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Leselupe.de > Erzählungen
Nur eine Sekunde länger
Eingestellt am 09. 05. 2019 15:07


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Nimue
Hobbydichter
Registriert: May 2019

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Nur eine Sekunde

Es war Montag 7:49 Uhr. Tess war spät dran. Eigentlich sollte sie um 8:00 Uhr arbeitsbereit an ihrem Schreibtisch sitzen. Das würde wirklich knapp werden, schließlich lenkte sie ihren feuerroten Renault Cleo schon zum dritten Mal durch die engen Seitenstraßen. Rechts und links reihten sich dicht an dicht Fahrzeuge jeder Form und Farbe. „Unglaublich wie viele Leute in eine Kleinstadt passen“ dachte Tess. Sie spürte langsam Ärger in sich aufsteigen als sie in die nächste Straße einbog. Da erspähte sie in einiger Entfernung eine Lücke in der Blechschlange. „Na, wen haben wir denn da? Wenn das nicht mein ersehnter Parkplatz ist“ erst jetzt merkte Tess, wie angespannt sie am Lenkrad gesessen hatte. Sie strich sich eine widerspenstige Strähne ihres rot gelockten Haars aus dem Gesicht, ließ sich wieder entspannt in ihren Sitz sinken und atmete tief durch. „vielleicht wird das doch noch ein guter Tag!“

Jan klappte die Sonnenblende seines nagelneuen BMW X6 herunter, ein prüfender Blick in den Spiegel und ihm war klar, besser konnte man an einem Montag morgen um kurz vor 8.00 Uhr nicht aussehen. Nichts desto trotz rückte er seine Krawatte zurecht. „Sicher ist sicher“ murmelte er und zwinkerte sich selbst im Spiegel zu. Er war ein Siegertyp, daran hatten weder er noch seine Kunden bei der Bank je gezweifelt.
„Jetzt noch schnell den Brief mit der Steuererklärung beim Finanzamt abgeben, morgen ist es ja schon zu spät... An meinem Zeitmanagement sollte ich vielleicht doch noch ein bisschen arbeiten“ dachte Jan halb im Spaße und bog in die Straße ein in der das Finanzamt sich – mehr oder weniger – versteckt hatte. „Den Stadtplaner sollte man sich wirklich mal vorknöpfen“, dachte Jan „das Finanzamt in die engste Seitenstraße der Stadt zu stellen und dann noch nicht einmal für Besucherparkplätze zu sorgen grenzt schon an Schikane. „Mich würde interessieren, wie viele Leute auf ihre Steuerrückzahlung verzichten, nur weil sie keinen Parkplatz finden. Aber nicht mir mir!“ Er hielt auf Höhe des Finanzamtes in zweiter Reihe und schaltete den Warnblinker ein. Beim Öffnen der Tür stieß er gegen den neben ihm geparkten Wagen. „Ach Mist“ dachte Jan und prüfte den Lack an seinem BMW. Plötzlich hörte er wie die Scheibe des neben ihm stehenden Fahrzeuges heruntergekurbelt wurde.

Henning sah auf seine Uhr. 08.00 Uhr. „Das darf nicht wahr sein“ schimpfte er vor sich hin. „da ist es einmal wichtig, pünktlich im Büro zu sein... und wer erscheint nicht... die offensichtlich überbezahlte Fachkraft!“ Gleich würde es an der Tür der Kanzlei klingeln und der potentiell neue und überaus liquide Mandant von einer regionalen Hausverwaltung würde wegen eines Beratungstermins bei ihm vor der Tür stehen und sich fragen, bei welchem Winkeladvokaten er gelandet war. Jeder Anwalt... gerade einer, der schon über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung verfügt, sollte schließlich mindestens eine Angestellte haben, die sich zuverlässig um die Termine, den Anmeldungsbereich und die Schreibarbeiten kümmerte damit sich der Anwalt auf die rechtlichen Angelegenheiten seiner Mandantschaft konzentrieren kann. Alles andere wirkt äußerst unprofessionell. Henning wanderte nervös in seinem Büro auf und ab. Wenn er die Hausverwaltung als Mandaten gewinnen könnte, würde das viele seiner Probleme lösen. Zwar konnte er sich nicht über mangelnde Mandantschaft beklagen, aber meistens ging es nur um verhältnismäßig geringe Streitwerte und das hatte natürlich auch recht geringe Anwaltskosten zur Folge. Die letzten Jahre waren wirklich anstrengend gewesen, Er hatte viel gearbeitet, seine Tochter Mia kannte ihn nur noch durch die Erzählungen seiner Frau – zumindest fühlte es sich für ihn so an und trotz der ganzen Arbeit reichte das Geld zwar für die laufenden Kosten und einen gewissen Lebensstandard, aber nicht, um auch mal kürzer zu treten und mehr Zeit für die Familie zu haben. Wenn er die Hausverwaltung jetzt für sich gewinnen könnte, müsste er sich darum keine Sorgen mehr machen, als erstes würde er sich das Schulkonzert seiner Tochter ansehen. Von seiner Frau wusste er, dass Mia das finale Cellosolo würde spielen dürfen. „Tja, das wird wohl nicht passieren, wenn schon der erste Eindruck nicht stimmt, kommt der gute Mann heute zum ersten und letzten Mal.“ Es klingelte. Zehn Minuten nach Acht. „Sie ist wirklich nicht da...unglaublich... das hat Konsequenzen“ Henning straffte die Schultern, setzte ein gezwungenes Lächeln auf und drückte den Summer.

„Geht's noch?!“ Tess kurbelte mit alles andere als flüssigen Bewegungen die Scheibe ihres 19 Jahre alten Clio herunter. Dabei löste sich die widerspenstige Strähne wieder und fiel ihr ins Gesicht.
Jan drehte sich um und sah in zwei große blauen Augen, die ihn fragend und fordernd zugleich anschauten. „Ach, du willst mir deinen Parkplatz überlassen“ fragte Jan grinsend. „Nein, ich will aussteigen, ich habe es eilig!“ Jan lachte: „Nun, dass sollte ja kein Problem sein“ Er deutete auf die Beifahrertür.
„Außerdem haben SIE mein Auto beschädigt“ Tess spürte, wie sich die Wut wie ein unsichtbares Band langsam um ihren Hals legte. Selbstgefällig trat Jan einen Schritt zurück. „Es ist doch überhaupt nichts passiert... Hast du dir dein Auto mal angesehen? Es ist ein Wunder, dass es überhaupt noch fährt: Also als Bankangestellter sage ich dir: Wo kein Wert, da kein Wertverlust. Wenn du es also eilig hast, schwingst du dich jetzt besser zur Beifahrertür raus, denn ich werde erst wegfahren, wenn ich diesen Brief losgeworden bin. Ich habe hinterher nämlich noch einen nicht unwichtigen Job zu erledigen. Jan drehte sich um und lief – betont lässig - in Richtung Finanzamt davon.
Sekunde eins: Tess konnte vor Fassungslosigkeit kaum einen klaren Gedanken fassen. Sekunde zwei: Das unsichtbare Band um ihren Hals zog sich zu, Tess streckte den Kopf aus dem Fenster und rief „Du Vollidiot!“ Wutentbrannt leierte Tess das Fenster wieder hoch und sah dabei wie Jan die linke Faust in die Luft hob und dann den Mittelfinger streckte. „Was für ein Mistkerl“ Sie löste den Anschnallgurt und kletterte auf den Beifahrersitz. „Verdammt“ entfuhr es ihr. Die Beifahrertür lies sich schon seit über einem halben Jahr nicht mehr öffnen. Also drehte sich sich auf dem Sitz um und robbte auf die Rückbank, dabei blieb sie am Sitz hängen und so verabschiedeten sich zwei Knöpfe Ihrer Bluse. „Warum?“, schrie Tess, ihre Gesichtsfarbe hatte sich der eines frisch abgekochten Hummers angenähert. „Toll verschmiertes Make-up und und Haare wie ein Vogelnest... vielleicht sollte ich gar nicht erst in die Kanzlei gehen, sondern direkt im Puff anheuern“ dachte sie, als sie immer noch kochend vor Wut die Tür ihres Wagens aufstieß.

„Wunderbar“, sagte Henning während er seinem Mandaten die Hand schüttelte und ihn zur Tür begleitete . „Ich werde die Räumungsklage gleich ausfertigen und bei Gericht einreichen“ Ein Seitenblick auf den Schreibtisch seiner Angestellten verriet ihm, dass er noch immer allein im Büro war. Henning öffnete die Tür und fuhr zusammen.

Gerade als Tess mit dem Schlüssel das Türschloss anpeilte, wurde die Tür von innen geöffnet. Henning hielt kurz inne. Tess hätte schwören können, er habe sich sogar ein bisschen erschrocken „Kein Wunder, so wie ich aussehe“ dachte sie. Hennings Blick verdunkelte sich. Er versuchte die Situation zu überspielen, indem er, ohne ein Wort über ihren Aufzug zu verlieren zusammen mit seinem Mandaten ins Treppenhaus hinaustrat, sodass Tess schnell hinter den beiden in die Kanzlei huschen konnte. Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen und startete den Rechner. Noch immer konnte sie vor lauter Wut nicht richtig durchatmen, Sie hörte die Kanzleitür ins Schloss fallen und Henning stellte sich zu ihr an den Anmeldetresen „Na, ausgeschlafen?“ fauchte er.

Carla zog sich ihre Jacke an. Sie war nervös. Es war 10.30 Uhr. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. In einer Stunde wurde vor Gericht entschieden, ob sie ihre Kinder in Zukunft wenigstens alle zwei Wochen würde sehen dürfen. Sie griff in ihre Hosentasche. Beruhigt ertasteten ihre Finger das durch ihre Haut erwärmte Metall der sogenannten Jahresmünze. Diese Münze bekam jedes Mitglied ihrer Selbsthilfegruppe, das es geschafft hatte ein Jahr lang trocken zu bleiben. Hannes, ihr Ex-Mann hatte ihr versprochen, wenn sie ihm diese Jahresmünze zeigen konnte, würde er regelmäßigen Treffen mit ihr und den Kindern zustimmen. Sie hatte lange gekämpft, sechs Jahre waren es nun schon und immer wieder hatte es Rückschläge gegeben. Der Alkohol war ein starker Gegner. Aber jetzt hatte sie das Gefühl es endlich wirklich zu schaffen. Den Beweis dafür hielt sie nun in den Händen. Das würde nicht nur Hannes, sondern auch der Richter erkennen. Gleich nachdem ihr die Münze überreicht worden war, hatte Carla Hannes angerufen und ihm stolz berichtet, dass einem Treffen nun nichts mehr im Wege stehen würde. Doch Hannes hatte sie abgewiegelt. „Die Kinder schlafen doch längst, wenn du wirklich trocken bist, wirst du es zur Gerichtsverhandlung nächste Woche auch noch sein. Dann kannst du auch gleich den Richter überzeugen und musst nicht mich mitten in der Nacht mit deinen Geschichten behelligen.“
„Mehr kann ich wohl nicht erwarten“, hatte Carla gedacht, sie war zwar gekränkt von seiner schroffen Art, aber sie wusste auch dass sie in den letzten Jahren schlimme Fehler gemacht hatte. Klar konnte Hannes ihr nicht einfach wieder vertrauen als wäre nichts gewesen. Sie hatte nicht nur die Kinder vernachlässigt und sie teilweise sogar in Lebensgefahr gebracht, Sie hatte mit ihren Lügen und ihrem Egoismus auch Hannes verletzt und zwar über eine gefühlte Ewigkeit.
Sieben Jahre hatte sie weder Hannes noch die beiden Kinder zu Gesicht bekommen. „Ein Kontakt wäre Kindeswohlgefährdend“ hatte es in dem Gerichtsbeschluss geheißen. Aber jetzt würde es wieder bergauf gehen. Da war sich Carla sicher. Sie hatte die Münze verdient und sogar einen Job an der Kinokasse ergattern können. Sie würde beweisen, dass sie ihr Leben wieder im Griff hatte. Trotzdem hatte sie Angst. Wie würden ihre beiden Kinder nach 7 Jahren auf sie reagieren. Was hatte Hannes über sie erzählt. Wollten die Kinder überhaupt den Kontakt zu ihr? Carla fühlte einen Kloß im Hals und ein unsicheres Zittern in den Händen. „Ach was, es wird schon alles Gut werden“ dachte sie, während sie der Münze in ihrer Hand einen Kuss aufdrückte. Sie steckte die Münze in ihre Geldbörse und packte alles zusammen in ihre kleine schwarze Umhängetasche. „So ist sie sicher und ich mache mich jetzt langsam mal auf den Weg. Bei einem Spaziergang vergeht die Zeit sicher schneller.“

Tess fühlte erneut wie sich das unsichtbare Band der Wut immer fester um ihren Hals schnürte. Noch bevor sie richtig nachdenken konnte, hörte sie sich schon reden: „Das darf ja wohl nicht wahr sein? Was ist das für eine Frage? Ob ich ausgeschlafen habe wollen Sie wissen?! Natürlich bin ich ausgeschlafen, aber nicht, weil ich eine halbe Stunde später ins Büro gekommen bin, sondern weil ich jeden einzelnen Tag, den ich hier arbeite schon um 21 Uhr schlafen gehe. Warum ich so früh schlafen gehe? Ganz einfach, ich muss schon um 05:30 Uhr aufstehen. Wollen Sie auch wissen warum? Nicht etwa, weil ich irgendwelchen vergnüglichen Aktivitäten nachgehe, sondern weil ich mindestens 45 Minuten Parkplatzsuche einkalkulieren muss und nochmal 30 Minuten um von diesem Parkplatz dann ins Büro zu laufen.“ Henning hatte die Augenbrauen hochgezogen und starrte Tess an. So kannte er sie bisher gar nicht. „Haben Sie mal über ein Monatskarte mit Bus und Bahn nachgedacht?“ fragte er. Tess lachte schrill auf. „Oh was für eine fabelhafte Idee... Natürlich habe ich mich über Buspreise und Fahrzeiten erkundigt. Der erste Bus fährt um 07.15 ab und kommt um Punkt 08.00 Uhr am Bahnhof an. Am Bahnhof... dann bin ich auch noch 20 Minuten zu Fuß hierher unterwegs. Also raten Sie mal, wer dann jeden Tag zu spät ins Büro kommen würde oder kriegen sie das nicht hin mit Ihrem abgeschlossen Jurastudium? Es ist doch einzig und allein Ihrem Geiz zu verdanken, dass wir hier keine eigenen Parkplätze anmieten, also hören Sie auf mir Vorwürfe zu machen.
Sekunde eins: Wie ein Hammer wurde Henning von der Wut seiner Angestellten getroffen. Sekunde zwei: der Ärger breitete sich in ihm aus und er schrie zurück: „Ihr Verhalten ist absolut indiskutabel. Wenn die Arbeit hier für Sie so eine Zumutung ist, dann sehen Sie zu, dass Sie hier verschwinden. Sie sind ab sofort von Ihren Tätigkeiten befreit.“
Tess holte Luft um etwas zu erwidern. Doch Henning, der noch immer rasend vor Wut an ihrem Platz stand schnaubte dazwischen „das nächste was ich von Ihnen hören will, ist diese Tür, er zeigte auf den Ausgang - die ins Schloss fällt.“ Er drehte ich um, fegte über den Flur und verschwand mit einem lautstarken Knall der Tür in sein Büro.

Carla lief die von bunt gefärbtem Herbstlaub gesäumte Straße entlang. Mit jedem Schritt stieg ihre Aufregung. Sie war sich nicht sicher ob es eher Angst oder die Vorfreude war, die ihre Hände zittern ließ „in einer Stunde hast du es bestimmt schon hinter dir“ redete sie sich selbst gut zu. „der Termin ist reine Formsache“ Sie legte die Hand auf ihre Umhängetasche. Die Münze würde ihr den Weg zu ihren Kindern ebnen. Davon war sie fest überzeugt.

Henning setzte sich auf die Ecke seines Schreibtisches. Er atmete tief durch, doch die Wut blieb.
„So eine Unverfrorenheit.“ Er würde ihr 2 Minuten geben um sich bei ihm zu entschuldigen anderenfalls konnte sie sich wirklich nach einem neuen Job umsehen. Er sah zur Bürotür, in der Annahme sie würde sich jeden Moment öffnen, doch dann hörte er, wie die Eingangstür schwungvoll zugeschlagen wurde. „Die ist doch jetzt nicht...“ Henning trat aus seinem Büro in den Flur. Das Deckenlicht war ausgeschaltet. Tess hatte tatsächlich ihren Kram zusammengepackt und war verschwunden. Henning stellte sich an den Anmeldetresen, dabei fiel ihm der Mietvertrag von seinem neuen Mandaten ins Auge. Tess hatte ihn auf die Tastatur gelegt. Der kleine gelbe Zettel mit seinem Eiligkeitsvermerk klebte noch darauf. Darunter hatte Tess einen weiteren Vermerk angebracht „Viel Spaß!“ stand dort in großen gezackten Lettern.
Erneut stieg Henning die Zornesröte ins Gesicht. „Nicht das auch noch“, dachte er mit einem Blick auf die Uhr 09:45 Uhr. Er hatte versprochen, die Klage noch heute bei Gericht einzureichen. Jetzt durfte er sie auch noch selbst schreiben. Mit seinem 2 Finger Suchsystem auf der Tastatur würde das eine Ewigkeit dauern. Um 11:30 Uhr hatte er schon den nächsten Termin vor Gericht.

11:15 Carla stand vor dem düster wirkenden Gerichtsgebäude und atmete tief durch. Sie strich sich durch ihr kurzes blondes Haar, öffnete ihre Tasche und kramte einen kleinen Klappspiegel hervor. Der Alkoholmissbrauch hatte unverkennbar seine Spuren hinterlassen. Carla war eigentlich nie besonders eitel gewesen, aber heute musste und wollte sie glänzen. Gerade als sie den Spiegel in die Tasche zurücksteckte spürte sie einen heftigen Stoß gefolgt von einem Ruck.Carla strauchelte, fing sich jedoch wieder. Es war ein Radfahrer. „Ey“ rief Carla erschrocken. Doch der Radfahrer fuhr in einem Affenzahn davon. Carla rieb sich die schmerzende Schulter. „Egal, ich habe jetzt keine Zeit um mich über solche Lapalien zu ärgern“ beschloss sie. Dann hielt sie inne. Sie legte nochmals ihre Hand auf die Schulter auf der eben noch der Riemen ihrer Umhängetasche gewesen war. Nichts.
Bitte, bitte bitte nicht“ dachte Carla und sah sich panisch auf dem Bürgersteig um. Es war keine Tasche zu sehen. Der Radfahrer, er hatte sie nicht versehentlich gestoßen... Er hatte ihre Tasche gestohlen und mir ihr auch die Münze.

Henning warf sich seinen Talar über den Arm als er durch die Personenkontrolle des Amtsgerichts geschleust wurde. In zwei Minuten musste er im Gerichtssaal sein. „Das wird wohl bestenfalls eine Punktlandung und Richter Sander hat den Vorsitz. Super Timing“
Andre Sander und Henning hatten eine bewegte gemeinsame Vergangenheit. Im Studium waren die beiden die besten Freunde gewesen. Irgendwann hatte Andre Simone kennen gelernt und sich in sie verliebt. Simone hatte sich auch verliebt, aber nicht in Andre. Heute waren Simone und Henning im 16. Jahr verheiratet und Andre war im 25. Jahr wütend auf beide. Somit nutzte er natürlich jede Gelegenheit, Henning im Gerichtssaal vorzuführen. „Na das wird doch wieder das reinste Vergnügen“ dachte Henning sarkastisch, während er über die langen Gänge des Gebäudes eilte.
Die Tür von Saal 215 war bereits geschlossen. „Vielleicht ist Andre ja noch nicht da“ klammerte sich Henning an einen Strohalm. Er öffnete die schwere Holztür und nickte dem Gerichtsdiener zu. Andre saß bereits am Richterpult. Er schaute über den Rand seiner Brille zu Henning herüber. „Ach, hat es der Anwalt der Antragsgegnerin doch noch geschafft. Ich hoffe Sie sind fachlich besser vorbereitet als terminlich“ Henning versuchte die spitze Bemerkung zu ignorieren. Er setzte sich neben Carla auf den freien Stuhl. Sofort fiel ihm auf, dass die Hände seiner Mandantin zitterten. Die hat doch nicht wieder gesoffen“ dachte er. Carla packte seinen Arm. „Meine Münze...“ setzte sie an, doch Andre fiel ihr schroff ins Wort. „Ruhe! Wir verhandeln hier jetzt eine Umgangsrechtsangelegenheit, sie haben gleich genug Zeit sich zur Sache zu äußern“

Anna saß auf dem weißen Ledersessel vor dem bodentiefen Fenster ihres Wohnzimmers. Zeile für Zeile glitten ihre Augen über die Worte ihres neuen Buches, aber deren Inhalt drang nicht in ihr Bewusstsein vor. Sie schlug das Buch zu „Das hat heute keinen Sinn“ stellte sie fest. Sie blickte hinaus in den Garten. Der Kirschbaum war schon ganz kahl. Seine Blätter tanzten wie kleine bunte Kobolde über den Rasen „Wie eine große fröhliche Familie“ dachte Anna mit einem sanften lächeln. Sie stand auf und ging in die Küche. Ihr Blick fiel sofort auf den Kalender. Anna presste die Lippen zusammen und riss das Blatt für den gestrigen Tag ab. Freitag der 26. Oktober kam zum Vorschein. Der Tag war mit zwei roten Herzen markiert. Heute war ihr jährlicher Kinoabend. Das war ihre liebste Tradition. Letzten Montag war sie 48 Jahre alt geworden und seit 10 Jahren gingen sie, ihr Mann und ihr Sohn am Freitag nach ihrem Geburtstag zusammen in die letzte Kinovorstellung des Tages. welcher Film lief war ihnen dabei völlig egal und genau dadurch hatten sie schon so manch einen Schatz gefunden.
Sie nahm sich ein Glas Wasser. Nur das ticken der Küchenuhr war zu hören. „jetzt aber erstmal raus hier und an die frische Luft, spazieren, Kaffee trinken, schwimmen gehen danach kann der Abend starten.“

Carla stand am Kiosk. Wegen Krankheit geschlossen stand auf einem Zettel. Sie schlug gegen
das Gitter. Tränen der Wut standen in ihren Augen. Immer wieder lief der Gerichtstermin wie ein Film in ihrem Kopf ab. Es war ein Desaster. Nachdem der Richter gefragt hatte, wie lange Carla schon „trocken“ war, hatte Hannes sofort nach der Münze gefragt. Die ist mir gerade geklaut worden“ hatte sie gesagt aber Hannes hatte nur abfällig gelacht. Letzte Woche hast du sie doch noch gehabt hatte er festgestellt. Carla erzählte von dem Radfahrer „...und dabei muss er mir die Tasche weggerissen haben.“ Hannes hatte den Kopf geschüttelt. „Carla deine Hände..., das haben wir alles schonmal durchgemacht... ich kann nicht glauben, dass dir diene Kinder anscheinend so wenig bedeuten.“ „Ich hab nichts getrunken“ verteidigte sie sich verzweifelt. Tränen rannen über ihr Gesicht. Der Richter schien, ebenso wie Hannes zu glauben, dass sie log, selbst ihr eigener Anwalt stand ihr nicht zur Seite Er war die ganze Zeit schon nicht bei der Sache gewesen, das hatte schon sein zu spät kommen gezeigt. Jetzt saß er mit verkniffenem Gesicht da und sah zu, wie sich alle auf sie stürzten. Sie fühlte sich ohnmächtig, wurde immer nervöser ihre Stimme überschlug sich und Hannes schüttelte die ganze Zeit nur den Kopf und schaute sie missbilligend an.
Der Richter hatte ihnen eine Weile zugehört, war dann aber eingeschritten. „Frau Henke, selbst wenn es stimmt, und sie trocken sind, so kann ich mir nach ihrem Auftritt nicht sicher sein, dass sie in stressigen Situationen, die kleine Kinder bekanntermaßen mit sich bringen, ruhig bleiben. Das Sorgerecht bleibt somit vorerst bei Herrn Henke. Ich ordne darüber hinaus an, dass sie wöchentliche Alkoholtests vorlegen. Nachdem die ersten acht Tests negativ sind, stimme ich einem begleiteten Umgang alle vierzehn Tage für eine Stunde zu.
Carlas Anwalt hatte genickt, auch Hannes und sein Anwalt waren einverstanden. Der Richter beendete die Verhandlung. Carla fühlte sich, als würde sie unter einer riesigen Käseglocke sitzen. Alles war dumpf und irgendwie weit weg. Es dauerte eine Weile, doch dann begriff sie plötzlich: „Ich soll jetzt noch 2 Monate warten, bis ich meine Kinder wiedersehen darf“ schrie sie und klang dabei fast hysterisch. Ihr Anwalt, hielt sie am Arm und fuhr sie an: „Frau Henke, sie reißen sich jetzt sofort zusammen. Sie können hier nicht so eine konstruierte Geschichte mit einer just vor dem Termin gestohlenen Handtasche erzählen, und erwarten, dass ihnen so ein Schwachsinn auch noch geglaubt wird.“ Er zückte sein Handy und begann in seinem Kalender zu tippen „Ihre Hände zittern und Sie sind offensichtlich nicht belastbar. Das nächste Mal sparen Sie sich und vor allem mir die Zeit und stellen erst dann einen Antrag auf Umgangsrecht, wenn Sie dem Ganzen wirklich gewachsen sind.“ In der ersten Sekunde fühlte Carla eine Hitzewelle durch ihren gesamten Körper strömen und in der zweiten Sekunden hatte sie ihm das Handy mir voller Wucht aus der Hand geschlagen. Sie wusste noch, dass sie wie eine Furie aus dem Gerichtssaal gestürmt war, an die Minuten danach hatte sie aber keine bewusste Erinnerung mehr. Erst jetzt klarte ihr Verstand langsam wieder auf. „Was mache ich hier eigentlich.“ dachte sie „das ist doch verrückt. Ich kann doch jetzt nicht alles hinschmeißen.“ Das war das, was die Vernunft ihr sagte, aber nahezu alles andere in ihr schrie nach Alkohol völlig egal in welcher Form. Carla schüttelte den Kopf „nein... jetzt nicht“ kämpfte sie gegen das Verlangen an. Ein Blick auf die Uhr. In 45 Minuten fing ihre Schicht an der Kinokasse an. Die Verzweiflung legte sich langsam, aber die Wut blieb. Wut auf ihren Anwalt, Wut auf Hannes und nicht zuletzt Wut auf sich selbst.

Anna stand in der Umkleidekabine des Hallenbades. Sie fühlte sich viel freier als noch am Mittag. „Was so ein bisschen Bewegung doch ausmacht“, dachte sie zufrieden. Jetzt war es schon 19:30 Uhr. Sie föhnte sich die langen schwarzen lockigen Haare und band sie zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen. Sie warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. „Ab 40 kommen jedes Jahr 3 Falten dazu.“ dachte Anna an Franks Worte. Sie lächelte sich selbst im Spiegel an. Eigentlich war sie ganz zufrieden. „So ganz ohne Farbe geht’s dann aber doch nicht mehr“ sagte sie schmunzelnd zu sich selbst. Mit der Wimperntusche betonte sie ihre braunen Augen, die so noch ein wenig größer wirkten, dann puderte sie noch schnell das Gesicht ab. „So das muss reichen. Man soll es ja auch nicht übertreiben.“
Jetzt würde sie noch ein wenig durch die Stadt spazieren und den ein oder anderen Blick in die Schaufenster werfen. Eine Stunde Zeit hatte Sie noch.

Kunde für Kunde wurde von Carla abgefertigt. Freitags war immer der kundenstärkste Tag und heute war es darüber hinaus draußen auch noch kalt und ungemütlich. Entsprechend lang war die Schlange an ihrer Kasse. „Ich hätte mir frei nehmen sollen.“ dachte Carla. Sie hörte die Bestellung der Kunden, aber sie sah kaum einem ins Gesicht, oder lächelte gar jemanden an. Sie konnte sich heute nicht konzentrieren. „Gott sei dank hat man an der Kinokasse kaum Diskussionen.“ dachte sie. „Jetzt läuft gleich die letzte Vorstellung, dann ist es geschafft.“ Über den Nachmittag hatte sich der Ärger immer tiefer in sie hineingefressen. Ihr Brustkorb fühlte sich an, als würde ein Elefant darauf sitzen. Auch das Verlangen nach Alkohol hatte sich bisher nicht wesentlich gelegt. Carla spähte durch das Fenster ihres Kassenhäuschens. Noch ungefähr 15 Kunden.

Anna beschleunigte ihre Schritte. Bei dem Bummel durch die Stadt hatte sie gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Der Film würde gleich beginnen. Von der Ferne sah sie, nur noch einen Kunden an der Kasse stehen. „Hoffentlich kriege ich noch Karten.“ dachte sie und lief noch ein wenig schneller.

Carla wollte gerade ihr Kassenfenster schließen, als sie eine recht teuer gekleidete und hübsch zurechtgemachte Frau auf sich zusprinten sah. „Ist nicht wahr“ dachte Carla und verdrehte genervt die Augen. „Die typisch reiche Tussi muss natürlich nicht pünktlich erscheinen... so ein blöder Minijobber wie ich kann ruhig ein bisschen länger machen, damit die feine Dame nicht so lange an der Kasse warten muss... hat bestimmt bis eben noch Cocktails mit ihren reichen Tussi-Freundinnen geschlürft.“
„Hallo“ keuchte Anna außer Atem und lächelte entschuldigend. „N'abend“ kam es kurz aus dem Kassenhäuschen, Carla sah Anna kurz ins Gesicht, doch sie erwiderte das Lächeln nicht.
„Na die ist ja motiviert bis in die Haarspitzen“, dachte Anna. Ich hätte gerne noch drei Karten für die Komödie heute Abend.“
Anna tippte ihr Passwort in den Computer und öffnete den Saalplan. „Ich hab noch einen Sitz in Reihe 1 und 2 in Reihe 6. alle direkt am Gang“
„Oh nein, ich brauche bitte drei zusammenhängende Plätze“
Carlas presste die Lippen zusammen, so dass sie nur noch als ein schmaler Strich erkennbar waren. „Gibt's nicht mehr“ zischte sie.
„Gibt es denn da gar keine Möglichkeit? Einen Klappstuhl den ich in den Gang stellen kann vielleicht?
„Nein“
„Vielleicht finde ich zwei Leute aus der ersten Reihe, die für mich in die sechste Reihe umziehen würden“ versuchte Anna es erneut und ihre großen dunklen Augen blickten Carla flehend an, In der ersten Sekunde spürte Carla den immer schwerer werdenden Elefanten auf ihrer Brust und in der zweiten Sekunde brüllte sie „Sie werden unsere anderen Gäste nicht mit ihren Luxusproblemen belästigen! Ist das klar? Entweder Sie nehmen die Plätze die noch frei sind, oder sie kommen an einem anderen Tag wieder. Für wen brauchen Sie überhaupt drei Karten? Für Sie und Ihre zwei imaginären Freunde? Sie sind doch ganz alleine hier! Carla schaute Ihr jetzt das erste mal bewusst in die Augen. Sie sah, wie sich Tränenflüssigkeit in ihnen sammelte. „war klar, wenn nichts mehr hilft, drückt man auf die Tränendrüse“ dachte Carla und überlegte schon, wie sie darauf reagieren würde, doch die Frau drehte sich einfach langsam um und ging.

Der letzte Satz der Kassiererin hatte Anna wie ein Stich mitten ins Herz getroffen. Sie versuchte sich zu beruhigen. Sie wollte nicht hier auf offener Straße die Beherrschung verlieren. Doch sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie ging langsam, fast unsicher, dann bog sie in die nächste dunkle Seitengasse ein und lehnte sich an die Hauswand. Sie schaute nach oben in den Himmel in der Hoffnung, so den Tränen aufhalten zu können. Regentropfen fielen schwer auf ihr Gesicht und vermischten sich mit den Tränen.
Anna schluchzte „Sie sind doch ganz alleine!“ die Worte der Kassiererin und vor allem die Härte mit denen sie ihr ins Gesicht geschleudert wurden hallten in Dauerschleife durch ihre Gedanken.
Sie drückte sich von der Hauswand ab und lief weiter. Sie hatte kein direktes Ziel sie lief einfach durch die immer schlechter beleuchteten Straßen der Stadt.

Der Regen hörte langsam auf. Anna war am Stadtrand angekommen, nass bis auf die Knochen und stand nun vor einem schweren eisernen Tor. Quietschend öffnete sie das Tor und lief ein Stück. Dann blieb Sie stehen und setzte sich auf eine Bank.
„Hey ihr beiden“, sagte Anna mit liebevoller aber immer noch tränenerstickter Stimme. Heute Abend wird es leider nichts mit Kino. Es tut mir leid. Ich war da, aber wir hätten keine Plätze nebeneinander bekommen. Ich hab alles versucht.“ Anna stand auf, küsste einmal ihre rechte dann ihre linke Hand und legte sie auf den vor ihr emporragenden Grabstein aus schwarzem Mamor. Mit Goldener Schrift standen dort die Namen ihres Mannes und ihres Sohnes. „Ich vermisse euch.“
schluchzte Anna. Wieder liefen ihr die Tränen über das Gesicht. Vor dem Grabstein stand ein großes Glas Anna nahm es in die Hand und schraubte den Deckel ab. Sie zog eine Hand voll Eintrittskarten hervor und zählte. 14 Kinokarten waren in dem Glas. „Sie sind doch ganz alleine!“ schallte es wieder durch ihren Kopf. Ja, sie war alleine. Die 14 Kinokarten bedeuteten, dass sie schon 7 lange Jahre alleine war. Und trotzdem war sie jedes Jahr am Freitag nach ihrem Geburtstag im Kino und kaufte drei Karten. Eine für sich, eine für ihren Mann und die dritte für ihren Sohn. Sie wusste natürlich, dass die beiden nicht mehr da waren und dass sie in der Realität alleine zwischen zwei leeren Stühlen saß, aber wenn sie die Augen schloss gelang es ihr manchmal sich vorzustellen, dass alles wieder so war wie vor 8 Jahren als sie alle drei zusammen voller Vorfreude die Filmvorschau anschauten um Pläne für die nächsten Kinoabende zu machen. Das war der einzige Augenblick im Jahr, in dem sich Anna nicht ganz allein fühlte. Die abendliche Kälte kroch unter ihre nasse, schwere Kleidung und legte sich um sie wie eine betäubende Umarmung.
Sie fuhr mit dem Zeigefinger über die in den Marmor gravierten Namen. Vielleicht ist es einfach mein Fehler... ich versuche jedes Jahr euch für einen kurzen Moment zurückzuholen.... vielleicht ist das der falsche Weg.“ Anna stand auf und ging über den Friedhof zurück zum Tor. Die Straßenbeleuchtung schaltete sich ab. „Dann ist es schon nach Mitternacht.“, dachte Anna. Es dauerte ein wenig, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Sie ging die Straße entlang und kam nach kurzer Zeit an eine Brücke. Anna lehnte sich ans Geländer und schaute in die Tiefe.

Zurück zum Morgen des gleichen Tages:

Tess parkte ihren kleinen rostigen Cleo in die enge Seitenstraße. Dank ewiger Parkplatzsuche, war sie zu spät dran. „gerade heute passt das gar nicht gut“ In der Kanzlei wurde ein wichtiger neuer Mandat erwartet. Ihr Chef war immer sehr darauf bedacht, dass seine besonderen Mandaten einen ordentlichen ersten Eindruck von der Kanzlei bekamen. Tess schmunzelte bei dem Gedanken daran, wie er wahrscheinlich gerade nervös im Büro auf und ab ging. Nach all den Jahren als Anwalt müsste er eigentlich wissen, dass er seine Arbeit für sich würde sprechen lassen können. Aber nichts desto trotz war er ein guter Chef. Tess hatte sich passend zum heutigen Tag extra in ihren besten Bürodress geworfen. Wahrscheinlich käme sie zu spät um den Mandanten zu Empfangen, aber das würde sie schon wieder ausbügeln.
Gerade als sie aussteigen wollte hielt ein BMW direkt neben ihr. Ein junger Mann stieg aus und stieß mit seiner Tür gegen den alten Clio.

Geht's noch?!“ Tess kurbelte die Scheibe herunter.
Jan drehte sich um und sah in zwei große blauen Augen, „Ach, du willst mir deinen Parkplatz überlassen“ fragte er grinsend. „Nein, ich will aussteigen, ich habe es eilig!“ Jan lachte: „Nun, dass sollte ja kein Problem sein“ Er deutete auf die Beifahrertür.
„Außerdem haben SIE mein Auto beschädigt“ Tess spürte, wie sich die Wut wie ein unsichtbares Band langsam um ihren Hals legte. Selbstgefällig trat Jan einen Schritt zurück. „Es ist doch überhaupt nichts passiert... hast du dir dein Auto mal angesehen? Es ist ein Wunder, dass es überhaupt noch fährt also lass dir vom Fachmann eins gesagt sein: Wo kein Wert, da kein Wertverlust. Wenn du es also eilig hast, schwingst du dich jetzt besser zur Beifahrertür raus, denn ich werde erst wegfahren, wenn ich diesen Brief losgeworden bin. Ich habe hinterher nämlich noch einen nicht unwichtigen Job zu erledigen. Jan drehte sich um und lief – betont lässig - in Richtung Finanzamt davon.

Sekunde eins: Tess konnte vor Fassungslosigkeit kaum einen klaren Gedanken fassen. Sekunde zwei: Das unsichtbare Band um ihren Hals zog sich zu doch bevor sie reagierte, nahm sie sich eine weitere Sekunde zum nachdenken „Okay, er steht hier mitten auf der Straße... es kann nicht lange dauern... wenn ich jetzt loslaufe bin ich zu Fuß noch gut 25 Minuten unterwegs...
Tess krabbelte aus dem Wagen und versteckte sich hinter dem BMW. Es dauerte in der Tat nur drei kurze Minuten, da hörte Tess wie das Auto entriegelt wurde. Blitzschnell öffnete sie die Beifahrertür setzte sich und legte den Sicherheitsgurt an.
Jan starrte sie durch die Frontscheibe verdutzt an. „Was machen Sie da? Das ist mein Wagen! Raus da. Ich habe heute keine Zeit für so einen Unsinn!“
Tess lächelte. „ Dann passen wir ja ganz gut zusammen, ich habe nämlich auch keine Zeit heute. Hätten Sie Ihren Wagen nur ein Stück weiter vorgefahren, hätten Sie jetzt kein Problem. Aber Sie mussten mir ja unbedingt zeigen, wer hier der Chef im Ring ist. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Der Gewinn ist eine eine kleine Standrundfahrt. Sie dürfen mich dann vor meinem Büro absetzen.“
Jan griff in die Tasche seines Anzuges und holte sein Handy hervor.
„Sie können natürlich auch die Polizei zur Hilfe rufen, wenn sie sich der Situation gewachsen fühlen... die kommen dann in 10 Minuten dann werden sie weitere 10 Minuten Personalien aufnehmen, dann werden sie 10 Minuten Ihre lächerliche Geschichte anhören... und dann werde ich meine Version erzählen erzählen, die wird sicher doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen... Wenn Sie mich stattdessen einfach im Büro absetzten, sind sich mich in 7 Minuten los... Ihre Entscheidung.“
Jan steckte das Handy zurück. „Okay“, seufzte er. „Wo geht’s lang?“

Henning sah auf seine Uhr. 08.00 Uhr. „Das darf nicht wahr sein“ schimpfte er vor sich hin. „da ist es einmal wichtig, pünktlich im Büro zu sein... und wer erscheint nicht... die offensichtlich überbezahlte Fachkraft!“ Gleich würde es an der Tür der Kanzlei klingeln und der potentiell neue und überaus liquide Mandant von einer regionalen Hausverwaltung würde wegen eines Beratungstermins vor der Tür stehen und sich fragen, bei welchem Winkeladvokaten er gelandet war.
Gut, die Kanzlei öffnete offiziell erst um 09.00 Uhr. Und eigentlich war Tess immer mehr als zuverlässig. Ein solches Verhalten sah ihr überhaupt nicht ähnlich „Vielleicht war ihr irgendetwas passiert. Hoffentlich kein Unfall“ dachte Henning, als er hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte.
Dann hörte er Tess Stimme: „Kommen Sie doch gleich mit durch. Wissen Sie, normalerweise fangen wir um 09 Uhr an, aber für Sie machen wir heute eine Ausnahme. Es schien sich ja um eine sehr dringende Angelegenheit zu handeln. Der Chef ist bestimmt schon da. Ich bringe Sie gleich in sein Büro. Darf ich ihnen einen Kaffee bringen?“
„Sehr gerne“ ertönte eine sonore Stimme. Dann erschien Tess mit seinem Mandanten in der Bürotür. Henning lächelte Tess an und sie zwinkerte zurück.

Als Henning seinen Mandaten nach dem Termin wieder verabschiedete, stellte er sich zu Tess an den Schreibtisch.
„Na, “, fragte Tess „haben Sie den Fisch erfolgreich an Land gezogen?“
„Es sieht ganz so aus, jedenfalls haben wir den Auftrag für eine erste Räumungsklage. Aber das ist nicht nur mein Verdienst, er hatte offensichtlich einen guten Eindruck von der Kanzlei und das schließt Sie natürlich mit ein. Wobei ich zugegebenermaßen kurz dachte, Sie würden mich im Stich lassen. Ich hatte ein wenig früher mit Ihnen gerechnet. Sind Sie denn jetzt ausgeschlafen?“
Tess lächelte „Ja, wäre die Parkplatzsituation eine andere, und würden Bänker nicht immer denken, sie wären per se wichtiger als Rechtsanwaltsfachangestellte, wäre ich früher hier gewesen.
Tess erzählte Henning die ganze Geschichte.
„Das Problem haben Sie aber pfiffig gelöst“ amüsierte sich Henning. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie noch eine halbe Stunde Fußweg von Ihrem Parkplatz bis ins Büro einkalkulieren. Aber wenn ich es richtig verstanden habe, vermietet unser Mandant von gerade eben nicht nur Wohnungen, sondern auch Parkplätze hier in der Stadt, ich werde ihn mal ansprechen, vielleicht lässt sich da was machen.
So aber jetzt werden wir mal wieder dienstlich, ich diktiere jetzt die Räumungsklage und dann ziehen Sie den Fall bitte vor, dann kann ich die Klage heute Mittag gleich mit zum Gericht nehmen.“
„Ach ja, die Umgangsrechtsangelegenheit Henke“, erinnerte sich Tess mit einem Blick in den Terminkalender.
„Ja, wollen wir hoffen, dass sie die Finger vom Alkohol gelassen hat“
„Ich denke das hat sie, Ich habe mich letzte Woche mit einer Bekannten getroffen, die mit ihr zusammen an der Kinokasse arbeitet. Und die hat mir erzählt, dass ihre Kollegin so eine Jahres-durchhalte-Münze von den anonymen Alkoholikern bekommen hat. Damit kann sie eigentlich nur unsere Frau Henke gemeint haben.“
„Na dann wird der Termin ja ein Kinderspiel“ freute sich Henning und verschwand in sein Büro.

Schon um 11:20 Uhr war Henning auf dem Weg von der Poststelle des Amtsgerichts zum Gerichtssaal als er auf dem Gang seine völlig aufgelöste Mandantin antraf. Carla erzählte ihm von dem Diebstahl ihrer Tasche von der Münze und von dem Telefonat mit ihrem Ex-Mann, der jetzt ganz sicher erwarten würde dass sie ihm die Münze vorzeigte. „Ohne die Münze glaubt er mir nie.“
Henning sah seine Mandantin nachdenklich an. „Nun ja, entscheidend ist nicht, was Ihr Ex-Mann glaubt. Die Entscheidung trifft der Richter. Womit wir rechnen müssen, ist dass Ihr Ex-Mann die Situation gegebenenfalls nutzt um die Kinder von Ihnen fern zu halten, denn wenn bisher eins deutlich geworden ist, dann dass Herr Henke ihnen nicht besonders weit über den Weg traut. Haben Sie ärztliche Unterlagen dabei die Ihre Abstinenz belegen?
„Äh.. nein“ Carlas Hände zitterten vor Angst und Nervosität.
„Okay, ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein“, Henning nahm Carlas Hand und schaute ihr in die Augen. Ich weiß, sie hoffen, dass Herr Henke die Kinder heute schon mitbringt, das würde aber voraussetzen, dass er ihnen vertraut. Ich bin mir sicher dass er das dem nicht so ist.“
Carla stiegen Tränen in die Augen.
„Aber das hat nichts mir der Münze zu tun, sondern mir ihrer gemeinsamen Vergangenheit.“ fuhr Henning fort. „denken Sie daran, es hat 6 Jahre gedauert, das Vertrauen zu zerstören, Sie sind jetzt ein Jahr dabei es aktiv wieder aufzubauen. Wir sind schon einen großen Schritt in die richtige Richtung gegangen, aber erwarten Sie nicht zu viel auf einmal. Je verständnisvoller Sie auf seine vermeintliche Ablehnung eingehen, desto schneller sehen Sie Ihre Kinder wieder. Verstehen Sie was ich meine?“
Carla nickte. 6 Jahre Vertrauensmissbrauch standen gegen 1 Jahr Vertrauensentzug. Auf diese Weise hatte sie die Situation noch nie betrachtet. Diese Erkenntnis machte sie zwar tief traurig und auch wütend auf sich selbst, doch sie ließ sie gleichzeitig entspannter werden. Selbst wenn Sie Ihre Kinder heute noch nicht wiedersehen würde, wusste sie, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde.
„Das wichtigste ist, dass sie ruhig und besonnen bleiben, egal wie ungerecht ihnen ein Vorwurf von der Gegenseite vorkommen mag.

Im Gerichtssaal schlug Carla wie von Henning erwartet das Misstrauen der Gegenseite entgegen. Der Richter hörte sich die Ausführungen der beiden Parteien an. „Frau Henke, sie sind auf dem richtigen Weg, aber ich kann die Einwände der Gegenseite nicht außer acht lassen. In erster Linie bin ich dem Wohl der Kinder verpflichtet. Sie scheinen den Entzug erfolgreich hinter sich gebracht zu haben aber um sicher zu gehen, ordne ich wöchentliche Alkoholtests unter ärztlicher Aufsicht an. Das Umgangs- und Sorgerechtrecht bleibt somit vorerst bei Herrn Henke. Nachdem die ersten vier Alkoholtests negativ waren, stimme ich einem begleiteten Umgang alle vierzehn Tage für eine Stunde zu. Danach wird das Umgangsrecht, soweit die Kinder mit der Situation gut zurecht kommen, ausgeweitet.

Hannes und sein Anwalt nickten. Auch Henning sah zufrieden aus.
In der ersten Sekunde fühlte Carla eine Hitzewelle durch ihren gesamten Körper strömen, in der zweiten Sekunde widerstand sie dem Drang zu reagieren und nahm sich eine dritte Sekunde Zeit: „6 Jahre stehen gegen 1 Jahr“ dann nickte auch sie.

Vor ihrer Schicht an der Kinokasse war Carla lange spazieren gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen, aber die Bewegung hatte nicht wirklich geholfen, jetzt saß sie in dem Kassenhäuschen vor dem Kino und hing noch immer ihren Gedanken nach. Sie war unendlich traurig. In ihrer Vorstellung war dieser Tag immer ganz anders abgelaufen. „Ich hätte mir frei nehmen sollen.“ dachte Carla. Sie hörte die Bestellung der Kunden, aber sie sah kaum einem ins Gesicht, oder lächelte gar jemanden an. Sie konnte sich nicht konzentrieren. „Gott sei dank hat man an der Kinokasse kaum Diskussionen.“ dachte sie. „Jetzt läuft gleich die letzte Vorstellung, dann ist es geschafft.“ Über den Nachmittag hatte sich die Traurigkeit über sich selbst immer tiefer in sie hineingefressen. Ihr Brustkorb fühlte sich an, als würde ein Elefant darauf sitzen. Auch spürte Sie ein Verlangen nach Alkohol – wie so oft, wenn unangenehme Gefühle sie übermannten. Durch den Entzug wusste Sie, dass dies für Suchtkranke ziemlich typisch war. Der Körper war es gewohnt schlimmen Gefühlen zu entfliehen indem er sich mit dem Suchtstoff betäubte. Die Kunst war es sich abzulenken Carla spähte durch das Fenster ihres Kassenhäuschens. Noch 15 Kunden. Dann würde sie sich eine andere Ablenkung als die Arbeit suchen müssen.

Carla wollte gerade ihr Kassenfenster schließen, als sie eine recht teuer gekleidete und hübsch zurechtgemachte Frau auf sich zusprinten sah. „die schaffst du jetzt auch noch“ dachte sie. „
„Hallo“ keuchte Anna außer Atem und lächelte entschuldigend. „Hallo“, erwiderte Carla und versuchte sich an einem Lächeln, welches sich für sie aber mehr wie eine Fratze anfühlte.
„Huch, sie wirkt nicht besonders glücklich “, dachte Anna und sagte „Ich hätte gerne noch drei Karten für die Komödie heute Abend.“
Anna tippte ihr Passwort in den Computer und öffnete den Saalplan. „Ich hab noch einen Sitz in Reihe 1 und 2 in Reihe 6. alle direkt am Gang“
„Oh nein, ich brauche bitte drei zusammenhängende Plätze“
Carlas schaute Anna in die Augen. Ihr fiel ein beinahe ängstliches flimmern darin auf. „Tut mir leid, da kann ich wirklich nicht viel machen“ entgegnete sie.
„Gibt es denn da gar keine Möglichkeit? Einen Klappstuhl den ich in den Gang stellen kann?
Carla schüttelte den Kopf. Aus dem flimmern in den Augen ihrer Kundin war ein flehen geworden.
„Vielleicht finde ich zwei Leute aus der ersten Reihe, die für mich in die sechste Reihe umziehen würden“ versuchte Anna es erneut, In der ersten Sekunde spürte Carla aufkeimende Ungeduld, in der zweiten Sekunde wollte Sie eigentlich mit einem schlichten „Nein“ reagieren, aber der Blick ihrer Kundin ließ sie eine weitere Sekunde innehalten dann fragte Sie vorsichtig „Warum ist Ihnen der Film so wichtig? Sie könnten ihn doch auch morgen um die gleiche Zeit anschauen“
„Nein das geht nicht, mein Mann, mein Sohn und ich gehen jedes Jahr am Freitag nach meinem Geburtstag zusammen in die letzte Vorstellung des Tages.
Carla spähte an Anna vorbei auf den leeren Kinovorplatz.
Anna registrierte den Blick und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie kam sich selbst verrückt vor.
Carla war sich zwar nicht sicher, was sie von der Situation halten sollte, aber sie merkte, wie wichtig es ihrer letzten Kundin war, den Tag mit einem Kinofilm abzuschließen.
„Muss es unbedingt dieser Film sein?“ fragte sie vorsichtig
„Nein“ flüsterte Anna „wichtig ist nur dass ich drei Karten nebeneinander bekomme.“
„Okay... haben sie was dagegen, wenn wir... Carla stockte kurz „...zu viert sind?“
Anna schüttelte den Kopf.
„Gut.“ Carla griff in die Schublade, zog drei Kinotickets hervor und trat aus dem Kassenhäuschen „Dann kommen Sie mal mit.“ Carla delegierte Anna in Richtung eines kleinen Kinosaales, aus dem ihnen ein junger Mann mit Müllsack und Staubsauger entgegenkam.
„Hey Kai, bist du hier schon fertig?“, fragte Carla
Ja, alles sauber und der Film für morgen ist schon drin“
„Super, machst du uns den Film ausnahmsweise direkt mal an? Ich verspreche, wir verhalten uns ruhig und machen nichts schmutzig.“
Kai grinste: „Okay, aber kein Wort zu niemandem!“
„Ehrenwort“ zur Bekräftigung ihres Versprechens legte Carla die rechte Hand auf ihre Brust und schob Anna in den Kinosaal. Sie schaute auf die Karten „Reihe D“ sagte Sie, „aber es dürfte keinen stören, wenn wir uns andere Plätze aussuchen“
Reihe D ist völlig in Ordnung“ lächelte Anna. Sie trat in die entsprechende Reihe und setzte sich auf den dritten Sitz. Den vierten klappte sie herunter und bedeutete Carla sich zu setzen.
„Danke“ flüsterte Anna als Carla sich gesetzt hatte. „Sie wissen nicht, was mir das bedeutet.“
„Das stimmt,“ antwortete Carla, „das weiß ich nicht, aber ich merke dass es Ihnen wichtig ist. Und für mich ist es ebenso wichtig, heute Abend eine Ablenkung zu haben. Vielleicht ist unsere Begegnung eine Art Schicksal... Ich bin übrigens Carla.“

„Anna. Nett dich kennenzulernen.“ Anna schüttelte Carlas Hand. „Vielleicht können wir nach dem Film noch etwas trinken gehen? Ich würde dir mein Verhalten gern erklären.“ Ihre Blicke trafen sich kurz, dann wurde es dunkel und der Film startete.

Ich glaube wir waren gerade Zeugen eines neuen Weltrekords“, lachte Carla als sie mir Anna den Kinosaal verließ. „Du meinst weil wir gerade definitiv den Film mit den meisten Sprengungen in 120 Minuten gesehen haben?“ fragte Anna mir einem grinsen.
„Siehst du, dir ist es auch aufgefallen“
„Natürlich ist mir das aufgefallen, es könnte aber auch der Weltrekord „Aktionfilm mit geringstem Textanteil“ gewesen sein.“
gut gelaunt verließen die beiden Frauen das Kino. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen.
„Ja also ich denke, der Film wird kein Kassenschlager, aber hey, wir waren dabei“ Carla zog den Reißverschluss ihrer dunkelblauen Regenjacke hoch.
Anna legte die Hand auf Carlas Arm „Ich möchte mich nochmal bei dir bedanken, das vorhin, das hätte nicht jeder getan. Darf ich dich auf einen Absacker einladen?“
Carla lächelte „Wenn du wüsstest, wie gerne ich dazu ja sagen würde, aber ich denke vielleicht gehen wir lieber ein paar Schritte spazieren, ich hatte heute einen ziemlich enttäuschenden Tag und... ich sollte mich nicht näher als nötig bei alkoholischen Getränken aufhalten, wenn du verstehst was ich meine.“
„Ich bin ein wirklich guter Zuhörer.“ Anna lächelte ihr aufmunternd zu. „Dann kann ich mich wenigstens revanchieren.“
Als hätte Anna mit dem Satz einen Knopf gedrückt fing Carla an zu reden. Sie erzählte von ihrem Alkoholproblem, der dadurch zerbrochenen Ehe, von ihren beiden Kindern und dem Gerichtstermin. Anna hörte interessiert zu und stellte viele Zwischenfragen. Zum ersten mal seit langer Zeit fühlte Carla sich wieder wahrgenommen.
„Tja, es sieht so aus, als würde ich mich einfach noch gedulden müssen bis ich die beiden wieder sehe. Aber was ist mir dir? Hast du Kinder, und warum musste es unbedingt heute ein Film für drei Personen sein?“
Anna atmete hörbar durch. Sie standen vor einem großen eisernen Tor mit kreuzförmigen Ornamenten. „komm mit!“ Anna öffnete das quietschende Tor und trat auf das Freidhofsgelände.
Carla folgte ihr, wenn auch mit gemischten Gefühlen. Friedhöfe waren ihr noch nie geheuer gewesen. „Du bist verrückt einer Fremden spät abends im dunklen auf einen Friedhof zu folgen“ meldete sich ihre innere Stimme.
Anna schien ihre Gedanken zu lesen und sagte: „ Keine Angst in unserem Hexenzirkel werden nur Montags Menschen geopfert.“ Beide lachten. Dann blieb Anna an einer Bank vor einer Straßenlaterne stehen und setzte sich. Carla folgte Annas Blick auf den vor der Bank stehenden Grabstein.
„Darf ich dir meine beiden Männer vorstellen? Fragte Anna, „Mein Mann Frank und mein Sohn Lukas.“
Carla sah auf die Todesdaten. „Lukas war erst...“
„16“ beendete Anna den Satz. „Ach, hast du die Kinokarten?“
„Äh... ja“ Carla griff in ihre Jackentasche und zog die Karten hervor.
Anna nahm ein vor dem Grabstein stehendes Schraubglas in die Hand, öffnete es und legte zwei der Kinokarten hinein. Dann reichte sie Carla das Glas.
Vor 7 Jahren waren wir drei auf dem Weg vom Urlaub nach Hause. Eigentlich waren wir einen Tag zu früh unterwegs aber wir wollten wie jedes Jahr am Freitag nach meinem Geburtstag ins Kino gehen und nicht in irgendein Kino sondern in „unser“ Kino. Also sind wir ganz früh morgens losgefahren. Auf der Autobahn hat Frank dann einen LKW überholt aber der scherte plötzlich aus. Frank wollte ausweichen und hat das Lenkrad dabei ein wenig zu weit nach links verzogen. Wir sind an die Leitplanke gestoßen und von dort wie eine Billardkugel zurück an den LKW geschleudert worden. Das Auto hat sich überschlagen... An alles was danach kam erinnere ich mich nicht mehr. Erst als ich im Rettungswagen saß, und zwei komplett zugedeckte Körper neben unserem Auto liegen sah, habe ich verstanden, was passiert ist.
Ich selbst habe keinen Kratzer abbekommen“ Anna wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„irgendwann nachdem alle Formalitäten geklärt waren, hat mich die Polizei dann zu Hause abgesetzt.“ In mir waren so unfassbar viele Gefühle, aber ich konnte nicht ein einziges nach außen bringen. Ich konnte nicht weinen, ich konnte nicht schreien, ich saß einfach nur still auf einem Stuhl in unserer Küche. Das einzige Geräusch was ich über Stunden hörte war das Ticken der Küchenuhr.
Bei dem Klang habe ich noch heute noch jedes Mal ein beklemmendes Gefühl. Irgendwann ist mir dann der Kalender ins Auge gefallen. Auf dem war unser Kinotermin für den Abend eingetragen. Wie automatisiert bin ich aufgestanden, habe mich umgezogen an der Kinokasse drei Karten für die letzte Vorstellung gekauft und habe mich dann zwischen die beiden leeren Sitze gesetzt. Von dem Film habe ich nicht einen einigen Satz mitbekommen, aber immer wenn ich die Augen geschossen habe, habe ich mir ganz fest vorgestellt, dass wir zu dritt dort sind... Wie dem auch sei, seit dem Tag kaufe ich jedes Jahr drei Karten und gehe in die letzte Kinovorstellung des Tages, danach komme ich her und lege den beiden ihre Karten in dieses Glas.
In Carlas Augen hatten sich auch Tränen gesammelt. Wie klein ihre eigenen Probleme neben dieser Geschichte dastanden. Sie stellte das Glas zurück an den Grabstein und setzte sich neben Anna. „Ich... ich weiß nicht was ich sagen soll. Das tut mir alles so leid....“
Anna lächelte matt: „Frank hat immer gesagt, jeder bekommt das Päckchen das er tragen kann.... Ich will ganz ehrlich sein, es gibt Tage, da bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt, aber Frank hätte „aufgeben“ nie geduldet. Darum versuche ich weiterzumachen. Meistens gelingt mir das ganz gut, aber der Tag heute ist jedes Jahr eine Gratwanderung. Einerseits freue ich mich auf das Gefühl das ich habe, wenn ich in dem Kinosessel sitze, die Augen schließe und die beiden fast neben mir spüren kann, andererseits tut es immer wahnsinnig weh, wenn ich die Augen öffne und merke, dass ich alleine bin.“ Annas Blick löste sich von dem Grabstein. „Danke für deine Hilfe und danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich habe das alles noch nie laut ausgesprochen. Ich fühle mich jetzt irgendwie... leichter.“
Ich fände es schön, wenn das nicht der letzte Film war, den wir zusammen gesehen haben.
Anna lächelte: „Wir haben uns heute irgendwie gegenseitig gebraucht, ohne das vorher zu wissen. Wer weiß, vielleicht war das Schicksal, vielleicht hätte alles auch anders laufen können wenn du nicht so aufmerksam gewesen wärst...

Ende.

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Ralph Ronneberger
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