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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Noch eine Geschichte von Persol
Eingestellt am 17. 08. 2003 01:03


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Kabelkolb
AutorenanwÀrter
Registriert: Mar 2003

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Noch eine Geschichte von Persol

Persol sitzt in der Mensa. WĂ€hrend die Essenfrauen Mahlzeiten verteilen und abkassieren; Studenten auf HolzbĂ€nken hocken und Bratwurstschnecken in sich hineinschieben; andere in Blöcken, Ordnern oder Heften schmökern, um nachher zum Abfragen bereit zu sein; ...wĂ€hrend dies also geschieht, mischen sich Bauarbeiter unter die Anwesenden, die in der Zeit, in der sie keine Pause machen, neuen Platz fĂŒr neue Kommilitonen schaffen oder den alten verschönern ...obwohl Garagen immer Garagen bleiben.

Ganz typische MensaatmosphĂ€re liegt wie der Wurstgeruch in der Luft; nichts außergewöhnliches eben; alles ist wie immer ...das denkt auch gerade Persol, wĂ€hrend er seinen Kaffee umrĂŒhrt. Er hat nur einen Wunsch: Weiter im Kaffee rĂŒhren! Und wie er so den Zucker immer mehr schwinden fĂŒhlt unter dem warmen Eisenlöffel, setzt sich plötzlich ein MĂ€dchen direkt zu ihm.

In dem Moment, in dem sie ihn mit einem zarten „Hallo“ ansprach, erschien es, als erstarre sein Gesicht, wie es sonst seine tĂ€gliche KontinuitĂ€t tat; ja, es war fast so, als hĂ€tte er sein Innerstes nach außen gekehrt, hin zu seinem Gesicht; in der Sekunde des Hallo blieb er kurz sehr gerĂŒhrt.
Das MÀdchen konnte dies selbstverstÀndlich nicht wissen. Sie interpretierte sein Schweigen, als Aufforderung selbst noch etwas zu sagen.
-„Also, Hallo hab ich ja schon gesagt. Ist alles klar mit dir? In Ordnung, wenn ich mich hier hinsetze?“
Keine Antwort, nur weiteres erstarren.
-„Ich weiß ja nicht, ob du noch auf wen wartest. Soll ich an einen anderen Tisch gehen?"
Keine Antwort, sie steht auf.
-„Na gut, dann geh ich wieder...“
„Nein, musst du nicht.“
-„Oh, gut, es waren sowieso nur noch sehr wenige PlĂ€tze frei.“
„Ja.“

Es war unglaublich. Die Worte aus seinem Mund, klangen wie Laute, die ein erstarrter Klumpen aus Lehm von sich gab; Worte irgendwie, aber im Prinzip nur Laute. Sehr schlicht. Sehr karg. Sie hatten ja auch eigentlich keine Bedeutung; es ging nur darum, sie am Tisch zu halten ...Worte, nur um die Stimmung in Tönen zu Ă€ußern, nur um der Stimmung einen Klang zu geben...
-„Ich heiße ĂŒbrigens Katja.“
„Und ich Persol.“
-„Ein ungewöhnlicher Name, irgendwie...“
(Ihr ins Wort fallend.) „...nicht wirklich ungewöhnlich.“

Schweigen.

Persol war nie gut, im Miteinandereden, nie gut im Fragen stellen und noch schlechter im beantworten.
Immer erschien ihm alles zu privat, was er im Stande war, preiszugeben. Deshalb erzĂ€hlte er meist nichts von sich, sondern berichte mehr oder weniger oberflĂ€chlich von einem Typen und seinen Erlebnissen. Er sagte manchmal: Ja das hat mich echt berĂŒhrt. Oder: Ich weiß nicht wirklich was ich davon halten soll. Oder: DarĂŒber werde ich bestimmt spĂ€ter mal lachen. Das alles, dachte er immer, wird sich schon irgendwie zusammenfĂŒgen. Alles! Auch die komisch kosmischen Fragen, die Tage des Wartens, die Zeit in der Mensa usw. Irgendwann hört sein Warten auf. Wann? Wenn er weiß, worauf er wartet.

Er wartet auf sich selbst.

Er ĂŒberlegt einfach nicht mehr, was alles mit seinen Geschichten geschehen könnte, was mit den albernen Telefonnummern passiert oder den Adressen in SĂŒddeutschland...

Persol macht sich keine Sorgen ĂŒber die Zukunft, denn er begreift sich als Heutiger. Vielleicht ist er der andere Mensch wie ich ihn immer suchte...
Ein Typ, der mehr verhehlt, als eröffnet. Ein Mensch der mit seinen Geschichten zu neuen, anderen Geschichten beitrÀgt, die wieder Neues und Anderes hervorbringen. Er setzt etwas in Gang. Er ist ein wirklicher freier Sprechsteller!

ZurĂŒck in der Mensa, wo er noch immer sitzt und mit Katja plaudert, fĂ€llt sofort auf, dass die Mittagspause vorbei ist. Die Essenfrauen rĂ€umen leere Töpfe weg; irgendwelche armen Seelen mĂŒssen diese dann saubermachen; Studenten haben lĂ€ngst die Tageszeitung ausgelesen und niemand ist mehr mit Block und Heft und Ordner am auswendig lernen.
In der Ecke: Dieser Mensch, Persol.

Er hat jetzt den Moment ĂŒberwunden und sich entschieden. Die Sekunde des „Hallo“ ist vorbei. Diese minimale Zeitspanne, diese minimale Starre gab ihm genug Raum fĂŒr eine entscheidende Frage: Was soll ich ihr sagen?

Erstarrt, fĂŒr eine Sekunde, fĂŒr einen Gedanken.

WofĂŒr Persol sich diesmal entschieden hat, ist unmöglich zu erahnen. Er hat ihr etwas erzĂ€hlt und ihr damit einen Brocken Kohle in die Hand gedrĂŒckt, vielleicht ist er echt, vielleicht aber auch nicht ...auf jeden Fall ist er Morgen etwas anderes.



__________________
Mein Name sei Kolb.

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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

halb roh

Hallo!
Deine letzten Persolgeschichten fand ich schöner. Diese hier ist noch so halb roh, noch richtig gar, gewĂŒrzt isses auch nicht. Es schleppt sich dahin, man schmunzelt weder noch ist man gefesselt. Dabei ist die Basis ganz gut. Hol das Fleisch nochmal aus dem Ofen, gib ihm ne Form und WĂŒrze. Dann wirds ein Genuss.

Ciao
Tim

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