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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Nurija
Eingestellt am 06. 12. 2005 09:24


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Rudolf Wolter
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Nurija
Das musste so sein. Aber sie hatte es gar nicht gewusst. War das noch die kesse Kleine, immer in engen Jeans, die Haare lockig schwarz bis ĂŒber die Schultern, lustig lachend, stets inmitten einer lauten und lĂ€rmenden Schar von MĂ€dchen und Jungen, die alle nicht schnell genug ihre Amerikaner, Franzbrote und Schnecken bekommen konnten, sie stĂŒrmten in der ersten großen Pause den Laden, erfĂŒllten ihn mit Kichern, Gickern, mit DrĂ€ngeln und Schubsen. Nurija war die WortfĂŒhrerin, Nutella nannten die anderen sie, Nutella, mach zu, denn wie selbstverstĂ€ndlich war ihre Bestellung die erste. Die Schnecke mit dem dicksten Guss musste es sein.
Die Handwerker an den Bistrotischen regten sich ĂŒber den Klamauk der jungen Leute auf, unterbrachen ihr brummelndes GesprĂ€ch, schĂŒttelten ihre Köpfe. Das hinderte sie meist nicht daran, den MĂ€dchen auf die knospenden BrĂŒste zu starren.
Es lag an ihr, die tollende Meute so schnell wie möglich zu bedienen, dann verschwanden sie so schnell wie sie gekommen waren, und nach dem scheppernden TĂŒrglöckchen breitete sich wieder die Stille aus, untermalt von den leisen GesprĂ€chen der MĂ€nner vor ihren Kaffeebechern.
Am Sonnabend holte Nurija drei Weißbrote, jede Woche drei Weißbrote. Auch diesmal wollte sie ihre drei Laibe, wie immer die großen von 1000 g. Nurija trug ein weißes Kopftuch. Ein langes schwarzes Gewand floss ĂŒber ihren schlanken Körper, und ihr kleines rundes Gesicht wirkte zart und fein unter dem glĂ€nzenden Stoff.
Sie hÀtte es sich denken können, nun aber wusste sie es. So war das also. Ihr war es gleich. Nur, sie hÀtte in ihren Gedanken nicht auch Nutella zu ihr gesagt, wie die anderen aus der Schule, und es tat ihr leid, als hÀtte sie es laut gesagt.
So etwas sagt man nicht, hatte Oma erzĂ€hlt. Oma lebte auch schon in dieser Straße, war hier groß geworden, hatte hier Kippel-Kappel und Kriegen gespielt, musste die Schuhe austragen, die ihr Vater repariert hatte in der Schusterei in Nummer 10, eine Treppe runter, da, wo jetzt die Sparkasse ist. Ihr Vater sollte Sarah sagen zu den Kundinnen die koscher kochen, und dann sollte er ihre Schuhe nicht mehr annehmen, sie musste sie heimlich in die HĂ€user tragen, bis die Zeit kam, dass ganz andere Leute die TĂŒr auf ihr Klingeln öffneten. Die Rosenthals, Cohns und Seligmanns waren einfach weg. Das kommt vom Sarah sagen, meinte Oma.
Von jetzt an wollte sie nur noch Nurija sagen, auch in ihren Gedanken. Am Montag ĂŒbte sie es gleich. „Was soll’s denn sein, Nurija?“ Und sie griff mit ihrer Zange die Schnecke mit der ĂŒppigsten Schicht Zuckerguss. Nurija nahm sie gleich auf die Hand. Aus den Augenwinkeln nahm sie das KopfschĂŒtteln der Kerle am Bistrotisch in der Ecke wahr, es fiel krĂ€ftiger aus als sonst. Auch die zwei molligen Frauen mit den vollen Einkaufstaschen, die vorsichtig ihre Croissants in den Milchkaffee tunkten, tuschelten. NatĂŒrlich, das Kopftuch. Es fiel auf.
Am Tag darauf trat einer der Arbeiter an die Theke, als die junge Meute hinausgestĂŒrmt war und zeigte mit schwieligen, schmutzigen Finger auf die Mettbrötchen. „Schwein?“ fragte er etwas lauter als nötig. Sie nickte. „Zwei StĂŒck“ orderte er und sah sich nach seinen Kumpanen um. Sie grinsten. „SelbstverstĂ€ndlich“, sagte sie und nahm einen neuen Teller. „Bitte, 2,60 macht das.“ Am nĂ€chsten Tag Ă€nderte sie ihr Angebot. Es gab Salamibrötchen. Das Schild malte sie selbst. „GeflĂŒgelsalami“, und sie stellte es mit klammheimlicher Freude auf. Der Preis blieb gleich.
Das KopfschĂŒtteln aber verstĂ€rkte sich, besonders, wenn Nurija wie schon immer die Jungen beiseite schob und schubste. „Ich komm zuerst, du Blödmann!“ Sie kam zuerst. Wie immer, und wie immer die Schnecke mit dem meisten Zucker.
„Die kann aber gut Deutsch“, sagte der Dickste der Handwerker mit der TĂ€towierung auf der Hand. Einen Adler sollte sie darstellen. Er sagte es laut in die Stille nach dem Albern der Kinder und es klang, als dĂŒrfte sie das nicht. Sie begriff, dass er mit ihr gesprochen hatte. „Soll sie wohl“, antwortete sie, „Nurija ist hier geboren, hier, zwei HĂ€user weiter.“
Ein anderes Mal brachte sie drei geschminkten Frauen ihren Milchkaffee an den Bistrotisch neben der TĂŒr, und sie hörte noch, wie die jĂŒngste von ihnen zu den anderen sagte: „Ein ganz schön wilder Feger, die Kleine mit dem Kopftuch!“ Es lag ein sonderbarer Ton in der Stimme, war es Anerkennung, war es Tadel? Auf jeden Fall nahm sie den winzigen Spiegel aus ihrer Handtasche und zog sich die Lippen nach.
Sie kommentierte die Bemerkung nicht. Die drei arbeiteten drĂŒben in der Spedition. Sie hatten’s schwer genug. Aber sie musste reagieren, als Nurija eines Tages einen blauen Fleck auf der Wange hatte, genau auf dem Wangenknochen, richtig geschwollen war es. Als der letzte sein KĂ€sebrötchen hatte, sagte sie: „Nurija, hast du ein bisschen Zeit fĂŒr mich oder mĂŒsst ihr gleich wieder rĂŒber?“ Nurija nickte. Heute war fĂŒr sie kein Tag zum Lachen.
„Kommst du hier an den Tisch?“ Sie trat hinter ihrer Theke hervor, griff nach einer Coladose aus der KĂŒhltheke, und ging zu dem letzten freien Tisch.
Hier, wie auf allen Tischen brannten drei Adventskerzen auf den Gestecken. Sie zog die Coladose auf und stellte sie vor Nurija hin. „War das Papa?“ fragte sie leise. In diesem Augenblick lĂ€utete die Glocke fĂŒr die Schubert. Nurija nickte. Frau Schubert trat an die Theke. Sie kann sich mal wieder nicht entscheiden, welches Körnerbrot sie möchte.
„Trink, das ist Medizin“, ermunterte sie Nurija. Die Schubert kann warten. „Weißt du, was diese Lichter dir sagen?“ fragte sie, und sie gab auch gleich die Antwort: „Allah will das nicht.“ Sie benutzte dieses fremde Wort, wie von selbst kam es ĂŒber ihre Lippen. Sie war sich nicht sicher, ob das stimmte, aber sie hoffte es. So sagte sie es noch einmal: „Allah will das nicht. Gott will keine Gewalt. Niemals.“
Nurija trank vorsichtig und sie bediente Frau Schubert. Diesmal Sonnenblumenkerne. Als sie kassiert hatte, war Nurija gegangen. Sie hatte die Ladenglocke gar nicht gehört, so sehr war sie in ihre Gedanken verstrickt.
Der Vormittag ließ sie nicht los, auch nicht abends, als sie die drei Kerzen an ihrem Adventskranz anzĂŒndete fĂŒr einen Augenblick der Stille, das FĂŒĂŸe hochlegen und den heißen Kakao mit Cointreau trinken. War sie nicht zu weit gegangen? Wenn es so wĂ€re, könnte sie doch die Kerzen auspusten. Fast trotzig ersetzte sie das heruntergebrannte Licht durch ein neues und nahm einen genĂŒsslichen Schluck von ihrem Advent.
Alle Zweifel verflĂŒchtigten sich am nĂ€chsten Vormittag. Da lachte Nurija wieder mit den anderen, lauter beinahe, und sie glaubte in Nurijas Augen ein geheimes EinverstĂ€ndnis aufblitzen zu sehen, als sie bestellte: „Mit viel Guss!“

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MDSpinoza
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Ein nettes Geschichtchen, schön subtil mit Hintergrund. Gut gem"8"!
__________________
Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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Rumpelsstilzchen
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WĂŒrde dich auch gerne achten, ...

...weshalb ich dem Text genauere Beachtung geschenkt habe.

quote:
War das noch die kesse Kleine, immer in engen Jeans, die Haare lockig schwarz bis ĂŒber die Schultern, lustig lachend, stets inmitten einer lauten und lĂ€rmenden Schar von MĂ€dchen und Jungen, die alle nicht schnell genug ihre Amerikaner, Franzbrote und Schnecken bekommen konnten, sie stĂŒrmten in der ersten großen Pause den Laden, erfĂŒllten ihn mit Kichern, Gickern, mit DrĂ€ngeln und Schubsen.

Ein atemberaubender Satz, doch er passt dafĂŒr. Vielleicht ein PĂŒnktchen vor dem großen Pausensturm.
Den lauten und lĂ€rmenden weißen Schimmel solltest Du jedoch zĂŒgeln, der rennt glatt in eine Tautologie.
quote:
Das hinderte sie meist nicht daran, den MĂ€dchen auf die knospenden BrĂŒste zu starren.
Du willst mir doch nicht erzÀhlen, die hÀtten gelegentlich nicht gestarrt?
quote:
...dann verschwanden sie so schnell wie sie gekommen waren, und nach dem scheppernden TĂŒrglöckchen breitete sich wieder die Stille aus, ...
Komma wech da von dem 'und',
dann gibt's zum Nachschlag auch einen Vorschlag: ...nach dem Scheppern des TĂŒrglöckchens...
quote:
Auch diesmal wollte sie ihre drei Laibe, wie immer die großen von 1000 g.

Wenn die Pfunde zu Worten wuchern, sind's tausend Gramm.
quote:
Am Montag ĂŒbte sie es gleich. „Was soll’s denn sein, Nurija?“
Ein Doppelpunkt brÀchte es auf den Punkt.
quote:
„Zwei StĂŒck“ orderte er und sah sich nach seinen Kumpanen um.

Komma erst, dann darfst du Order geben.
quote:
Wie immer, und wie immer die Schnecke mit dem meisten Zucker.
Dass sich da immer ein HÀkchen vor das 'und' drÀngen muss...
quote:
...sagte der Dickste der Handwerker mit der TĂ€towierung auf der Hand. Einen Adler sollte sie darstellen.

Nu' hack doch nicht stÀndig auf der handarbeitenden Bevölkerung rum, die Dicken tun's auch: sagte der Dicke mit dem tÀtowierten Adler auf der Hand.
quote:
„Soll sie wohl“, antwortete sie, „Nurija ist hier geboren, hier, zwei HĂ€user weiter.“
Zwei Punkte vermisse ich hier, einen nach ihrer Antwort und den zweiten nach der Geburt.
quote:
...an den Bistrotisch neben der TĂŒr, und sie hörte noch...
Noch so 'n VordrÀngelhaken.
quote:
Fast trotzig ersetzte sie das heruntergebrannte Licht durch ein neues und nahm einen genĂŒsslichen Schluck von ihrem Advent.
Entweder trotzig oder nicht, ist doch keine Fastenzeit.
Hoffentlich blieb ihr der Avent nicht im Halse stecken, immerhin ist er vier Wochen lang. Und das am StĂŒck.
quote:
...lauter beinahe, und sie glaubte in Nurijas Augen ...
Ich sag' jetzt nix...

Übrigens: ZeilensprĂŒnge stĂ€rken vor mancher Rede das Stimmvolumen.

Hat's genau gelesen, das ist's ihm wert gewesen

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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