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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nur eine Frage
Eingestellt am 16. 12. 2003 15:49


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Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

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Nur eine Frage


Er schien ├╝berrascht, ja fast schockiert, als er die Frage vernahm. Dann sah er von seinem Schreibtisch auf und holte tief Luft:
ÔÇ×Wissen sie, seit 216 Wochen schon bitte ich jeden Mittwoch einen ihrer Kollegen hier in mein B├╝ro. Jede Woche seit dieser gottverdammte Krieg begonnen hat, sitze ich einem sensationss├╝chtigen, karrieregeilen Journalisten gegen├╝ber und beantworte alle Fragen die mir gestellt werden. Und nach 216 Wochen sind sie der erste, der mir diese Frage stellt. Man merkt, da├č sie noch nicht so lange im Gesch├Ąft sind, sonst h├Ątten sie das Gleiche gefragt wie alle anderen auch. Wie hoch sind die Verluste? Gibt es Fortschritte? Was ist geplant, um die prek├Ąre Lage an der Ostfront zu verbessern und so weiter.
Dazu die ├╝blichen Lobeshymnen. Was kann der Held von Passionville tun? Wie wird General Cartrich das Ruder herumrei├čen, um den Krieg zu gewinnen?
Ich habe es satt, diese Fragen zu beantworten, wenn ich gerade erst die neueste Verlustliste auf den Schreibtisch gelegt bekommen habe. Wenn die Schreie aus dem Lazarett noch in meinen Ohren widerhallen. Ich habe es satt, ├╝ber tapfere Soldaten zu sprechen, wenn im gleichen Moment Tausende von M├Ąnnern auf den Schlachtfeldern nach ihren M├╝ttern rufen. M├Ąnner, die ich zum Sterben dort hingeschickt habe. M├Ąnner, die bis vor kurzem noch nie eine Waffe in H├Ąnden gehalten haben, Familienv├Ąter, Lehrer, Brieftr├Ąger, Bankangestellte und wei├č der Teufel, was f├╝r Berufe sie ausge├╝bt haben. Nun sind sie dort drau├čen und k├Ąmpfen gegen einen ├╝berm├Ąchtigen Feind, sterben, weil ich es ihnen befohlen habe.
2467 Menschen lie├čen ihr Leben, um mich zum glorreichen Helden von Passionville zu machen. 2467 Menschen, die geopfert wurden, geopfert in einem Himmelfahrtskommando, einem absolut chancenlosen Kampf gegen eine unbezwingbare ├ťbermacht. 2467 Seelen, die ihr Leben als Ablenkungsman├Âver beendet haben, damit andere Soldaten an anderer Stelle den ersten verdammten Sieg in diesem hoffnungslosen Krieg erringen konnten. Und ich habe sie ausgew├Ąhlt. Ich habe entschieden, wer leben darf und wer nicht. Ich habe entschieden, wessen Eltern eine Fahne ├╝berreicht wird und wer als gefeierter Held zur├╝ckkehren durfte.
Ich habe in den letzten Tagen viel Zeit damit verbracht, Briefe zu schreiben. Aber 2467 sind einfach zu viele. Ich schaffe das nicht. Hier, das ist der letzte den ich schreiben werde. Der Junge war gerade einmal 20 Jahre alt. Studierte Geo├Âkologie im ersten Semester. Einer dieser Weltverbesserer. Idealist, Mitglied einer Umweltorganisation. Hatte der r├╝cksichtslosen Ausbeutung dieses Planeten den Kampf angesagt. Den Planeten hat er nicht retten k├Ânnen, aber immerhin ist er bei der Verteidigung seiner Heimat gefallen. Wie h├Ątte sein Leben wohl ausgesehen, wenn die Werber ihn nicht gefunden h├Ątten? Er war verlobt. In drei-vier Jahren h├Ątte er vielleicht geheiratet, sein Studium abgeschlossen, eine Familie gegr├╝ndet. Vielleicht h├Ątte er sich ein Haus gebaut, mit Solarzellen auf dem Dach und einem sorgf├Ąltigen M├╝lltrennungssystem im Hof. Vielleicht w├Ąre auch zu Greenpeace gegangen und h├Ątte unserer Regierung noch eine Menge ├ärger bereitet. Oder er h├Ątte sich f├╝r das neue Landgewinnungsprojekt im S├╝dpazifik beworben. Wir werden es nie erfahren, denn er wird nicht mehr die Chance bekommen, sich zu entscheiden. Die Entscheidung wie es in seinem Leben weitergeht, wurde nicht von ihm getroffen. Nein, sie wurde von mir getroffen. Ich habe beschlossen, da├č er geopfert werden mu├č. Ich habe das Todesurteil unterzeichnet als ich ihn und seine ganze verdammte Einheit auf diese Mission schickte. Aber wie kann ein einzelner Mann entscheiden, wer Leben darf und wer nicht? Was gibt mir das Recht, ├╝ber den Wert eines Lebens zu urteilen? Wie zur H├Âlle k├Ânnen die Abzeichen auf meiner Uniform mich dazu berechtigen, dem Mechaniker Vorrang zu gew├Ąhren vor dem Studenten?

Sein Name war Sean Jameson. Das sollten sie in ihren Bericht schreiben ÔÇô Jameson mit einem ÔÇ×sÔÇť und er starb, weil ich es so bestimmte, weil ich, der Held von Passionville, an Gottes Stelle getreten bin und mit einer einzigen Unterschrift sein Leben beendete. Erkl├Ąren sie das seinen Eltern, erkl├Ąren sie ihnen, warum es ihr Sohn gewesen ist und nicht irgendein anderer. Ich kann es nicht. Ich kann noch so viele Briefe schreiben und noch so viel Bedauern aussprechen. Aber letztlich kann ich ihnen nicht einmal einen Grund nennen. Ein anderer w├╝rde vielleicht sagen, da├č er f├╝r sein Volk starb, da├č er ein Held war, ein Opfer, das gebracht werden mu├čte, um der gro├čen Sache zu dienen. Aber ich kann nur sagen, er starb f├╝r mich, an meiner Stelle, weil ich nur die Befehle gebe und andere sie ausf├╝hren m├╝ssen. Sie sind die Bauern auf dem Schachbrett, das ich jeden Tag aufs neue betrachte, auf dem ich sie hin und her schiebe und von dem ich sie letztlich irgendwann einmal entferne.
Aber das wird jetzt ein Ende haben. Ich habe die letzte Figur gezogen, ich habe zum letzten Mal entschieden, ob das Leben des Einen wichtiger ist als das des Anderen. Sagen sie seinen Eltern, da├č es mir leid tut und da├č ich in der H├Âlle daf├╝r b├╝├čen werde.ÔÇť

Bei diesen Worten ergriff er die Dienstwaffe, die vor ihm auf dem Tisch lag, steckte sich den Lauf in den Mund und dr├╝ckte ab.
Nur wenige Sekunden darauf st├╝rmten die Wachen in den Raum. Sie fanden den jungen Journalisten, der v├Âllig verst├Ârt auf seinem Stuhl sa├č und mit weit aufgerissenen Augen auf den riesigen Blutfleck an der Wand starrte.
ÔÇ×Ich habe ihm doch nur eine Frage gestelltÔÇť, stotterte er immer wieder als die Soldaten ihn aus dem Raum brachten. Einer von ihnen schlug ihm ins Gesicht und br├╝llte ihn an:
ÔÇ×Was haben sie ihn gefragt?ÔÇť
ÔÇ×Ich, ich wollte doch nur wissen, wie es ihm geht.ÔÇť, antwortete er.


__________________
Die Wahrheit ist meist nur eine Ausrede f├╝r einen Mangel an Phantasie.
- Elim Garak

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Devika
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Nun, das Motiv ist nicht neu, aber doch solide geschrieben und packend umgesetzt. Es sagt etwas aus, gibt der Leserschaft eine andere Perspektive, als die aus der sie die Welt t├Ąglich betrachten.

Ich denke aber auch die Story h├Ątte noch st├Ąrker sein k├Ânnen, wenn du sie deutlich auf einen aktuellen Konflikt oder einen der j├╝ngeren Vergangenheit bezogen h├Ąttest. Mag Geschmackssache sein.

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Daijin
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

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Vielen Dank f├╝r die R├╝ckmeldung. Ich hatte schon ganz vergessen, da├č ich die Geschichte hier ver├Âffentlicht hatte.

Deine Kritik ist sicherlich berechtigt, leider aber kaum umzusetzen, ohne die Geschichte v├Âllig umzuschreiben. Der Grund daf├╝r liegt in der anachronistischen Kriegsvorstellung, die kaum mit der modernen Kriegsf├╝hrung vereinbar ist. Aktionen wie das beschriebene Ablenkungsman├Âver tragen die Charakteristika von Massenschlachten, die in den Konflikten der Gegenwart (zumindest denen der hochger├╝steten Industrienationen) so nicht mehr vorkommen.
Ich kann Dir aber sagen, da├č mir die Idee f├╝r die Geschichte in der Zeit der intensiven Berichterstattung ├╝ber den Irakkrieg gekommen ist.
Die Frage der Verantwortung von Befehlshabern, um die sich alles dreht, ist durch die moderne Art, Kriege zu f├╝hren, nicht beeinflu├čt worden. Deshalb ist der Kern der Geschichte unabh├Ąngig von konkreten Ereignissen.

Der Rahmen, in den ich diese zentrale Frahe eingebettet habe, ist unhistorisch und w├╝rde am ehesten vielleicht noch in die Kriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts passen (meine urspr├╝ngliche und bl├Âde Idee, das Ganze in der Zukunft anzusiedeln, will ich nicht weiter ausf├╝hren ). Ich stimme Dir aber zu, da├č der Bezug zu einem aktuellen Krieg der Geschichte sicher noch etwas W├╝rze verlehen k├Ânnte. Nur f├╝rchte ich, da├č ich daf├╝r nicht qualifiziert bin und ich letztlich nur ein ziemlich unrealistisches Bild erzeugen k├Ânnte. F├╝r die Aussage ist der Bezug, wie gesagt, nicht entscheidend.

Gru├č

Daijin
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