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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Nur ein Betriebsunfall
Eingestellt am 31. 05. 2003 11:46


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flammarion
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Nur ein Betriebsunfall

„Stell dir vor, Mama, die Gabi ist schwanger und ihre Mutter hat sie rausgeworfen! Sie hat gesagt: Wer erwachsen genug ist, sich mit einem Mann einzulassen, der ist auch f├Ąhig, einen eigenen Haushalt zu f├╝hren. Und hat ihre Sachen gepackt und vor die T├╝r gestellt. Darf die das ├╝berhaupt? Gabi ist doch erst siebzehn!“
Frau L. hielt im Schrubben inne. „Ja“, sagte sie dann, „das ist traurig. Wenn dir mal so was passiert wie deine Freundin, brauchst du keine Angst haben, ich werf dich nicht raus, ich machs dir weg.“
Gloria L. stutzte. Wie meinte die Mutter denn das? Sie forschte: „Du meinst abtreiben? Aber da machst du dich doch strafbar!“ Frau L. schnaufte: „Ja, ich mach mich strafbar, die Frau, die es sich machen l├Ąsst, macht sich strafbar, nur die M├Ąnner, die wild in der Gegend rumficken, die machen sich nich strafbar. Kastrieren sollte man die!“
Gloria kicherte. Dann hakte sie nach: „Machst du wirklich solche Sachen, Mama?“ – „Klar doch. Zuerst habe ich es nur bei mir selber gemacht, sonst h├Ąttest du noch viel mehr Geschwister. Dann kam diese und jene und bat mich um Hilfe. Ich bekam gutes Geld daf├╝r. Was meinst du wohl, wer dein Kleid bezahlt hat, das du zum Geburtstag bekommen hast, dein versoffener Vater vielleicht? Mach dir keine Sorgen, Kind, solang du eine Mutter hast, danke Gott und sei zufrieden.“

Ein paar Monate sp├Ąter gestand Gloria ihrer Mutter, dass sie schwanger ist. Auf einer Party nach dem Schulabschluss war es hoch her gegangen und sie konnte sich nicht mehr erinnern, mit wem sie gelegen hatte. Frau L. untersuchte ihre Tochter und entsetzte sich: „Himmel, du bist ja schon Ende vierten Monat! Konnteste denn nich fr├╝her zu mir komm? Ich hab dir doch gesagt, dass ich das in Ordnung bringe, aber doch nich so sp├Ąt!“ Gloria schluchzte: „Ich habs doch nich eher gemerkt! Kannst du es jetze nich mehr?“ Die Mutter antwortete: „Der Mensch kann alles, er muss nur wollen.“ Und machte sich ans Werk.
Leider war alle M├╝he vergeblich. Die Frucht sa├č fest. Das letzte Mittel w├Ąre, die Fruchtblase aufzustechen, aber dazu konnte Frau L. sich nicht durchringen, sie f├╝rchtete, nicht nur das Enkelchen, sondern auch die Tochter zu verletzen.
So kam zum vorausberechneten Geburtstermin ein kleines M├Ądchen zur Welt. Scheinbar v├Âllig gesund, die Angeh├Ârigen atmeten auf. Eines Tages aber ward klar: Klein Amely konnte nicht sehen.

Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Gloria eine eigene Wohnung bekommen, denn es war unzumutbar, dass sie mit dem S├Ąugling in der Zweiraumwohnung blieb, wo sie bisher mit den Eltern und ihren beiden j├╝ngeren Geschwistern gelebt hatte. Nun war sie immer ├Âfter bei den Eltern zu Gast, um sich auszuheulen. Die Mutter hielt ihr vor, dass alles besser verlaufen w├Ąre, wenn sie rechtzeitig zu ihr gekommen w├Ąre. Als das nicht half, versuchte sie zu tr├Âsten: „So n kleener Betriebsunfall kann doch schon mal passieren.“, und bekam zur Antwort: „Das hast du nur deswegen vermasselt, damit du mich aus m Haus kriegst!“

Frau L. sah, dass die Tochter mit dem blinden Kind ├╝berfordert war, aber sie selber war es auch. Keiner in dieser Familie wusste, wie man mit Behinderten umgeht. Wenn Gloria die Kleine knuffte, mahnte die Mutter zwar: „Eine Mutter liebt ihr Kind!“, doch Gloria zischelte: „N Kind vielleicht, aber so ne Blindschleiche?“

├ťberhaupt ging man mit Amely ziemlich ruppig um in dieser Familie. Der Opa verlie├č die Wohnung, sobald das Kind in Sicht kam und die Oma w├Ąre auch gern gefl├╝chtet. Der jugendliche Onkel legte der Kleinen Rei├čzwecken auf den Stuhl, die Tante spuckte ihr ins Essen. Sie kamen sich sehr klug und ├╝berlegen vor, wenn sie etwas „vor den Augen“ der Blinden taten, was ihr nachher zum Verh├Ąngnis wurde. Das war ihnen jedes Mal eine herrliche Gaudi, die sie genie├čen konnten, ohne Eintritt bezahlen zu m├╝ssen.
„Besser wie Dick und Doof!“, kr├Ąhten sie, wenn sie wieder einmal allerlei kleine Gegenst├Ąnde auf den Fu├čboden gelegt hatten, ├╝ber welche Amely unweigerlich stolpern musste und hinfiel.

Gloria knirschte mit den Z├Ąhnen: „Kleener Betriebsunfall! Mein ganzes Leben ist versaut durch dir!“ Als sie merkte, dass die Tochter intelligenter war als sie, brachte sie sie nicht mehr zur Blindenschule. Da kam das Kind in ein Heim. Endlich war Gloria die Blage los, aber daf├╝r hatte sie der Alkohol fest im Griff . . .


Geschrieben im Mai 2003, geschehen 1953 in Ost-Berlin
Namen der Personen ge├Ąndert
__________________
Old Icke

Version vom 31. 05. 2003 11:46

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Oh wei oldicke,

da l├Ąsst sich wohl nicht viel zu sagen. Ist ne bedr├╝ckende Geschichte, von Anfang bis Ende. Aber es ist ja die Wahrheit und die geh├Ârt immer ans Licht!

Gr├╝belnde Gr├╝├če
Socke

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gox
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Hallo oldicke,
das ist ja eine heftige Geschichte, auch wenn sie sehr an Klischees erinnert. Leider bedeutet Klischee ja nicht, dass es so was nicht gibt, im Gegenteil.
Bemerkenswert fand ich, trotz der traurigen Erz├Ąhlung, Deine Formulierung 'mit wem sie gelegen hatte'.
Hat mich seltsam ber├╝hrt, wirkt so altert├╝mlich, fast wie 'wem sie die Beiwohnung gestattet hatte'. Auch wenn 'Beiwohnung' wohl der juristische Begriff ist.
Gr├╝sse !
__________________
Das Unm├Âgliche ist immer denkbar und das Denkbare ist immer m├Âglich

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flammarion
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hm,

danke f├╝rs lesen und kommentieren.
ja, ich finde "schlafebn" ist wirklich der falscheste ausdruck f├╝r die hellwachste besch├Ąftigung des menschen.
klischee hin und her, ich schw├Âre, es war so. und ich konnte nichts tun, ich war oft genug von den geschwistern verdroschen worden.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Aneirin
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Schonungslos

Hallo flammarion,

Du hast ganz schonungslos beschreiben, wie es zugeht, wenn M├Ądchen M├╝tter werden und damit ├╝berfordert sind. Die Blindheit versch├Ąrft es nur noch. Gleichzeitig zeigst Du auch den verkrampften Umgang mit Behinderten.

Das ist heute nicht anders als 1960, nur bei der Situation um die Abtreibung hat sich was ge├Ąndert. Ich hoffe es.

Mich hat ein bi├čchen gest├Ârt, dass die Namen im Zeitungsstil geschreiben sind, Frau L., Gabi L. Das macht die Geschichte unpers├Ânlich und nimmt ihr viel Dramatik.

Viele liebe Gr├╝├če
Aneirin

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flammarion
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danke,

aneirin, f├╝rs lesen und kommentieren.
die namen sind ver├Ąndert und verk├╝rzt, weil es sich um real existierende leute handelt, die jederzeit das gegenteil von dem behaupten w├╝rden, was hier geschrieben steht.
lg
__________________
Old Icke

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