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Leselupe.de > Kurzgeschichten
November in Afrika
Eingestellt am 23. 04. 2006 18:48


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Marc Hecht
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November in Afrika

Ihr Gegen├╝ber ist ein Bantu. Er tr├Ągt eine verwaschene
Uniform und schwarze Stiefel. Ein Sukuma von der K├╝ste w├Ąre er - aber es h├Ątte ihn vor vielen Jahren schon in die Hauptstadt gezogen, erz├Ąhlt er sogleich.
Es riecht nach Fisch vom Markt und die Sonne brennt. H├╝hner laufen auf der Stra├če umher, Autos hupen, Frauen in langen Kleidern gehen an ihnen vor├╝ber, einige tragen Kr├╝ge auf dem Kopf.
Sie stehen an der Hauptstra├če. Ein Karren biegt ein, beladen mit S├Ącken und Sand, ein Holzkarren. Der Kutscher ist in graues Leinen geh├╝llt, er h├Ąlt eine Gerte in der Hand und schnalzt mit der Zunge. Die beiden schwarzen Rinder vor seinem Karren traben an und ein magerer Hund springt zur Seite.
Der Sukuma preist sich an - sich und seinen Jeep. Es kommen andere Gesch├Ąftsleute, Konkurrenten, die ihm ins Wort fallen und ebenfalls Jeeps, Hotels, Fahrten durchs Land anbieten. Der Sukuma beginnt zu schreien, ganz au├čer sich ist er: Das Gesch├Ąft w├Ąre bereits gemacht - und die Konkurrenten sollten verschwinden.
Die Konkurrenten verschwinden keinesfalls. In Sarongs geh├╝llt oder in ├Ąhnliche Uniformen, wie der Sukuma sie tr├Ągt, bleiben sie stehen und umringen die drei. „Look, ... come,... want..., look...", rufen die Konkurrenten - und wollen das Gesch├Ąft, am Blick des Sukuma vorbei, doch noch abwickeln. Einige zupfen am ├ärmel, andere r├╝tteln an den Schultern, der Sukuma zieht die beiden deshalb entschlossen weg von der Konkurrenz. Dann schiebt er sie vor sich her - hastig - und mit einer Hand schl├Ągt er dabei w├╝tend, wie man Insekten nachschl├Ągt, zur├╝ck auf die Rufe der Konkurrenten. Eine Weile marschieren sie so voran, bis in eine Seitenstra├če - und dann biegen sie noch einmal ab - in eine Gasse. Endlich bleibt Alex stehen: „Was ist das f├╝r ein Jeep?"
Der Sukuma blickt zuerst misstrauisch zur├╝ck. Dann jedoch legt er die Finger der linken auf den Daumen der rechten Hand, nacheinander, ultimativ und weit von sich gestreckt. Ochsenkarren quietschen hinter ihm vorbei, Ziegen laufen umher und meckern, Mopeds knattern. Und mitten im L├Ąrm und Staub der Hauptstadt erkl├Ąrt der Sukuma erstens: Er k├Ânne m├╝helos ├╝bersetzen. Suaheli, Sukuma, Makonde - in englisch oder franz├Âsisch, kein Problem. Zweitens: Der Jeep sei mit allem ausger├╝stet, sogar mit einer Seilwinde und mit guten Sto├čd├Ąmpfern. Drittens kenne niemand das Land besser als er, viertens koste dies alles nur 70 Dollar am Tag - und das Benzin - und f├╝nftens - abschlie├čend mit dem kleinen Finger - k├Ânnten sie es also unter keinen Umst├Ąnden besser treffen. Der Sukuma zieht die H├Ąnde zur├╝ck, verschr├Ąnkt sie vor dem Bauch und blickt zufrieden auf.
„70 Dollar am Tag!...." Alex, der Fotograf, sieht hilflos her├╝ber.
Auch Hans zuckt die Schultern: „...tja..."
Wahrscheinlich ist es zuviel - sie wissen es nicht. Aber noch einmal so ein Gewirr? Neue Konkurrenten, die am Ärmel zupfen, durcheinander und laut? Nein! Sie sind müde. Die Sonne brennt.
Es klingelt, dicht hinter ihnen, sie treten erschrocken zur├╝ck. Auf dem Fahrrad sitzen drei Jungen, der j├╝ngste auf der Lenkstange, sie lachen, ihre wei├čen Z├Ąhne blitzen.
„Come!", der Sukuma winkt, die beiden sollen ihm folgen. Er biegt noch einmal ab, und jetzt gehen sie in einen Hinterhof, vorbei an leeren Jute-S├Ącken und alten Matratzen, an zerbrochenen Sch├╝sseln und Lumpen. Ein K├Ątzchen spielt mit einer verrosteten Konserve und huscht davon. Aus den H├Ąusern ringsherum blicken neugierige Kinder. Es riecht fremd, s├╝├člich.
Der Sukuma schiebt mit dem Stiefel ein paar Sackfetzen beiseite und ├Âffnet das Tor einer Wellblech-Garage. Quietschend gibt es den Blick frei auf den Jeep.
„Na fabelhaft. Den nehmen wir. 50 Dollar am Tag." Alex will die Sache schnell erledigen.
„O no, 70 Dollar. Und das Benzin."
„Nein! 50 Dollar."
Der Sukuma ringt mit sich, windet sich, verdreht die Augen und sagt schlie├člich: „Ok! 65 Dollar. Und das Benzin."
„50 Dollar", Alex bleibt hart.
„O no!" Es klingt ├╝berrascht und wehleidig zugleich, als h├Ątte man den Sukuma gerade gebeten, in eine tiefe Schlucht zu springen, oder in einen eiskalten Fluss. Abwehrend und erschrocken hebt er die H├Ąnde. Er sei schlie├člich Fahrer und Dolmetscher zugleich, alle Sprachen: Sukuma, Makonde, Njamwesi, auch arabisch, in englisch oder franz├Âsisch. Und der Jeep h├Ątte eine Seilwinde und sehr gute Sto├čd├Ąmpfer...
Sie einigen sich auf 60 Dollar am Tag und das Benzin. Ab morgen fr├╝h, um sieben Uhr, vor dem Hotel.
Der Sukuma h├Ątte gern eine Anzahlung. Alex gibt ihm 20 Dollar.
*
Hans l├Ąsst sich in den Sessel fallen. Er sieht sich um im Zimmer, blickt auf den gefl├╝gelten Spiegel - aus Mahagoniholz - auf den braunen Steinfu├čboden, auf die Couch aus rotem Leder...er ist in Afrika.
Gleich wird der Kellner anklopfen und den Whisky bringen. Und bezahlen wird Le Soir. Alles zahlt Le Soir.
Er lehnt sich zur├╝ck. Zuhause beim Sukuma wird auch helle Freude sein, denkt er dann, ... die Kinder sind gl├╝cklich und die Frau des Sukuma....
Es klopft, der Kellner bringt den Whisky. Der Kellner tr├Ągt eine bl├╝tendwei├če Uniformjacke, ├Ąhnlich der eines Admirals - und er ist sehr freundlich. Sein breiter Mund lacht unentwegt und seine Augen strahlen. Hans gibt ihm f├╝nf Dollar Trinkgeld.
Der Whisky schmeckt fabelhaft, es ist Scotch. Eine gl├Ąnzende Arbeit wird er abliefern, ... hoho,... die werden sich wundern... bei Le Soir...!
Deutsch-Ostafrika - 100 Jahre danach. Gerade jetzt... ganz pl├Âtzlich... f├╝r eine Zeitung in Belgien – verr├╝ckt genug.
Hans kippt den Whisky, lehnt sich zur├╝ck, ein bisschen kokett jetzt, zufrieden, erf├╝llt von seiner Ankunft. Er schl├Ągt die Beine ├╝bereinander, h├Ąlt das Whiskyglas zwischen den H├Ąnden und seine Gedanken springen hierhin und dorthin – er stellt sich vor, dass in Br├╝ssel wohl ein Hochhaus stehen muss, zwanzig Etagen hoch - und auf dem Dach leuchtet weithin: Le Soir. Und in dem Haus wird ein B├╝ro sein, ein kleines B├╝ro vielleicht, in dem nur ein Mann sitzt... oder eine Frau... jedenfalls... man r├╝ckt dort die Brille zurecht, blickt auf ein Blatt Papier, zeichnet es ab - und das ist dann sein Honorar!
Hans nimmt das Glas, „...hier gibt’s schottischen Whisky", denkt er, und stellt das Glas ab, „Scotch – und amerikanische Zigaretten...!"
Umst├Ąndlich sucht er nach einer Zigarette, zieht endlich ein P├Ąckchen hervor, sieht umher. Die Streichh├Âlzer liegen auf dem Tisch, Hans steht auf, geht durch das Zimmer, z├╝ndet sich die Zigarette an und blickt dem Rauch nach: „...im Grunde ist das hier noch gar nicht Afrika!", denkt er dann: „...schottischer Whisky!... zum Fr├╝hst├╝ck gibt┬┤s wahrscheinlich Eier auf Toast!" Nein, er kann erst ├╝ber Afrika schreiben, wenn es zum Essen eine Sch├╝ssel Kleie gibt, ... in die man Maisbrot tunkt... und dann mit Ziegenmilch runtersp├╝lt...
Er trinkt den letzten Whisky: „Ziegenmilch! ...Drau├čen... im Busch ...bei einer H├Ąuptlings-Hochzeit vielleicht, um Mitternacht." Er dr├╝ckt die Zigarette aus, seufzt, legt sich aufs Bett und schl├Ąft schnell ein.
*
Am n├Ąchsten Morgen sind sie fr├╝h schon reisebereit.
Ein Hotelboy bringt die Koffer hinaus, und auch der Sukuma wartet bereits vor der T├╝r.
Hans steigt die Treppe hinab und sieht, wie der Hotelboy mit den Koffern auf den Jeep zugeht. Der Sukuma springt jedoch zur Stelle, nimmt dem Boy die Koffer aus der Hand, entrei├čt sie ihm fast, eifers├╝chtig, und l├Ądt das Gep├Ąck eigenh├Ąndig ein.
Dann geht es also los. Nach Norden fahren sie, immer nordw├Ąrts, durch die Savanne. Durch gr├╝nes weites Land. Nur manchmal ragen, weit entfernt, ein paar B├Ąume in den Himmel. V├Âgel umkreisen ihre Kronen.
Dahinter liegen die Berge, ganz im Norden. Sie sehen den Kilimandscharo, die wei├če Kuppe, umringt von kleinen Wolken. Und sie sehen Gazellen und Antilopen, Herden, die durch die Savanne ziehen oder im gemeinsamen Galopp davonjagen, Wasserb├╝ffel, Zebras und Giraffen. Und der Fahrtwind schl├Ągt ihnen warm ins Gesicht und die Sonne brennt nieder auf Afrika.
Der Sukuma zeigt mal hierhin und mal dorthin: „Look, antelopes!", ruft er, stolz, als geh├Ârten allein ihm alle Tiere und das ganze Land.
Alex macht viele Fotos. Einmal fahren sie vom Wege ab, auf einen m├Ąchtigen, toten Baum zu, dessen ├äste sich einsam empor strecken.
In den D├Ârfern laufen die Menschen zusammen. Alex verteilt Schokolade an die Kinder.
„T├Ąnkju, t├Ąnkju" rufen die Kinder, durcheinander und laut. Alex jedoch antwortet stets vollendet: „oh, the pleasure is on my side." Der Fotograf h├Ąlt es f├╝r seine Pflicht, die Kinder nur in bestem Oxford-Englisch anzusprechen. Damit auch sie es so lernten.
Und Alex macht viele Fotos. Alex ist ein guter Fotograf, wirklich gut, er kann den Menschen durch die Kamera in die Seele blicken.
*
Hans redet mit den alten M├Ąnnern. Der Sukuma ├╝bersetzt lebhaft.
Nein, es liefe nicht so gut. Die Preise verfielen, alles werde immer nur schlechter... es sei zwar geplant, eine Verladerampe der Eisenbahn einzurichten..., aber dies ginge halt nicht so schnell voran. Und der Weg nach Arusha w├Ąre zu weit. Die Preise f├╝r Maniok und S├╝├čkartoffeln fielen immer weiter - und ein Mann k├Ânne seine Familie hier nicht mehr ern├Ąhren, so gingen eben viele weg. Ja, sehr viele.
Die gelben Augen der Alten blicken Hans wissend und traurig an: Ein Mann m├╝sse seine Familie schlie├člich ern├Ąhren k├Ânnen.
Hans fragt nach der alten Zeit.
Germany? Oh, das w├Ąre lange her, - allgemeines verlegenes Kopfsch├╝tteln.
Doch, zwei M├Ąnner schieben einen ├älteren vor sich her. Er winkt jedoch verlegen ab und versucht das Tempo zu drosseln. Er tr├Ągt einen wei├čen Sarong und unter den G├╝rtel hat er sich, aus welchen Gr├╝nden immer, eine Gerte gesteckt.
Ja, sein Gro├čvater h├Ątte als junger Mann die Deutschen erlebt, dies erz├Ąhlte man jedenfalls, in seiner Familie...., der Gro├čvater w├Ąre damals in die Hauptstadt gebracht worden, in ein Kontor, um dort bei der Verladung von Tee oder Gew├╝rznelken zu helfen. Ein kluger Mann w├Ąre der Gro├čvater gewesen - und die Familie h├Ątte immer gelacht, wenn der Gro├čvater die Deutschen nachgemacht hatte: „Ste still swarzes swein", h├Ątte der Gro├čvater gesagt - oder so ├Ąhnlich - und die Erwachsenen h├Ątten noch lange gelacht - ├╝ber diese merkw├╝rdige Sprache.
Der Sukuma ├╝bersetzt lebhaft, feixend und lachend mit dem Enkel im wei├čen Sarong.
*
Am vierten Tag sitzen sie im Motel. Abends, an der Landstra├če, auf der Veranda, alles ist still. Die Stra├če f├╝hrt hinauf zu einer Anh├Âhe und verschwindet zwischen B├Ąumen, die im Nachthimmel verschwimmen.
Sie trinken Lager-Bier. Hans tr├Ągt historische Daten zusammen. Manchmal blickt er auf. An der Wand bei├čen sich zwei Gekkos. Beide k├Ąmpfen um den Platz im Lichtschein der Lampe. Einer wird ├╝bel zerst├╝mmelt, ein milchiger Schleim bleibt zur├╝ck, als er ├╝ber den wei├čen Putz flieht.
1890, Sansibar wird britisch, schreibt Hans, ... 1919 britisches UNO-Mandat ├╝ber Tanganjika.... 1964 Revolution auf Sansibar, Sultan abgesetzt...
Da st├╝rmt ein Junge heran, ein barf├╝├čiger Junge aus dem Dorf. Ganz au├čer Atem ist er.
„Spiek inglisch?"
„I certainly do so, Sir", Alex stopft vornehm seine Pfeife.
Dann beugen sich beide vor:
„In Germany, ...the wall....tear down..."

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