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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Notdurft
Eingestellt am 02. 05. 2001 16:01


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Notdurft

So muss es gewesen sein.
Meine Mutter kam tief in der Nacht betrunken Nachhause. Vor der HaustĂŒr begann sie in ihrem Kamelhaarmantel nach dem SchlĂŒssel zu suchen, Handtaschen trug sie nie. Sie war eine gut gekleidete Streunerin, TĂ€schchen tragen Damen, die immer wissen wie und wo ein Abend endet – oder Stricherinnen die sich auf den nĂ€chsten Freier vorbereiten mĂŒssen. Meine Mutter ließ sich treiben, und dazu sollte man so wenig Ballst wie möglich haben. WĂ€hrend sie in ihrem Mantel kramte lehnte sie sich gegen die HaustĂŒr die zu ihrer Erleichterung nur angelehnt war. Zumindest konnte sie jetzt ins Haus. Sie war auch etwas beunruhigt gewesen, weil ihr seit der Straßenbahnhaltestelle ein Mann gefolgt war, jetzt ließ sie die schwere TĂŒr ins Schloß fallen. Sie hörte seine Schritte einen Augenblick verharren, um dann ihren Weg fortzusetzen. Meine Mutter hĂ€tte nicht lange gezögert einen fremden Mann der ihr gefiel einfach mit nach oben zu nehmen, aber sie wollte nicht ĂŒbertölpelt werden. Ängstlich war sie nicht, die Jugend in den Auffanglagern, zusammen mit ihrer angeborenen Wildheit hatten sie zu einem Raubtier gemacht. Nur war sie selbst die einzige Beute, die sie machte. Hier war ihre Zerstörungswut allerdings bemerkenswert.
Sie setzte sich erst mal auf die unterste Stufe um mit betrunkener Verbissenheit weiter nach dem SchlĂŒssel zu suchen. Sie wohnte mit mir und meiner Großmutter in einem gepflegten Altbau, vier Parteien, jede hatte ein riesiges Stockwerk fĂŒr sich. Es roch nach Bohnerwachs, das Hausmeisterehepaar sorgte fĂŒr die Sauberkeit die in diesem gediegenen Wohnviertel ĂŒblich war. Rote LĂ€ufer lagen auf den Stufen, die geschnitzten TreppengelĂ€nder waren immer abgestaubt. Meine Mutter konnte sich nur noch schlecht auf ihre Suche konzentrieren, sie mußte dringend aufs Klo. Schwankend begann sie den Aufstieg, gleich einem erfolglosen StierkĂ€mpfer zog sie den Mantel wie eine Muleta hinter sich her. Der Abend war, trotz des vielen Weins, nicht berauschend gewesen. Eine Alkoholikerin ist nicht so kritiklos und leicht zu unterhalten, wie ein Gelegenheitstrinker. Sie hatte keinen Mann getroffen der ihr gefallen hĂ€tte, (sie war entweder von einer debilen SpontaneitĂ€t, oder sehr wĂ€hlerisch), der SchlĂŒssel war offenbar wirklich weg und sie mußte dringend aufs Klo.
Den ersten Treppenabsatz hatte sie schon geschafft, hier wohne die Gesangslehrerin mit ihrem Sohn, einen Mann dazu gab es nicht. Daher mußte sie gelegentlich auch ein Zimmer vermieten. Allerdings nicht wie wir, im Stockwerk darĂŒber, fast die ganze Wohnung.
Das Treppenhauslicht ging aus, versehentlich drĂŒckte sie auf die Klingel und als sie das GerĂ€usch hörte, aus Irritation, glich noch einmal. Schließlich fand sie den Lichtschalter und setzte ihren Weg fort. Einmal stolperte sie noch, verlor den Mantel und mußte ihn wieder aufheben. Aber endlich stand sie vor unserer WohnungstĂŒr und klingelte Sturm. Schon nach kurzer Zeit waren die ersten Untermieter geweckt und kamen in ihren Nachthemden und BademĂ€nteln verschlafen in die Diele getappt.
Dort stand bereits meine Großmutter. Sie war aufgeblieben, das machte sie manchmal, um meiner angeschlagenen Mutter noch eine – wie sie beide wussten - nutzlose Szene zu machen. So stand sie jetzt auch, angekleidet und herrisch wie ein General, bereits mitten in der Diele als die ersten Mieter vorsichtig die Köpfe aus den TĂŒren steckten.
Angezogen und hellwach zu sein ist sicher ein großer Vorteil gegenĂŒber verschlafenen jungen Menschen in NachtgewĂ€ndern. Außerdem gehörten sie alle noch der Generation an, die gewohnt war zu gehorchen und Respekt vor einer AutoritĂ€t hatten, und das war meine Großmutter zweifelsohne.
Ohne jede ErklÀrung wurden alle wieder in ihre Zimmer gescheucht, das hier war alleine ihre Angelegenheit.
Meine Mutter hörte natĂŒrlich die Stimmen, und klingelte um so heftiger – keine Reaktion - ganz im Gegenteil das Gemurmel verstummte, TĂŒren wurden leise wieder geschlossen. An der einkehrenden Stille konnte sie ihre Gegnerin erkennen, den einzigen Menschen dem sie sich manchmal beugen mußte, wenn sie es nicht vorzog zu sterben.
Zu sterben versuchte sie hĂ€ufiger, allerdings ohne Erfolg und von meiner Großmutter immer weniger beachtet. Das sollte ihr erst fĂŒnf Jahre spĂ€ter zufĂ€llig gelingen und ist eine andere Geschichte...
Meine Großmutter saß inzwischen still am Tisch in der großen Diele und hörte meine Mutter abwechselnd betteln, flehen und schimpfen. Meine Großmutter war nicht grausam, das war meine Mutter, aber sie hatte kein MitgefĂŒhl mit SchwĂ€chlingen, und meine Mutter war in ihren Augen einer.
Schließlich dröhnten die FĂ€uste und Fußtritte mit denen meine Mutter die TĂŒr traktierte durch das ganze Haus.
Schließlich gab sie auf und versuchte bei dem freundlichen Architektenpaar, mit den zwei Kindern, in der Etage ĂŒber uns ihr GlĂŒck.
Inzwischen wollte sie nur noch aufs Klo, alles andere war egal. Als es ihr schließlich gelungen war sie zu wecken, drohte man ihr nur durch die geschlossene TĂŒr mit der Polizei, schließlich wußten alle im Haus wie es um sie stand.
Sie hörte auf zu bitten und zu fluchen, und wartete bis bei den netten Architekten alles wieder ruhig war.
Dann hat meine Mutter sich vor deren WohnungstĂŒr gehockt und mit erlösender Rachsucht ihrem Urin freien Lauf gelassen und da sie auch noch Durchfall hatte, wandelte sich ihr Hass langsam wieder in versöhnliche Befriedigung.
Ein Untermieter, der frĂŒh zur Arbeit musste, fand sie am Morgen. Sie lag, friedlich zusammengerollt in tiefem Schlaf, vor unserer WohnungstĂŒr.
NatĂŒrlich sprachen in den nĂ€chsten Tagen alle darĂŒber, immer wieder glitten ihre Blicke zu mir, das arme Kind.
Die netten Architekten haben mich eingeladen um mit ihren beiden Kindern zu spielen und auch um zu zeigen, dass sie sehr wohl zwischen der schrecklichen Mutter und dem bedauernswerten Kind unterscheiden konnten. Ich wurde von meiner Großmutter trotz meines Widerstrebens hingeschickt. Beim ersten mal zeigten mir die beiden Jungs ihre Eisenbahn und ihre Autos. Als ich das zweite mal kam, fragten sie ganz arglos und neugierig ob ich nichts zum Spielen hĂ€tte. Ich bin nie wieder hingegangen.


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flammarion
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dem gedanken daran, daß das alles erlebtes sein kann, wird mir ganz schlecht. und ich dachte immer, meine kindheit wĂ€re ein jammertal gewesen! ich möchte gern etwas tröstliches sagen, aber nach dieser lektĂŒre lassen sich kaum worte finden. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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zettelstraum
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mutter

das thema ist interessant, aber was hĂ€ltst du davon, die geschichte so fortzusetzten, daß du in dieser nacht von deiner mutter gezeugt wirst? das ist jez wirklihc nicht unverschĂ€mt oder unsensibel gemeint, sondern es schien mir am anfang so, als daß nun zu erwarten sei. so dagegen ist das ende langweilig, nach dem spruch:
ist der ruf mal ruiniert, lebt sich s völlig ungeniert!

liebe grĂŒĂŸe,

chris

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