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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nur einer von denen
Eingestellt am 23. 10. 2004 15:38


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SvenKratt
Wird mal Schriftsteller
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Nur einer von denen

Nur einer von denen

Es war ein verregneter Tag und die Nacht sollte keinen Deut besser werden. Das matte Licht der Straßenlaternen und das blutrote Glimmen einiger Ampeln spiegelte sich in dem nassen, dreckigen Asphalt wieder. Der Junge lehnte an einer schmutzigen Hauswand, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen. Sein langes schwarzes Haar hing ihm in nassen StrĂ€hnen ins Gesicht, er machte keine Anstalten sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.

Feierabendverkehr in der Stadt, graue Massen von Menschen pressten sich durch die engen Straßen, wie ein KrebsgeschwĂŒr durch die Arterien eines an Blutkrebs Erkrankten im Endstadium, versuchten so schnell wie möglich aus der Stadt in ihre kleinen Vororte zu kommen. Kein Kontakt zu Fremden, fĂŒnf Minuten bis zur nĂ€chsten Bahn, Abendessen mit Frau und Kindern, Gutenachtgeschichten vorlesen, spĂ€ter vielleicht ein Bier wĂ€hrend der Sportschau. Im Bett ein bisschen Kuscheln, ein paar Seiten lesen und dann Seelenruhig einschlafen, in der bestĂ€ndigen Gewissheit, den nĂ€chsten Tag vom Jetzigen kaum unterscheiden zu können.

Der Junge stand immer noch dort, vom Regen durchnĂ€sst, mit geschlossenen Augen, so als wĂŒrde er dieses miserable Wetter genießen. Die Menschen hasteten an ihm vorbei, keine Zeit fĂŒr einen Blick in seine Richtung. Nur Einer von Denen. Einer von Denen, die ihr Geld fĂŒr den nĂ€chsten Schuss auf irgendeine Art und Weise zusammenkratzten, und wenn sie in einem heruntergekommenen Bahnhofsklo schmierigen PĂ€derasten den Schwanz lutschen mussten. Einer von Denen, die von Arbeitslosenhilfe lebten, dem Staat auf der Tasche lagen und nicht im Geringsten daran dachten, sich einen Job zu suchen.

Langsam öffnete er die Augen und sah in den mit Regenwolken behangenen Nachthimmel. Zeit, sich etwas zu bewegen, sich die Beine zu vertreten. Er schwamm eine Weile im grauen Menschenstrom mit, gesenkter Blick, schlurfender Gang, hĂ€ngende Schultern. Die HĂ€nde in den Hosentaschen vergraben, zĂ€hlte er das Bisschen Kleingeld, das er darin vorfinden konnte, in der Hoffnung es wĂŒrde fĂŒr den nĂ€chsten Schuss ausreichen. Sollte sein Letzter werden. Einen Versuch aufzuhören gab es immer, die wenigsten schafften es tatsĂ€chlich.

Um die nĂ€chste Ecke, in einen der heruntergekommeneren Teile der Stadt, an schĂ€bigen Strip Bars vorbei, in denen nur die GĂ€ste schĂ€biger waren als die TĂ€nzerinnen. „Sonderangebot: 2 Euro Blasen, 5 Euro Ficken.“ las er auf einem Pappschild, das an der Fensterscheibe eines billigen Bordells hing. Er schmunzelte. Weiter die Straße runter, in die nĂ€chste Seitengasse und hoffen, dass einer der Dealer dort darauf wartete, sein drittklassiges, verschnittenes H zu verkaufen.

„Haste was im Angebot?“ Ein Nicken, die dreckige Hand verschwand in der Innentasche des schwarzen, abgewetzten Stoffmantels und brachte eine kleine, mit braunem Pulver gefĂŒllte, TĂŒte an das spĂ€rliche Licht einer flackernden Straßenlaterne. „Hast du denn das nötige Kleingeld?“ Er kramte in seinen Hosentaschen herum, zĂ€hlte die MĂŒnzen auf der HandflĂ€che und hielt sie dem grinsenden Erlöser hin. „Reicht das?“ Musterte den Betrag kurz, nickte, und nahm das Geld an sich. Ließ es daraufhin in der Manteltasche verschwinden und drehte sich um, zu gehen. Panisch hielt er den Dealer an der Schulter fest. Der wiederum versuchte sich loszureißen.

Ein Handgemenge begann, der Junge versuchte den Dealer an der Kehle zu packen, aus dem nichts tauchte eine Pistole auf. Er griff danach, vier HÀnde rangen um die Waffe. Ein Schuss löste sich. Bang! Der Dealer starrte mit weit aufgerissenen Augen in das Gesicht seines Kunden, bevor er leblos in sich zusammensackte. Dann lief alles wie mechanisch ab. Ihm war nicht einmal der Ernst der Situation bewusst, als er seine Manteltaschen nach Geld und Drogen durchsuchte. Nachdem er gefunden hatte, was er suchte, schlurfte er weiter.

Alles wirkte wie durch milchiges Glas betrachtet. Verschwommen nahm er die Menschen um sich herum wahr, wie sie versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen, nicht mit ihm zusammenzustoßen. Erst nach einiger Zeit sah er wieder klar und war in der Lage, sich an das soeben Geschehene zu erinnern. Er hatte einen Menschen getötet. Laut seiner Version war es ein Unfall aber das wĂŒrde ihm niemand glauben. Warum sollte man auch? Er wĂŒrde sich selbst nicht glauben, wenn er jemand Anderes wĂ€re. Egal, er hatte seinen letzten Schuss.

Das Bahnhofsklo war dreckig, wie eh und je, auf den nassen Fliesen, bei denen man sich nie wirklich sicher war, ob sie nur von Wasser oder von Urin bedeckt waren, zeichneten sich dreckige FußabdrĂŒcke verschiedener Schuhe ab. Der Geruch von Pisse und Kotze stieg ihm in die Nase. „Home Sweet Home“ murmelte er, wĂ€hrend er eine freie Kabine betrat, abschloss und die vergilbten, an einigen Stellen bereits Schimmel ansetzenden, WĂ€nde betrachtete. Er kramte sein Fixbesteck heraus, zog die nasse Jeansjacke aus und machte sich an die bekannte Prozedur, sich einen Schuss zu setzen. Heroin auf einem Löffel erhitzen, bis es sich auflöst, die Spritze aufziehen, Arm abbinden, so dass man die Vene auch trifft. Bevor er sich die Nadel in den Arm jagte hielt er Inne. Sein letzter Schuss. Ein LĂ€cheln huschte ĂŒber sein fahles Gesicht. In Anbetracht der jetzigen Situation hatte er beschlossen, dass es sein endgĂŒltig letzter Schuss werden sollte.

Sein lebloser Körper wurde am nĂ€chsten Morgen von der Reinigungskraft gefunden. Als der Rettungsdienst die Leiche abholte schĂŒttelte einer der SanitĂ€ter verstĂ€ndnislos den Kopf.
„Wieder Einer von Denen...“ murmelte er.

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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weißt du, was das dumme ist an deiner geschichte?
man weiß vorher wie sie ausgeht, liest sie trotzdem und ist etwas enttĂ€uscht, daß außer allgemeinplĂ€tzen - schon oft gelesen und gehört - nichts eigenes erscheint.
egal, das leben ist so, wirst du vielleicht sagen. aber das wissen andere auch.
handwerklich lĂ€ĂŸt sich noch einiges verbessern.
einige bilder stimmen fĂŒr mich nicht.
"im asphalt" spiegelt sich nichts, eher auf dem asphalt.
das bild des krebsgeschwĂŒres, das sich durch die adern presst, mag einem mediziner ein guter vergleich sein. ottonormalverbraucher sieht wohl keinen zusammenhang zur rush-hour.
bei der stoffbeschaffung erschlagen einen die klischees. dreckige hand, abgewetzter mantel, spĂ€rliches licht, flackernde straßenlaterne - alles in einem satz: tut mir leid. fehlen ja bloß noch ĂŒberquellende mĂŒlltonnen, ein schlafender penner auf mĂŒllsĂ€cken und und umherhuschende ratten mit rĂ€udigem fell und ausgefransten ohren.
der knabe hat ja wohl reiflich ĂŒber seinen abgang nachgedacht; warum nimmt er dem dealer auch das geld ab. der letzte mantel hat keine taschen.
gewohnheit vermutlich, aus der zeit, als er seinen drogenbedarf nocht mit taschendiebstĂ€hlen finanzieren mußte. bis ihm die hĂ€nde zu fickrig wurden durch den schlechten stoff.
interessant wĂ€ren die letzten gedanken beim "goldenen schuß" (unmögliches wort, wie ich finde), nach dem spritzen und vor dem tod.
ein guter freund von mir hat sich vor einigen jahren 'ne ĂŒberdosis methadon gegeben. erreichtes ziel war der finale abgang. ein anderer freund hat ihn gefunden. da hat er noch gelebt, doch die Ă€rzte konnten ihn nicht zurĂŒckbringen. erstaunlich war sein zufriedenes lĂ€cheln im koma.
ich wĂŒrd sonstwas dafĂŒr geben, das zu sehen, was er dort sah.
nur mein eigens leben nicht.
bewertung spare ich mir, wahrscheinlich wirst du noch eine weile an der geschichte arbeiten.
um sie zu etwas eigenem zu machen.
gruß knychen
__________________
kny

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SvenKratt
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2004

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Tja, wo du Recht hast, hast du Recht. Die Geschichte strotzt nur so vor Klischees. Die wollte ich aber auch so in der Geschichte haben. Das fĂ€llt dann halt unter die Begriffe "kĂŒnstlerische Freiheit" und "Geschmackssache".
Ein paar Fehler haben sich natĂŒrlich auch eingeschlichen, die ich ohne deine Kritik wohl nicht bemerkt hĂ€tte.
Ob ich die Geschichte nochmal ĂŒberarbeite oder sie vielleicht sogar ganz neu schreibe, wird sich zeigen.

Jedenfalls: Danke fĂŒr deine Kritik, auch wenn sie nicht gerade positiv war aber wer hat jemals behauptet, dass das Leben nur aus positiven Kritiken bestehen wĂŒrde?

Gruß,

Sven

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 2
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Was Positives

Hallo SvenKraft,


natĂŒrlich ist an dem, was knychen schreibt, was dran. Von einem Klischee sprechen wir immer dann, wenn etwas nicht individuell, aus eigener, originĂ€rer Anschauung beschrieben ist, sondern aus einer Allgemeinen. Das Persönliche, Einzigartige an deiner Figur mag insofern fehlen. Handlung und Szene entsprechen den allgemeinen Vorstellungen - als Leser möchte ich aber die besondere, das Blickfeld erweiternde Sicht des Autors. Aber ich wollte die Kritik nicht erweitern, sondern etwas Positives sagen:

Insgesamt gehst du sicher und souverÀn mit der Sprache um, der Text lÀsst sich gut lesen, auch die Beschreibungen lassen doch manches Bild deutlich vor dem Leser entstehen.

Das sprachliche Potenzial schĂ€tze ich also als sehr groß ein und kann mir vorstellen, dass du das RĂŒstzeug fĂŒr erstklassige Geschichten mitbringst.

Beste GrĂŒĂŸe

Monfou

PS: Orthografisch mĂŒsste es wohl heißen:
"Nur einer von denen"

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SvenKratt
Wird mal Schriftsteller
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Werke: 12
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Halli-hallo-hallöchen Monfou,

Danke erstmal fĂŒr deine Kritik und fĂŒr das Lob.
Freut mich, dass es dir gefallen hat.
Klar, das einzigartige an den Figuren fehlt aber ich wollte mal versuchen eine Figur zu schaffen, die eben nicht auf eine aufdringliche Weise einzigartig oder außergewöhnlich ist. Ob mir das nun wirklich gelungen ist, sei mal dahingestellt.
Und ja, es mĂŒsste einer von denen heißen. Danke fĂŒr den Hinweis.

der grĂŒĂŸende Sven

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