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Leselupe.de > Kurzprosa
Noch nicht zu spät
Eingestellt am 24. 01. 2006 18:28


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Noch nicht zu spät
überarbeitete Fassung

Eine Friedhofswiese. Ich suche dich. Du wolltest kein Grab mit einem Stein, wolltest, dass wir keine Arbeit haben mit dir.
Verzweifelt sehe ich mich um. Mein Blick fällt auf eine Eiche. Knorrig und stark thront sie am Rande der Wiese. Ich bin mir sicher - dort liegst du. Ein anderer Platz käme für dich nicht in Frage.
Es ist fast dunkel. Ich bin an der Eiche angelangt. Ein Kloß hängt mir im Hals.
Mit beiden Fäusten hämmere ich gegen den Baumstamm. „Ich bin so wütend auf dich, weil du Mutter allein lässt. Du hast ihr doch tagtäglich den Weg vorgegeben. Und nun?“
Ich weine. Von irgendwoher dröhnt eine Stimme in meinem Kopf.

Ich werde wach. Mein Kissen ist nass. Ich stehe auf, klappe das Fenster an, gehe in die Küche. Ich drehe den Wasserhahn auf, lasse das Wasser laufen, bis es kalt genug ist, trinke gierig und fülle mir ein zweites Glas.
Ich blicke in den nachtschwarzen Hof. Nur wenige Fenster sind erleuchtet. Auch aus Träumen Erwachte? Es ist halb Zwei. Ich lehne den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe.
Nacheinander erlischen die Lichter. Ich bleibe.
Ich schließe die Augen. Bilder blitzen auf wie die Scheinwerfer entgegenkommender Autos: Ein Sonntag. Der Vater mit der Küchenchef-Schürze am Herd. Ich stehe neben ihm, mein Kopf an seinem Knie. Ab und an schiebt er mir ein kleines Stück Speck in den Mund.
Dickflüssiges Leinöl, in das wir beide unser Weißbrot tunken. Mutter verdreht angeekelt die Augen. Das verbindet.
Der Vater kommt abends nach Hause. Er hat mir eine von seinen Frühstücksstullen aufgehoben. Sie schmeckt ein bisschen nach Aktentasche. Hasenbrot nennt er es.

Ich reibe mir die Stirn am Fenster. Die Scheinwerferkolonne kriecht weiter durch meinen Kopf. Ein weißer Kittel. Die kleine Tochter besucht den Vater bei der Arbeit. Sie ist beeindruckt und ganz still, weil er Pläne kontrollieren muss.
Seine Hände. Sauber. Immer. Nie auch nur ein schwarzer Punkt unter dem Nagel. Und nie ein lautes Wort. Ich aber suchte das Laute und den Schmutz und hätte mich so gern gestritten.
„Hast sie mitgenommen in die Familie, diese Kontrolle“, denke ich.
Ich habe zeitig gelernt, Gefühle zu verbergen, und doch zu spät. „Meine Gefühle stießen gegen deine Kontrolle.“
„Wie ähnlich ihr euch seid“, sagt Mutter.

Meine Füße werden kalt, ich sollte wieder ins Bett gehen.
Es ist bereits ausgekühlt. Ich ziehe mir die Decke bis unter die Nase, um mich warm zu hauchen und gleite hinüber in einen unruhigen Schlaf.
Wieder stehe ich an der alten Eiche. Langsam rutsche ich ins Gras. Es hat angefangen zu regnen, ein Gewitter rückt näher. Der Kloß scheint meinen Hals aufzureißen. Der Schmerz zieht bis in den Kopf. Ich knie mich vor den Baum, will ihn mit meinen Händen umfassen.
„Wir konnten uns nie in den Arm nehmen. So richtig.“
Meine Hände reichen nicht um den Stamm herum: Ich mache die Arme lang, es muss mir doch gelingen. Rinde schiebt sich unter meine Fingernägel. Ich greife in meine Jackentasche und ziehe ein Messer heraus. Ich starre es an und beginne, auf das Eichenholz einzustechen. Kleine unbedeutende Stiche, die mich noch hilfloser machen, aber ich kann nicht aufhören. Ich rutsche ab und verletze mich am linken Arm. Ich sehe meinem Blut zu, wie es sich den Weg zu dir bahnt.

Der Wecker erlöst mich. Mein linker Arm schmerzt. Es ist kein Blut zu sehen. Quälend langsam erhebe ich mich. Ein Nebel hängt schwer vor dem Fenster. Als ich im Bad bin, klingelt das Telefon. Der Anrufbeantworter springt an. „Sicher Karin“, denke ich, „die spricht ohnehin nie aufs Band.“
Ich bin spät dran. Ich beiße in ein trockenes Brötchen, stecke es in die Tasche und greife nach dem Wohnungsschlüssel. An der Tür fällt mir der Anrufbeantworter ein. Wenn es nun doch nicht Karin war?

Ich höre die Stimme meiner Mutter. Gebrochen. „Papa ist im Krankenhaus, er hatte einen Schlaganfall. Bitte komm!“
Ich finde mich auf den Knien wieder. Ich mache die Arme lang und wähle ihre Nummer. Im Kopf tauchen Bilder meines Traumes auf und ein Gedanke, an den ich mich klammere:
„Es ist noch nicht zu spät!“

__________________
Astrid

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