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Nix gelernt...
Eingestellt am 20. 03. 2003 19:48


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rolarola
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Ja doch, wir haben gelernt...


Es gilt als erwiesen, dass wir aus der Geschichte nicht lernen. Wie kommt das? Sind wir schlicht lernunfähig, sind wir von Natur aus ignorant, oder gibt es da etwa ein Vergesslichkeitsgen? Wollen wir nicht? Können wir nicht?

Die Antwort darauf scheint schwer zu finden zu sein, und doch liegt sie so nahe. Die Antwort ist omnipräsent, unser Wirtschafts-/ Gesellschaftssystem betet sie rauf und runter. Die Antwort wird jedem Menschen von Kindesbeinen an permanent und auf verschiedenste Weise eingetrichtert: „Erst wenn du drin bist, darfst du mitreden!“ – „Das musst du erst erlebt haben!“ – „Kosten muss man alles!“ – „Du weißt ja gar nicht, wovon du sprichst!“, etc. Das selbe Prinzip nutzt auch die Werbung: „Raunz nicht, kauf!“ – „Ich bin doch nicht blöd.“ – „Mehr Freude am Fahren!“ – „Ich bin drin, das ist ja einfach.“, etc.
Wenn du wissen willst, wie etwas war und ist, dann musst du es selbst ausprobieren. Du hast kein Recht dazu, über Dinge zu sprechen, die du nicht selbst erlebt hast. Learning by doing. Denk nicht nach, tu es. Wenn du es nicht tust, tut es ein Anderer. Gestern war gestern und heute ist heute. Du kannst alles besser, wenn du nur willst, wenn du nur den Mut dazu hast, wenn du an dich glaubst. Aber glauben heißt nichts wissen und nichts wissen heißt dumm sein. MACH was aus deinem Leben. Und mach es schnell, denk nicht an die Konsequenzen, sonst kommt dir ein Anderer zuvor! Red nicht gescheit daher, sondern mach erst deine Erfahrungen. Der nächste Krieg wird ein guter Krieg, er passiert im Namen der Gerechtigkeit. Er wird ganz anders als die anderen, er wird präzise und sauber, er wird ein Remake und wir alle wissen, dass Remakes immer besser, schöner, glanzvoller, rasanter sind, als das veraltete, ärmliche und vergessene Original. Kritisiere nicht das System in dem du lebst. Man beisst nicht die Hand, die einen füttert. Man sagt Ja und Amen, fügt sich, gehorcht, lässt sich darauf ein, ist aufgeschlossen und tolerant! Erst wenn du in der Scheiße sitzt, darfst du sagen: Ich will raus. Erst wenn du den Krieg erlebt hast, darfst du sagen: Er ist böse. Erst wenn du Liebe erfahren hast, darfst du sagen: Sie ist schön. Aber bilde dir bloß nicht ein, dass du jemals genug erfahren kannst um zu begreifen, was wirklich Sache ist! Es gibt sooo viel, das du noch nicht gemacht, gesehen, erlebt hast. Du versäumst permanent die besten Dinge. Du hast dich einfach nicht genug um dich, um deine Bedürfnisse gekümmert. Du weißt einiges, aber wen interessiert’s? Wen interessiert dein Leben? Einzelschicksale werden nicht berücksichtigt. Deine Fehler sind deine, nicht die der Anderen. Aber du hast ja noch Zeit, alles aufzuarbeiten. Na gut, genaugenommen ist deine Zeit nur noch kurz. Zu kurz, um die Wahrheit zu sagen. Jetzt kannst du noch erzählen, weil du Ahnung hast. Dumm nur, dass alle Menschen zu denen du sprichst der Meinung sind, dass sie etwas zuerst selber ausprobieren müssen, damit sie wissen, wie’s war und ist. Und du fragst dich, wozu du überhaupt drin sein wolltest...

Ja doch, wir haben gelernt. Wir haben gelernt, effizient und erfolgreich zu vergessen, wir haben gelernt, dass man aus Schaden klug wird. Die Welt ist offensichtlich noch nicht klug genug! Hinfort mit diesen sozialromantischen Schadensbegrenzern, hinfort mit den harmoniesüchtigen, außergerichtlichen Ausgleichern, hinfort mit den idealistischen Friedensutopisten! Hinfort mit den weltfremden Phantasten und Hirnakrobaten, jene Verschwörer und Verächter der weltallumfassenden Klugwerdung! Einst hatten die Menschen das Recht auf Bildung, heute haben sie das Recht auf Bilder. Machen Sie sich selbst ein Bild, werden Sie Augenzeuge! Seien Sie dabei, werden Sie klug, ach was, klüger, einmal, zweimal, neunmal! Klug ist gut, klüger ist besser. Seien Sie nützlich, schaden Sie! Schaden Sie sich und anderen, auf dass wir alle immer klüger werden! Und seien Sie vor allem DABEI. Und wenn Sie nicht dabei sein können, dann wiederholen Sie es auf Ihre ganz unveräußerliche, persönliche, freie Weise. Machen Sie niemals den selben Fehler zweimal (das wäre Dummheit), machen Sie ihn hundertmal (das ist Fortschritt)! Live-Long-Learning, es gibt keine Sicherheit, im Grunde müssen Sie immer dumm bleiben und zugleich klüger werden. „Du weißt ja NIE, wovon Du sprichst!“


Dies ist kein Plädoyer für blinden Traditionsglauben oder Fortschrittsfeindlichkeit, sondern für das Vertrauen auf die reflexive Urteilskraft.

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Du kannst alle Leute einige Zeit, einige alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten!

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jon
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Das unterschreib ich sofort: Ulrike Jonack
(Ich wollte noch etwas unterstreichend, untermalend anfügen, aber alles, was mir einfiel, war schwächer, weniger treffend.)


Handwerklich überzeugend gemacht. Vielleicht ein wenig lang – rein optisch: Wenn man angefangen hat zu lesen, wird man durch die intensive Sprache zwingend weitergezogen – aber stünde so eine Kolumne (oder Kommentar zum JETZT) in einer Zeitung/Zeitschrift, würde sie durch ihren Umfang (je nach Leserkreis sehr oder nur etwas) abschrecken.
Ich kann mir das Ganze hervorragend vorgetragen vorstellen…
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rolarola
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Hallo jon!

Danke für deine Kritik. Der Text war schon mal kürzer, aber er erweckte da den Eindruck der Unvollständigkeit in mir. Darum habe ich die Sache mit der Klugheit angefügt.

Er soll in der nächsten Ausgabe der "Zeit-Presse" publiziert werden; bin schon gespannt auf die Reaktionen!

LG,

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rolarola
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KĂĽrzen, wie?

Liebe jon!

Angenommen der Leserkreis ist bloss "ein wenig" abgeschreckt, was würdest du verändern?

Angenommen die Leserschaft reagiert "sehr" abgeschreckt, welche Sätze würdest du streichen?

Mir kommt alles wichtig und unstreichbar vor... (ist wohl eine typische Schreiberlingsmacke )

Besten Dank fĂĽr deine Anregungen im Voraus!

LG,

rolarola
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jon
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Wenn ich kürzen müsste, dann würde ich den "Klugheits"-Absatz streichen, auch wenn dadurch eine Nuance verloren geht. Der Text ist nämlich so kompakt geschrieben, dass ich (von außen und ohne Neuschreiberei) bestenfalls an einigen Stellen straffen aber nicht wirklich streichen könnte – es würde kaum wirkliche Kürzungen auf diesem Weg geben.


Straffen wĂĽrde ich:


Es gilt als erwiesen, dass wir aus der Geschichte nicht lernen. Wie kommt das? Sind wir schlicht lernunfähig, sind wir von Natur aus ignorantist zwar in der Wichtung aber kaum in der Auswirkung anders als die andern beiden Satzteile, oder gibt es da etwa ein Vergesslichkeitsgen? Wollen wir nicht? Können wir nicht?

Die Antwort darauf scheint schwer zu finden zu sein, und doch liegt sie so nahe. Die Antwort ist omnipräsent, unser Wirtschafts-/ Gesellschaftssystem betet sie rauf und runter. Die Antwort wird jedem Menschen von Kindesbeinen an permanent und auf verschiedenste Weise eingetrichtert: „Erst wenn du drin bist, darfst du mitreden!“ – „Das musst du erst erlebt haben!“ – „Kosten muss man alles!“ – „Du weißt ja gar nicht, wovon du sprichst!“, etc. Das selbe Prinzip nutzt auch die Werbung: „Raunz nicht, kauf!“ – „Ich bin doch nicht blöd.“ – „Mehr Freude am Fahren!“ – „Ich bin drin, das ist ja einfach.“, etc.
Wenn du wissen willst, wie etwas war und ist, dann musst du es selbst ausprobieren. Du hast kein Recht dazu, über Dinge zu sprechen, die du nicht selbst erlebt hast. Learning by doing. Denk nicht nach, tu es. Wenn du es nicht tust, tut es ein Anderer. Gestern war gestern und heute ist heute.Der Gedanke wird nicht fortgeführt, der Text kehrt zu dem davor zurück Du kannst alles besser, wenn du nur willst, wenn du nur den Mut dazu hast, wenn du an dich glaubst. Aber glauben heißt nichts wissen und nichts wissen heißt dumm sein.Dieser Gedanke wird erst im angefügten Absatz wieder aufgegriffen, der Text geht mit dem Gedanken davor weiter MACH was aus deinem Leben. Und mach es schnell, denk nicht an die Konsequenzen, sonst kommt dir ein Anderer zuvor! Red nicht gescheit daher, sondern mach erst deine Erfahrungen.Beides steht sinngemäß oben schon mal.– Hier könnte als Kopplung zum "Krieg" (den ich als recht abrupt hier angefügt empfand) der Satz „Gerstern war gestern, heute ist heute" stehen. Der nächste Krieg wird ein guter Krieg, er passiert im Namen der Gerechtigkeit. Er wird ganz anders als die anderen, er wird präzise und saubersowas kommt später noch mal, es hier wegzulasen gibt auch der Remake-Idee mehr Kraft, er wird ein Remake und wir alle wissen, dass Remakes immer besser, schöner, glanzvoller,Eine Mehr-als-drei-Worte-Aufzählung bremst das Tempo rasanter sind, als das veraltete, ärmliche und vergessene Original. Den Gedankensprung kann ich – lesemäßig – nicht ganz nachvollziehen. Kritisiere nicht das System in dem du lebst. Man beisst nicht die Hand, die einen füttert. Man sagt Ja und Amen, fügt sich, gehorcht,Das steckt schon in Ja und Amen lässt sich darauf ein, ist aufgeschlossen und tolerant! Der Gedankensprung ist mir – lesemäßig – nicht nachvollzeihbar Erst wenn du in der Scheiße sitzt, darfst du sagen: Ich will raus. Erst wenn du den Krieg erlebt hast, darfst du sagen: Er ist böse. Erst wenn du Liebe erfahren hast, darfst du sagen: Sie ist schön. Aber bilde dir bloß nicht ein, dass du jemals genug erfahren kannst um zu begreifen, was wirklich Sache ist! Es gibt sooo viel, das du noch nicht gemacht, gesehen, erlebt hast. Du versäumst permanent die besten Dinge. Du hast dich einfach nicht genug um dich, um deine Bedürfnisse gekümmert.Das ist zwar ein waaahnsinnig wichtiger Gedanke, wird aber nicht wieder aufgenommen. Du weißt einiges, aber wen interessiert’s? Wen interessiert dein Leben? Einzelschicksale werden nicht berücksichtigt.„Einzelschicksale“ ist so von den Medien ausgeluscht, dass man es schon nicht mehr auf sich bezieht – die Sätze rundrum sind viel stärker als dieser. Deine Fehler sind deine, nicht die der Anderen. Aber du hast ja noch Zeit, alles aufzuarbeiten. Na gut, genaugenommen ist deine Zeit nur noch kurz. Zu kurz, um die Wahrheit zu sagen.Das ist, glaube ich, ein anderer Aspekt als der in der eher gesellschaftsbezogenen Fragestellung Jetzt kannst du noch erzählen, weil du Ahnung hast.Das hab ich nicht ganz verstanden: …NOCH erzählen…? Muss der Satz nicht heißen: Jetzt könntest du erzählen, jetzt hast du Ahnung. Dumm nur, dass alle glauben, sie müssten selbst probieren, wie es ist, damit sie wissen, wie es war. Dumm nur, dass alle Menschen zu denen du sprichst der Meinung sind, dass sie etwas zuerst selber ausprobieren müssen, damit sie wissen, wie’s war und ist. Und du fragst dich, wozu du überhaupt drin sein wolltest...

Ja doch, wir haben gelernt. Wir haben gelernt, effizient und erfolgreich zu vergessen, wir Das klingt ein wenig wie eine im Text nicht begründete Behauptung; der Aufwand, es aus dem Kontext zu schließen ist – lesetechnisch – zu hoch haben gelernt, dass man aus Schaden klug wird. Die Welt ist offensichtlich noch nicht klug genug! Hinfort mit diesen sozialromantischen Schadensbegrenzern, hinfort mit den harmoniesüchtigen, außergerichtlichen Ausgleichern, hinfort mit den idealistischen Friedensutopisten! Hinfort mit den weltfremden Phantasten und HirnakrobatenDas sind „Beschimpfungen“ die (fast)jeder seinem jeweiligen ploitischen Gegner an den Kopf knallen könnte , jene Verschwörer und Verächter der weltallumfassenden Klugwerdung! Einst hatten die Menschen das Recht auf Bildung, heute haben sie das Recht auf Bilder. Machen Sie sich selbst ein Bild, werden Sie Augenzeuge! Seien Sie dabei, werden Sie klug, ach was, klüger, einmal, zweimal, neunmal! Klug ist gut, klüger ist besser. Seien Sie nützlich, schaden Sie! Schaden Sie sich und anderen, auf dass wir alle immer klüger werden! Und seien Sie vor allem DABEI. Und wenn Sie nicht dabei sein können, dann wiederholen Sie es auf Ihre ganz unveräußerliche, persönliche, freie Weise. Machen Sie niemals den selben Fehler zweimal (das wäre Dummheit), machen Sie ihn hundertmal (das ist Fortschritt)! Live-Long-Learning, es gibt keine Sicherheit, im Grunde müssen Sie immer dumm bleiben und zugleich klüger werden. „Du weißt ja NIE, wovon Du sprichst!“


Dies ist kein Plädoyer für blinden Traditionsglauben oder Fortschrittsfeindlichkeit, sondern für das Vertrauen auf die reflexive Urteilskraft.Wer das nicht im Text erkannt hat, den überzeugt auch dieser (Entschuldigungs-)Satz nicht.

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Danke, jon!

Werde es hier nicht verändern, aber für die Publikation!


LG und schönen Abend,

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Du kannst alle Leute einige Zeit, einige alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten!

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