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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nirwana oder Thomas Mann
Eingestellt am 17. 05. 2017 22:27


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wowa
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Nirwana oder Thomas Mann




Emil Z. sah nachdenklich in das ĂŒppige GrĂŒn vor seinem spaltbreit geöffneten Fenster. Weit genug weg in der Nachbarschaft klimperte leise ein Klavier. Auch so ein freischaffender KĂŒnstler, dem nichts einfiel. Emil Z. stand auf und schloss das Fenster.
Seine punktgenaue Konzentration wollte gepflegt sein, die zentripetalen KrĂ€fte galt es zu stĂ€rken. Der allgegenwĂ€rtigen, verfĂŒhrerischen Zerstreuung setzte er den unbedingten Willen zum Fokus entgegen.
Wobei die Bedingungen gar nicht mal schlecht waren an diesem Vormittag. Graue, schwere Wolken zogen trĂ€ge vorbei und ein leichter SprĂŒhregen ließ die BlĂ€tter glĂ€nzen. Am Wetter lag es nicht, das konnte besser nicht sein, fand er.
Die brutale Helle eines grenzenlos blauen Himmels bedeutete ihm Gefahr, Angst, verstĂ€rkte die Gewissheit des Verlorenseins; ein Nichts in der wĂŒstenhaften Einsamkeit des Alls. Diese starke, klare Erkenntnis der kosmischen Leere hatte verlĂ€sslich ihr Pendant in der reflexartigen Bewusstwerdung der eigenen inneren Leere. Alles Wollen erlosch, alle Orientierung verlief sich und eine religiöse Ekstase, das unterschiedslose Einssein mit Allem ergriff Emil Z.
In diesen Momenten schien das Nirwana erstaunlich nahe und nur sein Leib, seine Physis waren ein letztes Hindernis auf dem Weg dorthin. Hatte das innere Geschehen diesen kritischen Punkt erreicht, bĂŒndelte er in einem voluntaristischen Kraftakt seine RestvitalitĂ€t, erhob sich leise fluchend vom Schreibtisch und schlurfte hinĂŒber zur Hausbar. Nur das rasche Trinken starker geistiger GetrĂ€nke und die damit einhergehende intensive körperliche Wahrnehmung konnten einer weiteren krisenhaften Zuspitzung jetzt noch Einhalt gebieten. Der Tag war verloren, sicherlich, andererseits war er gerettet, - vorlĂ€ufig.
Doch heute, im Hier und Jetzt, bestand keine Auflösungsgefahr, es regnete.
Emil Z. fiel trotzdem nichts ein.
Sein Kopf ließ die Ordnung vermissen, die Gedanken tanzten chaotisch und Zweifel, grundsĂ€tzliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Projektes lĂ€hmten den Produktionsprozess. Die Figuren, die er erschaffen, denen er Leben eingehaucht hatte und die nun im existenziellen Konflikt einander massakrierten, wirkten konturlos, blutleer, leidenschaftslos. Sie taten das, was die Logik der Handlung erforderte, aber ohne Begeisterung. Ihnen fehlte die Haltung, die Botschaft, der Kick. Vor allem : Ihnen fehlte der Witz, sie waren gĂ€nzlich humorlos.
Er hatte sich seinen Protagonisten entfremdet.
Emil Z. seufzte. Er kannte das Problem. Wenn der Schreibfluss versiegte, war es schwer, noch einmal anzuknĂŒpfen. Er war nicht Thomas Mann. Er konnte seine KreativitĂ€t nicht disziplinieren und tĂ€glich vormittags eine Seite schreiben, komme, was da wolle.
Das hÀtte gewiss einiges vereinfacht.
Vielleicht sollte er den Stoff ein Weilchen liegen lassen und in der Zwischenzeit seine merkwĂŒrdige WetterfĂŒhligkeit essayistisch aufbereiten. Möglicherweise war er mit dieser Disposition nicht allein, sondern artikulierte einen Schmerz, der den Nerv der Gesellschaft berĂŒhrte. Und er als Erster trat damit an die Öffentlichkeit : Ruhm und Ehre, Reichtum und Frauen und trotz aller WertschĂ€tzung blieb er sympathisch bescheiden.
Es klingelte.
Franz K. stand in der TĂŒr, nass, in aufgerĂ€umter Stimmung, wie immer unangemeldet, mit feinem GespĂŒr fĂŒr den richtigen Zeitpunkt. Er lebte ein paar Blocks die Straße rauf in Ă€hnlicher Situation. Wenn er gefragt wurde, sprach er von sich als Lohnschreiber.
„Alter, was geht?“
Emil Z. fand die jugendlich–dynamische AttitĂŒde seines GegenĂŒbers stets unangemessen, aufgesetzt und krass widersprĂŒchlich zu den offensichtlichen Tatsachen. Egal, darĂŒber ließ sich hinwegsehen.
„Nun, du findest mich in einer sehr schwierigen Phase. Der Stoff strĂ€ubt sich und die Figuren sind mir entglitten. Die Story hat konstruktive Defizite, darunter leidet die GlaubwĂŒrdigkeit. Ich kann die Fehler benennen, ich sehe die LĂŒcken, doch es fehlt mir die Inspiration; ich bin blockiert. Vielleicht lass ich den Stoff einfach ein Weilchen ruhen, manches ergibt sich mit der Zeit ja von selbst.“
„Ja, Mann, genau, entspann dich. Mir geht es original genauso. Ich glaube, das liegt an dem Scheißwetter. Man sollte echt mal einen Essay ĂŒber den Einfluss der Ă€ußeren UmstĂ€nde auf die Kreativen schreiben.“
Emil Z. schwieg. Manchmal wĂŒrde er Franz K. am liebsten eine klatschen.
„Okay,“ fuhr der fort, „eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du mit in die `Oase` kommst. Ich treff mich da mit ein paar Leuten, einige kennst du vom Sehen. WĂŒrde dir bestimmt Spaß machen.“
Emil Z. ĂŒberlegte einen Moment, dann nickte er. Hier gab es fĂŒr ihn ohnehin nichts mehr zu tun. Vielleicht wĂ€re ein lockeres GesprĂ€ch unter Kollegen genau das Richtige. Jedenfalls brauchte er jetzt unbedingt ein wenig Zerstreuung.




Version vom 17. 05. 2017 22:27

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wowa
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Hallo, Arno,
danke fĂŒr die schönen GrĂŒĂŸe und die Anmerkungen. Die orthographischen Fehler hab ich korrigiert.
Das unspektakulĂ€re Ende entspricht Emil Z. Bei ihm spielt sich Gewalt im Kopf ab, er wĂŒrde Franz K. nie tatsĂ€chlich eine klatschen. Mir ging es um die Bewegung an diesem Vormittag: GĂŒnstige Ă€ußere Bedingungen, Optimismus, Wille zur Konzentration, dann Zweifel, thematische Entfremdung, LĂ€hmung, Blockade, TagtrĂ€umerei, schließlich Franz K. und die resignative Bejahung der Zerstreuung.
Das ist gewiss kein Knalleffekt, aber im optimalen Fall sowas wie ein deja-vu bei der Leserin/beim Leser.
Noch einen schönen Sonntag
wowa

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wowa
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Hey, Doc,
freut mich, dass du den Spannungsaufbau ok findest. Der Spannungsabfall ohne vorherige Eruption ist nach meinem DafĂŒrhalten unvermeidbar, denn Emil Z. ist nun mal kein spontaner, impulsiver Mensch, eher einer, der sich achselzuckend dem Faktischen beugt. Mir erscheint das realistisch, zumindest kommen einem diese stillen Typen, die nur auf dem Papier die Sau rauslassen, bekannt vor.
Alles Gute
wowa

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wowa
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Hallo, G.R.Asool,
schön, dass du den Schluss nicht misslungen findest. Klar enttÀuscht er Lesegewohnheiten, die ein dramatisches Finale erwarten. Und gewöhnlich versuche ich schon, einen knackigen Schluss zu finden.
Aber gerade das profane Ende stimmt im Kontext der geschilderten alltÀglichen Probleme, mit denen ein schreibender Mensch konfrontiert ist.
Alles Gute
wowa

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