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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nur ein Traum?
Eingestellt am 04. 11. 2003 19:57


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joachim
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2003

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Dort kommt sie, dachte er und strahlte. Pünktlich wie jeden Morgen. Und wieder zum Anbeißen hübsch. Trotz seiner dunklen Hautfarbe konnte man erkennen, dass Blanco rot bis über beide Ohren wurde.
Er hatte sich sofort in dieses zierliche rothaarige Mädchen mit den warmen braunen Augen verliebt, als er sie vor einer Woche zum ersten Mal ins Restaurant hatte kommen sehen. Wie versteinert hatte er sie mit weit aufgerissenen Augen angestarrt und fast vergessen, den Mund wieder zu schließen.
Leider hatte sie nicht in seinem Revier Platz genommen, aber allein ihr Anblick hatte ihn den Rest des Abends wie auf Watte gehen lassen.
Wie in Trance war er schließlich, kurz nach elf, als er endlich Feierabend hatte, in sein karges Zimmer im etwas abseits gelegenen Personalgebäude des Hotels geeilt, das er mit drei anderen Kellnern teilte: mit Juan Carlos, einem Casanova, vor dem kein Rock sicher war; mit Enrique, dem Bücherwurm, der davon träumte, irgendwann einmal in den USA oder in Europa studieren zu dürfen; und mit Claudio, dem einzigen Weißen in ihrem Quartett, einem blassen Dominikaner irischer Abstammung.
Trotz seines knurrenden Magens hatte er darauf verzichtet, noch etwas zu essen und sich so, wie er war, auf sein Bett geworfen, die Augen geschlossen und von ihr zu träumen begonnen ...
Im Traum hatte sie ihn gebeten, einen Strandbummel mit ihr zu unternehmen. Voll Freude hatte er ja gesagt, und sie waren Hand in Hand und barfuß durch den weichen Sand spaziert, fasziniert von dem klaren und unendlich weiten Sternenhimmel, hatten den aufgehenden Mond bewundert und seine glitzernde Reflexion auf dem spiegelglatten Meer. Als dann eine Sternschnuppe herabgefallen und am Horizont verglüht war, hatte er sich gewünscht, dass ihn diese weiche Hand nie mehr loslassen und dass dieses zarte Mädchen nie mehr von ihm gehen würde.
Sie waren weiter gegangen, immer weiter, und das noch warme Wasser hatte ihre Füße umschmeichelt. Dann, ganz langsam, war es am Horizont heller geworden, bis endlich der glutrote Ball der Sonne mächtig und wie in Zeitlupe aus dem Meer hervorgestiegen war. Fröstelnd hatten sie den ersten Windhauch des Morgens wahrgenommen. Doch die rasch aufsteigende Sonne hatte sie schnell erwärmt.
Erschöpft von der langen Nacht waren sie in den Sand gesunken und bald eng umschlungen eingeschlafen ...
Das schrille Klingeln seines Weckers und das Rumoren seiner drei Zimmergenossen hatten ihn am nächsten Morgen laut und unsanft aus Traum und Schlaf in die rauhe Wirklichkeit zurückgerissen.
Irritiert blinzelnd hatte er sich aufgerichtet und seufzend festgestellt, dass er sich – leider – noch immer in diesem Zimmer mit den zwei doppelstöckigen Betten befand, die kaum etwas mehr als einen Meter auseinander standen; mit den vier schmalen Schränken – in einem von ihnen war all sein Hab und Gut verstaut – dem kleinen Waschbecken in der Ecke neben der Tür; und dem schmalen vergitterten Fenster, durch das man auf die Kläranlage des Hotels blickte. Keine erhebende Aussicht, wenn man aufwacht.
Rasch hatte er sich frisch gemacht, seine zum Glück gerade am Vortag aus der Hotelwäscherei zurückerhaltene zweite Uniform angezogen und war schnellen Schrittes zum Hotel hinüber geeilt, um seinen Dienst anzutreten.
Warum nur bin ich auf dieser gottverdammten Insel geboren, hatte er gedacht, wo es zwar Palmen und Meer und viel Sonne gab, aber noch viel mehr Armut und Elend. Wo ein junger Mann wie ich, gerade zwanzig Jahre alt, Mutter und Oma und Schwester und sogar deren Baby ernähren musste. Warum bin ich nicht in den USA geboren? Oder wenigstens auf einer dieser Inseln, die unter britischer oder französischer Herrschaft oder der der USA stehen und auf denen sich gut Geld verdienen lässt? Jedenfalls hatten das jene seiner Freunde berichtet, die schon einmal dort gearbeitet hatten und nach ein, zwei Jahren wieder in ihr Dorf zurückgekehrt waren.
Klopfenden Herzens hatte er an diesem ersten Morgen auf sie gewartet, und als sie dann endlich erschienen war und sogar in seinem Revier Platz genommen hatte, hatte er all seinen Mut zusammennehmen müssen, um sie anzusprechen und nach ihren Wünschen zu fragen.
Sie hatte ihn angelächelt und in holprigem Spanisch geantwortet: „Café con leche, por favor. Y un ... un agua sin gas, si es possible.“
„Gerne, ja, es ist möglich“, hatte er verlegen, aber in ziemlich gutem Deutsch geantwortet, „eine Milchkaffee und eine Wasser sin Gas.“
In dieser ersten Woche hatte er sich nicht getraut, mehr als die üblichen Höflichkeitsfloskeln mit ihr auszutauschen, wenn er sie bei den Mahlzeiten bediente. Umso mehr hatte er sie im Stillen beobachtet. War verzaubert von ihrer stets fröhlichen und freundlichen Art, wenn sie zum Frühstück im Restaurant erschien. Hatte beim Mittagsbuffet im „La Piscina“, dem offenen Restaurant am Pool, ihre weiblich ausgeprägte Figur bewundert, und war fasziniert von ihrer Grazie, wenn sie sich, anders als ein Großteil der Gäste, zum Abendessen in angemessener Garderobe einfand.
Gleich am ersten Tag war ihm ihr Gesicht irgendwie bekannt vorgekommen und er hatte gegrübelt, wo er sie schon einmal gesehen haben konnte. Er musste sie schon einmal getroffen haben, da war er sicher, nur, er kam nicht drauf, wann und wo, so sehr er sich auch anstrengte.
Außerdem war ihm aufgefallen, dass sie ihrerseits in den letzten Tagen immer darauf achtete, einen Tisch in seinem Revier zu ergattern. Das hatte ihn freudig gestimmt und die Hoffnung in ihm erzeugt, dass er ihr ebenfalls nicht ganz egal war.
Auch heute, am Beginn ihrer zweiten Urlaubswoche, trug sie, wie jeden Morgen, ein buntes kurzes Sommerkleidchen, unter dem hin und wieder ihr goldgelber Bikini vorwitzig hervorlugte. Ihr langer roter Pferdeschwanz stand in schönem Kontrast zu ihrer bereits leicht gebräunten Haut.
Blanco stand da wie versteinert und konnte sich nicht satt sehen an ihr. Heute werde ich sie fragen, dachte er, heute muss es sein, Santa María, hilf mir, dass ich den Mut habe und sie frage, ob sie morgen oder übermorgen, an meinen freien Tagen, einen Ausflug mit mir unternehmen will. Ich könnte ihr so viel zeigen von meiner Heimat, so viel Schönes. Santo Domingo zum Beispiel mit seiner einzigartigen historischen Altstadt und der ersten Kathedrale auf amerikanischem Boden; oder die neue, moderne Kathedrale in Higüey, die der Papst gesegnet hatte; oder auch Altos de Chavón, dieses idyllische Künstlerdorf hoch oben über dem geheimnisvollen Fluss Chavón, der schon Filmen wie „Apocalypse Now“ als Kulisse gedient hatte; oder vielleicht könnte ich mit ihr eine Fahrt auf diesem Fluss machen, eine Fahrt mit dem Raddampfer, ja, das wäre romantisch, da würden sie sich bestimmt näher kommen.
Doch zuerst wollte er ihre Bestellung aufnehmen und wartete, bis sie an einem freien Tisch Platz genommen hatte. „Buenos días, Señorita Margarete“, sie kannten inzwischen gegenseitig ihre Namen, „qué tal, wie geht es Ihnen heute?“
„Hola, Blanco!“ antwortete sie, und ihr warmherziges Lächeln ließ ihn auf der Stelle dahinschmelzen, „muy bien, gracias! Mir geht‘s gut! Y usted, cómo está? Wie geht es Ihnen?“
Madre de Dios, dachte er, wenn du wüsstest, wie du mein Innerstes aufwühlst. Statt dessen fragte er nur: „Café con leche, wie immer, Señorita?“
„Si, claro! Milchkaffee, por favor. Como siempre“, nickte sie und Blanco verschwand, das Bestellte zu holen.
Santa María, gib mir Mut, flehte er, und hilf mir, dieses wundervolle Mädchen zu gewinnen. Doch auf dem Rückweg zu Margaretes Tisch schalt er sich einen Narren und dachte: wie kannst du nur so einfältig sein und glauben, diese Fee aus der anderen, der Weißen Welt, würde sich mit dir armem farbigen Würstchen abgeben? Bist du größenwahnsinnig, Blanco?
Zwei Mal setzte er an, als er ihr den Kaffee und die Milch eingoss, und zwei Mal verließ ihn im letzten Moment der Mut. Wütend über sich selbst stapfte er mit finsterem Gesicht davon. Brachte ihr noch ein weiteres Mal Kaffee und Milch, aber auch da hing ihm das Herz in der Hose und er traute sich nicht, sie anzusprechen. Nun gut, seufzte er, dann muss ich es eben beim Mittagsbuffet versuchen.
Aber auch diese Gelegenheit ließ er ungenutzt verstreichen. Schalt sich einen Feigling, einen Schlappschwanz, einen Hosenscheißer! Hijo de puta! Qué maricón! Ihm kamen die Tränen vor Wut über sich selbst. Jetzt blieb ihm nur noch das Abendbuffet als letzte Möglichkeit.
Doch am Abend wartete er vergebens auf Margarete. Unruhig schaute er immer wieder hinüber zum Eingang des Restaurants, durch den sie jeden Augenblick kommen musste. Gleich wird sie mit strahlendem Lächeln hereinschweben und ihn bitten, ihr einen freien Tisch zuzuweisen, beruhigte er sich.
Als aber die Uhrzeit, zu der sie üblicherweise das Restaurant betrat, kurz stehenblieb, sich nach ihm umschaute und dann zielstrebig auf sein Revier zugesteuert kam, längst überschritten war, begann Blanco, sich zu sorgen.
Viertel vor Zehn. In fünfzehn Minuten wird das Restaurant geschlossen, schoss es ihm durch den Kopf. Ihr wird doch, Madre de Dios, nichts passiert sein! Ob sie krank war? Vielleicht hatte sie ja irgendetwas nicht vertragen, das kam bei Gästen manchmal vor, und lag nun mit Magenkrämpfen im Bett. Oder sie brauchte einen Arzt, oder musste ins Krankenhaus, oder ...
Schweigend und in sich gekehrt räumte er mit Ramón, seinem Hilfskellner, das Revier ab und deckte für das Frühstück neu ein. „Qué pasa, Blanco, was ist los mit dir?“ rief ihm Juan Carlos, der Casanova, zu, als der letzte Gast gegangen war, „hast du Liebeskummer oder was?“
Aber Blanco, der diese letzten Minuten sonst immer übermütig mit seinen Kollegen herumalberte, war heute nicht in der Stimmung für Scherze. Wortlos beendete er seine Arbeit, ging hinüber zu seinem Zimmer im Personalgebäude, zog sich um, nahm einen Beutel aus seinem Schrank, stopfte ein paar Sachen hinein und machte sich auf den Weg zu seinem Dorf.
Cabeza de Toro lag nur knapp dreißig Gehminuten vom Hotel entfernt unter hohen Kokospalmen. Auf seinem Weg dorthin kam Blanco an drei weiteren Hotel-Resorts vorbei, und unmittelbar nach dem dritten, hinter einer Abschottung aus Palmwedeln, begann sein Dorf. Noch vor wenigen Jahren eine homogene Ansammlung karibisch-bunter Holzhütten von durchaus idyllischem Charakter, zerfiel es mehr und mehr; die ehemals weichen Sandwege waren „Straßen“ aus Bauschutt und Abfällen gewichen, und immer mehr angefangene und nicht zu Ende gebaute graue Betonskelette verschandelten das Bild.
Schon zwei Mal hatte das Dorf den sich unaufhaltsam ausbreitenden Hotelanlagen weichen müssen. Die Bewohner waren, ohne gefragt zu werden, umgesiedelt worden. Und auch seine jetzigen Tage schienen gezählt zu sein. Die Dorfgemeinschaft, einst von Zusammenhalt geprägt, zerfiel immer mehr. Drogen, Prostitution und andere Kriminalität hatten bereits Einzug gehalten.
Der Rest seiner Familie schlief schon, als Blanco die Hütte betrat, die wie die meisten hier aus einem Aufenthaltsraum mit Kochecke und einem gemeinsamen Schlafraum für alle bestand. Das war ihm ganz recht, denn so musste er niemandem Rechenschaft über seine bedrückte Stimmung geben. Mama schnarchte, wie meistens, und zusammen mit Omas leise pfeifendem Atem und dem lasziven Stöhnen seiner Schwester war dies die gewohnte Geräuschkulisse, wenn er zwei Mal im Monat seine beiden freien Tage zu Hause verbrachte.
Nach unruhigem Schlaf, aus dem er immer wieder aufgewacht war und voll Sorge, aber auch Sehnsucht, an Margarete gedacht hatte, wachte er am nächsten Morgen erst sehr spät auf. Oma döste in ihrem alten, verschlissenen Sessel, das Baby auf dem Schoß; Mama klapperte in der Kochecke mit Schüsseln und seine Schwester war wie immer schon auf Achse. Kein Wunder, dass sie bereits mit dreizehn ihr erstes Kind bekommen hatte.
Fluchend sprang er aus dem Bett, eilte nach draußen, wusch und rasierte sich am Brunnen, kämmte sorgfältig sein Kraushaar, zog hastig seine beste Jeans und sein schönstes T-Shirt an, rief seiner Mutter ein „adiós mamá“ zu und rannte dann am Strand entlang Richtung Hotel.
Er kam gerade noch zurecht, als Margarete mit betrübter Miene das Restaurant verließ. Von Weitem machte er sich, ihr schüchtern zuwinkend, bemerkbar, und als sie ihn sah, hellten sich ihre Züge schlagartig auf.
Raschen Schrittes kam sie auf ihn zu. „Hola, Blanco!“ rief sie erfreut und strahlte über das ganze Gesicht, „ich hab Sie vermisst beim Frühstück. Qué pasa? Dachte schon, Sie seien vielleicht krank.“
„Hola, Señorita Margarete“, antwortete er zaghaft lächelnd, „dasselbe ich habe gedacht von Ihnen. Gut, dass ich Sie hier sehe gesund!“
„Claro, gesund und munter“, lachte sie, „hatte nur eine kleine Magenverstimmung gestern. Haben Sie denn heute keinen Dienst?“ wollte sie dann wissen.
„No! Heute und morgen ich habe freien Tage.“
„Oh, que bueno, wie schön“, freute sie sich und hakte sich bei ihm unter, „das ist ja wunderbar! Was machen Sie an Ihren freien Tagen?“
„Hm, nix Besonderes“, wich er aus, „oft es gibt etwas zu reparieren an unsere casita, unsere Häuschen. Mein Dorf ist nicht weit weg von hier. Halbe Stunde zu gehen. Oder ich helfe meine Mutter oder ....“
„Und Ihr Vater?“ unterbrach sie ihn.
„Mi padre?“ lachte Blanco, „der ist schon vor vier Jahre weg nach Puerto Rico. Abgehaue. Hat da Arbeit und bestimmt auch una chica gefunden“, fügte er mit leicht bitterem Unterton hinzu, „schickt Mama manchmal ... eh, wie nennt man ‚rosas de plástico‘ auf Deutsch?“
„Plastikrosen? Er schickt ihr Blumen aus Plastik?“ staunte Margarete ungläubig. Inzwischen am Strand angekommen, war sie gerade im Begriff gewesen, ihr Kleidchen über den Kopf zu streifen. Jetzt aber hielt sie mitten in der Bewegung inne und starrte Blanco an, als ob sie sich nicht sicher wäre, ob er sich nun einen Scherz mit ihr erlaubt hatte oder nicht.
„Si, si, wir haben schon ganze Wand voll in unsere casita. Mama freut sich serrr über Rosen!“ berichtete er stolz und mit rollenden R‘s.
Margarete blieb stehen und streifte ihr buntes Sommerkleidchen ab. Hervor kam ihr goldgelber Bikini, der nicht allzuviel von ihrem wohlgeformten Körper verbarg. Sie war gut zehn Zentimeter kleiner als er, und bewundernd schaute sie auf seinen muskulösen Oberkörper und seine kräftigen Arme. Beides war ihr bis dato unter seiner Kellneruniform verborgen geblieben. Nun aber, unter dem eng anliegenden T-Shirt und der strammsitzenden Jeans sah sie plötzlich den Mann in Blanco, und nicht mehr den stets höflichen, zurückhaltenden und zuvorkommenden Kellner.
Eine seltsame Unruhe hatte sie befallen. Blanco. Blanco? Sie kannte mal ... Ja, aber das war schon lange her. Zehn Jahre. Und, viele hellhäutige Farbige wurden so gerufen. Aber irgendwie erinnerte sie dieses Gesicht an ... Nein, das konnte nicht sein. Das wäre ein zu großer Zufall. Das bildete sie sich jetzt nur ein. Allerdings ...? Nein! Hier war der Wunsch der Vater des Gedankens.
Jetzt war es an ihr, zu erröten, und sie spürte das Pochen ihres Herzens bis in den Hals hinauf. Verlegen schlug sie die Augen nieder. Beide hatten mittlerweile die Schuhe ausgezogen, gingen am Strand entlang und ließen ihre Füße von den ausrollenden Wellen umspielen.
„Wenn Sie heute frei haben“, begann sie nach einer Weile stockend, „dann könnten wir doch, vielleicht, gemeinsam ...?“
Blancos Herz machte einen Luftsprung. Er sah sich fast am Ziel seiner Träume, schloss die Augen und sog tief ihren frischen Duft ein, den er schon während der ganzen Woche genossen hatte, wenn er neben ihr gestanden und ihr ein Getränk nachgeschüttet hatte.
„Sagten Sie nicht eben, dass Ihr Dorf hier in der Nähe liegt?“ kam ihr plötzlich in den Sinn und sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Nun sagen Sie nur noch, dass es das Dorf da drüben ist“, rief sie aus und zeigte dabei in Richtung der Abschottung aus Palmwedeln, hinter der man schon die ersten Hütten und einige dieser typischen, mit blauer Plane bedeckten Verkaufsstände einheimischer Händler erkennen konnte. „Kommen Sie: ich möchte Ihr Dorf kennenlernen. Möchte sehen, wo Sie aufgewachsen sind. Und ich möchte, dass wir uns duzen!“ sagte sie dann resolut. „De acuerdo?“
Blanco schoss die Röte in den Kopf. Por amor de Dios! dachte er, um Gottes Willen! Und im nächsten Moment wurde sein Gesicht aschfahl. Nein, das war unmöglich. Einfach unmöglich! Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Sie, die aus der schönen Welt kam, aus der reichen Welt, wo die Menschen in palastähnlichen Häusern wohnten, jeder mindestens zwei Autos hatte, es keinen Hunger gab und keine Armut; sie, die ihren Urlaub in einer Hotelanlage verbringen konnte, wo eine Nacht soviel kostete wie er im ganzen Monat verdiente; diese Frau konnte er doch nicht in seine Welt aus Armut und Schmutz mitnehmen. Válgame Dios! Gott steh mir bei, wusste sie denn überhaupt, was sie da von ihm verlangte?
„De acuerdo, Blanco?“ hakte Margarete nach, „einverstanden?“
Oh, er kannte diese Welt. Sie hatten ihm Fotos gezeigt. Frühere Gäste. Fotos von ihren Häusern, von ihren Autos, ihren Jachten, hatten mit ihrem Geld geprahlt und an einem Abend an der Bar johlend soviel vertrunken, dass hier eine große Familie zwei Wochen hätte davon leben können.
„Si, de acuerdo, dass wir du sagen“, gab er ihrem Drängen nach, „aber nicht im Hotel, por favor. Ich bekomme große problemas, wenn ich zu Gast du sage und Chef von Restaurante hört das. Du kannst das, yo no.“ Verlegen hob er ein paar flache Kiesel auf und ließ sie gekonnt über die Wellen tanzen.
„Oh, selbstverständlich! Schade“ – Margarete hob die Schultern – „aber einverstanden, ich will natürlich nicht, das du Probleme bekommst!“
In der Hoffnung, sie von ihrem anderen Wunsch ablenken zu können, schlug er vor: „Warum nicht machen wir Ausflug? Ich kann Motorrad leihen von Freund. Und dann wir fahren, wohin du willst, und ...“
Sie aber ließ nicht locker. „Por favor, Blanco!“ unterbrach sie ihn, „ich würde wirklich gerne dein Dorf sehen. – Bitte!“ flehte sie, als sie seine abweisende Miene sah und legte ihre Hand sanft auf seinen Arm.
Ein wohliger Schauer rieselte Blanco über den Rücken. Seine Nacken- und Armhaare stellten sich auf, er schloss die Augen und genoss ihre Berührung. Diesen Augenblick wollte er für immer und ewig in seinem Gedächtnis festhalten, schwor er sich.
Dann fühlte er, wie sich ihre Hand in die seine schob. „Hör zu“, begann Margarete und zog ihn mit sich fort, „hör zu“, wiederholte sie eindringlich, „ich muss dein Dorf sehen! Unbedingt! Denn, ich habe einen grandiosen Verdacht. Und wenn sich der bewahrheitet ...“
Ohne auf sein Sträuben zu achten, zog sie ihn auf den Durchlass in der Abschottung zu und begann zu erzählen: „Ich war schon einmal hier in der República Dominicana, Blanco. Vor genau zehn Jahren mit meinen Eltern. Da war ich neun Jahre alt.“ Sie musste lachen, als sie an das kleine Pummelchen dachte, das sie gewesen war. „Wir machten damals Urlaub im Bávaro Beach Resort. An einem dieser Tage unternahmen wir mit einigen anderen eine Wanderung am Strand und kamen nach etwa zwei Stunden in ein Dorf. Es war“ – sie drehte sich einmal um die eigene Achse – „ja, es war fast so wie hier. Rechts ein kleiner Militärposten – so wie hier. Gegenüber, zum Strand hin, eine Hütte als Kneipe, bunt angestrichen, blau, weiß und rot – genau wie diese hier. Nur ist die da viel, viel größer als die in dem Dorf, das ich meine ...“
„Ja“, unterbrach sie Blanco, „die auch war früher kleiner.“
„Die war kleiner? Oh Mann, dann ist ja vielleicht doch ...?“ Margarete drehte sich langsam im Kreise und schaute sich genau um. „Nun, aber mehr Hütten gab es in dem Dorf, und die Palmen standen dichter als hier und ...“
Blanco unterbrach sie erneut: „Hat sich auch viel verändert hier, seit Hotels so nahe an Dorf gekommen sind.“
Sie waren jetzt stehengeblieben und Margarete schaute nachdenklich die Dorfstraße entlang. „Hm“, fuhr sie dann fort, “ich weiß noch wie heute, wie freundlich uns die Dorfbewohner empfangen haben. Unten am Strand, halb im Wasser, ich sehe es genau vor mir, waren Körbe mit lebenden Langusten drin. Da konnten sich die Erwachsenen welche aussuchen, die wurden dann für sie gekocht. Und während die mit den Dorfbewohnern aßen und tranken und feierten, streifte ich mit einer Horde Kinder durch das Dorf. Und ihr Anführer hieß“ – Margarete errötete – „hieß Blanco!“
Blanco nahm sie bei der Taille, hielt sie mit ausgestreckten Armen von sich und forschte einen Moment in ihrem Gesicht. Dann nickte er und grinste. „Ja, ich denke, ich weiß jetzt. Ihr habt Geschenke mitgebracht, ich glaube eh ... Kugelschreiber und kleine, wie sagt man? Bälle, ja, und ...“
„Und du hast aufgepasst, dass alles gerecht verteilt wurde!“ Jetzt mussten beide lachen.
„Ihr habt mir eure Schule gezeigt. Gibt‘s die noch?“
„Oh no, ist ... eh verbrannt. Gibt jetzt neue.“
„Abgebrannt? Ach, wie schade. Wir hatten viel Spaß, damals. Sind herumgetollt, durch‘s ganze Dorf. Und haben uns mit Händen und Füßen verständigt. Da konnte ich ja noch kein Spanisch. Erinnerst du dich?“
„Ja, jetzt ich erinnere. Und du bist ... du bist Greti“, stotterte Blanco und wurde knallrot, „mein erste gran amor!“ Schüchtern sah er sie von der Seite an.
Auch Margarete wurde nun verlegen, senkte ihren Kopf und bekannte: „Du warst auch meine erste große Liebe, Blanco, und ich habe viele Jahre an dich denken müssen. Habe mir immer wieder gewünscht, dich eines Tages wiederzusehen. Und jetzt ...“
„Jetzt wir haben uns wieder gefunde!“ strahlte Blanco, nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich auf den Mund. Margarete wurde ganz schwindelig von diesem zarten und dennoch festen Kuss und sie erwiderte ihn warm und innig.
„Zum Abschied, da hast du mir eine Blume geschenkt, weißt du noch?“ flüsterte sie dann und legte ihren Kopf an seine Brust.
Blanco aber fühlte sich wieder wie damals, als er zehn Jahre alt und der Anführer einer Horde Kinder gewesen war, der größte, der kräftigste, der lauteste. Aber auch der, der stets darauf geachtet hatte, dass alles gerecht zuging und nie einer seiner Freunde zu kurz kam.
„Ja, ich erinnere. Und du mir ein amuleto. Das ich habe immer bei mir.“ Dabei griff er in den Ausschnitt seines T-Shirts und zog ein Kettchen mit einem daranhängenden kleinen Amulett hervor, öffnete es und zeigte ihr das Bild darin.
Margarete schlug die Hand vor den Mund und erstickte den Freudenschrei, der sich aus ihrer Kehle lösen wollte. Fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und scherte sich kein bisschen um die gaffenden und johlenden Burschen, die um sie herum ihre Scherze trieben.
Hand in Hand gingen sie dann zum Strand hinunter, spazierten barfuß durch den weichen Sand und erzählten sich all das, was sich in zehn langen Jahren, tausende von Kilometern auseinander, in ihren Leben ereignet hatte.
Sie gingen und redeten, bis die Sonne als glutroter Ball hinter dem Meer versunken war. Betrachteten fasziniert den klaren und unendlich weiten Sternenhimmel, bewunderten den aufgehenden Mond und seine glitzernde Reflexion auf dem spiegelglatten Meer. Als dann eine Sternschnuppe herabfiel und am Horizont verglühte, wünschten sie sich beide, ohne es dem anderen zu verraten, dass sie sich nie mehr trennen müssten.
Sie gingen weiter, immer weiter, und das noch warme Wasser umschmeichelte ihre Füße. Dann, ganz langsam, wurde es am Horizont heller, bis endlich der glutrote Ball der Sonne mächtig und wie in Zeitlupe aus dem Meer hervorstieg. Fröstelnd nahmen sie den ersten Windhauch des Morgens wahr. Doch die rasch aufsteigende Sonne erwärmte sie schnell.
Erschöpft von der langen Nacht sanken sie in den Sand und schliefen eng umschlungen ein.







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Rainer
???
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hallo joachim,

willkommen in grünland und dir eine schöne zeit bei uns.


zum text:
gefällt mir gut, schön aufgebaut, die pointe nicht ganz am schluss - aber das ist ja bei kurzgeschichten nicht pflicht.

reine geschmackssache ist dagegen dein stil.
es ist mir alles zu schwarz/weiß gezeichnet: so ein edler mensch aber auch .
ich wünsche mir etwas mehr realitätsnähe, aber das ist die frage, welches zielpublikum du ansprechen willst - die form ist leserkompatibel.

viele grüße

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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joachim
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2003

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Kommentare: 6
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Hallo, Rainer

erst mal danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, meine Geschichte zu lesen.
Zu schwarz/weiß? Nun "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" hab ich mal irgendwo gelesen.
Spaß beiseite: ja, ist sehr schwarz/weiß gestrickt. Sollte aber auch so sein:ein Märchen für die, die so etwas mögen, ohne sozialkritischen oder weltanschaulichen oder sonstwas für einen Anspruch. Ein glattes, leichtes Märchen eben.
Ich werde aus dem Thema im nächsten Jahr einen Roman machen, und da kommen dann all die Graustufen drin vor, die du dir hier gewünscht hast. (Und die dann auch unbedingt erforderlich sind). Mit Nebenhandlungen und Zweifeln und Antagonisten und so weiter.
Aber dennoch danke, freue mich über jede (!) Kritik.
Gruß joachim

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