Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92265
Momentan online:
623 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Nur ein Traum
Eingestellt am 04. 05. 2004 20:28


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
yuki
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2004

Werke: 4
Kommentare: 7
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um yuki eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Nur ein Traum

Es war Hochsommer und ich hatte seit einem Monat keine Finger mehr in meiner Wohnung ger├╝hrt. Sogar meine Freunde verhielten sich schon seltsam mir gegen├╝ber, wenn sie mich ab und zu besuchten. Verst├Ąndlicherweise, eine M├╝llhalde h├Ątte n├Ąmlich nicht anders ausgesehen. Essen schmei├če ich zwar immer weg, aber alles andere, Papierkram, B├╝cher, CD┬┤s, Zeitschriften, meine Notizen und sonstiges Zeug, lagen quer und ├╝bereinander wie an die K├╝ste gesp├╝lte Erd├Âlklumpen. Ich wei├č nicht, wie es pl├Âtzlich gekommen war, aber seit einem Monat hatte mich eine unsagbare Faulheit ├╝berkommen, die ich niemandem, mir schon garnicht, richtig erkl├Ąren konnte. Ich hatte problemlos meine Arbeit im Cateringservice gek├╝ndigt, f├╝r die sicher mehr als genug Studenten zum Nachr├╝cken bereit standen, und mich eines sch├Ânen Morgens in meinen vier W├Ąnden verkrochen. Dort tat ich die ganze Zeit in etwas dieselben drei Dinge, je nach Tagesform in anderen Variationen- ich las, h├Ârte Musik und surfte im Internet. Meine Unlust der pflichtbeladenen Welt gegen├╝ber war be├Ąngstigend, gab mir aber auch irgendwie Kraft. Ich tat was mir in den Sinn kam und hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. Ich brauchte das. Ich wollte einfach einmal auf alles pfeifen und mich voll und ganz der Mu├če hingeben, dieser Freiheit Nein zu sagen auch wenn die Entscheidung alles andere als vern├╝nftig war. Ich geno├č die Freiheit des Nichtstuns in meinem trauten Heim, lie├č mich treiben und verlie├č das Haus h├Âchstens nachts wenn die Hitze des Tages nachgelassen hatte, die mir genauso unertr├Ąglich schien, wie die Au├čenwelt. Manchmal machte ich mich auch schwitzend am hellichten Tag auf den Weg, allerdings nur wenn mir die Grundnahrungsmittel, also Eis und Eistee ausgingen. Am sch├Ânsten waren die Stunden vor Sonnenuntergang, wenn das goldene D├Ąmmerlicht durch meine nach oben gekippten Jalousien ins Wohnzimmer fiel und ich mich mit einer Packung Schoko-Nuss-Eis und einem riesigen Glas Eistee inmitten meines Chaos ausstreckte und dort meine n├Ąchtlichen Aktivit├Ąten plante. Damit war gemeint, nach welchen Thema ich im Internet recherchieren wollte. Ich hatte es mir n├Ąmlich zu Angewohnheit gemacht, wenn ich schon sonst die Welt mied, mich jede Nacht ├╝ber Dinge klug zu machen, von denen ich sonst keine Ahnung h├Ątte. Die Informationen verarbeitete ich dann ├╝ber Tag und Nacht verteilt in meinen Gedanken und Tr├Ąumen, wenn ich mir zum Beispiel morgens die Z├Ąhne putzte, Wasser f├╝r den Kaffe aufstellte, wenn ich beim Lesen m├╝de wurde und in Gedanken davontrickerte und nat├╝rlich bei meinem t├Ąglichen Sp├Ątnachmittagsritual mit Eis und Eistee und den goldenen Lichtstreifen der Jalousiespalten auf meinem K├Ârper. Dadurch da├č meine Fantasie flexibler wurde, f├╝hlt ich mich unheimlich ausgef├╝llt, konnte die Pausen, in denen ich wieder in mein isoliertes Wohnungsleben zur├╝ckkehrte um so mehr genie├čen. Ich fragte mich wie viele Leben man im Laufe eines Lebens denn kennenlernen konnte. War die geistige Dimension unseres Daseins nicht genauso real wie die physische? Und ├╝bertraf sie letztere nicht vielleicht sogar an Authentizit├Ąt? So viele Menschen schleppen ihr physisches Leben lang Tr├Ąume in sich herum, die sie oft nicht einmal wirklich wahrnehmen, die aber im Grunde ihre eigentliche Bestimmung darstellen. Man lebt und tr├Ągt sein eigentliches Leben in sich, ohne da├č es sich je entfalten k├Ânnte. Das brachte mich darauf mich zu fragen, ob es vielleicht einen Bereich unseres Seins gibt in dem unsere ungelebten Bestimmungen evoluieren wie ein verstecktes Leben, dessen Existenz wir nur in ganz seltenen Momenten erahnen, eine Art Motor des Schicksals, der uns immer wieder auf Hinweise zutreibt wie unser Leben eigentlich gelebt werden sollte, wer wir im Grunde genommen sind. Ich l├Âffelte an meinem Schoko-Nuss-Eis. Immer wieder tauchte mein alter Babyl├Âffel mit rosafarbenem Griff langsam in die weichkalte Masse. Der L├Âffel war zwar etwas klein und ich a├č eigentlich lieber mit gro├čen L├Âffeln Eis, aber er war der einzige der das Eis in halbkugelform aus der Packung schabte und das war ein Genuss f├╝r sich. Zwischendurch nahm ich ein paar kr├Ąftige Schluck Eistee. Ich mochte den Glanz der Eisw├╝rfel und wie sie sich im Glas aneinander dr├Ąngten w├Ąhrend das goldenen Licht durch die Jalousien drang und sich in ihre kleinen Hohlr├Ąume schmiegte, sie mit leuchtendem Arm durchzog und sich wieder zur├╝ckzog sobald ich das Glas in eine andere Position brachte.

Jeden Tag vollzog sich dasselbe Ritual: Das Surren des Computers nachdem ich den ovalen Startknopf gedr├╝ckt hatte, die kratzenden Ger├Ąusche im inneren des Ger├Ąts, das kurze Knistern wenn die Startseite heraufgefahren war, das Klicken der Maus, ihr Reiben auf der grauen Plastikunterlage-Klick, Klick. Wie das Ticken einer Uhr, wie die Zeit, die durchs Leben flie├čt, flo├č ich mittels Mausklick durch fremde Welten auf der Suche nach der Realit├Ąt, die dahinter lag, jenseits des Flimmerns des Bildschirms, irgendwo in der Ferne, atmend, ruhend, vergessen, benutzt, sich ver├Ąndernd, tot, in Buchstaben gefa├čt, Mumien der Geschichte und des Lebens, in elektronische Impulse verwandelt , ein gratis Spaziergang durch die Grabkammern der Pharaonen. W├Ąhrend ich in k├╝nstliches Licht getaucht vor dem Bildschirm sa├č, gab es Momente in denen ein Ekelgef├╝hl in mir aufstieg, ich mich nutzlos und alles als sinnlos empfand. Selbst das goldene Nachmittagslicht schaffte es dann nicht meine Lebensfreude zu wecken, im GegenteilÔÇöalles Sch├Âne versenkte mein Empfinden in einen Sumpf der Bedeutungslosigkeit, deprimierte mich, weil ich dachte die Welt nie so wahrnehmen zu k├Ânnen wie ich es mir schuldig warÔÇöin aller Intensit├Ąt, in mich aufnehmend, gelassen, ohne zu urteilen, ohne daran zu denken, da├č ich gerade einen sch├Ânen Moment erlebte, nur F├╝hlen, ohne Augen, mit den Augen des Moments, ohne Angst vor seiner Fl├╝chtigkeit. Das Wissen um die Fl├╝chtigkeit aller Dinge bremste mich oft, meistens wenn etwas offensichtlich sch├Ân war, ein Moment zu perfekt, als das er wirklich sein konnte. Hinter allem lauert das Ende, und dieses Wissen hinderte mich oft daran etwas vollkommen zu genie├čen. ÔÇ×Zu gutÔÇť war immer bereits der Gipfel, und der Gipfel das Ende.

So verbrachte ich die Tage, abwechselnd zufrieden in meine stille Rebellion versunken oder mich und die Welt anzweifelnd, Tage an denen mir das Chaos des Lebens noch wilder und willk├╝rlicher erschien, als in den Momenten in denen ich noch selbst daran teilgenommen hatte.

Irgendwann in der zweiten Woche meines Urlaubs zuhause, ich glaube es war Freitag, jedenfalls war es unertr├Ąglich hei├č und einer jener Abende an denen die Sonne sich weigern zu schien den Himmel zu verlassen, legte ich mich auf ein Nickerchen hin und war kurz darauf in einen bleischweren und orkangetr├Ąnkten Traumnebel gesunken wie ich es schon lange nicht erlebt hatte. Die Bilder, die mir mein Unterbewu├čtsein bescherten, waren wirklich von filmhafter Qualit├Ąt: Ich befand mich auf einer Insel, an einem sehr fernen Ort, das Meer war aufgepeitscht und tiefblau, Sturm tobte, gr├╝ner Tang waberte auf den Schaumkronen der Wellen. An die Handlung erinnerte ich mich danach nur verschwommen, das einpr├Ągsamste Gef├╝hl daran war , das der Traum mich zu rufen schien, und das hatte nichts mit seiner Handlung zu tun, es war etwas , das hinter den Bildern lag, in den Farben und der bleiernen Schwere, die mich im Zustand des Halbbewu├čtseins halten wollte. Ich wachte w├Ąhrenddessen sogar zweimal auf weil mein Handy neben dem Kissen l├Ąutete, aber der Ruf des Traums legte sich um mein Gehirn wie ein Polyp der an meinem Bewu├čtsein saugte und zog und mich vollkommen schlapp und ausgelaugt in den Wachzustand entlie├č. Irgendetwas an der Macht jener anderen Seite der Realit├Ąt hatte mich aufgew├╝hlt, wie ein Miniatur-Ozean taumelte ich in die K├╝che und sah nach, ob ich noch eine Dose Tonic im K├╝hlschrank hatte. Ich fand eine halbleere Dose, in die ich zum Gl├╝ck eine L├Âffel gesteckt hatte, um zu verhindern da├č das Getr├Ąnk die Kohlens├Ąure verlor ( halbbenommen dachte ich, da├č ich nicht einmal wu├čte welcher physikalische Proze├č sich dahinter verbarg. Spielte es eine Rolle ob ich wu├čte was dahinter steckte? Ich f├╝hlte mich ein wenig wie ein falscher Professor, der so tut als ob und in Wahrheit keine Ahnung hat). Als ich die Dose aus dem K├╝hlschrank zog , landeten gleichzeitig ein paar eingeschrumpelte Karotten auf dem K├╝chenboden (und erinnerten mich daran, da├č ich au├čer Eis noch ges├╝ndere Nahrungsmittel zu mir nehmen wollte). Ich lie├č sie liegen wo sie waren. Zuerst brauchte ich einen Drink. Der Gin war zum Gl├╝ck noch nicht ganz eingefroren. Ich hatte ihn in der Fr├╝h im Supermarkt gekauft und vor meinem Nickerchen ins Gefrierfach gestellt um ihn sp├Ąter sch├Ân kalt zu haben (als ob ich den Traum geahnt h├Ątte) und ihn dann dort vergessen. Ich dr├╝ckte drei Eisw├╝rfel aus dem wei├čen Plastikbeh├Ąlter, lie├č sie in ein Weinglas plumpsen (alle anderen Gl├Ąser waren dreckig), und go├č den Alkohol bis hautnah unter die Spitze der Eisw├╝rfel ein. Dann leerte ich den Rest Tonic dar├╝ber und setzte mich damit auf das K├╝chenfenster. Es war d├Ąmmrig geworden und ich betrachtete ruhig atmend die Szenerie. Das Bild das von drau├čen in mich drang war wundersch├Ân. Ein sichelf├Ârmiger Mond stand ├╝ber der Stadt, umgeben von rotorangenen Wolkenfetzen, die wie Tierzunge an seiner elfenbeinfarbenen Haut zu lecken schienen. Weiter oben, dort wo der Himmel schon etwas dunkler war blinkten blass ein paar Sterne, Sirenen t├Ânten, Die Stadt ergab sich dem monotonen Summen der Technik, der Lichter und Menschen, die ihr Blut waren, bereit ihrem Wirt eine weitere Freitag-Nacht rhythmisch die Venen zu durchpumpen. Ich war Teil dieses Abends, dieses Lebens. Der Alkohol umarmte mich, fl├╝sterte mir meine sonst so ferne Existenz ins Herz und pl├Âtzlich war alles so unertr├Ąglich lebendig, da├č die Verg├Ąnglichkeit der Dinge mich traf wie ein Dolch. W├Ąhrend sich mein Magen zusammenkrampfte, verf├Ąrbte sich das Bild vor meinen Augen mehr und mehr zu einem schwarzblauen Stadtposter, so wie jene die man als Tourist in fast allen St├Ądten unter dem Titel ÔÇ×CitylightsÔÇť oder ÔÇ×The city at nightÔÇť kaufen kann. Mit einiger M├╝he stand ich kurz auf und legte eine CD mit arabischer Zitarmusik auf, die mir ein verflossener Geliebter einmal geschenkt hatte. Ich setzte mich wieder und trank in kleinen genu├čvollen Schlucken das Glas leer. Obwohl die Zeit mit jenem Mann eine bedr├╝ckende Phase in meinem Leben zum Hintergrund hatte, die auch der Grund war, warum wir uns eigentlich ├╝berhaupt n├Ąher gekommen waren, sah ich die Woche die wir einst zusammen verbracht hatten nun r├╝ckblickend als das Bild einer tiefblauen Nacht voll Regen und Jasminduft. Er war auf Reisen gewesen, verarbeitete eine langj├Ąhrige Beziehung zu einer Frau die noch immer die Eine f├╝r ihn war, ohne da├č er sich ihretwegen jedoch anderen Begegnungen verschlossen h├Ątte. W├╝rde man mich fragen, ob ich verliebt war in ihn m├╝├čte ich mit nein antworten. In ihn selbst verliebte ich mich nicht, ich verliebte mich aber in sein Auftauchen in meinem Leben, in unsere erste Begegnung in einem kleinen Cafe mit dunkelbraunen Ledersitzen und gro├čen Glasscheiben aus denen man auf eine schmale mit buckligen Pflastersteinen bezogene Stra├če blickte. Daneben lag ein Comicgesch├Ąft, ein Laden in dem lange ein gr├╝ner Dinosaurier, eine Art Godzilla, die Auslage geschm├╝ckt hatte. Japanische Tanzsch├╝ler einer Flamencoschule, die sich auf der anderen Stra├čenseite befand, schlenderten lachend oder eilend durch mein Blickfeld. Wir waren beide Fremde, ich weniger als er, da ich den Ort bereits kannte, aber wenn ich heute daran zur├╝ckdenke, kommt es mir vor als ob wir uns am Ende der Welt begegnet w├Ąren. Ich sa├č bereits eine Weile in ein Selbsthilfebuch vertieft an einem Tisch neben den riesigen Glasscheiben, rauchte und trank einen kleinen, starken Kaffee. Als ich merkte, da├č sich jemand an den Tisch, der meinem gegen├╝berlag, gesetzt hatte, hob ich kurz den Blick. Er kramte in einer dunklen Ledertasche. Ich beobachtete ihn unauff├Ąllig, konzentrierte mich dann wieder auf mein Buch, und er begann mich ebenfalls zu beobachten. Seinem Aussehen nach war er Tourist. Ich bat ich ihn auf meine Tasche aufzupassen, w├Ąhrend ich mir an der Bar noch eine Kaffee holte. Nat├╝rlich sprach er mich dann an. Am n├ĄchstenTag gingen wir auf ein Flamenco-Konzert zu dem er zwei Tickets hatte. Er sah gut aus, ganz in schwarz, mit halblangen ebenfalls schwarzen gl├Ąnzenden Haar. Er war insgesamt nicht ganz mein Typ, aber ich hatte Vertrauen zu ihm, er wirkte beruhigend und tr├Âstend auf mich und so begleitete ich ihn sp├Ąter abends noch zu ihm nachhause. Er wohnte in einer Studentenresidenz, in einem zwei Zimmer Appartment im letzten Stock. Wir h├Ârten Musik und er spielte Gitarre. Dann begann es zu sch├╝tten. Mein Leben war beschissen zu dem Zeitpunkt. Ich war deprimiert. Ich wollte gehen und suchte verzweifelt nach N├Ąhe. Er begleitete mich hinunter und der Regen wurde st├Ąrker. Er bot mir an bei ihm zu ├╝bernachten, konnte mir leider keinen Schirm borgen ohne den ich sicher klitschnass zuhause angekommen w├Ąre (denselben Schirm, den ich ihm am n├Ąchsten Tag unter seinem Bett fand und ihm dann lachend unter die Nase hielt ). Also blieb ich, w├Ąhrend der Regen vom Dach prasselte, die ganze Nacht. Sp├Ąter sagte er mir, da├č mich in dem Cafe als er mich zum ersten Mal sah ein unglaublicher Glanz umgeben hatte. Er meinte es ehrlich und ich fand seine Worte sch├Ân.
Auf seltsam nat├╝rliche Weise war uns klar, da├č wir uns nicht ineinander verlieben w├╝rden, wir wu├čten von ersten Moment an, da├č wir f├╝reinander lediglich Orientierungspunkte sein w├╝rden, die uns helfen sollten in unserem gegenw├Ąrtigen Leben wieder ein paar Schritte zu uns selbst zur├╝ckzufinden. Zu uns selbst, unabh├Ąngig von anderen, genauso wie wir zusammen und doch immer der eine und der andere waren, kein Verschmelzen aus Liebe, keine Illusion, nur der richtige Zeitpunkt, Notwendigkeit, Bed├╝rftigkeit und ein zarter Schleier Romantik. Auf gewisse Weise brauchte ich ihn, um mich in dem schmerzhaft zerrenden Strudel in dem ich mich damals befand an jemandem festzuhalten. Er war ein St├╝ck Treibholz, das mich in jenen Tagen vorm Ertrinken rettete. Ich verliebte mich nicht in ihn selbst, wohl aber in die Momente in denen er in einsamen N├Ąchten mein Rettungsanker wurde, als ich ihn mitten in der Nacht anrief, im Wissen, da├č er noch wach sein und Gitarre spielen w├╝rde. Ich erinnere mich an sein selbstverst├Ąndliches ÔÇ×Sicher, komm r├╝berÔÇť am Telefon, an die Momente, um drei Uhr morgens in dem ebenerdigen Appartement im Inneren eines Patios, in das er kurz nach unserem ersten Treffen gezogen war, dampfende, wohlriechende Teetassen in der Hand, der Geruch des seifenartig riechenden Marihuanas, das er in einer Shampooflasche eingeschmuggelt hatte, das Hochbett auf dem wir uns verzweifelt liebten. Er wu├čte, da├č er der Trost eines anderen Mannes wegen war, er wu├čte es, weil auch ich eine ├Ąhnliche Art Trost war. Wir waren wie zwei Windstr├Âme, die in weiter H├Âhe nacheinander griffen, zusammen ein Gedicht erfanden, sich sekundenlang anblickten und dann davon zogen, ein paar Molek├╝le des anderen in unseren Taschen.

Ein Eisw├╝rfel rutschte mir auf die Nase. Das Leben ist so unglaublich seltsam, dachte ich. Vorher hatte ich getr├Ąumt, dann die Vergangenheit wiedererlebt, und jetzt war ich hier und konnte nicht sagen welche von all diesen Realit├Ąten Traum und welche Wirklichkeit war. Das Glas war leer, und ich beschlo├č etwas Flotteres aufzulegen, um mich wieder auf die gegenw├Ąrtige Seite des Lebens zu hieven. Gleich w├╝rde ich wie jede Nacht meine Internetreise antreten. Ich legte eine Acid-jazz Platte auf, go├č mir noch etwas Gin ins Glas, lie├č erneut Eisw├╝rfel in die transparente Fl├╝ssigkeit plumpsen und setze mich an meinen Computer. Irgendwann landete ich auf einer Seite, die sich mit Traumdeutung besch├Ąftigte. Man konnte sich auch Traumberichte durchlesen, die Leser eingeschickt hatten. Ich durchsuchte die Liste und ├Âffnete einen solchen Traumbericht. Der Computer surrte vor sich hin. Eine Sekunde sp├Ąter erschienen vor meinen Augen die ersten Zeilen eines anonymen Senders :

Nur ein Traum

ÔÇ× Es war Hochsommer und ich hatte seit einem Monat keinen Finger mehr in meiner Wohnung ger├╝hrt.........ÔÇť




Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


darkling
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2004

Werke: 3
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um darkling eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
nur ein traum

wie ich finde, ein sehr gelungener text.

Du schreibst pr├Ązise, geradlienig und verst├Ąndlich, verzichtest auf unn├Âtige Ausschm├╝ckungen und formulierst Gef├╝hlszust├Ąnde
geschickt und deutlich.(... So verbrachte ich die Tage, abwechselnd zufrieden...als in den Momenten in denen ich noch selbst daran teilgenommen hatte...)

Die Philosophie im Text finde ich auch sehr anregend.(z.B.: ...War die geistige Dimension unseres Daseins... - bis - ...wer wir im Grunde genommen sind...)

Ich kann mich gut mit deinem protagonisten identifizieren, da mir seine geschichte (oder sein lebenszustand) sehr vertraut sind.

Durchgehend spannende und interessante Beschreibungen (...Ich mochte den Glanz der Eisw├╝rfel... w├Ąhrend das goldene Licht... sich in ihre kleinen Hohlr├Ąume schmiegte,sie mit leuchtendem Arm durchzog...)

Ich habe das Lesen wirklich genossen.
__________________
in memoriam P.

Bearbeiten/Löschen    


yuki
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2004

Werke: 4
Kommentare: 7
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um yuki eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hi darkling,

danke f├╝r dein lob, freut mich, da├č du dich in die von meinem text vermittelte stimmung hineinversetzen konntest, im prinzip basiert das ganze ja wirklich eher auf einem bestimmten momentanen seinsgef├╝hl des erz├Ąhlers als auf der geschichte selbst,ich meine eine handlung gibt es in dem sinn nicht wirklich, das ganze sollte aber auch eher traumgleich dahinflie├čen. da├č man als leser das geschriebene gut versinnbildlichen kann, war mir sehr wichtig, eben gerade wegen der introvertierten und entr├╝ckten stimmung, die die tragende rolle spielt,

liebe gr├╝├če

yuki

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!