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Nomen est omen
Eingestellt am 01. 01. 2006 06:44


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Nomen est omen

Ein trügerischer Schein spielt in dem Roman „Stadt aus Glas“ von Paul Auster die Hauptrolle. An Namen sollten wir uns nicht klammern, wenn wir hinter den Textsinn steigen möchten. Demnach sind die alten Sprüche, wie „Nomen est omen“, wahrscheinlich auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Wörter wie das „Wahrscheinlich“ im vorigen Satz bekommen auf einmal Gewicht. Dabei müssen wir im wesentlichen nur vier Personen auseinanderhalten. Zuerst wird unser Held, der gutbürgerliche Autor Quinn, per Telefon angerufen. Dann haben wir noch ein junges Ehepaar - Mr. und Mrs. Stillman. Zu guter letzt trottet ein Theologieprofessor, der alte Stillman, quer durch die Stadt aus Glas. Der alte ist der leibliche Vater des jungen. Wegen der Übersicht bleiben die Vornamen der Herrschaften in dieser kleinen Buchbesprechung ungenannt. Denn Vorsicht ist geboten. Die beiden Stillmänner tragen den gleichen Vornamen. Der junge Stillman behauptet mehrfach, er sei gar nicht Mr. Stillman. Unser Held, der New Yorker Schriftsteller Quinn, veröffentlicht unter einem Pseudonym und handelt auch noch unter einem dritten Namen. Halbwegs normal erscheint in dem Kuddelmuddel lediglich Mrs. Stillman. Auf das Wort „erscheint“ kommt es im vorherigen Satz an. Dummerweise verschwindet diese Figur im Großstadtdschungel auf Nimmerwiedersehen.
Genug der Vorrede! Besprechen wir den Roman mit einem stillen Vorbehalt: Wahrscheinlich verhält sich alles anders.

Der verwitwete Mr. Quinn lebt wie ein Junggeselle und hält sich mit dem Publizieren von Krimis über Wasser. Nun wird Quinn vom jungen Stillman als Detektiv „angeworben“. Zögernd geht Quinn auf das Ansinnen ein und erfährt, der „Klient“ wäre von seinem Vater jahrelang als „Versuchskaninchen“ mißbraucht – in einer „Dunkelzelle“ ohne jedwede Kommunikation gehalten worden. Dafür wäre der alte Stillman in eine geschlossene Anstalt eingewiesen worden. Aus der psychiatrischen Klinik heraus hätte der Alte dem Jungen anläßlich bevorstehender Entlassung mit Rache gedroht. Nun sei es so weit mit dem Spaziergang ins Freie. Das Ehepaar hat Angst vor dem irren Vater. Quinn spielt tatsächlich den Detektiv. Er macht sich in der Sache kundig. Der verrückte Theologieprofessor übertrug seinerzeit in „wissenschaftlichen“ Abhandlungen den Turmbau zu Babel auf New Yorker Verhältnisse.
Als der alte Stillman schließlich entlassen wird, verfolgt ihn Quinn schier endlos durch New York. Quinn hat Detektiv-Qualitäten. Er entdeckt z.B., die Marschrouten des Observierten ergeben für jeden Tag einen Buchstaben, wenn man das wirre Knäuel von oben herab auf dem Stadtplan beaugenscheinigt: TURM ZU BABEL könnte man herauslesen. Quinn versucht den jungen Stillman zu kontaktieren. Das schlägt fehl. Quinn hat sich längst in den „Auftrag“ verbissen. So beobachtet er die Wohnung des Ehepaars ununterbrochen viele Wochen lang sozusagen „aus der Mülltonne heraus“. Der Leser erlebt den Abstieg des bürgerlichen Autors zum verlotterten Stadtstreicher. Als Quinn endlich in die Wohnung vordringt, ist das junge Ehepaar spurlos verschwunden. Quinn und auch wir sind ratlos. Aus ist der Roman.

Trotz der oben genannten Problematik der mehrdeutigen Namen erfüllt der Autor die erste unserer zwei Grundforderungen: „Unterhalte mich, aber verwirre mich nicht!“ Sogar der ganze Roman ist lesbar, weil er wohlkomponiert ist und der Autor auf eine Art mit uns spielt, die nicht alle Tage vorkommt.
Wenn wir die einzige Begegnung Quinns mit dem jungen Stillmann überdenken, sagen wir uns: Dieser junge Stillmann ist wirklich ein Vollidiot. Ist denn das ein Mensch oder der neueste Golem? So würde ein Informatiker vielleicht einen Roboter bauen. Wenn wir später die Begegnung Quinns mit dem alten Stillmann zur Kenntnis nehmen, sagen wir dasselbe. Beide Stillmänner nehmen ihren Humbug todernst und geben sich den Anschein wie etwa: Jetzt stehen wir kurz vor der Erkenntnis jener Zusammenhänge, die der alternde Einstein in Princeton noch finden wollte. Dabei sammelt der alte Stillmann getrockneten Hundekot und anderen Unrat in New York City ein und deponiert ihn in seiner Absteige.
Dem Leser kommt Don Quijote in den Sinn. Nicht so sehr, weil eine Nebenfigur Saavedra heißt, sondern weil die Stillmänner quasi als Ritter von der traurigen Gestalt erscheinen. Welch Zufall! Don Quijote spielt später im Text eine Rolle. Zufrieden lehnt sich der Leser zurück.
Ähnliches geschieht, wenn es um das Erfassen und Verarbeiten des Schicksals des jungen Stillman geht. Beklommen denken wir beim Lesen an den Turmbau zu Babel, an babylonisches Sprachgewirr, an Kaspar Hauser und ein paar Seiten später – schwupp - kommt das alles im Text vor. Uns wird ein wenig unheimlich. Spannung wird aufgebaut und gehalten. Wir bibbern: Wird der böse Vater dem armen Sohn noch etwas antun? Nichts ist. Vati bringt sich um, und der Junge steht uns auch nicht mehr zur Verfügung. Wie wird nun dieser Thriller enden?
Nicht einmal Mrs. Stillman unterhält uns weiter, weil sie – wie oben schon ausgeplaudert – im unpassendsten Moment auch noch fort ist. Dabei hatte sie doch Quinn heftig geküßt und ihm dabei die Zunge tief in den Mund gesteckt.
Alle Spannung verpufft. Wenn wir es uns in Ruhe überlegen – der eigentliche Narr ist „Detektiv“ Quinn, der während seiner „Observation“ in ein paar Monaten vom bürgerlichen Autor zum total verdreckten Gammler absteigt.

Gut ist auch – im Nachhinein betrachtet – daß wir unterwegs alles Mögliche glaubten. Zum Beispiel: Don Quijote war wirklich ein Genie. Und wir hofften beim Lesen, auch der alte Stillman könnte normal sein. Wir lesen gespannt weiter, aber kein Wort wird endlich darüber ausgesagt.

Wir haben uns also wie gesagt durchweg unterhalten. Mehr kann ein Buch nicht, wird im Romantext notiert. Leider wurde keiner der Spannungsbögen „entspannt“. Deshalb sind wir leicht verstimmt. Warum konnte uns der Autor manches suggerieren? Und dann verlief alles im Sande. Wie gelang ihm das? Weil der Text für einen großen Roman relativ schmal ist? Weil die Sprache sehr einfach ist? Weil alles so logisch klingt. Weil Quinn anfangs und über weite Textstrecken hinweg als vernünftig hingestellt wird? Wir wissen keine Antwort. Die bleibt wohl eines der kleinen Geheimnisse des großen Autors.

Eines läßt sich schwer unterdrücken - unser anfänglich leichtes Unbehagen, das während der Lektüre peinlich wuchs. Wir lassen uns nicht gern an der Nase herum führen und müssen unserm Ärger jetzt gleich Luft machen. Wir wollen raus aus der vermaledeiten Stadt aus Glas, in die wir beim Lesen eingezwängt waren wie in manchen unserer fatalen Alpträume. Die Stadt erscheint uns nach dem Lesen als der Name für die Verlorenheit des Städters. Fürchterlich. Bloß gut, daß wir vom Dorf sind! Nomen est omen. Der alte Spruch paßt doch. Wie die Faust aufs Auge. Nun haben wir uns ein klein wenig abreagiert und wollen uns wieder mäßigen. Contenance wahren, denn Nomen heißt nicht nur „der Name“, sondern auch der Schein.

Paul Auster: Stadt aus Glas
Roman (1985, dt. 1987)
ISBN 3937793054


Hedwig Storch 1/2006
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Hedwig

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jon
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Top!
Man erfährt grob, worum es geht, man bekommt einen Eindruck von der Stimmung des Buches, von der (Un)Zufriedenheit des Rezensenten und von der "Strickart" des Romanes. Und bei allem macht es neugierig, selbst mal zu schauen, wer in dem Ensemble denn nun in welchem Maße "närrisch" ist …
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Henry Lehmann
Guest
Registriert: Not Yet

Super Rezension. Ich hab das Buch auch gelesen und mein Fazit stimmt mit Deinem ĂĽberein.

Trotdem oder gerade deswegen: Auster ist einer der ganz großen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur und immer wieder lesenswert.

LG Henry

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