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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 08. 08. 2008 09:52


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LadyNycra
Autorenanwärter
Registriert: Aug 2008

Werke: 2
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Er öffnet die Augen. Es ist 6:00 Uhr. Trotz der frühen Stunde steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Es ist unerträglich warm. Sein Blick wandert über die mit grau-grüner Farbe gestrichene Zimmerdecke. Er sieht einen Wasserfleck. Er unterdrückt einen Seufzer. Er kann es sich nicht erlauben, schwach zu wirken. Nicht einmal hier. Nicht einmal alleine.

Sein rechter Arm wandert nach oben. Seine Fingernägel kratzen über den fast kahlen Schädel. Er legt seinen Arm über die Augen, blendet die Sonne aus, die durch das kleine Fenster bereits so früh herein scheint. Er sollte das nicht tun. Er weiß es. Doch heute ist er deprimiert. Er fühlt sich mies. Wie schon lange nicht mehr. Ein lauter Ton zeigt ihm an, dass er aufstehen muss. Es ist Zeit.

Müde hievt er seinen muskulösen Körper von der Matratze. Wie jeden Tag trägt er nur Boxer-Shorts und ein Tank-Top. In seinem Zimmer, das er seit drei Jahren bewohnt, ist es immer viel zu heiß und stickig. Das kleine Fenster bringt nicht viel frische Luft. Daher lohnt es sich nicht, mehr zu tragen.

Er füllt den Wasserkocher und stellt ihn an, gibt Instant-Kaffee in einen Becher und geht in die Mitte des kleinen Raumes. Er macht ein paar Liegestütze, ein paar Sit-ups. Während er sich auf und ab bewegt, wankt immer wieder die kleine Toilette, die nur von einem Gestell, an dem ein Vorhang hängt, verdeckt wird, auf und ab. Nach je 100 Wiederholungen gönnt er sich eine Pause. Sitzt wenige Minuten da, die Unterarme auf die angewinkelten Beine gestützt, den Kopf herabhängend.

Dann steht er auf, schlurft zu dem kleinen Waschbecken, direkt neben der Toilette. Sein Zuhause ist nur ca. 16 qm groß, grau-grün gestrichen: Eine Wohn-Schlaf-Bad-Kombi. Er hasst sie.

Er putzt sich die Zähne mit kurzen Bürstenstrichen, mechanisch. Dabei vermeidet er den Blick in den Spiegel. Er weiß, was er sehen wird: Einen Mann Mitte 40, kahler Schädel, breite Schultern, Muskeln und eine Tätowierung in Form einer Schlange. Seine Augen sind hellgrau, sein Gesicht kantig. Eine kleine Narbe am Kinn zeugt von einem kleinen Arbeitsunfall. Er spült sich den Mund aus, gurgelt, spuckt.Als er fertig ist, wäscht er sich kurz; nur eine Katzenwäsche, er wird heute Abend duschen. Aus einem Schrank holt er Brot und Marmelade, einen Teller. Das Wasser ist inzwischen heiß und er brüht sich den Kaffee auf. Schwarz, kein Zucker. Er schmiert das Brot, schneidet es in zwei Hälften. Sein Messer ist stumpf, genau wie sein Blick. Er kaut langsam, schluckt. Er trinkt, ohne auf die Hitze zu achten. Er verbrennt sich, doch es stört ihn nicht. Ein Blick auf die Uhr an der grau-grünen Wand zeigt ihm, dass sein Dienst in 10 Minuten beginnt. Er geht erneut zum Schrank und holt seine Kleidung daraus hervor. Rasch zieht er sich Unterwäsche und seinen Anzug an.

Das Klingeln schrillt laut in seinen Ohren. Er geht zur Tür, öffnet. Er grüßt den Mann davor und folgt ihm zu einem dunklen Wagen. Darin befindet sich ein weiterer Mann, der ihm kurz zunickt. Er erwidert das Nicken und steigt hinten ein. Die Fahrt dauert 20 Minuten. Nach der Ankunft in dem Bürogebäude, in dem er arbeitet, drückt man ihm seinen Arbeitsplan für heute in die Hand. Er liest ihn kurz durch. Er hat keine Fragen. Dann beginnt er mit seiner Arbeit. Worte sind nicht notwendig.

Um 17 Uhr wird er wieder abgeholt und nach Hause gebracht. Er muss sich beeilen, wenn er noch in die Bibliothek will. Einen Fernseher besitzt er nicht. Er hat Glück. Wie jeden Abend wird er auswärts essen. Zurück in seinem Zimmer beginnt er einen Brief zu schreiben. Sein Stift hält inne. Er weiß nicht, was er sagen soll. Sein Tag, seine Tage, sind immer gleich. Er ist einsam. Zum zweiten Mal an diesem Tage unterdrückt er einen Seufzer. Er legt den Stift weg, zieht sich – bis auf Unterhose und Tank-Top aus.

Es klopft kurz. Die Tür wird ohne eine Antwort abzuwarten geöffnet. Der Mann von heute Morgen steht im Zimmer. Sieht sich um.

„Ab heute bist du nicht mehr alleine, Müller!“

Er führt einen hageren Mann mit langer dünner Nase und schütterem blondem Haar in den Raum. Er trägt eine Brille. Kurz schüttelt er ihm die Hände, dann geht er wieder. Müller und der Fremde bleiben zurück.

Ein Neuer. Müller brummt kurz. So etwas kam hier öfter vor. Er wusste, dass der Mann wohl einige Zeit bei ihm wohnen würde. Also tritt er zu ihm, streckt die Hand aus und sagt:

„Hallo, mein Name ist Karl Müller. Ich bin seit drei Jahren hier. Werde wohl noch 10 bleiben müssen. Und Sie?“

Der Fremde reibt sich die Handgelenke, dort wo Handschellen in seine Haut geschnitten haben: „Manni Küpper. Hör zu, ich will keinen Ärger, ich will keine Unterhaltung, ich will nur meine Ruhe!“

In Ordnung. Damit kann Müller umgehen. Er weiß noch genau, wie es ist, hier neu zu sein. Man fühlt sich erdrückt von der Enge des kleinen Raumes. Die Angst in der Nacht, von den anderen angefasst zu werden. Die Gruppendusche. Die Gitterstäbe vor den Fenstern. Kein Ausgang. Kein Freigang. Jeden Tag das gleiche stupide Leben. Dasein fristen. Leben, ohne zu leben.

Ruhig setzt Müller sich auf seine Pritsche. Er zeigt mit der ausgestreckten Hand durch den Raum und brummt: „Fühl dich wie zuhause. Ich schlafe unten.“

Manni klettert nach oben. Die Matzratze quietscht, während er sich bequem hinlegt. Auch Müller legt sich zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Von oben hört er ein Geräusch. Er verzieht das Gesicht. Ein Neuer. Am Anfang weinten sie noch, aber wenn sie länger hier waren, verschwand auch dieses Gefühl. Auch für Küpper würde bald jeder Tag so eintönig und gleich sein, wie bei ihm … für die nächsten 10 Jahre.


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