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Leselupe.de > Kurzprosa
Nussknacker-Ballett
Eingestellt am 10. 12. 2000 19:32


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Petra
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Gestern wurde ich Zeuge einer kuriosen Begebenheit.
Gerade br├╝tete ich - gramgebeugt ├╝ber einer heiklen und ├╝beraus schwierigen Aufgabe sitzend - ├╝ber m├Âgliche L├Âsungen hin; sinnierend starrte ich direkt auf den kleinen Nu├čknacker, der da auf seinem Holzbein auf dem Schreibtisch vor mir stand. Im Hintergrund flackerte eine Kerze. Sie warf eigent├╝mliche Schatten. Der Nu├čknacker zeigte sich hiervon unbeeindruckt und schaute sehr ernsthaft drein.
L├Ąngere Zeit nun hatte ich ihn betrachtet, tief und tiefer war ich in seine Betrachtung versunken, als er - ich traute meinen Augen kaum - pl├Âtzlich seinen kleinen Mund aufri├č, herzhaft zu g├Ąhnen begann und seine Arme reckte; alsdann machte er eine Kniebeuge, und als er sich zu voller Gr├Â├če aufrichtete, hatte er anstelle des geh├Ârigen einzelnen Holzbeins zwei richtige! Ganz in der Absicht, aufzuwachen, verpa├čte ich mir eine schallende Ohrfeige. Vergeblich allerdings. Denn der kleine Holzmann bewegte sich tats├Ąchlich.
Mit seinen Stiefelchen begann er sofort ├╝ber meine Unterlagen zu marschieren, hob jedes einzelne Blatt Papier empor und warf einen Blick darunter. Alsdann rannte er zu meinem Briefst├Ąnder, zog einen jeden Brief hervor und inspizierte die Stelle eingehend. Doch als er auch hinter dem letzten nicht fand, wonach er offensichtlich gesucht hatte, stellte er alle Briefe fein s├Ąuberlich an ihren Platz zur├╝ck und sch├╝ttelte ratlos den Kopf.
Als n├Ąchstes durchsuchte er s├Ąmtliche Kistchen und D├Âschen, die auf meinem Schreibtisch herumlagen, auch den Anspitzer verschonte er nicht und ├Âffnete ihn. Doch seine Miene verdunkelte sich umgehend, seine kleinen Schulter hingen traurig herab.
Auf dem Weg zum letzten Sch├Ąchtelchen allerdings fiel nun sein Blick auf die Stifte. Er w├Ąhlte, nachdem er sich kurz besonnen, einen aus und bi├č mit sichtlichem Vergn├╝gen hinein, doch sch├╝ttelte er sich. Angewidert und auch ein wenig steif in der Bewegung legte er den blauen Schreiber an seinen Platz zur├╝ck und wandte sich der ├╝briggebliebenen Schachtel zu. Er ├Âffnete den Deckel, sp├Ąhte hinein und schien endlich, seine Miene verriet es, gefunden zu haben, was er begehrte. Mit allerlei Verrenkungen fischte er darin herum, doch trotz allen Zappelns gelang es ihm nicht, den begehrten Gegenstand zu erlangen. Er erinnerte sich des Spitzers, holte ihn heran, dann stieg er m├╝hsam hinauf. W├Ąhrend ich mich, aufs ├Ąu├čerste gespannt, vorbeugte, verschwand sein rot-livrierter Oberk├Ârper in den Tiefen der Schachtel. Er hatte den Gegenstand bereits gefa├čt, da verlor er mit einem verhaltenen Plumps seinen Hut im Innern der Schachtel. Einen Moment unschl├╝ssig in der Schwebe h├Ąngend, lie├č er doch den Gegenstand wieder los, ergriff den Hut und legte ihn au├čerhalb der Schachtel nieder. Dann erst bem├Ąchtigte er sich ein zweites Mal des Gegenstandes und tauchte endg├╝ltig auf. Er hielt eine Nu├č in H├Ąnden.
Nat├╝rlich!, scho├č es mir durch den Kopf. Darauf h├Ątte ich auch von selbst kommen k├Ânnen. Die ganze unwirkliche Atmosph├Ąre hatte mich schl├Ąfrig gemacht.
Mit dem Ausdruck eines Gourmets, der sich auf sein Handwerk versteht, warf sich der kleine Mann nun die Nu├č in den Mund, bi├č zu ... und ... knack ... es fielen die braunen Schalen, zu Dutzenden von Scherben zerborsten, zu Boden. Der leckere Kern hingegen verschwand im Innern des Nu├čknackers. Zufrieden hielt der sich den Bauch und streichelte ihn wohlig, dann machte er sich daran, die Scherben der Schale einzusammeln.
Das alles war ja schon an sich h├Âchst wunderlich gewesen, aber um so ├╝berraschter war ich, als das kleine Holzm├Ąnnchen sich anschickte, die Nu├čschalen wieder zusammenzuf├╝gen. St├╝ckchen um St├╝ckchen probierte er, er lief und holte, und ein ums andere Mal setzte er sich gl├╝ckselig auf den Deckelrand, Ellenbogen und Kopf aufgest├╝tzt; andernmals jedoch betrachtete er sein Werk in Tr├╝bsal, sch├╝ttelte verdrie├člich den Kopf und nahm, nicht ohne recht sichtbar dabei zu seufzen, alles wieder auseinander.
Die Arbeit war langwierig, der kleine Mann m├╝hte sich redlich. Doch letztlich war es geschafft, er hielt ein kunstvolles dreidimensionales Mosaik in H├Ąnden. Ganz sanft strich er mit der Hand ├╝ber die Nahtstellen, da waren diese verschwunden. Freudestrahlend nahm der kleine Kerl die Nu├č in beide H├Ąndchen, warf sie ├╝berm├╝tig in die Luft, dann rolllte er sie zu seinen F├╝├čen hin und her. Da entwendete ich sie ihm auf einen Augenblick. Erstaunlich! Sie war tats├Ąchlich unversehrt.
Mein Blick fiel zur├╝ck auf den kleinen Nu├čknacker. Furchtsam stand er vor mir, er salutierte sch├╝chterner, als es sich f├╝r einen Offizier der Nu├čknacker-Garde geziemt, und bat, indem er wortlos die H├Ąnde ausstreckte, die Nu├č zur├╝ckzuerhalten. Ich h├Ąndigte sie ihm aus.
Voller ├ťbermut warf er sie sich nun ein weiteres Mal in den Holzmund, wieder knackte es, und wieder fielen die Scherben zu seinen F├╝├čen. Er kniete nieder, wiederum begann das seltsame Spiel des Zusammensetzens. So ging es eine geraume Zeitlang in einem fort.
Drau├čen dunkelte es bereits. Mechanisch entz├╝ndete ich eine weitere Kerze; die erste war unbemerkt erloschen.
Pl├Âtzlich, ich wei├č nicht, wie es geschah, rannte mit einem Mal der kleine Nu├čknacker im Laufschritt quer ├╝ber den Tisch bis an den Rand, wo er - da er mit einem Satz hinuntersprang - meinen Blicken entschwand. Schon kurze Zeit darauf sah ich ihn sich an der Gardine emporhangeln. Auf der Fensterbank angekommen, z├╝ckte er ein Taschentuch und betupfte sich die Stirn, dann ging es weiter - an den T├Âpfen entlang - zur Gie├čkanne. In gro├čer Anstrengung kletterte er hinauf; um Haaresbreite w├Ąre er hineingest├╝rzt. Jedoch im allerletzten Augeblick konnte er sich festhalten. Sein Kopf verschwand im Innern. Dem Ger├Ąusch nach zu urteilen, trank das kleine Kerlchen.
Auf meinem Schreibtisch liegt, seit l├Ąngerer Zeit ├╝brigens schon, da ich recht unordentlich bin, ein silbern gl├Ąnzender Fingerhut. Den ergriff ich nun, f├╝llte ihn randvoll mit Tee, der im ├╝brigen schon seit Stunden neben mir vor sich hink├Âchelte, warf einen klitzekleinen Kandis hinein und reichte ihn dem Nu├čknacker. Er blickte zun├Ąchst skeptisch, den Kopf schr├Ąg gelegt, sein Blick wanderte unabl├Ąssig von mir zum Fingerhut, wobei er jeweils einen Augenblick verharrte; doch nahm er schlie├člich doch den Becher und w├Ąrmte seine kleinen H├Ąnde daran. Vorsichtig probierte er einen Schluck, dann leerte er den Becher in zwei Z├╝gen. Das leere Gef├Ą├č stellte er auf den Boden, verbeugte sich in formvollendeter Manier und kletterte, nachdem er den Soldatenhut, den ich ihm reichte, zurechtger├╝ckt hatte, auf die Yucca-Palme und nahm Platz. Von dort schaute er, w├Ąhrend seine Beinchen lustig schaukelten, in die Welt hinaus. Ich folgte seinem Blick.
Tr├Ąumerisch mochten wir lange wohl so am Fenster gesessen haben. Ich erwachte erst, als es drau├čen finster war. Ich blickte mich um nach meinem Freund und erblickte ihn im Regal, reglos auf seinem Holzfu├č stehend.
Selbstverst├Ąndlich hatte ich mir dies alles nur ertr├Ąumt.
Aber wenn dem so ist - warum um alles in der Welt sind dann alle N├╝sse leer, die ich aufknacke? Und woher hat dann mein Liebingsfarbstift einen zaghaften Bi├č?

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Christina Maria Kraemer
Schriftsteller-Lehrling
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Liebe Petra,

auch diese Geschichte finde ich wundersch├Ân und ich musste grad mit einem Anflug von schlechtem Gewissen daran denken, dass mein treuer Nussknacker aus meiner Kindheit eingepackt auf dem kalten Speicher sein Dasein fristet, ich glaub ich werd ihn nachher herabholen.

Vom Schluss der Geschichte bin ich allerdings nicht 100%-ig begeistert, dass bei dir alle N├╝sse leer sind zerst├Ârt in meinen Augen die phantastische Stimmung, die du zuvor so toll aufgebaut hast.
Aber alles in allem gut dargestellt.

Liebe Gr├╝├če,
Christina
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C.M.Kr├Ąmer

"...um die Tests dieser Zeit zu bestehn

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Petra
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Hab Dank!

Liebe Christina!

Vielen Dank f├╝r Deine aufbauende Kritik! Es ist, ach seufz, Balsam meiner Seele!
Da├č Dich das Ende entt├Ąuscht, finde ich einerseits schade, andererseits l├Ą├čt es mich relativ k├╝hl - es kann nicht in jedermanns Augen perfekt sein. Ich finde allerdings, da├č etwas Mystisches schon hineingeh├Ârte, sonst w├Ąre es ja bei purer Einbildung verblieben, die mir widerfahren ist (denn daran, da├č die Geschichte mir in natura widerfahren ist, kann kein Zweifel bestehen!!!).
Dar├╝ber hinaus bin ich nat├╝rlich stetig bem├╝ht, weiterhin und verst├Ąrkt allen Anspr├╝chen gerecht zu werden! Also - beflei├čigt Euch weiterer Kritik, bitte!
Viele liebe Gr├╝├če.
Petra

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iso
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Es lebe die Phantasie!

Ich habe auch so einen Nussknacker im Regal stehen. Ich glaube, ich muss mal ein paar N├╝sse in seine N├Ąhe legen. Mal sehn, was passiert. Nat├╝rlich m├╝ssen die N├╝sse leer sein, sonst fehlte ja das verbindende Glied zwischen Phantasie und Realit├Ąt. Sie gef├Ąllt mir, Deine Geschichte. Gr├╝├če von iso
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iso

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Petra
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Hallo Iso!

Zun├Ąchst vielen Dank f├╝rs Kompliment!!!

Zum zweiten - nat├╝rlich mu├čt Du N├╝sse hinlegen, sonst kann sich ja nichts ereignen! Welche N├╝sse allerdings, das h├Ąngt sehr davon ab, aus welchem Holz Dein Nu├čknacker geschnitzt ist - sie sind da mitunter doch recht w├Ąhlerisch. Und k├Ânnen auch recht m├Ąklig sein. Aber ansonsten bringen sie auch viel Freude.

Eine heiter-besinnliche Adventszeit und viele Gr├╝├če.

Petra

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Christina Maria Kraemer
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Liebe Petra,

den Tipp mit den N├╝ssen werd ich meinem f├╝nfj├Ąhrigen Neffen verraten, der hat n├Ąmlich auch einen, den er so schon ├╝ber alles liebt.
Das macht ihm sicher Freude, au├čerdem werde ich die Geschichte ihm und seinem Bruder erz├Ąhlen, die stehen auf so was.

Liebe Gr├╝sse,
Christina
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C.M.Kr├Ąmer

"...um die Tests dieser Zeit zu bestehn

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