sind nämlich nicht immer gar so arg nett und neben Herrn Halb-Schon-Heilig daher quasi verdammt zu einem Leben voller Minderwertigkeitskomplexe und Schuldgefühle. Ja, und wir müssen auch ein bisschen an die Zukunft denken, wenn wir im Rosenkrieg die jeweiligen Verfehlungen der Vergangenheit gegeneinander aufrechnen werden, wozu uns der Nette einfach zu wenig Munition liefert.


4.) Wo bleibt das Feuer?

Nette Menschen bieten zu wenig Reibungsflächen. Durch Reibung enstünde aber Hitze und die wäre bekanntlich nicht schlecht fürs Liebesleben.


5.) Die Logik des Marktes.

Je höher das Angebot, desto niedriger der Preis. Und was nichts kostet, ist nichts wert. Wer nett ist, ist freigiebig mit Zuwendung und Zuneigung und das ist kontraproduktiv, weil:

5.)a.)Wir brauchen die Herausforderung.

Was wir betreiben, ist nicht die "Suche nach der verlorenen Hälfte", wie in der alten Sage. Es ist ein verdammter Sport. Und der Sprung vom Fünf-Meter-Brett ist besser für das Ego als der Sprung vom Beckenrand. Wir wollen gar keinen, der es uns leicht macht, ihn zu lieben.

5.b.) Wir brauchen die Auszeichnung.

Wenn jemand, der nett ist, etwas Nettes zu uns sagt, ist das nichts Besonderes. Das Arschloch hingen inspiriert immer zur reizvollen Phantasie: Ja, zu allen anderen ist er grauslich, aber zu mir…

6.) Sklavenmoral ist unsexy

Nietzsches Theorie zufolge ist Moral nichts als ein Erpressungsmittel, das sich die Zukurzgekommenen ausgedacht haben, um den von der Natur Bevorzugten doch noch irgendwie am Zeug zu flicken, um sich einen Maßstab zu schaffen, dem sie selbst auch genügen können Kurz: Wer nett hat’s nötig.

7.) Es ist alles ein schlechter Witz.

Graf Bobby besucht Graf Mucki und findet ihn von der Haustür, verzweifelt nach seinem Schlüssel suchend. Wo hast ihn denn normalerweise, fragt Graf Bobby. - In der linken Manteltasche. – Und warum schaust dann nicht da?

Weil wir nicht dort suchen, wo wir Gefahr laufen, fündig zu werden. Den Schlüssel nicht in der Manteltasche und die Liebe nicht bei denen, die bereit dazu sind. Weil wir uns sehnen müssen. Nach etwas, das uns ganz macht. Und da ist dieser dumpfe Verdacht, dass wir vielleicht nicht alles haben können, nicht gleichzeitig und dass immer irgendwo in uns dieses Loch bleiben wird. Beim Arschloch wissen wir wenigstens, woran die Liebe scheitert. Aber bei jemand, bei dem die Liebe möglich sein könnte – was, wenn es dann die Liebe ist? Was, wenn das Loch trotzdem bleibt?

Und warum schaust dann nicht da, fragt Graf Bobby. Weil, sagt Graf Mucki, wenn er da auch nicht ist...

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Die zweite Kurz-Variante ist besser, denn
* in der ersten merkt man zu sehr, dass "nur" gestrichen wurde,
* in der zweiten ist die klangmäßige Abtrennung von Punkt 7 m.E. besser gelungen und
* optische Vielfalt (fette UND unterstrichene Schlagworte) tut m.E. einen Text selten gut – der Text soll bunt sein, nicht das Schriftbild (, ist aber sicher weitgehend Geschmackssache).


Wegen der "Symmetrie" sollten zu Masochismus doch ein, zwei Zeilen stehen.

Um "reinzukommen" kann im ersten Absatz auch doch etwas mehr stehen. Vorschlag: “Frauen stehen bekanntlich auf Arschlöcher. Die lieben, netten Kumpeltypen, die zuhören können? Missbraucht als emotionaler Mistkübel, von Anfang an chancenlos. Das Netz ist voll von ihren Klagen – zu Recht. Es ist eines der großen Themen der Menschheit. Und ich bin nun einmal zutiefst überzeugt, den dreihunderttausendundzwei Erörterungen der Problematik eine dreihunterttausendunddritte hinzufügen zu müssen - um eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Erklärungen zu liefern. Hier einen Absatz machen, denn hier endet das "Vorwort".Und um erst einmal zwei hartnäckige Irrtümer zu beheben.besser ist ":""


Jetzt, da ich beides nebeneinander sehe: Mir persönlich sagt die zweite kurz-Version sehr zu; wenn du Platz hast und auf ein Medium für "Junge" abzielst, würde ich allerdings die Langversion zumindest mit anbieten – sie hat doch noch etwas mehr Charme. (Sorry, dass ich dich trotzdem zum Kürzen überredet habe )
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