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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Nur Mut mein Böcklein
Eingestellt am 14. 10. 2012 16:30


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Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

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Nur Mut mein Böcklein

Der verdammte Prüfungslehrstoff für die Jägerprüfung wurde immer gigantischer und ich – leider immer hektischer.
„Bertaaa!“, rief ich völlig entnervt, „ich kapier dat nich, ich krieg dat Veterinärgedöns nich in den Kopp rein. Diese dämlichen lateinischen Begriffe, die sind einfach zu hoch für mich, dat kann ich mir beim besten Willen nich allet merken. Dazu kommt dann auch noch die verrückte Waidmannssprache!“ Mein Kopp war wie benebelt. Ja, ich stand am Rand vonne Verzweifelung. Berta kam mir sofort zur Hilfe:
„Willi, hab doch en bisken Geduld, dein Frauchen iss doch bei dir, nur Mut mein Böcklein. Komm, nimm hier ma en Schlücksken Lecithin.
Du muss dir Eselsbrücken bauen. Pass jetz ma gut auf. Die verschiedenen Ausdrücke, zum Beispiel für den Schwanz vonne Tierkes,lernze am besten so:
Kuck ma, Wilhelm, dat Wild, dat auf Schalen läuft, heißt Schalenwild, dat wedelt mit dem Schwanz, also heißt der Schwanz bei denen ’Wedel’. Hasse dat begriffen?
'Blume' nennt man den Schwanz beim Hasen. Hier denkse an mich, mit ner weißen Blume inne Locken.
Beim Fuchs iss die Brücke besonders einfach. Der Rotfuchs hat en roten Balg, und rot glüht auch die Lunte, wenne Feuer machen tus. Also heißt der Steert dann ‚Lunte’. Beim Fasan und Habicht iss dat mit dem Schwanz schon schwerer. Wenne darüber ausgefragt wirs, und du kommz nich sofort drauf, schickse en Stossgebet zum Himmel, also denkse, aha, dat heißt bei denen ‚Stoß’. Siehsse, so einfach iss dat, Willi!“
Einfach war dat ja gerade nich, aber ich geb zu, ich merke mir dat mit die Eselsbrücken bis aufen heutigen Tag.

So langsam hatte ich dat geschnallt, dat en Teil vonne Waidmannssprache durch romantische Feindenker immer weiter und extra unverständlich für die unwissenden Nichtjäger ausgemalt wurde. Dat iss bis heute sonne Art Geheimsprache.
Die meisten Ausdrücke können aber nur im Suff am Jägerstammtisch ausgeheckt worden sein. Dat iss allerdings nur meine völlig unmaßgebliche Treibermeinung.
Ich denke, dat von den sechstausend Begriffen, achtzig Prozent ausse Ecke vonne Lateinerzähler stammen, die ihre Zeitgenossen nach Strich und Faden verarschen wollten. Die wichtigsten Ausdrücke musse allerdings so früh wie möglich geschnallt haben, sonst hasse schnell ne Runde Schnaps am Hals, wenne dich verbellen tus. Da gibt et Fallen in Hülle und Fülle. Dat iss ja so wat von niederträchtig!
Büffelnd vergingen Monat um Monat. Im Februar wurden uns bereits die Prüfungstermine mitgeteilt. Jetz war Endspurt angesagt! Die Nervosität stieg. Alle Skat- Kegel- und sonstigen privaten Termine hab ich sofort gestrichen.
Berta versorgte mich rührend mit ner Spezialdiät für ältere Jagdscheinanwärter, extra angereichert mit natürlichen Vitaminen und Mineralien. Es fehlte kein Lecithin und Ginkgo für dat lernende Hirn und auch nich dat hochdosierte Johanniskraut für meine angeknackste Psyche. Ich hab dat Zeug pfundweise geäst, ich meine natürlich, geschluckt. Et ging mir an und für sich ganz gut. Nur Berta, die war mittlerweile ehrgeiziger als ich, die schoss einma mit beim Übungsschießen und war da sogar besser als ich. Dat machte mich bekloppt.
„Berta, sach ma ehrlich, warsse als junget Mädchen ma im Schützenverein?“ „Ja, Willi, dat war ich, da staunze wa? Gelernt iss gelernt, mein Lieber, so wat verlernt man nich. Ich war auch schon früher aufe Cranger-Kirmes anne Schießbuden sehr erfolgreich."
Ich verdoppelte daraufhin meine Schießübungen.
Nach der sonntäglichen Waldbegehung mit die eigenen Weiber, hatte unser Lehrgangsleiter ne echte Überraschung parat.
En Rehbock war in son feudalen Mercedes gesprungen und war dabei verendet. Die Polente brachte dat noch warme Tier aufen Forstbetriebshof. Wir standen um den Bock herum und ahnten, wat da auf uns zukommen sollte.
„Ja, meine Herrschaften“, fing der Lehrgangsleiter Hasenkläffer an, „den Finger krumm machen und ein Tier erlegen, kann von Ihnen mittlerweile jeder. Jetzt beginnt aber erst die harte Arbeit des Jägers – die rote Arbeit. Das Handwerk am erlegten Stück müssen Sie bei der Prüfung tadellos beherrschen. Theoretisch wissen Sie ja bereits, wie ein Tier aufgebrochen wird. Sie werden jetzt mit meiner Hilfestellung die praktische Arbeit hautnah erleben. Jeder von Ihnen wird eine Schnittführung und einen Teil des Ausweidens übernehmen.“
Junge, Junge, dat konnte ja heiter werden.
Jeder von uns Jagdscheinanwärtern kam dran und war an dem Bock zugange. Drosselschnitt, Brunftkugeln entfernen, Schloss öffnen, usw. Als der Tierkörper aufgebrochen vor uns lag, war dat plötzlich ne besondere Sachlage. Pansen und Därme waren durch den Aufprall geplatzt, ihre Inhalte schwammen wie Sauce inne Bauchhöhle rum.
Der Apotheker Pillenwurm, sonst immer en Witzbold, wurde leichenblass, drehte sich um und studierte Kotzebues Werke. Dat war wat für unseren Hasenkläffer.
„Herr Pillenwurm, wat is denn mit Ihnen los, haben Sie gestern gesoffen oder können Sie kein Blut sehen? Menschenskind, reißen Se sich zusammen, Sie sind doch Apotheker, so wat gibt et doch nich!“
Dat Tier dampfte noch, und der Inhalt duftete auch nich gerade nach Kölnisch-Wasser.
„Herr Püttmann“, fragte mich unerwartet der Hasenkläffer, „trauen Sie sich zu, den Rest zu erledigen?“
Der brauchte mich nich lange breitschlagen.
„Jau", sachte ich, „so wat kann ja schnell ma inne rauhen Praxis passieren, da musse durch.“
Ich prüfte den Wind und stellte mich in die Gegenrichtung, damit der aufsteigende Gestank nich in meinen Riechkolben strömen tat.
Den widerlichen Körperinhalt schaufelte ich mit bloßen Händen ausse Bauchhöhle raus. Dat war nich angenehm, dat können Se mir glauben. Dat iss ja völlig ungewohnt, in som warmen Tier, wat da eben noch im Wald rumlief, rumzufuhrwerken. Augen zu und durch!
Hasenkläffer bemerkte anerkennend: „Ich will dazu nur sagen, wer so wat einmal am noch warmen Wildkörper praktiziert hat, den kann so leicht nix mehr erschüttern. Gut gemacht, Herr Püttmann.“
Dat ging runter wie Öl! Son Lob krisse ja selten, auch nich von Berta. Die verlangte immer nur Spitzenleistungen auf allen Gebieten.
Der Lehrgangsleiter war mit uns noch längst nich fertig:
„Ich prophezeie Ihnen hier und heute, Sie werden die rote Arbeit oft nur unter schwierigsten Bedingungen, meist inne Dämmerung oder in der Nacht, bei Regen, Sturm und Schneetreiben oder bei sommerlicher Gluthitze erledigen können. Ohne jede fremde Hilfe!
Bremsen, Mücken, Fliegen und Zecken werden Sie piesacken, weil sie klatschnass geschwitzt und vom Schweiß der Tiere besudelt, die stechenden Viecher in Scharen anlocken.
Wer von Ihnen glaubt, er könnte dat nich, sollte vonne Jägerei die Finger lassen.
Diener und Arschkriecher, die dat rote Handwerk früher für die Herren und Damen vom Adel oder die Sonntags- und Stammtischjäger/Innen erledigt haben, sind längst ausgestorben.
Sie werden, vor allem bei schwerem Wild, nach dem Bergen und Aufbrechen in der Nacht, erschöpft ins Bett fallen. Vielleicht können Se auch den Rest der Nacht kein Auge zutun, weil Se dat beschossene Stück am Anschuss nicht finden konnten und am nächsten Morgen nachsuchen müssen.
Sie fragen sich quälend, wat is da schief gelaufen? Was hab ich falsch gemacht? Hätte ich überhaupt bei der Dunkelheit schießen dürfen? Hoffentlich ist das beschossene Stück Wild verendet und leidet nicht noch! Ist das Wildbret morgen noch zum Verzehr tauglich oder ist es bereits verhitzt?
Als Jagdgast muss man dem Jagdpächter über jeden Schuss Bericht erstatten. Wat sagen Se ihm? Sie warten beim ersten Büchsenlicht ungeduldig auf den Nachsuchenführer mit seinen Schweißhunden. Auch ihm müssen Se den Schuss genau erklären.
Sie werden von guten und schlechten Gefühlen geschüttelt. Glauben Se mir, Sie werden noch oft an meine Worte denken!“

Dat war unheimlich eindrucksvoll, wat der Mann da vortrug. So weit denkt man ja überhaupt nich als angehender Jäger. Wir standen sehr nachdenklich um ihn herum.
„Sie können immer noch von der Prüfung zurücktreten!“, rief er. „Ich will hier nur noch passionierte, echte Jäger und Jägerinnen sehen, keine Weicheier und Schießer oder Typen, die den Jagdschein nur zur Erlangung von Waffen missbrauchen!“
Keiner sagte wat. Hasenkläffer war immer noch nicht fertig.
„Noch was, Herrschaften, der Schuss macht weniger als ein Prozent der Jagd aus. Neunundneunzig Prozent sind harte, handwerkliche Arbeit.
Da Sie später einwandfreies Wildbret verzehren und verkaufen wollen, empfehle ich Ihnen, das Kapitel Wildbrethygiene genau zu studieren. Der prüfende Veterinär ist auf dem Gebiet unerbittlich!“ Dat waren klare, ehrliche Worte.
Die waren so klar, dat wieder zwei Anwärter „Mücke tief links“ machten und nie mehr erschienen. Apotheker Pillenwurm, unser „Pille“, gehörte aber nich zu den Flaschen.

Jetz waren wir nur noch zwölf hoffnungsvolle Anwärter auf den begehrten Jagdschein.
Berta, meine ehrgeizige Einpeitscherin, beobachtete mich während der roten Arbeit und lauschte ebenfalls äußerst aufmerksam.
Ich hätte verdammt gerne ihre Gedanken gelesen! Sie schaute zweifelnd und besorgt.
Sah se mich schon als Versager inne Prüfung latschen? Glaubte se überhaupt noch an mich?
Ich hab se nich gefragt.

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Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

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