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Notker Wolf, Worauf warten wir?
Eingestellt am 27. 08. 2006 11:53


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Alfred Klassen
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Aug 2006

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Abtprimas Notker Wolf, Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland, Reinbek, 2006.

Notker Wolf, Dr. Phil., als Abtprimas höchster Repräsentant von mehr als 800 Benediktinerklöstern und Abteien in der ganzen Welt äußert in diesem Buch ´ketzerische´ Gedanken zu Deutschland. Es sind Gedanken, die nicht unbedingt „der Norm“ entsprechen, also dem, was die Mehrheit der Bevölkerung denkt. Wolf will mit seinen Äußerungen dazu beitragen, dass die Selbstheilungskräfte ´des kranken Mannes, der Deutschland ist´ aktiviert werden.

Seine Hauptthese lautet, dass wir als Bürger von unserm Staat moralisches und fürsorgliches Handeln erwarten – und dass unser Staat versucht, diesen Erwartungen gerecht zu werden, uns als Bürger dabei jedoch abhängig macht, uns die Freiheit zur Eigeninitiative raubt, uns mit seiner gesetzlichen und bürokratischen Bevormundung zur Anpassung zwingt, uns entmutigt und uns dem Pessimismus und der inneren Kapitulation überlässt.

„Das ganze Land befindet sich unter der Vormundschaft tugendbeflissener Politiker, die der Chimäre der sozialen Gerechtigkeit nachjagen, dem Trugbild der Gleichheit opfern und die Dämonen des Egoismus, der Diskriminierung und der sozialen Kälte austreiben zu müssen meinen.“ (S. 179f.) „Der fürsorgliche Staat braucht gehorsame, resignierte, verzagte, also entmündigte Bürger.“ (S. 170.)

Doch wie konnte es dazu kommen? In der Antwort auf diese Frage, liegt der ungewöhnliche Schwerpunkt des Wolfschen Buches. Wolf meint den Grund dafür in der Kulturrevolution der 68ger zu erkennen, die, um sich von der Schuld der NS-Zeit reinzuwaschen, dem Staat alle moralische Verantwortung aufbürden, um unter diesem moralischen Dach ihre eigene Selbstverwirklichung leben zu können, in der Meinung, dass der von allen Regeln und Ordnungen befreite Einzelmensch im Grunde gut sei und sich diese Gutheit zeigen werde, sobald nur die bürgerlichen Ordnungen abgeschafft sind. Psychologisch-politisch zielt diese Aktion darauf, sich selbst Schuldunfähigkeit im Blick auf die Ereignisse des NS-Regimes zu gewähren. Denn wer zutiefst gut ist, den kann auch keine Schuld treffen. In diesem moralischen Weltbild, bzw. diesem ´amoralischen Weltbild´, wie Wolf überzeugt ist, übernimmt der Staat die Aufgabe der Moral, damit der Bürger mit gutem Gewissen sein Leben verantwortungslos führen kann.

„Der moralisch aufgeladene Staat ist mithin das unverzichtbare Gegenstück zur individualistischen, antiautoritären Freiheitsidee der Achtundsechziger und obendrein der Garant unserer nationalen Unschuld, die Verkörperung unserer Sehnsucht nach moralischer Unanfechtbarkeit.“ (S. 95.)

Wolf ist davon überzeugt, dass sich diese Idee vom moralischen Staat, der für das Glück aller seiner Bürger zu sorgen hat, während die Bürger ihm wie Kinder ihre Verantwortung übergeben – im Grunde eine romantische Revolution - tief in die deutsche Seele eingesenkt hat und sie nicht mehr loslässt. Sie zeigt sich darin, dass Arbeit für die Bürger im Grunde zu einer Zumutung geworden ist (S. 44), dass Gerechtigkeit mit Gleichmacherei verwechselt wird („Gleichheit, eine deutsche Obsession“, S. 179), dass Wirtschaftsbosse gewissenlos zugreifen (Ackermann, S. 84f), dass Werbung Wunscherfüllung verspricht und schrankenlosen Konsum (S. 85f), dass Erziehung antiautoritär zu geschehen hat und dass die Regierenden (z.B. Gerhard Schröder, S. 90) dem Volk die Wahrheit vorenthalten.

Damit ist ausgemacht, wo Wolf den politischen Gegner stehen sieht: Es ist vor allem die SPD (und die Grünen), bei denen sich solche Gedanken Bahn brechen. Weniger Staat, so dass der Einzelne größeren Spielraum zur Eigeninitiative hat, so lautet Wolfs Bekenntnis und es dürfte damit klar sein, welcher politischen Seite er nahe steht. Die Freiheit des Einzelnen, die Motivation und Kreativität freisetzen wird, ist jedoch nicht ohne Gefahren. Gefahren aber gehören zu ihr, sie können und dürfen nicht eliminiert werden: „Freiheit ist Risiko. Ich würde sogar sagen, dass zur Freiheit auch das Recht gehört, ins eigene Unglück zu laufen.“ (S. 189.) Als ein zum Nachdenken anregendes Beispiel für einen sinnvollen und erfolgreichen Weg des Zusammenspiels von Kooperation und Eigenverantwortung sieht Wolf in der Organisation seiner eigenen Klöster. Autorität ist darin ein von der jeweiligen Person (dem Abt) geprägtes Element, das von Verständnis und Liebe zu Menschen aber auch von Sachkompetenz und Erfolg getragen wird (S. 194), so dass das Ergebnis ein „humanes Managment“ (S. 171) ist. Weiterhin erläutert Wolf, dass diese Freiheit im Gehorsam unter Gott besteht und gerade darin geschützt ist vor egozentrischer Willkür.

Zur Kritik an Notkers Thesen:

1. Man kann nur dankbar dafür sein, dass ein Vertreter der Kirche – wie ich übrigens ebenfalls einer bin -, auf ein grundlegendes Übel hinweist, das unsere Gesellschaft gefangen: Wie ich meine ´die Verstaatlichung´ aller Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten des einzelnen Menschen, eine Verstaatlichung, die die Freiheit des Einzelnen im Namen einer vermeintlichen Gerechtigkeit beschneidet und zugleich doch wieder Ungerechtigkeit und Unfreiheit schafft (z.B. ein Steuersystem, das undurchschaubare Stufen und Abschreibungen vorweist, die niemand mehr versteht, das aber viele Bürger dennoch bejahen, weil sie um den Mythos ´Gleichheit´ fürchten. Wolf macht richtigerweise klar, dass eine starke Identität mit Unterschieden leben kann, eine kindliche jedoch nicht (S. 181). Dass hier Polemik im Spiel ist, ist ebenso klar wie die Tatsache, dass Gerechtigkeit nicht nur den Aspekt der Gleichheit in sich schließt, sondern auch den der Unterschiede: Wenn es gerecht zugeht, müssen nicht alle das gleiche bekommen und sein! Eine ideologische Gleichmacherei, die Individualität leugnet und Unterschiede verwischt, zerstört menschliche Freiheit ebenso wie eine ideologische Herausstellung der Unterschiede als natürlicher oder gottgewollter Differenzen. Freiheit, die dem Menschen angemessen ist, hält Unterschiede und Gleichheit in einer ausgewogenen Balance. Dass sich die Situation in unserm Land so entwickelt hat, dass der Schwerpunkt nun wieder stärker auf Eigenverantwortung und damit auch auf den Aspekt der Unterschiede zu legen ist, halte ich für richtig.

2. Dass Notker Wolf die Gründe für diese Schieflage in unserm Land jedoch in der 68ger Kulturrevolution sucht, erscheint mir absolut einseitig und falsch! Wolf ordnet die 68ger in keiner Weise in die kulturgeschichtlichen Strömungen jener Zeit ein, die den Westen damals erfassten (z.B. Antivietnamproteste; Hippiebewegung; usw.). Wolf interpretiert die 68ger als psychologisch-moralische Bewegung der Entschuldung im Blick auf die Schuld der NS-Zeit. Das alles ist viel zu kurz und viel zu eng gegriffen, obwohl es in der 68ger Bewegung auch solche gegeben hat, die das ähnlich gesehen haben. Jedoch: Die 68ger Bewegung ist m.E. in erster Linie eine Antiestablishment-Bewegung gewesen, die in der Tat die sprachlose Formalautorität der Vätergeneration und ihre Unfähigkeit, sich die Schuld der Geschichte einzugestehen, zur Anklage gebracht hat und zugleich KRITIK als Strukturelement etabliert hat, was auch aus moralischen Gründen gerechtfertigt ist. Diese Art der Kritik kann und darf und durfte nun aber niemals das sein was Wolf unter Kritik versteht, nämlich: „Kritik ist ja ebenfalls eine Form der Bestätigung.“ (S. 195.) Nein, muss man hier rufen, laut rufen: So nicht! Denn: Die Kritik an der Formalautorität, an den Regeln und Ordnungen, an einer Gewissenhaftigkeit, die zu KZs geführt hat (S. 177) muss grundsätzlich sein, total in Frage stellend; eine Gesellschaft in Frage stellend, die Professoren, Ärzte und Lehrer usw. die bürgerliche Nachkriegsgesellschaft gestalten ließ und zwar in einer Weise „als wäre nichts geschehen“!

„Dass man mit Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Organisationstalent ein KZ leiten kann, wie der Einwand der Achtundsechziger lautete, spricht jedenfalls nicht gegen sie. Denn mit denselben Tugenden kann man ein KZ auch befreien.“ (S. 177.)

Ich halte diese Aussage für unglaublich, und zwar deshalb, weil die genannten Tugenden, verstanden, interpretiert und gelebt im kulturellen Kontext in Deutschland zu KZs geführt haben - verstanden, interpretiert und gelebt in anderen kulturellen Kontexten zu ihrer Befreiung. Tugenden erhalten Sinn und Bedeutung in ihrem Kontext und in unserem Kontext wurden sie von den 68gern in Frage gestellt und mussten sie angesichts der Geschichte in Frage gestellt werden! Es hätte auch die Frage nach dem weiteren Sinn- und Bedeutungszusammenhang gestellt werden müssen, in dem sie ihre Geltung bekamen. Die schier selbstverständliche Mitwirkung derer in der Nachkriegsgesellschaft, die diese Tugenden einst missbraucht haben, dann aber nicht bereit waren, über diesen Missbrauch Rechenschaft abzulegen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, war und ist m.E. jedoch moralische Rechtfertigung genug für diesen Aspekt jener Kulturrevolution, die zugleich noch aus anderen möglicherweise bedeutenderen Quellen gespeist worden ist. Dass ein kirchlicher Vertreter derart unkritisch, derart voraufklärerisch und so wenig wirklich tugendbewusst darüber spricht wie KZs entstanden sind, ist eine Ungeheuerlichkeit, die zum Himmel schreit!

Manches erscheint verständlich, wenn man liest, dass Notker Wolf dem „Gehorsam“ in seinem Beziehungsverständnis (Gott-Mensch; Mensch-Mensch) eine wichtige Rolle einräumt (S. 105ff). Doch er macht den Fehler, dass er „Gehorsam“ keiner kritischen Analyse unterwirft und nicht darauf hinweist, welche Schandtaten im Namen des Gehorsams gegenüber Gott und Menschen in der Geschichte verübt worden sind. Dass diese Kritik ausbleibt und Gehorsam sozusagen als direkte, gute Tugend dargestellt wird, ist unverzeihlich! Gewiss zeigt auch Wolf, dass in den benediktinischen Klöstern heutzutage kein Gehorsam im alten Sinne mehr gefordert wird, doch reicht diese Tatsache, angesichts der fatalen Folgen, die Gehorsam in der abendländischen und menschlichen Geschichte gezeitigt hat, keineswegs aus. Nach den Erfahrungen mit „Gehorsam“ im Römischen Reich, in der abendländischen Geschichte und in der Geschichte des 20. Jh. ist das Wort „Gehorsam“ als Tugend des menschlichen Zusammenlebens unbrauchbar geworden. Wer es dennoch gebraucht, weise nach, dass etwas völlig anderes gemeint ist als das, was über Millionen und Abermillionen Leid und Tod gebracht hat.

3. Trotz dieser kritischen Anmerkungen halte ich Notkers Buch für anregend. Es enthält viele sinnvolle und in die Situation passende ´ketzerische´ Gedanken! Es kann uns helfen, den Reform- und Umstellungsprozess, dem wir alle unterworfen sind, innerlich zu bejahen und uns selbst in ihn hineinzugeben, in dem Vertrauen, dass wir die Zukunft bewältigen können. Notker Wolfs ketzerische Gedanken machen klar, dass es dabei auf jeden von uns ankommt.
Dr. Alfred Klassen
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Lieber Alfred Klassen,

als Besprechung gelungen.
Das Thema ist wichtig, aber nicht hinreichend komplex behandelt.
Der Gegenstand für einen säkularen Menschen nicht ansprechend genug.

Aber Danke fĂĽr die MĂĽhe!

Liebe GrĂĽĂźe
Petra
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