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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 23. 07. 2010 16:09


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Retep
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So eine Scheiße! Ein SpĂŒlklo installieren! Und das auch noch am Samstag.
Der Meister wird immer bekloppter! Die ganze Arbeit musste er wohl alleine machen. Der blödsinnige Student, der dabei helfen sollte, hat doch keine Ahnung. In den Ferien jobben, Geld kassieren und obergescheit daherreden. Mehr können doch diese Schwengel nicht; glauben, sie seien etwas Besseres! Haben alle zwei linke HÀnde.
Er hĂ€tte sicher auch studieren, Doktor oder so was Ähnliches werden können. Sein Verstand konnte sich sehen lassen! Überall konnte er mithalten!

Der altersschwache Pritschenwagen mĂŒsste lĂ€ngst ausrangiert werden, kam ja kaum den Berg hoch, wĂŒrde sicherlich bald auseinanderfallen.
Neben ihm pfiff der Student, hieß auch noch ZĂ€sar. AuslĂ€ndische Namen mussten es jetzt sein, wo es doch so viele deutsche gab. RĂŒdiger z.B., so hieß er. Zu viele AuslĂ€nder hier, die alle von der Sozialhilfe lebten, auf seine Kosten!

Er holte den Zettel aus der Brusttasche, auf dem die Adresse stand. Hasenheide 36, las er laut und ĂŒbersah dabei ein Schlagloch auf dem Feldweg. Der Wagen schleuderte, fast wĂ€re er den Abhang hinunter gefahren. Das hĂ€tte gerade noch gefehlt!

Hier in der Hasenheide waren WochenendhÀuser von reichen Pinkeln und Lehrern, die immer Ferien hatten. Einen kannte der Meister, spielte öfter mit ihm Schach. Auch so ein blödsinniges Spiel! Stundenlang vor irgendwelchen Figuren sitzen und die hin und her schieben.
Dem sollte ein SpĂŒlklo installiert werden, als wenn er nicht weiter auf sein Plumpsklosett rennen könnte.
MĂŒhsam brachte er den Wagen wieder in Bewegung und dann waren sie auch schon beim Haus Nummer 36.
Ein frisch gestrichenes Holzhaus, grĂŒner niedriger Gartenzaun, alles wild zugewachsen von irgendwelchem GrĂŒnzeug. Das mĂŒsste man mal alles rausreißen und eine anstĂ€ndige Pflanzung anlegen mit Wegen und Gartenzwergen. Sein Meister hatte ihm das Haus etwas anders beschrieben. Na ja, das war nicht sein Bier.
Er stieg aus und ging zur HaustĂŒr. Den SchlĂŒssel hatte er vom Meister bekommen. Er steckte ihn ins Schloss, versuchte aufzusperren, aber nichts tat sich. Der ScheißschlĂŒssel passt auch nicht mehr, sicherlich ist das Schloss verrostet, dachte er. Er versuchte es noch einige Male. Nichts tat sich. Der blödsinnige ZĂ€sar fragte auch noch, ob die Adresse richtig sei. Am liebsten hĂ€tte er ihm eine geknallt, ihn so einen Scheiß zu fragen, der hielt ihn wohl fĂŒr einen Analbeten! Auf dem Gymnasium war er zwar nicht gewesen, aber neun Jahre in der Hauptschule. Das neunte Schuljahr hatte er nicht erreicht, war frĂŒher abgegangen, hĂ€tte auch nichts Gescheites mehr gelernt. Berufserfahrung war auch viel wichtiger.
Er ging zum Auto zurĂŒck, brachte eine Werkzeugkiste an, nahm ein Stemmeisen heraus und hebelte die TĂŒr auf.
„ZĂ€sar, so muss man das machen“, sagte er. „Guck nicht so dĂ€mlich, immer erst nachdenken und dann richtig handeln! Das hat schon der alte Göte gesagt. Bring mal den Kasten Bier aus dem Auto her, es ist schon ziemlich heiß. Vor FlĂŒssigkeitsverlust muss man sich bei der Arbeit schĂŒtzen, das kann sonst sehr gefĂ€hrlich werden“.
Cesar stellte das Bier in den Schatten, dann luden sie zusammen Material ab, dicke und dĂŒnne Plastikrohre, Gewinde, einen Gasbrenner, eine KloschĂŒssel und einen Klodeckel.
Sie gingen dann ins Haus und suchten das Bad. Da war nur ein großes Waschbecken drin, kein Klo. Das stand etwas entfernt vom Haus, ein HolzhĂ€uschen, ein Plumpsklo. Es lag etwas tiefer als das Haus, eine Sickergrube war auch da.

Zuerst sollten sie mal einen Schluck Bier zu sich nehmen, dann liefe die Arbeit besser. Cesar brachte das Bier und RĂŒdiger erzĂ€hlte aus seiner Jugendzeit.
„Als ich noch ein Junge war, wohnte ich mit meiner Mutter auf einem Bauernhof. Da war auch nur ein Plumpsklosett, ĂŒber den Hof musste man gehen. Im Sommer stank es immer mĂ€chtig, im Winter kaum, dafĂŒr war der Scheißberg wie ein Kegel gewachsen, immer höher geworden, die Spitze hat dann fast mein Hinterteil beim Kacken berĂŒhrt.“
Nicht mal Klopapier hatten wir, ich musste Zeitungen zerreißen, die BlĂ€tter auf eine Schnur fĂ€deln und aufhĂ€ngen.
Heute ist alles besser.“

Cesar lud dann Werkzeug ab, RĂŒdiger leerte seine zweite Flasche Bier und erklĂ€rte ihm, welche Arbeiten zunĂ€chst ausgefĂŒhrt werden mĂŒssten.
„Wir mĂŒssen einen Graben vom Haus zur Sickergrube graben, immer abschĂŒssig, damit der Dreck dann auch schön ablaufen kann. FlĂŒssigkeiten laufen nĂ€mlich immer bergab!“
Mit Pickel, Spaten und Schaufel gruben sie immer weiter, gegen Mittag waren sie bei der Sickergrube angekommen, legten und verbanden Plastikrohre von der Grube bis unter das Haus, das auf Holzpfosten stand, etwa ein Meter ĂŒber dem Boden.
Mittagspause.
Sie setzten sich in den Schatten neben dem Bierkasten, in dem schon viele leere Flaschen standen. Es war ja ziemlich heiß gewesen, sie hatten tĂŒchtig gearbeitet, auch ZĂ€sar hatte sich nicht schlecht angestellt, man musste ihm nur genau sagen, was zu machen war. Sie aßen, was sie mitgebracht hatten und tranken Bier.
RĂŒdiger packte seinen Rucksack aus, holte Bauernbrot und ein StĂŒck Speck raus und fing an zu essen.
Misstrauisch schaute er auf Cesars Vesper, Toastbrot mit KĂ€se, ein Apfel.

„Sag mal Bub, was studierst du eigentlich?“
„Philosophie.“
„Und um was geht es da?“
„Wir studieren, was Menschen frĂŒher einmal ĂŒber das Leben gedacht haben, wie man leben soll. Das hat die Menschen schon immer beschĂ€ftigt, schon vor 2500 Jahren haben noch heute berĂŒhmte MĂ€nner ihre Gedanken aufgeschrieben.“
„Das ist doch alles klar, die damals haben auch nichts anderes gedacht als wir heute, reine Zeitverschwendung so was zu studieren.“
-
Das war nun schon der zweite Student, mit dem er arbeitete, dachte RĂŒdiger. Der VorgĂ€nger von ZĂ€sar hatte viel Unsinn geredet und wenig gearbeitet.
Bei einer Kloinstallation hatte der ihm doch tatsĂ€chlich einen wirren Vortrag ĂŒber die Geschichte des SpĂŒlklosetts gehalten.
„Kulturgeschichte des Abtritts“ hatte er seine AusfĂŒhrungen genannt, dass die vor langer Zeit Backe an Backe gesessen, sich beim Kacken unterhalten hĂ€tten, das sei aber nur in StĂ€dten passiert.
Auf dem Land sei alles flĂ€chendeckend zugeschissen worden, man schiss aus Erkern von Burgen, Hausfenstern, in Kommoden, in FlĂŒsse, GrĂ€ben und Löcher.
Man reinigte sich mit Stroh, BlÀttern, Maiskolben oder mit einer hölzernen Schaufel.
Adlige nahmen WolltĂŒcher und in Russland sogar HĂ€lse von GĂ€nsen.
Dann wurde von einem EnglĂ€nder das SpĂŒlklosett erfunden, ein Deutscher erfand die Klopapierrolle, ein EnglĂ€nder experimentierte an einem geruchlosen Klosett mit Sprengstoff, verlor dabei zuerst seinen Hund, dann sein DienstmĂ€dchen, schließlich sein Haus und zuletzt sein Leben.
Was Studenten heute alles lernten!

Nach der Mittagspause gingen sie ins Haus und kamen mit der KloschĂŒssel ins Bad. RĂŒdiger dachte scharf nach, ĂŒberlegte lĂ€ngere Zeit, an welcher Stelle sie hier die KloschĂŒssel montieren sollten. Es wĂŒrde ziemlich eng werden, meinte er, direkt neben dem Waschbecken sei der beste Platz, man könne dann zwar die BadtĂŒr nicht mehr ganz öffnen, je nach Statur musste man sich vielleicht etwas durchquetschen.
DafĂŒr hĂ€tte der Lehrer einen großen Vorteil, wenn es ihm einmal nicht so gut gehe, könne er sich gleichzeitig nach vorne und nach hinten entleeren, ohne das Bad zu versauen, sagte er zu Cesar.
Der schaute etwas merkwĂŒrdig drein, brachte dann aber die StichsĂ€ge. RĂŒdiger sĂ€gte ein Loch in den Holzboden.
Die KloschĂŒssel wurde am Boden verschraubt und mit Brille und Deckel versehen. Nun musste nur noch alles mit den Plastikrohren verbunden werden. Die Zuleitung an die Wasserleitung konnte man an einem anderen Tag machen. Es war ja nun auch ziemlich spĂ€t. Bier war auch nicht mehr da.
Cesar musste einen Eimer Wasser ins Klo gießen, es lief ab. „Du siehst also, ich hatte recht, FlĂŒssigkeiten laufen immer bergab“, rief RĂŒdiger fröhlich.
Sie quetschten sich dann durch die BadtĂŒr und kamen so auf den Flur.
Sie machten noch schnell einen Rundgang durch das Haus. KĂŒche, Wohn-Esszimmer und Schlafzimmer, aber keine BĂŒcher waren da. RĂŒdiger sagte, er habe immer gehört, Lehrer wĂŒrden viel lesen, das stimme also auch nicht.
Sie luden die Werkzeuge und ĂŒbrigen Rohre wieder auf den Wagen. RĂŒdiger schlug die HaustĂŒr zu, sie hing zwar etwas schief, aber war geschlossen. RĂŒdiger holte den Bierkasten mit den leeren Flaschen und lud ihn auch auf.
Beim BĂŒcken war ihm der Zettel mit der Adresse aus der Brusttasche gefallen, Cesar hob ihn auf, schaute drauf und sagte: „Irgendetwas ist hier falsch, da steht nicht 36 sondern 63 drauf.










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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

Version vom 23. 07. 2010 16:09
Version vom 24. 07. 2010 14:38

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