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Leselupe.de > Humor und Satire
Nostalgiker
Eingestellt am 17. 02. 2006 18:36


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Raniero
Textablader
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Nostalgiker

Mit unglĂ€ubigem Erstaunen legte Ludger SĂ€belweich seine MorgenlektĂŒre aus der Hand; das konnte doch wohl nicht wahr sein.
Soeben hatte er einer Werbeanzeige aus dem Lokalteil der Zeitung entnommen, dass in der Innenstadt ein Lokal existiere, in welchem man noch heutzutage, viele Jahre nach EinfĂŒhrung des Euro, mit der guten alten DM bezahlen könne.
‚Ein guter Witz‘, dachte Ludger, ‚könnte fast von mir sein, wenn wir nicht den Oktober schrieben, wĂŒrde ich diese Meldung glatt fĂŒr einen Aprilscherz halten.
Er nahm wieder die Zeitung zur Hand, um sich zu vergewissern, ob er nicht irgendetwas, irgendein kleines aber bedeutsames Detail vielleicht, in der Anzeige ĂŒbersehen hatte, woraus man doch die Ernsthaftigkeit der Werbung in Zweifel ziehen konnte.
So las er ein zweites Mal:
„Liebe Freunde der guten alten DM, bei uns können Sie alles, was Sie verzehren, in der ehemaligen WĂ€hrung bezahlen, mit der alten uns allen ĂŒber einen so langen Zeitraum ans Herz gewachsenen Deutschen Mark. Kommen Sie zu uns und ĂŒberzeugen Sie sich selbst! Unsere gutbĂŒrgerliche KĂŒche nebst einer reichhaltigen Auswahl an GetrĂ€nken, speziell an frischgezapften Bieren, wartet auf Sie!“
Das wollte Ludger tun, sich ĂŒberzeugen, vor Ort, durch eigene Inaugenscheinnahme.
Nicht, dass er selbst noch an der alten DM hing oder als Fan dieses Zahlungsmittels galt, im Gegenteil, seinerzeit ging ihm die rein technische Umstellung schnell von der Hand, sodass er damals selbst wĂ€hrend der sogenannten Übergangsphase, in der beide Zahlungsmittel nebeneinander gĂŒltig waren, von Beginn an das neue Zahlungsmittel benutzte, mit dem er sich frĂŒhzeitig eingedeckt hatte.
Das einzige, was ihn Ă€ußerlich noch an die DM erinnerte, waren einige kleinere MĂŒnzen, die er behalten hatte, weil ihm seinerzeit der Aufwand zu groß erschien, dieses Kleingeld umzutauschen; innerlich jedoch war ihm die alte WĂ€hrung noch stets prĂ€sent, wie vielen seiner Zeitgenossen, die mit der alten Mark großgeworden waren, und ein jedes Mal, wenn er mit dem Euro zahlte, rechnete er den Betrag automatisch geistig in DM um.
Bevor Ludger sich jedoch daran machte, die nostalgisch anmutende Zeitungsannonce zu ĂŒberprĂŒfen, in dem besagten Lokal, hatte er zuerst ein Problem zu lösen. Da er ja nur noch ĂŒber ein paar MĂŒnzen der alten WĂ€hrung verfĂŒgte, die kaum fĂŒr die Begleichung des ersten GetrĂ€nkes gereicht hĂ€tten, stellte er sich die Frage, wie er es anstellen könne, eine ganzen Abend dort zu verbringen, bei Speis und Trank, denn wenn er schon einmal da war, so wollte er den Besuch auch richtig genießen, in der Umgebung nostalgischer WĂ€hrungshĂŒter.
Er brauchte also Bargeld, allerdings in der alten WÀhrung; woher nehmen, wenn nicht stehlen, und selbst wenn er es hÀtte stehlen wollen, hÀtte er nicht gewusst, wo.

WĂ€hrend er noch grĂŒbelte, fiel ihm seine Tante ein, eine Ă€ltere leicht versponnene Dame, die seinerzeit vehement gegen den Euro gewettert hatte.
Ob Tante Alma noch etwas von der DM gehortet hatte?
Umgehend suchte er die alte Dame auf.
Tante Alma war nicht wenig erstaunt, als der Neffe ihr sein Anliegen erklĂ€rte, doch nach und nach erhellten sich ihre GesichtszĂŒge.
„Siehst du, Ludger, habe ich nicht Recht gehabt, damals. Ihr werdet alle noch mal zu mir kommen, wenn es dieses neumodische Zeug, diesen Euro mal nicht mehr gibt.
Wie viel brauchst du denn, Junge?“
Ludger verzichtete darauf, Tante Alma zu erklĂ€ren, dass es den Euro immer noch gab und ließ sie in ihrem Glauben.
Schon öffnete die Tante eine TĂŒr des gerĂ€umigen Wohnzimmerschrankes, entnahm eine dunkel getönte grĂ¶ĂŸere Glasvase und griff hinein.
„Reichen hundert Mark fĂŒr’s Erste?“
Ludger rechnete blitzschnell um, dieses Mal in umgekehrter Weise; einhundert Mark entsprachen nicht einmal fĂŒnfzig Euro. Na ja, auf ein großartiges Menu konnte er ja verzichten, ein paar Frikadellen, dazu einige Biere, das musste erst einmal langen, fĂŒr einen Schnupperbesuch.
.Die Tante gab ihm einen ‚Blauen‘, so wurde dieser Geldschein frĂŒher im Volksmund genannt, und stellte die Vase auf den Tisch.
Was er da vor sich sah, haute Ludger fast vom Stuhl.
Die Vase war bis zum Rand gefĂŒllt mit alten Scheinen, ein kleines Vermögen in alter WĂ€hrung.
„Aber Tante Alma, all das viele Geld, warum hast du das denn damals nicht zur Bank gebracht, vor der Umstellung auf Euro?“
„Du siehst ja jetzt, Junge, wofĂŒr das gut war“, war Tante Almas knappe Antwort, „sei froh, dass ich das nicht getan habe, damals, sonst könnte ich dir heute nicht aus der Klemme helfen“.
Ludger unterließ es, seiner Tante zu erlĂ€utern, dass er eigentlich gar nicht in der Klemme saß, finanziell, da er mit dem, was er verdiente, gut zurecht kam, und er bedankte sich herzlich fĂŒr den Hundertmarkschein..
Die Tante wiederum erklĂ€rte ihm, dass sie dieses Geld nicht als Leihgabe, sondern als Geschenk an ihn betrachte. „Lieber mit warmen als mit kalten HĂ€nden, Junge“, sagte sie ihm zum Abschied, „denn was hĂ€tte ich denn nach meinem Tode noch davon“.

Am Abend machte sich Ludger auf den Weg ins Stadtzentrum, um das betreffende Lokal aufzusuchen, und er staunte nicht schlecht, als er es gefunden hatte.
Wie oft war er an dieser Kneipe vorbeigekommen, ohne je einen Fuß hineingesetzt zu haben; er kannte diese Wirtschaft nur von außen, bisher, diese rustikale Fassade mit dem alten, fast antiken Reklameschild diverser Biersorten und einer gutbĂŒrgerliche KĂŒche, genauso, wie es in der Anzeige gestanden hatte.
Die GaststĂ€tte war um diese Zeit nur spĂ€rlich besetzt; an der Theke im Hintergrund standen fĂŒnf GĂ€ste, ausschließlich mĂ€nnlichen Geschlechts und einige Paare saßen an den Tischen.
Ludger suchte spontan die Theke auf; zuerst wollte er sich einmal ein Bier gönnen, anschließend einen Blick auf die Speisekarte werfen, um zu entscheiden, ob fĂŒr ihn doch noch ein Menu oder nur die Buletten in Frage kamen.
An der Theke wurde er von den MĂ€nnern, obwohl er keinen von ihnen kannte, begrĂŒĂŸt wie ein alter Freund.
„Hallo, Feind des Euro, endlich zu uns gefunden?“
Im gleichen Augenblick trat der Wirt hinter dem Tresen vor und begrĂŒĂŸte ihn gar mit Handschlag und stellte sich vor:
„Seien Sie willkommen, werter Freund der DM. Mein Name ist Schmitz, GĂŒnter Schmitz. Ich begrĂŒĂŸe Sie hier im Club der Gleichgesinnten, im Club der treuen WĂ€hrungshĂŒter!“
„Willkommen, willkommen!“ hallte es an der ganzen Theke, vereinzelt vernahm man auch „Nieder mit dem Euro!“
So wurde er auf direktem Wege eingefĂŒhrt, bei den Freunden und Bewahrern der alten Mark, und bevor er sich versah, hatte er bereits das achte Glas Bier vor sich stehen. Nun spĂŒrte er doch allmĂ€hlich ein stĂ€rkeres HungergefĂŒhl und fand, dass es Zeit sei etwas feste Nahrung zu sich zu nehmen.
Er entschied sich fĂŒr die Buletten, die man auch im Stehen an der Theke einnehmen konnte, denn er wollte seine neu gefundenen Freunde nicht brĂŒskieren.
Inzwischen hatte sich das Lokal ziemlich gefĂŒllt; der Wirt hinter der Theke hatte alle HĂ€nde voll zu tun und an den Tischen war eine junge gutgebaute Kellnerin pausenlos im Einsatz.
Ludger dachte an den eigentlichen Zweck seines Besuches; wollte er nicht mit eigenen Augen in dieser GaststĂ€tte, in der die alte Mark noch etwas galt, prĂŒfen, was es auf sich habe, mit der ominösen Zeitungsanzeige? Bisher jedoch hatte noch niemand der GĂ€ste seine Rechnung verlangt und gezahlt,so dass er noch nicht den Wahrheitsgehalt der Werbung feststellen konnte.
Vielleicht waren es ja alle StammgĂ€ste und ließen anschreiben, solange es die Geduld des Wirtes zuließ, um dann klammheimlich mit dem Euro zu bezahlen.
Nach zwei geschlagenen Stunden schließlich machte einer aus der Thekenrunde Anstalten, zu gehen und verlangte lautstark nach seiner Rechnung.
„GĂŒnter, zahlen, bitte! Ich muss nach Hause, meine Alte wartet.“
Aus dem Kreise der Zechkumpane erklang verhaltener Protest.
„Bleib doch noch ein wenig“
„Ich kann nicht, Freunde“.
„Achtundvierzig Mark dreißig, Albert“, forderte der Wirt.
„Wie bitte, GĂŒnter, was sagst du?“
„Achtundvierzig Mark dreißig, Albert; hast du das JĂ€gerschnitzel von vorhin vergessen?“
Albert starrte auf seinen Bierdeckel, ein wenig benommen, und zĂŒckte seine Geldbörse. Ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig gebrauchter fĂŒnfzig Markschein kam zum Vorschein.
„Neunundvierzig, GĂŒnter“, sagte der Gast mit etwas lallender Stimme, „ich gebe dir neunundvierzig, weil du so lieb bist“.
„Ich dich auch“, rief der Wirt lachend und kniff den ĂŒbrigen Thekenstehern ein Auge zu.
‚TatsĂ€chlich‘, dachte Ludger, ‚hier wird in der Tat in DM bezahlt. Ich weiß noch nicht, wie das System funktioniert, aber immerhin, es funktioniert‘.
Er fragte den Wirt, mit dem er mittlerweile ebenso wie mit den anderen Thekenfreunden zum du ĂŒbergegangen war, ob er immer so gut zu tun habe, wie heute, und dieser bejahte freudig.
„Ja, weißt du, Ludger, im Schnitt ist es immer so voll, und das die ganze Woche durch, denn wir haben keinen Ruhetag; allerdings haben wir nur in den Abendstunden geöffnet. Das lĂ€uft schon lange so gut hier, vor allem, seit der Umstellung auf den Euro. Ja, diese Idee mit der WiedereinfĂŒhrung oder besser gesagt Beibehaltung der alten DM war, wenn man so will, Gold wert“.
Ludger geriet ein wenig ins GrĂŒbeln.

Als er bemerkte, dass der Wirt ein wenig Zeit hatte, wandte er sich erneut an ihn.
„Hör mal, GĂŒnter, du sagst, dass hier der Laden so gut lĂ€uft, seit der Umstellung auf den Euro, und ich sehe ja mit eigenen Augen, was so im einzelnen bestellt und verkonsumiert wird, wenn man das mal so hochrechnet....Sag doch mal, woher haben denn deine GĂ€ste nach dieser langen Zeit noch so viele alte WĂ€hrungsreserven, und wo, zum Teufel, bekommst du denn heute noch deine Tageseinnahmen umgetauscht?“
Der Wirt schaute Ludger mit einem vielsagenden Blick an und legte einen Zeigefinger auf die Lippen:
„Betriebsgeheimnis, Ludger, reines Betriebsgeheimnis“.
Diejenigen der umstehenden GÀste, die das ZwiegesprÀch akustisch und geistig mitbekommen hatten, sahen sich an und grinsten, wÀhrend die anderen Thekenfreunde weiterhin den Niedergang des Euro besangen.
Wenig zufrieden bestellte sich Ludger ein letztes Bier und bat gleichzeitig um seine Rechnung. Er zahlte mit dem Hunderter von Tante Alma, den der Wirt zur allgemeinen Erheiterung der ThekengĂ€ste herumreichte, bevor er ihm das Wechselgeld aushĂ€ndigte, in DM natĂŒrlich.
Als Ludger die Wirtschaft verließ, Ă€rgerte er sich ein wenig, weil es ihm nicht gelungen war, dem Wirt das Geheimnis der wunderbaren DM-Vermehrung zu entlocken und er beschloss, weil er weniger als die HĂ€lfte der DM Reserve, die er bei sich trug, ausgegeben hatte, noch ein zweites und letztes Mal auszuprobieren.
Als er am nĂ€chsten Tag das Lokal betrat, fand er es fast wie am Vorabend vor. Die Tische waren noch spĂ€rlich besetzt und die ĂŒblichen GĂ€ste an der Theke empfingen ihren neuen Freund mit lautem Hallo.
Auch GĂŒnter, der Wirt, begrĂŒĂŸte ihn freundlich mit Handschlag und bat ihn, nachdem Ludger seine Bestellung aufgegeben hatte, kurz mit nach hinten, in sein BĂŒro, wie er sich ausdrĂŒckte, zu gehen.
„Ludger, nun wirst du einer von uns“, rief einer an der Theke, „nun wirst du eingeweiht“
Ludger erschrak gewaltig. Was sollte das bedeuten? Einer von uns? Nun wirst du eingeweiht? Klopfenden Herzens folgte er dem Wirt. Was wollte der von ihm? War es wegen des Geldscheines vom Vorabend, vielleicht glaubte der Wirt, dieser Schein sei eine FÀlschung? Aber ein Geldschein aus Tante Almas Vase? Das konnte er nicht recht glauben. Oder steckte etwas ganz anderes dahinter, wurde hier gar Geld gefÀlscht, im Hinterzimmer, und er war nun zum unfreiwilligen Mitglied einer GeldfÀlscherbande geworden, einer Bande, die der DM so sehr die Treue hielt, dass sie diese heute noch fÀlschte?
Der Wirt schloss die TĂŒr zum Hinterzimmer, einem kleinen Raum, der in der Tat etwas Ähnlichkeit mit einem BĂŒro hatte. Ludger blickte sich um; keine SpĂŒr von einer Gelddruckmaschine oder MĂŒnzpresse.
„Ludger, setz dich!“ forderte der Wirt ihn auf und nahm selbst hinter einem gerĂ€umigen Schreibtisch Platz, „ich glaube, es wird Zeit, dir das System zu erklĂ€ren“.
„Mein Gott!“ dachte Ludger entsetzt, „er will mir das System erklĂ€ren, das System der GeldfĂ€lschung und Verteilung“.
Er sah sich bereits mit mehr als einem Bein im GefÀngnis.
„Ludger“, fragte ihn der Wirt, „hast du außer der alten Mark auch noch ein paar Euro dabei?“
Ludger verstand die Frage nicht, aber er nickte.
Was wollte der Wirt denn mit dem Euro, in einer Kneipe, wo dieses Zahlungsmittel derart verhasst war, dass es gar nicht zugelassen war?
„Das System ist folgendermaßen“ fuhr Wirt GĂŒnter fort, „wenn du Stammgast werden willst, bei uns, und davon gehe ich aus, sonst wĂ€rest du ja nicht zum zweiten Mal hier, musst du mir zuvor eine gewisse Summe in Euro ĂŒberlassen, als Vorschuss.
Dann wechsele ich dir diesen Betrag unverzĂŒglich in DM um, und so kannst du vorne im Lokal mit der schönen alten Mark bezahlen, bis der Vorrat aufgebraucht ist. Sodann wiederholt sich das alte Spiel. Auf diese Weise erweisen wir alle hier der alten WĂ€hrung die Ehre und bewahren gleichzeitig das Image meines Lokales als der einzigen GaststĂ€tte in diesem Lande, in der die Mark noch was gilt“.
Ludger war zuerst sprachlos, dann verzog er das Gesicht zu einem breiten Grinsen; so einfach war das System. Spontan hinterlegte er eine grĂ¶ĂŸere Summe in Euro, die nach seiner SchĂ€tzung fĂŒr die erste Woche ausreichen wĂŒrde, und spontan ward er aufgenommen, mit Glanz und Gloria, im Club der edlen WĂ€hrungshĂŒter.
„Und gestern Abend“, fragte er beilĂ€ufig den Wirt, meinen Verzehr von gestern Abend, wie verbuchst du den?“
„Das sei dir geschenkt, Ludger, fĂŒrs Wiederkommen. Siehst, du, alle hier im Lokal, waren einmal hier zum Schnuppern wie du, und danach sind sie alle, alle wiedergekommen!“

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