Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95292
Momentan online:
487 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Notgedrungen
Eingestellt am 16. 06. 2014 13:32


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Theodore
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jun 2014

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Theodore eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich war sehr gut gelaunt, als mein Vater bewusstlos in der Notaufnahme eintraf. Meine gr├Â├čte Bef├╝rchtung war es, dass er noch h├Ątte reden k├Ânnen. Einer seiner Arbeitskollegen benachrichtigte mich umgehend, denn er war an jenem Tag auf einem Betriebsausflug, so dass ich noch vor dem Rettungsdienst eintreffen konnte. Meine Kanzlei lag nur 700 Meter vom Krankenhaus entfernt.
In einem Szenario des koordinierten Chaos schob der Erste von drei Rettungssanit├Ątern die Trage mit einem Fahrgestell, der Zweite hielt den Beatmungsschlauch, welcher am Mund meines Vaters fixiert war und bis in die Luftr├Âhre reichte, der Dritte wiederum hielt das Oxylog, mit dem regelm├Ą├čig Sauerstoff aus einer Gasflasche in den Beatmungsschlauch gepresst wurde. Der Bei├čkeil im Mundwinkel verhinderte das Abdr├╝cken durch die Z├Ąhne, eine Kochsalzl├Âsung hing an dem seitlichen St├Ąnder der Rettungsliege, aus der die farblose Fl├╝ssigkeit durch einen feinen Schlauch floss, direkt in die Vene seiner rechten Armbeuge, die mit einer Verweilkan├╝le durchstochenen war. Der Notarzt musste noch am Unfallort eine Punktion der Rippenmuskulatur durchf├╝hren, weil sich feine Sauerstoffbl├Ąschen im rechtsseitigen Spaltraum der Lunge sammelten, die mit jedem Atemzug akkumulierten, bis die angestaute Luftblase so gro├č war, dass der Lungenfl├╝gel keinen Platz mehr zum einatmen hatte. Der Notarzt zeigte mir das d├╝nne Metallrohr, welches in den Rippenzwischenraum gestochen wird und dann ein zischendes Ger├Ąusch verursacht, weil die angesammelte Luft nach au├čen entweichen kann. Es ist interessant, dachte ich, dass sich derart viel Luft in den Zwischenr├Ąumen der Lunge befinden kann, so viel, bis sie in sich kollabiert. Was ein Leben lang die Existenz sichert, kann durch ein zuf├Ąlliges Ereignis den Tod herbeif├╝hren.
Mein Vater hatte immer ein schwieriges Verh├Ąltnis zu mir, was vielleicht an der Art und Weise lag, wie der Herr Anwalt sein Verhalten mir gegen├╝ber auslebte. Er konnte sehr herrisch auftreten und gebot Folgsamkeit, Strenge und Disziplin. Meine Mutter starb fr├╝h und so wurden wir f├╝r unser beider Leben verantwortlich. Der legale Aspekt erschien geradezu ├╝berwichtig f├╝r unsere Beziehung. Ich studierte Jura und mein Vater war bereits mit ganzem Herzen Anwalt, eine Koryphae auf dem Gebiet der Patientenverf├╝gungen. Vortr├Ąge, Seminare, Pr├Ąsentationen, Lehrveranstaltungen, es gab nichts was mein Vater auf diesem Gebiet auslie├č um vehement seine Meinung zu verk├╝nden. Es war ein gutes Gesch├Ąft. Ich selber habe, mehr ├╝berredet als ├╝berzeugt, eine derartige Verf├╝gung durch ihn schreiben und beurkunden lassen. Dort steht, >>dass mein Leben nur so lange lebenswert ist, wie sich mein K├Ârper aus eigener Macht heraus selbst erhalten kann. Sollte mein K├Ârper nicht eigenst├Ąndig Leben k├Ânnen, akzeptiere ich den Tod als unumg├Ąngliches Ereignis meines Lebens. In dieser ├ťberzeugung, das h├Âchste Gut des Lebens in der autonomen Entscheidung zu finden, habe ich die Patientenverf├╝gung verfasst, um Entscheidungen treffen zu k├Ânnen, wenn ich meinen Willen nicht mehr verst├Ąndlich ├Ąu├čern kann.<< Dazu geh├Ârt unter anderem und insbesondere genau jene Situation, in der sich mein Vater befunden hatte. Der Wortlaut der Patientenverf├╝gung ist eindeutig: >>Ich w├╝nsche die Einstellung k├╝nstlicher Fl├╝ssigkeitszufuhr, k├╝nstlicher Ern├Ąhrung und ganz besonders die Einstellung k├╝nstlicher Beatmung.<< Wie gesagt, ich war sehr gut gelaunt meinen Vater zu sehen, als er in die Notaufnahme kam. Ich kann die damalige Entscheidung verteidigen, denn ich bin sein n├Ąchster Angeh├Âriger und verantwortlich f├╝r die Umsetzung seines Willens.
Zu der Frage, was beim Unfall meines Vaters passiert sei, sagte der Notarzt, dass er mit dem Fahrrad hinter einem LKW herfuhr, der Metallst├Ąbe bei offener Ladefl├Ąche transportierte. Nach einem ruckartigen Anfahren l├Âsten sich mehrere St├Ąbe und schnellten von der Ladefl├Ąche gegen den Brustkorb meines Vaters. Als die Rettungskr├Ąfte eintrafen war er bereits blau angelaufen - cyanotisch hie├če das - und bewusstlos, er konnte seinen Willen nicht mehr frei ├Ąu├čern. Mit diesem Wissen im Hinterkopf fragten mich die aufnehmenden ├ärzte der Notaufnahme, wie mit dem Leben meines Vaters umgegangen werden soll. Ich grinste innerlich, erinnerte mich diabolisch an den Ort, wo mein Vater seine Patientenverf├╝gung heimlich aufbewahrte und an die rechtliche Situation, die f├╝r mich jetzt eindeutig war. Mich w├╝rde keine Schuld treffen. Ich sagte den ├ärzten, dass mein Vater wohl keine Patientenverf├╝gung besitze und sie deshalb alles unternehmen sollen, um an seinem Leben festzuhalten.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung